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„Mami, Papi – wir lassen euch nicht im Stich“


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Zeit für mich - epaper ⋅ Ausgabe 13/2022 vom 23.11.2022

Zeit für Leben

So viel wie in den letzten Jahren habe ich noch nie geweint. Aus Verzweiflung, aus unendlicher Traurigkeit, vor Hilflosigkeit“, erzählt uns Katy Karrenbauer. Seit sie sich um ihren an Demenz erkrankten Vater kümmert, „stoße ich regelmäßig an meine Grenzen, vor allem, wenn es um die Wahrheit geht. Ihm zu sagen, dass er sich verliert, ihm erklären zu müssen, dass seine Realität oft nicht die meine ist, das tut weh.“ Es heißt zwar, man solle Demenz-Erkrankte nicht korrigieren, „aber das geht leider nicht immer und ich muss mich nahezu täglich neu entscheiden, wie ich mit der Situation umgehe“.

„Ich versuche, nicht alles an mich heranzulassen“

Es war Ende 2018, als Katys Vater wegen der Folgen einer Herz-Operation erneut ins Krankenhaus musste und sie von seinem Arzt die Schock-Diagnose erfuhr. „Plötzlich erinnerte ich mich an einige Telefonate, in denen mein Vater ,den Faden‘ verlor“, ...

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Bildquelle: Zeit für mich, Ausgabe 13/2022

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... erzählt die Schauspielerin, „oder auch daran, dass seine Frau Marianne öfter seine Sätze beendete.“ Die Demenz-Erkrankung ihres Vaters bedeutet für Katy vor allem, dass sie an seiner Seite ist, auf ihn achtgibt und dafür sorgt, dass es ihm gut geht, auch außerhalb seiner Seniorenresidenz. „Mein Vater freut sich, wenn wir zusammen sind, und ich mich ebenso, selbst wenn es mich oft sehr viel Kraft kostet und mich manches verletzt, was er sagt“, gesteht Katy. Denn obwohl die Wahl-Berlinerin weiß, dass ihr Vater es nicht so meint, und sie versucht, nicht alles an sich heranzulassen, „so bricht es mir nach wie vor fast das Herz, wenn er sich wie ein Gefangener fühlt und mir vorwirft, ich würde ihn einsperren“.

„Ich hoffe so sehr, dass mein Vater mich nicht vergisst“

Katy, 59

Unsere zweite Chance

50 lange Jahre hatte die frühere „Hinter Gittern“-Darstellerin kaum Kontakt zu ihrem Vater. Erst der frühe Tod von Katys Stiefmutter Marianne und schließlich seine Demenz-Diagnose haben die beiden wieder nähergebracht, ihnen eine zweite Chance geschenkt: „Ich habe ihn in mein Leben eingeladen und tue alles dafür, dass er in Würde seinen Lebensabend verbringen kann. ,Würde` bedeutet für mich auch, dass mein Vater das meiste selbst entscheidet. Ich berate ihn nur und hoffe weiterhin auf sein Vertrauen“, sagt Katy. „Für mich ist wichtig zu erwähnen, dass mein Vater mich nie darum gebeten hat, all das für ihn zu tun und jetzt ist es selbstverständlich.“

„Ich musste begreifen, dass es diese Krankheit gibt“

Heute, vier Jahre nach der Diagnose, hat Katy ein Buch darüber geschrieben, wie die Demenz-Erkrankung ihrer aller Leben auf den Kopf stellte. „Ich musste lernen, überhaupt zu begreifen, dass es diese Krankheit gibt und dass so viele Menschen davon betroffen sind, oft in unserer unmittelbaren Nähe. Wir können Demenz erkennen, wenn wir uns trauen, hinzusehen, und hätten vielleicht sogar die Möglichkeit, früher präventiv einzugreifen.“ Bei Katys Vater ist die Altersdemenz fortgeschritten. Was sie tröstet, ist, „dass ich dadurch einen tollen, liebenswerten Menschen kennenlernen durfte, der wunderbare Werte vertritt. All das wäre mir verborgen geblieben, hätte uns das Schicksal nicht zusammengeführt“, sagt Katy. Ja, sie hätte sich gewünscht, diesen Vater als wirklichen Vater zu haben, der sie durchs Leben begleitet hätte. „Aber nun sind wir doch noch Freunde geworden und ich wünsche mir von Herzen, dass wir weiterhin schöne Gespräche führen, aber vor allem, dass er mich nicht vergisst.“ Vergessen – wie Susanne dieses Wort inzwischen hasst. „Es gibt gute Tage und schlechte Tage“, schildert die Karlsruherin den Umgang mit ihrer dementen Mama. An guten Tagen sei alles wie früher, „an schlechten weiß sie nicht mehr, wer ich bin“. Was Susanne am meisten wehtut, ist, wenn ihre Mutter in klaren Momenten begreift, was mit ihr los ist: „Dann sehe ich die Angst in ihren Augen und ich kann nichts für sie tun. Außer mit ihr gemeinsam zu weinen.“

BUCH-TIPPS

Ich wollte einen Hund – jetzt hab ich Ich wollte einen einen Vater; von Katy Karrenbauer, mvg Verlag, 17 €

In Unter Tränen gelacht spricht Bettina Tietjen über „meinen Vater, die Demenz und ich“; Piper, 12 €

„Ich verliere Mama jeden Tag ein bisschen mehr“

Susanne, 62

So viele Schuldgefühle

Natürlich weiß sie, dass ihre Mutter professionelle Hilfe braucht. Und dass eine Pflege zu Hause schlicht nicht möglich ist, dafür sei die Krankheit zu fortgeschritten. „Und dennoch fühle ich mich schrecklich, dass ich sie in ein Heim gegeben habe“, sagt Susanne. Diese Schuldgefühle, die eigene Mama im Stich gelassen zu haben, „damit musst du als Tochter erst mal klarkommen. Ich wünschte, wir hätten einmal über dieses Thema gesprochen“. Die Badenerin selbst hat inzwischen eine Patientenverfügung, um ihren Kindern diese teils brutalen Entscheidungen abzunehmen. Hat Susanne Angst, selbst an Demenz zu erkranken? „Ein bisschen. Umso wichtiger ist, mein Leben so zu regeln, dass ich keine Angst mehr haben muss.“

„Die Ärzte haben ihr die Wahrheit verschwiegen“

Susanne war über die Krankheit ihrer Mutter am Telefon informiert worden. „Doch Mama wusste davon nichts. Die Ärzte hatten Angst, dass sie in eine Depression stürzen könnte, und wollten sie durch Unwissenheit schützen“, erzählt Susanne. „Mich aber haben sie belastet. Mich als einzige Tochter, als letzte Angehörige. Plötzlich war auch meine Welt eine andere ...“ Für Bettina Tietjen kam die Diagnose ihres Vater dagegen nicht überraschend. Sie und ihre Schwester hatten damit gerechnet, dafür gab es schlicht zu viele Alarmsignale, wie sie sagt: „Zum Beispiel fuhr mein Vater mehrmals am Tag zur Bank, um die gleiche Summe Geld abzuheben. Oder er legte seine Brille in die Tief kühltruhe.“ Auch peinliche Momente gab es, zum Beispiel wenn er seine Prothese beim Essen heraus und neben den Teller legte: „Ich habe jedoch nie versucht, die Krankheit meines Vaters zu verheimlichen, sondern bin immer offen damit umgegangen.“

„Den Menschen vor der Demenz gibt es nicht mehr“

Bettina will mit ihrer Geschichte aufklären, Mut machen und zeigen, dass es nicht nur traurige Momente gibt: „Für mich ist Demenz wie ein Kopf voller Konfetti, bunt, wirr, aber auch schön.“ Ihr Rat an Betroffene: „Sucht nicht mehr nach dem Menschen, den ihr kennt, sondern nehmt den an, den ihr vor euch habt. Demenz verändert. Wer das nicht akzeptiert, geht kaputt.“

Ein neues Kennenlernen

Im Nachhinein beschreibt die Moderatorin die Pflege ihres inzwischen verstorbenenen Vaters als „eine unglaublich intensive Zeit, die ich nicht missen möchte“. Sie haben viele Ausflüge zusammen gemacht, Memory gespielt und „ich lernte ihn auf eine ganz neue Art kennen. Mein Vater war früher ein ernster Mensch. Die Demenz hat ihn verändert, ihn irgendwie von seinen Zwängen befreit. Es tat gut, diesen Wandel mitzuerleben. Er war emotionaler als früher, wir haben so viel zusammen gelacht“.

„Es war nicht alles schlimm. Wir haben auch viel gelacht“

Bettina, 62

Tipps von unserer Demenz-Expertin

„Schamgefühle haben hier nichts verloren“

• Wann ist man „nur“ vergesslich, ab wann dement?

Vergesslich zu sein, kann viele Ursachen haben, auch behandelbare. Eine Demenz als eigenständige Hirnerkrankung bedeutet aber, dass Nervenzellen geschädigt sind, die es erschweren, Gedächtnisinhalte zu speichern.

• Wie verhalte ich mich, wenn Mutter oder Vater erste Anzeichen einer Demenz aufweisen?

Ermutigen Sie Ihre Eltern, diese Veränderungen bei einem Facharzt abklären zu lassen. Je früher man sich der Demenz aktiv entgegenstellt, desto eher kann man den Verlauf abmildern. Wir alle sind in der Pflicht, das Thema Demenz zu enttabuisieren, da hilft nur ein offener Umgang. Ohne Schamgefühle. Mit dem Ziel, weiterhin ein gutes Leben führen zu können.

• Was ist Ihr wichtigster Tipp im Umgang mit Demenz-Angehörigen?

Holen Sie sich Hilfe! Viele Angehörige stoßen an ihre Grenzen, weil Betreuung und Pflege unfassbar kräftezehrend sind. Informieren Sie sich darum so früh wie möglich über Unterstützungsmöglichkeiten im Alltag, eignen Sie sich Wissen an.

Ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz in der Familie teilt Dr. Sarah Straub mit uns in ihrem Buch Wie meine Großmutter ihr ICH verlor; Kösel Verlag, 18 €