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Manager und Bismarck-Widersacher Albrecht von Stosch: General - Admiral - Kanzlerkandidat


SCHIFF Classic - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 23.03.2020

Wenn dem Reichskanzler eines zuwider war, dann Konkurrenz. Und die sah er in dem umtriebigen ersten Chef der Kaiserlichen Marine Albrecht von Stosch - einem Multitalent, das die Flotte, den inländischen Schiffbau und sich selbst förderte


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STRENG UND EHRGEIZIG: General der Infanterie und Admiral à la suite des Seeoffizierkorps Albrecht von Stosch


Foto: Sammlung GSW

Die Marine des Norddeutschen Bundes unter dem preußischen Kriegsminister Albrecht von Roon, zugleich auch Marineminister, war 1870/71 der französischen Marine weit unterlegen gewesen. Nach der Reichsgründung galt es, die Marine zu verstärken und ...

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... neu auszurichten. Diese Aufgabe übertrug Kaiser Wilhelm I. im Einvernehmen mit Reichskanzler Otto von Bismarck keinem der diensttuenden Admirale, sondern Albrecht von Stosch, der als einer der fähigsten Offiziere der preußischen Armee galt.

Mit Wirkung vom 1. Januar 1872 wurde Stosch zum „Chef der Admiralität“ ernannt „mit dem Charakter eines Staatsministers und mit der Befugnis, den Sitzungen des Staatsministeriums beizuwohnen“.

Im Visier Frankreichs

In dem Jahr, in dem Stosch sein Amt antrat, stimmte die französische Nationalversammlung dem Zehnjahresplan des Marineministers Louis Pothuau zu. Er visierte als wahrscheinlichsten Kriegsgegner Deutschland an. Besonderen Wert legte der Plan auf Schiffe, die in den flachen Küstengewässern Deutschlands operieren konnten: 30 Kanonenboote und 20 spezielle Küstenpanzerschiffe. Das Programm ließ erkennen, dass die Franzosen keine strategische Landung in Norddeutschland vorsahen, aber einzelne deutsche Küstenstädte angreifen würden.

STOSCHS VERDIENST: Als erste von vier Panzerkorvetten war SMS Bayern 1874 auf Stapel gelegt worden. Wegen der vier quadratisch angeordneten Schornsteine erhielten diese Schiffe den Spitznamen „Zementfabriken“


Foto: Sammlung GSW

IM ZEICHEN VON EISERNEM KREUZ UND ANKER: Die Flagge des Chefs der Admiralität


Foto: Sammlung GSW

1873 legte Stosch seinen „Flottengründungsplan“ vor. Er beantragte darin für die Nordsee acht Panzerfregatten und für die Ostsee sechs Panzerkorvetten mit geringem Tiefgang; und zum Schutz der deutschen Nord- und Ostseeküste zwei schwimmende Batterien, sieben Monitore, zwölf Kanonenboote und 28 Spieren-Torpedoboote.

Deutsche Antwort

Stosch wollte, dass die deutsche Marine künftig neben der Küstenverteidigung auch offensiv agieren könne. Dies richtete sich klar gegen Frankreich, ohne dass es offen ausgesprochen wurde. Stosch forderte 20 Kreuzer verschiedener Größe. Er wollte ein „fliegendes Geschwader“ mit einer Panzerfregatte als Kern in Übersee fahren lassen und als Verstärkung in Deutschland weitere Kräfte, darunter drei Panzerfregatten bereithalten. Für Einsätze gegenüber schwachen und „unzivilisierten“ Staaten in Übersee sah er sechs Kanonenboote und vier Kreuzer vor (je zwei in Westindien beziehungsweise Ostasien), dazu einen „fliegenden“ Kreuzer und drei in der Hinterhand.

Da der Etat der Marine jedes Jahr vom Reichstag genehmigt werden musste, verhandelte Stosch sehr geschickt mit den Fraktionen und erlangte immer ihre Zustimmung. Er strebte an, Stützpunkte in Übersee zu errichten. Ende 1872 schrieb er an den Präsidenten des Reichskanzleramts Rudolf Delbrück, „daß für die Interessen der Kaiserlichen Marine nur solche Punkte in Betracht kommen können, welche unseren Schiffen auch während eines Krieges zur Ergänzung von Vorräten, Kohlen usw. und zur Ausführung von dringenden Reparaturen offen bleiben. Dies würde nach den Grundsätzen, welche von fast allen Staaten bei der Aufstellung von Neutralitätsproklamationen während des letzten Krieges befolgt worden sind, nur dann der Fall sein, wenn das fragliche Gebiet faktisch an das Deutsche Reich abgetreten wäre, wir also auch die Landeshoheit über dasselbe besäßen.“

1875 wurde Stosch zum General der Infanterie befördert und in den Rang Admiral à la suite des Seeoffizierskorps gestellt. Drei Jahre später brachte der Untergang der Panzerfregatte Großer Kurfürst Stosch in erhebliche Schwierigkeiten. Die Fregatte war 1874 bis 1878 als erstes großes Schiff der deutschen Marine auf einer deutschen Werft gebaut worden. Nach der Indienststellung hatte man Großer Kurfürst in nur drei Wochen ausgerüstet und bemannt.

Katastrophe im Kanal

Mit drei weiteren Panzerfregatten eines Übungsgeschwaders trat es eine Reise ins Mittelmeer an. Am 31. Mai 1878 passierten die vier Schiffe Folkestone am Ärmelkanal. Sie fuhren in enger Doppelkiellinie. Gegen 10 Uhr geriet eine Bark zwischen die Schiffe, die nun ausscheren mussten. Daraufhin kam es auf dem Flaggschiff König Wilhelm zu einem heillosen Durcheinander. Das Schiff drehte fehlerhaft und rammte Großer Kurfürst in der Seite. Da ihre Schotten nicht geschlossen waren, sank die Panzerfregatte binnen einer Viertelstunde. 269 Seeleute starben bei diesem Unglück.

Von der „Ära Stosch“ blieb im Gedächtnis der Nachwelt besonders haften, dass Stosch sein Amt auf autoritäre Weise führte und für die Matrosen eine grundständige Infanterie- ausbildung einführte. Unteroffiziere der Armee drillten nunmehr die Seeleute an Land, ließen sie auch „Griffe kloppen“. Der Vorwurf einer „Militarisierung“ durch Stosch rührte aus dem Unmut vieler Seeoffiziere darüber her, dass die Marine, die 1870/71 praktisch nicht in Erscheinung getreten war, durch einen Heeresgeneral auf Vordermann gebracht werden sollte.

GROSSE EHRE: Die nach Stosch benannte Gedeckte Korvette hatte man 1884 zur Kreuzerfregatte umklassifiziert. Sie diente von 1891 bis 1907 als Schulschiff


Foto: Sammlung GSW

Im März 1882 schied Stosch auf eigenen Wunsch aus dem Amt. Sein „Flottengründungsplan“ war mittlerweile im Wesentlichen abgearbeitet. Stoschs elf Jahre an der Spitze der Marine waren durch Konflikte mit Bismarck angefüllt gewesen. Diese resultierten zum einen aus dem widersprüchlichen Unterstellungsverhältnis des Ministers und Admirals. Als preußischer Marineminister unterstand Stosch in Verwaltungsangelegenheiten der Marine Bismarck, als Befehlshaber der Seestreitkräfte aber direkt dem Kaiser. Der selbstbewusste Stosch wehrte sich energisch gegen Versuche Bismarcks, sich in militärische Angelegenheiten der Marine einzumischen. Viel stärker fiel aber ein anderer Faktor ins Gewicht.

SELTENES FOTO: Die Panzerfregatte Großer Kurfürst lief als erstes großes Schiff 1875 vom Stapel, ihr Verlust wurde Stosch angekreidet


Foto: picture-alliance/WZ-Bilddienst

Bismarck gegen Stosch

Als Stosch sein Amt antrat, war Kaiser Wilhelm I. bereits 75 Jahre alt. Man musste jederzeit davon ausgehen, dass Kronprinz Friedrich Wilhelm bald den Thron besteigen und lange regieren würde. Die Liberalen sehnten seine Regierungszeit herbei, Bismarck und die Konservativen fürchteten sie. Namhafte liberale Politiker wie Ludwig Bamberger und Max von Forckenbeck waren mit dem Kronprinzen befreundet. Beide gehörten zum linken Flügel der Nationalliberalen Partei, der sich schließlich im Jahre 1880 abspaltete. Die Mitglieder der neuen Gruppierung wurden allgemein als „Sezessionisten“ und „Kronprinzenpartei“ bezeichnet, der man Stosch zurechnete.

Viele Zeitgenossen vermuteten, dass Kronprinz Friedrich Wilhelm nach seiner Thronbesteigung Bismarck entlassen und Stosch zum Reichskanzler berufen würde. Bismarck sah deshalb in dem Admiral einen gefährlichen Rivalen.

Es gibt zwar keinen Quellenbeleg dafür, dass Stosch bewusst das Reichskanzleramt angestrebt hat. Doch er war befähigt und ehrgeizig, und es ist zu vermuten, dass er ein entsprechendes Angebot eines gesunden Kaisers Friedrich angenommen hätte. Am 13. März 1877 griff Bismarck ganz überraschend Stosch im Reichstag heftig an. Er behauptete, der Marineminister habe im Jahr zuvor einen Teil der Etatforderungen, die er dem Reichskanzler abgerungen hatte, aus Gefälligkeit gegenüber dem liberalen Politiker Eugen Richter fallen gelassen.

BLAU UND GOLD: Seeoffiziere, Marine-Ingenieure und Sanitätsoffiziere der Kaiserlichen Marine nach einer Farbzeichnung von Richard Knötel


Foto: Sammlung GSW

Stosch reagierte auf den Angriff, wie Bismarck offenbar erwartet hatte, mit einem Abschiedsgesuch. Zur großen Enttäuschung Bismarcks lehnte Kaiser Wilhelm I. das Gesuch ab, und Stosch blieb - vorläufig.

Tirpitz’ Lob

Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 1883 betrachtete Bismarck ihn weiterhin voller Misstrauen. Im Januar und Februar 1884 notierte sein Vertrauter Friedrich von Holstein in seinem Tagebuch, Stosch wolle Reichskanzler werden, und sprach von einem „Zukunftsministerium Stosch-Forckenbeck“. Im Juni 1884 behauptete Bismarck im Reichstag, der liberale Abgeordnete Heinrich Rickert und andere hätten im Geheimen geplant, Stosch zum Reichskanzler zu küren. Am 5. Juli 1884 legte die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung nach: Es sei eine „heterogenste“ Koalition gebildet worden, die der Mehrheit des Liberalen William Gladstone im britischen Unterhaus geähnelt habe.

Diese Koalition habe die Nationalliberalen, die Linksliberalen, die Sezessionisten und Politiker der katholischen Zentrumspartei umfasst. Die Rolle Gladstones sei Stosch zugedacht gewesen. Erst der Tod Kaiser Friedrichs III. im Jahre 1888 befreite Bismarck von seinen Sorgen.

Stosch hatte als verdienter General von 1870/71 eine Dotation von 100.000 Talern erhalten, wovon er in Oestrich im Rheingau eine Villa samt Weinbergen erwarb. Der gesellige Minister und Admiral im Ruhestand empfing hier zahlreiche Gäste. Er korrespondierte weiterhin mit etlichen Politikern und Militärs, darunter auch mit Alfred Tirpitz. Dieser schrieb später lobend, Albrecht von Stosch habe die Grundlagen für die deutsche Flotte gelegt.

STOSCH ALS MANAGER Geschickter Strippenzieher

Der bewährte Armeegeneral Stosch hatte durch seinen Reform- und Gestaltungseifer nicht nur die innere Struktur der Marine vorangetrieben, sondern war auch Schrittmacher des deutschen Schiffbaus gewesen. Für die Produktion von Eisen- und Stahlschiffen und großen maschinengetriebenen Einheiten waren die deutschen Werften nicht ausgelegt, sodass die Aufträge ins Ausland gingen. Stosch forcierte den Bau im Inland und koppelte so die deutsche Schiffsindustrie vom Ausland, vor allem vom übermächtigen englischen Markt ab. Ab 1878 lieferte die „Dillinger Hütte“ den Stahl und die Firma Krupp die Geschütze. Stosch zog die Fäden von Kriegsmarine, Handelsmarine, Werft- und Zulieferindustrie.