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MARKETING UND MYTHOS


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 19.09.2019

EDVARD MUNCH IST NORWEGENS BERÜHMTESTER KÜNSTLER UND SOLL NOCH BERÜHMTER WERDEN: EIN NEUES MUSEUM ENTSTEHT. UND SCHRIFTSTELLER KARL OVE KNAUSGÅRD KURATIERT EINE GROSSE SCHAU, DIE NACH DÜSSELDORF KOMMT. WAS WOLLEN WIR HEUTE VON MUNCH?


EDVARD MUNCH „Kohlacker“, 1915

Artikelbild für den Artikel "MARKETING UND MYTHOS" aus der Ausgabe 10/2019 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 10/2019

Report.EDVARD MUNCH

In der Künstlerkolonie Ekely in einem Osloer Vorort wird hart gegen das Genie gekämpft. Das ehemalige Atelier des Malers Edvard Munch liegt auf einem Hügel ein paar Kilometer westlich der norwegischen Hauptstadt. Jetzt im Spätsommer ist das Grundstück mit dem klassizistisch anmutenden Steinhäuschen sattgrün umwuchert, im ...

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... Winter kann man durch die entblätterten Bäume den Oslofjord sehen.

Edvard Munch hat von 1916 bis zu seinem Tod 1944 hier gelebt und mehrere Hundert Bilder gemalt. Seine Wohnvilla im Schweizer Stil wurde 1960 abgerissen, nur das Winteratelier mit der modern verglasten Tageslichtdecke ist noch da – im Sommer hat Munch ausschließlich draußen gearbeitet. Doch obwohl der Künstler zu den weltweit bekanntesten Norwegern gehört, widersteht die Stadt Oslo der Versuchung, hier einen kunsttouristischen Wallfahrtsort einzurichten. Bei einem Besuch im Sommer 2019 ist der Schöpfer der „Schrei“- und „Madonna“-Blockbuster abwesend. Das Atelier wird als Arbeitsort für Künstler genutzt, gerade hat sich die Oslo-Biennale hier ausgebreitet, die neue Konzepte für Kunst im öffentlichen Raum erforschen will.

Im Winteratelier zeigt zurzeit der US-Künstler Gaylen Gerbergefundene Artefakte – historische Vasen, koloniale Kunsthandwerk-Gegenstände, Baumarkt-Requisiten, ausgestopfte Tiere –, die er alle mit weißer oder hellgrauer Farbe überzogen hat. Hier will niemand Genie sein: Hier verwischt Malerei den Wert und die Historie von Dingen, verschließt ihre Einzigartigkeit und öffnet sie gleichzeitig für neue Betrachtungen.

EDVARD MUNCH in seinem Studio in Ekely, um 1940. Unten links: Installation von GAYLEN GERBER in Munchs ehemaligem Studio


Ekely ist ein Ort des Ausprobierens, an dem sich der Geist Edvard Munchs höflich im Hintergrund hält. Wenn überhaupt ist sein Name eine Aufforderung, seine lebenslange Suche nach Ausdruck weiterzuführen.

Ganz anders eine halbe Autostunde nach Südosten, wo am Hafen neben dem instant-berühmten Osloer Opernhaus ein neues Munch-Museum in den Himmel wächst. Die 13-stöckige Architektur des spanischen Büros Estudio Herreros erinnert wohlwollend betrachtet an eine Liebesheirat aus Fjordfelsen und Büroturm, weniger schmeichelhaft formuliert an einen gigantischen grauen Abluftschacht am Meer. Mit elf Ausstellungssälen auf sieben Etagen wird das Haus zu den größten Museen der Welt gehören, die einem einzelnen Künstler gewidmet sind. Der Spektakelbau auf der schicken Luxusimmobilien-Insel Bjørvika hat mit dem bisherigen, eher rustikalen Munch-Museum im Osloer Arbeiterviertel Tøyen ungefähr so viel zu tun wie Munchs bescheidene Studio-Enklave Ekely mit den riesigen Kunstfabriken der heutigen Starkünstler. Im Frühjahr 2020 soll das neue Museum eröffnen, Direktor Stein Olav Henrichsen verspricht, dass die Greatest Hits der künstlerischen Angst-Charts – der „Schrei“, der „Vampir“ oder die „Madonna“ – immer zu sehen sein werden.

In Ekely und Bjørvika wird eine Wende in der Rezeption von Norwegens bekanntestem Maler sichtbar. Man kann zwar nicht behaupten, dass sein Heimatland Munch bisher ignoriert hätte. Aber der Kunst-Palast am Hafen steht für eine neue Popularitäts-Ära

Munch selbst war durchaus heimatverbunden. Der Künstler kehrte schon Anfang des 20. Jahrhunderts als berühmter Mann aus Paris und Berlin nach Norwegen zurück und gestaltete 1916 unter anderem die prächtige Aula der Osloer Universität. Aus Angst vor Beschlagnahmung durch die deutschen Besatzer vermachte er noch zu Lebzeiten seinen gesamten Nachlass der Stadt Oslo – darunter 1100 Gemälde, 18 000 Drucke, 7700 Zeichnungen und Aquarelle und 13 Skulpturen. Seit 1963 hat Munch im erwähnten Brutalismus-Bau in Tøyen ein eigenes Museum. Nicht gerade glamourös, aber nahbar. Zur Eröffnung legte die regierende linke Arbeiterpartei Wert darauf, dass das Publikum auch in Jeans kommen durfte. 2004 machte das Museum dadurch Schlagzeilen, dass zwei bewaffnete Männer am helllichten Tag mit dem „Schrei“ und der „Madonna“ aus dem Museum spazieren konnten. Norwegen hat seinen empfindsamen Malerhelden mit skandinavischer Lässigkeit behandelt.

Neue Kunst-Insel am Hafen: Das fast fertige MUNCH-Museum am Oslofjord


Man kann nicht behaupten, dass Norwegen Munch bisher ignoriert hätte, aber der Kunst-Palast am Hafen steht für eine neue Ära


Doch das neue Munch-Museum ist Teil einer internationalen Kulturoffensive, die das ändern soll, gemeinsam mit der Gastland-Präsenz auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und dem ebenfalls neuen Nationalmuseum, das 2020 eröffnet wird. Bis zu eine Million Besucher, am besten aus der ganzen Welt, sollen im Jahr in den Munch-Turm auf Bjørvika kommen: gut dreimal so viele wie bisher nach Tøyen. Beim Munch-Werbefeldzug ist man auch in ethischen Fragen kulant. Gerade fand in Kooperation mit dem Museum die erste Munch-Ausstellung in Saudi-Arabien statt.


»Munch hat praktisch nichts anderes gemacht, als zu malen. Er konnte nicht anders. Es gab nur das«

– Karl Ove KNAUSGÅRD


„Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård“: Der norwegische Autor vor „Unter den Sternen“, 1900–05


In dieses Spannungsfeld zwischen Understatement und Marketing-Offensive passt auch die Ausstellung „Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård“, die 2017 unter dem Titel „Mot Skogen“ (Dem Wald entgegen) in Oslo zu sehen war und am 12. Oktober pünktlich zur Buchmesse im K20 in Düsseldorf eröffnet. Die Verführungskraft dieser Schau liegt in ihren Superlativen. Der bekannteste Schriftsteller Norwegens, Karl Ove Knausgård, kuratiert den bekanntesten Maler des Landes, Edvard Munch. In den Museumsräumen treffen sich zwei Künstler der Maßlosigkeit. Knausgård ist damit berühmt geworden, dass er in proustscher Ausführlichkeit auf über 4000 Seiten versucht hat, sein Leben schreibend in den Griff zu bekommen. Munch war ein exzessiver Maler, der die Leinwand beherrschte und von allem außerhalb seiner Kunst überfordert war.

„Er hat praktisch nichts anderes gemacht, als zu malen“, sagt Knausgård über Munch.
„Er konnte nicht anders. Es gab nur das.“

Man wird den Verdacht nicht los, dass der Autor auch über sich selbst spricht. Das Nicht-anders-Können ist ein zentrales Motiv in Knausgårds Werk. Auch nach einem Dutzend internationaler Bestseller ist seine Standarderzählung die von einem Mann, der jeden Tag an seiner Arbeit scheitert und trotzdem weiterschreibt, weil es nichts gibt, was er sonst tun könnte. Knausgård trifft Munch in der hyperromantischen Vorstellung eines kämpfenden Künstlers, dessen Geschichte nur von hinten erzählt funktioniert, weil auf das Scheitern zwingend das bahnbrechende Werk und der Erfolgsglanz folgen müssen. Weil erst dann alle die Geschichte des Scheiterns hören wollen.

Das existenzielle Dream-Team Munch/Knausgård kam 2013 zusammen, als der Autor eine Rede zum 150. Geburtstag des Malers halten sollte. In dem Film „Der andere Munch“, der über den Entstehungsprozess der Ausstellung in Oslo gedreht wurde, erzählt der Schriftsteller, wie er noch am Tag seines Auftritts nicht wusste, was er sagen sollte. Dann folgte ein Ausflug zum Geburtshaus des Malers im ostnorwegischen Løten, und die starke Verbindung zur munchschen Präsenz ließ alles an seinen Platz fallen.

„Maler an der Wand“, 1942
„Winternacht“, 1923


» Als Munch um 1909 nach Norwegen zurückkommt, macht er nicht mehr diese schwermütigen Bilder, die Momente einer Erzählung«

– Anette KRUSZYNSKI


Die Rede führte zum Auftrag, die Schau im Munch-Museum zu kuratieren. Wieder ein Projekt der Intuition und des Erspürens. Knausgård kann und will nicht erklären, warum er welche Bilder auswählt. Während der Beruf des Kurators zu einem großen Teil daraus besteht, zu verstehen und zu begründen, warum welche Werke zusammen gezeigt werden sollten, verweigert sich Knausgård einem rationellen Zugang zu Munch. Er wählt die Bilder aus, die ihn berühren, wird von Gefühlen überwältigt, wenn er einen gemalten Kohlacker in Gelb-, Grün-, Blau- und Orangetönen von 1915 anschaut. Hier kuratiere ich und kann nicht anders. Das ist nicht nur Kohl, das ist Verlangen, Tod, Unendlichkeit. „So viel Sehnsucht auf so wenig Fläche“, heißt das Buch, das Knausgård über Munch geschrieben hat.

In seiner Auswahl ignoriert er größtenteils den berühmten Munch der Zeit von etwa 1890 bis 1900. Zehn Jahre Rausch, Unglücksmotive und Intensität, in denen alle Munch-Standards von „Eifersucht“ über den „Kuss“ und den „Schrei“ bis zur „Pubertät“ entstanden sind. Wild gemalte existenzialistische Motive, in denen der Raum kollabiert und nur noch inneres Empfinden herrscht, das ins Außen blutet, bis alles schreit. Es sind diese von Emotion überwältigten Bilder, die Munch auch 75 Jahre nach seinem Tod vielen Betrachtern so nahebringt. Aber die Bilder sind auch so oft gezeigt worden, dass sie nur noch Chiffren sind. „Wir sehen sie nicht mehr“, sagt Karl Ove Knausgård. Er hat für seine Munch-Schau viele Werke ausgewählt, die selten oder noch nie ausgestellt worden sind. Der Künstler, den man zu kennen glaubt, hat ein oft überlesenes PS seiner Karriere – immerhin fast 40 Jahre, in denen er zurückgezogen vor allem seine äußere Umgebung malte. „Als Munch um 1909 nach Norwegen zurückkommt, macht er nicht mehr diese schwermütigen Bilder, die Momente einer Erzählung zeigen“, sagt Kuratorin Anette Kruszynski, die die Düsseldorfer Ausstellung mit organisiert. „Er malt Gärten, Landschaften, Sonnen und experimentiert mit den Techniken. Er wird so etwas wie einpainters’ painter , der sich für das Malen an sich interessiert.“

Der Munch, den Knausgård zeigt, ist ein hellerer, leichterer Künstler, der sich aus Chaos und Dunkelheit ins Licht gekämpft hat. Der Wald, den die Ausstellung in Oslo im Titel hatte, ist nicht mehr der symbolschwere Gefühlsraum aus früheren Bildern, er darf einfach Wald sein. Ein Baumstumpf ist ein Baumstumpf, ein Ort der Farbexperimente.

Verschiedene Werke von JILL MULLEADY, 2018/19, Installationsansicht Venedig-Biennale, Hauptausstellung „May You Live in Interesting Times“, 2019


Bisher wurde das Spätwerk Munchs – mit Ausnahme von einigen ikonischen Selbstporträts, die von Alter und Tod handeln – von Kunsthistorikern eher skeptisch betrachtet. Viele der Bilder machen einen unfertigen Eindruck und sind materiell angeschlagen (der Maler hatte die konservatorisch schockierende Angewohnheit, seine Gemälde draußen zu lagern). Eine wissenschaftlich motivierte Aufarbeitung müsste sich mit der schwierigen Kategorie der Qualität der Landschafts- und Gartenbilder auseinandersetzen. Kurator Knausgård umgeht gefühlig diese Hürde. Das ist das eigentlich Erstaunliche an diesem Ausstellungscoup, der von Tøyen über Düsseldorf zurück zum neuen Munch-Museum nach Bjørvika führt. Mit seiner Ausstellung hat Knausgård wie nebenbei einen neuen Schwung Munch-Bilder geadelt und ausstellbar gemacht. Bilder, die gebraucht werden, weil es für die riesige neue Ausstellungsfläche auch einen größeren Pool an Werken geben muss, die zeigbar sind. Kanonbildung in Echtzeit sozusagen.

Doch auch jenseits der kulturpolitischen Dimension übt derpainters’ painter Munch noch immer eine große Faszination nicht nur auf Knausgård aus. Der Einfluss auf andere Künstler ist kaum zu überschätzen. So sagt der schottische Künstler Peter Doig, dass er sich von Munch die Farben geborgt hat, die Art, eine Fläche in verschiedenste Schattierungen zu zerlegen und trotzdem eine Einheit zu schaffen. „Seine Bilder wären auch heute an einer zeitgenössischen Kunstschule nicht fehl am Platz“, sagte Peter Doig 2018.


» Wenn ich beim Malen an Munch denke, ist es so, als hätte ich einen magischen Handschuh an. Seine Pinselführung ist unglaublich frei«

– Jill MULLEADY


Die Malerin Jill Mulleady widmet Munch auf der aktuellen Venedig-Biennale einen ganzen Bildzyklus, auf dem Munchs schwelgerisch gemalte Szenerie auf zeitgenössische Protagonisten trifft. „Mich hat immer seine Darstellung von Emotionen fasziniert und wie er sie zu theatralischen Szenen komponiert“, sagt Jill Mulleady. „Wenn ich beim Malen an Munch denke, ist es so, als hätte ich einen magischen Handschuh an. Seine Pinselführung ist unglaublich frei. Ich vertraue ihm dann einfach.“

Im Buch „I’m Every Woman“ listet die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist Munch wegen seiner Egozentrik als einen der zehn schlechtesten Lover der Kunstgeschichte auf. Aber insgesamt hält sich der Maler überraschend gut gegen die „alten weißen Männer“-Vorbehalte der Gegenwart. Für die norwegische Künstlerin Frida Orupabo, die sich mit der Repräsentation schwarzer Körper beschäftigt, ist Munch mit der Zeit immer interessanter geworden. „Wenn die Arbeit zu mir spricht, ist es nicht so wichtig, ob die Schöpfer weiß oder schwarz, weiblich oder männlich sind“, sagt sie. „Ich liebe Munchs Arbeit, weil man glaubt, sie zu kennen, und trotzdem immer Neues entdeckt.“

TRACEY EMIN „The Mother“, 2018


» Sie ist die Gefährtin des Geistes von Edvard Munch. Sie sitzt wie eine Sphinx. Sie beschützt sein Zuhause«

– Tracey EMIN


Auch Tracey Emin, die nicht gerade für ihren zimperlichen Umgang mit Männern bekannt ist, hat Munch ihre eigene Art von Denkmal gesetzt. Vor dem neuen Museum in Oslo wird ihre sieben Meter hohe Bronzestatue „The Mother“ sitzen, die ein wenig an eine schwangere Riesenversion der kleinen Meerjungfrau aus Kopenhagen erinnert. „Sie heißt alle Natur willkommen“, schreibt Tracey Emin zu ihrem Werk. „Sie ist die Gefährtin des Geistes von Edvard Munch. Sie sitzt wie eine Sphinx. Sie beschützt sein Zuhause.“

Munch ist keiner der Künstler, die Frauen zum eigenen Lustgewinn zu begehrten Objekten schrumpfen. Seine Malerei ist durchlässig und empfindsam. Die weiblichen Figuren in den Angst-Bildern deuten immer auf eine männliche Unsicherheit zurück, gleichzeitig hat er auch Porträts – vor allem von seiner Schwester – gemalt, die der Persönlichkeit seiner Modelle wirklich nachgehen. Trotzdem ist das Munch-Universum ein extrem Testosteron-geflutetes, in dem Frauen vor allem dazu da sind, die Neurosen des Künstlers zu nähren. Diesen Zustand teilt er mit Karl Ove Knausgård, der einerseits den modernen Mann im Krabbelgruppen-Skandinavien beschreibt, aber dieses Leben gleichzeitig als Kränkung empfindet und den Kampf des Künstlers vor allem Männern zugesteht.

Munch und Knausgård stehen beide auf ihre Art für eine fragile Männlichkeit, ohne das jemals explizit zu sagen. In einer Ausstellung hätte das ein interessantes Thema sein können. Oder der Autor Knausgård, der so oft auf seine biografischen Anteile reduziert wird, hätte seinen Leidensgenossen Munch vom ewigen Psychologisieren befreien können. Aber „Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård“ bewegt sich im bekannten männlichen Genie-Universum, in dem ein Künstler auf einen anderen Künstler schaut und beide durch die Wesensverwandtschaft ein Stückchen größer werden.

In Oslo war die Munch-Ausstellung mit Starkurator (hinter der natürlich mehr Menschen stecken als nur Karl Ove Knausgård) ein riesiger Erfolg. Ein Experiment, das den melancholischen nordischen Mann als den Kultur-Exportschlager inszeniert, der er sein soll. Auch 100 Jahre nachdem Edvard Munch sich in seine Mal-Enklave Ekely zurückgezogen hat, können wir noch immer nicht von den Geschichten lassen, die von geplagten Künstlerseelen erzählen. Und schauen hin, wenn zwei dieser Mythen aufeinanderprallen.

„EDVARD MUNCH GESEHEN VON KARL OVE KNAUSGÅRD“, K20, Düsseldorf, 12. Oktober bis 1. März 2020

MATIAS FALDBAKKEN „The Nerve Copper“, 2019


»MUNCH IST IMMER GUT, AUCH WENN ER SCHWACH IST«


Der norwegische Künstler MATIAS FALDBAKKEN über seinen Umgang mit dem berühmtesten Maler seines Landes

Matias Faldbakken, ist es als norwegischer Künstler möglich, Munch zu entkommen?

Nein, nicht wirklich, aber ich mag ihn ziemlich. Deshalb ist meine Strategie, ihn zu nutzen. Das Lustige an Munch ist, dass er immer gut ist, auch wenn er halbherzig oder schwach ist.

Erinnern Sie sich an eine bewusste Begegnung, oder war er einfach immer schon da?

Als ich ein Teenager war, war ich sehr von Munchs frühen Werken begeistert. Diesen Malereien noch vor „Das kranke Kind“, in denen sich seine klassische Prägung zeigt, aber schon auseinanderbricht, und er anfängt, sich in den etwas kantigen Munch zu verwandeln. Wie zum Beispiel bei „Inger in Schwarz“ oder „Morgen“.

Sie haben eine gekippte Kirche für die neue Museumsinsel vorgeschlagen. Warum?

Mein Vorschlag war, eine Kupfer-Ver-sion der Alten Aker-Kirche herzustellen, am Südende gekippt, damit die Spitzen horizontal ausgerichtet sind, östlich und landeinwärts. Die Skulptur hätte außerhalb des Museums am Rand des Oslofjords gestanden, hätte gerostet und wäre grün geworden. Die Alte Aker-Kirche ist das älteste Gebäude von Oslo. Sie war das Motiv von Munchs frühesten künstlerischen Versuchen, sein erstes Ölgemälde eingeschlossen. Ich bin froh, dass mein Vorschlag nicht ausgewählt wurde. Ich hätte mich nicht damit wohlgefühlt, in der Stadt, in der ich lebe, so ein Monument zu errichten. Außerdem sind diese neu designten Stadtteile, wie Bjørvika, wo das neue Museum steht, auf Einbindung bedacht – eine Skulptur, die auf eine westliche, monotheistische Religion deutet und das größte Patriarchale an Formen aufrechterhält, hätte bestimmt eine Gegenreaktion provoziert.

Ist das neue Museum ein Gewinn oder ein Munch-Disneyland?

Der kulturelle Schatz ist Munch, und er ist massiv. Sie werden ihn nicht zerstören können. Lambda, wie das Gebäude heißt, ist eine seltsame Wahl. Bjørvika ist eine besondere historische Seite Oslos. Jetzt wird es begraben unter dem, was das Zukunftsmonument der verrückten Jahre sein wird: Norwegens Öl-Abenteuer. Das ganze Areal, in dem das neue Museum liegt, neben der neuen Oper und der neuen Bibliothek und mit Hunderten neuer Restaurants und Tausenden neuer Büros, ist konstruiert und völlig seelenlos. Eine neue Stadt, die ästhetisch müde scheint, bevor sie überhaupt fertig ist. Ein Überzugslack von Kulturalismus wurde bereitgestellt, um die Immobilienspekulationen zu verschleiern. Es ist seltsam und abstoßend. Echte Osloer gehen da nicht hin. Aber wenn existenzielle Entfremdung ein munchsches Thema ist, dann haben sie sicher den richtigen Ort für seinen Thron ausgesucht.

Interview: SASKIA TREBING


Fotos: Ove Kvavik, © CC BY 4.0 Munchmuseet (vorherige Doppelseite). © CC BY 4.0 Munchmuseet (4). Donna Schons. © Tove Lauluten

Foto: Ove Kvavik, Munchmuseet, Oslo

Fotos: © Munchmuseet. © Kunstsammlung NRW

Foto: Francesco Galli Viterbo, Courtesy La Biennale di Venezia

Foto: © Tracey Emin, VG Bild-Kunst 2019

Fotos: © Ivar Kvaal. © Matias Faldbakken VG Bild-Kunst 2019, Richard Øiestad

Fotos: © Ivar Kvaal. © Matias Faldbakken VG Bild-Kunst 2019, Richard Øiestad