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Marseille und Meer


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 9/2020 vom 04.08.2020

Moloch oder Sehnsuchtsziel? Marseille genießt ein ausgesprochen zweifelhaftes Image. Angelika und Michael Engelke (Text & Fotos) fuhren trotzdem hin und entdeckten nicht nur das betörende Flair einer alten Hafenstadt, sondern sondern auch eine Berg- und Küstenlandschaft, die zu den schönsten Motorrad-Reisezielen Europas zählt.


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Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 9/2020

Nur wenige Kilometer südlich von Marseille ragt die felsige Spitze des Cap Croisette weit hinaus ins Mittelmeer.


Das idyllische Nans-les-Pins liegt direkt zu Füßen des Gebirgszugs Massif de la Sainte-Baume.


Marseille – was habe ich nicht alles schon gehört über diese Stadt? ...

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... Gefährlich, düster, ein Hort der Kriminalität soll sie sein. Die verruchte Altstadt ein übles Pflaster, um das man lieber einen ganz großen Bogen machen sollte. Und jetzt sitzen wir hier, Kiki und ich, auf den Treppenstufen am Quai du Port direkt am alten Hafen und genießen in der strahlenden Sonne den herrlichen Blick über Hunderte Boote, über fröhliche Menschen und spielende Kinder, den täglichen Fischmarkt und ein munteres Treiben, das so gar nicht nach Gefahr oder Ungemach aussieht.

Hinter unserem Rücken, gleich nördlich des Hafens, liegt Marseilles Altstadtviertel Le Panier. Ein enorm widersprüchliches Terrain. Aber eines vorweg: Unsicher haben wir uns dort nie gefühlt. Selbst gestern Abend nicht, als wir durch die engen Gassen und über die unzähligen Treppen und Stufen bummelten, in den einladenden Cafés und Bars freundlich bedient wurden und entlang verblichener Fassaden, bunter Graffitis und plakatierter Hauswände schlenderten. Le Panier, das ist Authentizität und Avantgarde, Marseiller und Migranten, modernder Sperrmüll und moderne Boutiquen. Gleich neben dem hippen Szenelokal blättert der Putz von der Hauswand und zugemauerte Fenster wechseln sich mit farbenfrohen Schaufenstern ab. Viel Geld floss in den Jahren seit 1989 in die Stadt. Erst die Stadterneuerungsprojekte, dann 2013, als Marseille Kulturhauptstadt Europas war. Nicht jeder profitierte davon, aber der Stadt und ihrem Image tat es gut, sehr gut sogar.

»Reisen bildet!«, sage ich gerade zu Kiki und setze an, meiner Begeisterung über das attraktive Marseille Ausdruck zu verleihen, als uns Théo anspricht. Mit Helm unter dem Arm unschwer als Motor radfahrer zu erkennen, interessiert er sich für unsere Africa Twin. Wir palavern ein bisschen auf Englisch. Ich fummele meine Straßenkarte aus dem Tankrucksack und zielsicher zeigt Théo auf den Col de l’Espigoulier im Massif de la Sainte Baume östlich der Stadt. Gestenreich schwärmt er von der »Rennstrecke«. Zuerst denke ich, er meint den nur wenige Kilometer entfernt liegenden »Circuit Paul Ricard«. Aber nein, winkt er ab, die D 2 sei viel spannender.

Ganz nebenbei bemerkt, Théo ist nicht der einzige kommunikative Marseiller.

Gleich zweimal wurde uns Hilfe angeboten, als wir mit dem Stadtplan in der Hand unschlüssig in den Gassen der Stadt herumstanden.

Marseille, das ist eine freundliche Stadt.


DEM CHARME SÜDFRANKREICHS WIDERSTEHEN? UNMÖGLICH


Marseille ist das mediterrane Street-Art-Mekka schlechthin, nirgendwo rund ums Mittelmeer finden sich mehr Graffitis und Murals als hier


Treffpunkt, Sehenswürdigkeit, historischer Ankerplatz: Marseilles »Vieux Port« ist das quirlige Zentrum und eines der Wahrzeichen der Hafenstadt


Wenig später sitzen wir auf unserem Motorrad, umrunden den Alten Hafen »Vieux Port« entlang des Quai des Belges und des Quai de Rive Neuve. Am unscheinbaren Quai Marcel Pagnol biege ich rechts ab. Hier schlängelt sich die Straße zu Füßen des mächtigen Forts direkt zu einem kleinen Parkplatz am Ufer der engen Hafeneinfahrt hindurch. Gegenüber wacht der wehrhafte Turm Tour du Roi René über den Zugang ins Hafenbecken – ein idyllischer Platz, den auch gleich ein paar Ang ler in Beschlag genommen haben. Wir schauen noch ein wenig den Freizeitkapitänen bei ihren Manövern zu, beglückwünschen einen der Petrijünger zu seinem Fang. Dann zieht es uns wieder zurück auf den Quai de Rive Neuve.

Die malerische Bucht Calanque Marseilleveyre mit dem ehemaligen Fischerdorf Callelongue lockt mit glasklarem Wasser.


GEBANNT SCHAUEN WIR AUFS TIEFBLAUE MITTELMEER HINAUS


In den schmalen Straßen kommt mir ein Polizeitransporter entgegen. Ich habe keine Zeit mehr, in eine Parklücke auszuweichen. Denn mit wilder Gestik rast der Uniformierte mit seinem Kleinbus auf mich zu. Der hünenhafte Beifahrer sieht aus wie eine französische Ausgabe von Bud Spencer und droht mit seiner Faust. Marseille, eine freundliche Stadt, denke ich. Dann steigen wir beide ab und ich wuchte das schwere Zweirad rückwärts die Straße hinunter. Hätte der Polizist nur ein paar Sekunden gewartet – so werden es mindestens zwei Minuten.

Schnell erreichen wir über die Rue des Catalans die Küste. Vorbei am Stadtstrand Plage des Catalans führt die Corniche direkt am felsigen Ufer entlang. Weit fällt unser Blick hinaus aufs Mittelmeer, wo ein paar Boote lange weiße Linien durchs tiefblaue Wasser ziehen. Wir passieren die Plage du Prado, den größten Strand von Marseille, und einige weitere einladende Badestrände. Einige nette Strandcafés warten hier auf Gäste.

Ganz im Norden Marseilles entführt die Küstenstraße entlang kleiner Badestrände in die Bergkette von l’Estaque (gr. Foto). Kunstobjekte finden sich in Marseille auf Schritt und Tritt. Für die weltberühmte Seife »Savon de Marseille« gilt ein Reinheitsgebot: 72 Prozent Pflanzenöl und nur natürliche Farb- und Zusatzstoffe. Hier trifft sich die Motorradszene: Bistro nahe des »Circuit Paul Ricard« (von ganz links).


VIELE MARSEILLER NUTZEN DEN ABSCHNITT DER CÔTE BLEUE FÜR IHRE KLEINEN FLUCHTEN


Bald geht es hinaus aus der Stadt und in der Ferne taucht schon der mächtige Umriss des felsigen Cap Croisette auf. Unzählige Park- und Picknickplätze liegen entlang der reizvollen und kurvenreichen Küstenstraße.

Kaum zu glauben, dass es sich nur wenige Minuten außerhalb des quirligen Marseille so entspannt cruisen lässt.

Am Port de Callelongue zu Füßen des Massif de Marseilleveyre endet die Küstenstraße.

Das schönste Panorama bietet sich aber noch ein paar Meter davor, gleich gegenüber der Île Maïre. Dorthin gelangt man über den Port des Goudes und eine kurze Stichstraße. Hier warten zudem eine ganze Reihe ansprechender Bars und Restaurants auf den Reisenden.

Zurück in Marseille über die gleiche Strecke parken wir am Nachmittag die Honda an unserer Unterkunft und stürzen uns wieder zu Fuß ins Getümmel. Wie sonst sollten wir die leckeren regionalen Weine probieren können, die gleich westlich der Hafenmetropole rund um das riesige Becken des Étang de Berre gedeihen? Die Meeresbucht ist dann auch gleich unser nächstes Ziel am kommenden Morgen.

Der Wein war gut, aufgestanden wird entsprechend etwas später. Macht aber nichts. Schnell ein leckeres Frühstück in einem der Straßencafés an der Küste bei L’Estaque, dann sind wir automatisch schon auf der richtigen Strecke hinaus aus Marseille. Ganz in der Nähe der Pointe de Corbière biegt die D 568 ab, mitten hinein in den Fels der Hügelkette Chaîne de l’Estaque. Die Bergkette schließt die Stadt gen Westen ab und viele Großstadtbewohner nutzen diesen Abschnitt der Côte Bleue für ihre kleinen Fluchten am Wochenende.

Niolon – was für ein schönes und beschauliches Örtchen! Schon die steile und kurvenreiche Zufahrt über die Chaîne de l’Estaque gefällt uns gut und gleich in der ersten knackigen Kurve oberhalb des Ortes lasse ich die Africa Twin ausrollen. Der Blick über den natürlichen kleinen Hafen und die Lage Niolons ist Idylle pur. Unten am azurblau leuchtenden Wasser setzen Kiki und ich uns auf die flache Kaimauer und lassen die malerische Szenerie auf uns wirken. Hätten wir nicht gerade gefrühstückt, würden wir sofort eines der beiden gemütlichen Cafés entern.

Die tief in den Fels gehauene Stichstraße hinunter nach Niolon bringt uns wieder auf die D 5. Nur wenige Meter weiter geht es erneut hinab an die Küste. La Madrague de Gignac ist nicht viel mehr als ein kleiner Hafen. Lange nicht so reizvoll wie Niolon. Großformatige Schilder weisen darauf hin, dass Grillen bei 750 Euro Strafe verboten ist – ein teures Vergnügen.

Kurz vor Carry-le-Rouet kehrt auch die D 5 wieder zurück an die Côte Bleue und führt geradewegs an der Wasserlinie entlang.

Jede Menge einladender Plätze für das erholsame Sonnenbaden oder gemütliche Picknicks gibt es direkt am felsigen Meeresufer. Wir entscheiden uns bei Carro für einen Stopp am Wasser. Ein gutes Stück weg von der Straße lasse ich das Mopped auf den Felsen ausrollen und wir genießen unser entspannendes Picknick mit dem beruhigenden Rauschen der Wellen im Hintergrund.

Martigues, auf der Nordseite der Chaîne de l’Estaque und damit direkt am Étang de Berre gelegen, überrascht uns mit einer bildschönen Altstadt. Nicht umsonst nennen die Martégaux ihr Hafenstädtchen auch das Venedig der Provence. Mitten durch den Ort verläuft der Canal de Caronte, die Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Étang de Berre. Dieser wiederum verzweigt sich in die auf einer Insel liegende Altstadt. Der historische Stadtkern, einst ein florierendes Fischerviertel, besticht mit seinen charakteristischen Häusern und bunten Fassaden, herrlichen Gassen und unzähligen in den Wellen dümpelnden Booten. Aber auch das wehrhafte Fort du Bouc und die beeindruckende Barockkirche Saint Genest laden zum Staunen ein.

Eher unspektakulär führt die gut ausgebaute und vierspurige D 5 in nördlicher Richtung hinaus aus Martigues. Das ändert sich erst wieder bei Istres. Dort wechseln wir auf die D 16, die uns entlang des Ufers führt. Die riesige Wasserfläche des Étangs glitzert rechter Hand in der Sonne. Istres ist vor allem durch einen der größten und ältesten Militärflugplätze des Landes bekannt.

Hier, auf diesem imposanten Gelände, wo schon 1915 die ersten Flieger starteten, ist heute ein Teil der nuklear bewaffneten Force de frappe stationiert. Die mit rund 5000 Metern längste Start- und Landebahn Europas war lange Zeit als Ausweich- Landeplatz in das Space-Shuttle-Programm integriert. Und kaum haben wir die nördliche Spitze des Étang umrundet, bekommen Kiki und ich auch schon eine Gratis-Vorführung der französischen Luftwaffe.

Gleich acht Maschinen jagen in Formation quer über unsere Köpfe und als Bonus werden zusätzlich die drei Farben der Trikolore in den Himmel gemalt.

Vielversprechend: das Massif de la Sainte-Baume.


Renn- und Spaßstrecke der Locals zwischen Gémenos und Plan-d’Aups.


Mit dem von Kiki und mir so geschätzten Wein stoßen wir bei Saint-Chamas schließlich auch noch an. Kein Wunder, umfasst das bekannte Anbaugebiet Côteaux d’Aix-en-Provence doch schließlich den kompletten Étang de Berre. 3000 Sonnenstunden im Jahr bei geringen Niederschlagsmengen, das freut die Winzer der Region und bringt östlich des Rhônetals köstliche Rosé- und Rotweine hervor. Klar, dass wir uns in Saint-Chamas noch zwei Flaschen dieses guten Tropfens in die Koffer packen, bevor wir die Rückfahrt nach Marseille antreten.

Col de l’Espigoulier heißt er, der Pass an der Strecke, die uns Théo so heiß empfohlen hat. Heute steht er auf dem Programm.

Aber der Reihe nach. Am frühen Morgen geht es hinaus aus der Stadt – diesmal gen Osten. Ich folge den Schildern nach Cassis. Eine tolle Strecke, kurvenreich führt die D 559 immer höher in die Berge und hinauf in Richtung des Col de la Gineste. Griffig und gut ausgebaut ist die Straße. Das wissen nicht nur die heimischen Motorradfahrer, das weiß auch die Gendarmerie – natürlich. Kurz unterhalb des Passes stehen die beiden Motorradpolizisten und beobachten sehr genau die Westrampe mit ihrer überwiegend durchgezogenen weißen Mittellinie. Bei den in Frankreich angesagten Bußgeldern dürfte das ein einträgliches Geschäft sein. Unser Gruß im Vorbeifahren wird freundlich erwidert.

Unterhalb des knapp 1150 m hohen Joug de l’Aigle geht es östlich von Marseille auf fantastischen Strecken durch die Berglandschaft (r.). Zwischen Cassis und La Ciotat offeriert die Route des Crêtes grandiose Aussichten (g. r.).


Gleich hinter Cassis zweigen wir auf die Route des Crêtes ab, auch bekannt als Corniche des Crêtes. Die D 141 gilt als eine der spannendsten Straßen der Region. Steil geht es hinauf auf den Pas de la Colle, ab hier mäandert der Asphalt rund 15 Kilometer entlang der Steilküste der Falaises.

Am Cap Canaille stellen wir die Honda ab.

Klettern in den Felsen ist angesagt. Nicht weniger als 362 Meter ragt das Kap über dem Meer hoch in den Himmel und ist damit die höchste Klippe Frankreichs. Nur auf dem Bauch liegend wagt die beste Sozia der Welt einen Blick in die Tiefe, auf die unter uns tosenden Wellen des Mittelmeers.

Heute riegeln schwere Steinblöcke die Straße von der Kante der Klippe ab.

Früher war das noch alles offen und so manches in Marseille geklaute Auto fand hier im Lauf der Jahre den Weg nach unten.

In La Ciotat endet der Spaß vorerst und mit einer letzten Doppelkurve führt die Route des Crêtes in den Ort hinein. Lust auf einen Kaffee und eine Pause? Dann auf in den Port de La Ciotat. Am Quai Ganteaume laden ein paar gastliche Cafés zum Relaxen mit Aussicht auf das Hafenpanorama ein.

»Circuit Paul Ricard« – es gibt viel zu berichten über diese traditionsreiche Rennstrecke bei Le Castellet. Die Geschichte und all die Geschichten rund um den »Paul Ricard High Tech Test Track«, wie sich die Anlage heute nennt. Legendäre Events wie der Motorrad-Langstrecken- Klassiker Bol d’Or oder die französischen Läufe zur Motorrad-WM in den Siebzigerjahren lockten einst Tausende in die Hochebene zwischen Toulon und Marseille.

Aktuell fährt hier seit zwei Jahren wieder die Formel 1, meist dient der Rundkurs aber zu Testzwecken.

Vorbei an der Rennstrecke nehme ich Kurs auf Toulon und mit einem kurzen Gastspiel auf der D 46 gelangen wir auf die Route Forestière von Solliès-Pont nach Signes. Route Forestière würde in Deutschland wohl Forstwirtschaftsweg heißen und wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht öffentlich zugänglich. Nicht so in Frankreich. Dort versprechen eben diese Wege meist jede Menge Fahrspaß für Reiseenduro- Piloten. Der Asphalt ist bisweilen recht mitgenommen oder verschmutzt, dafür gibt’s reichlich Einsamkeit und eine immer wieder faszinierende Landschaft.


EINE TOLLE STRECKE! KURVENREICH FÜHRT DIE D 559 IMMER HÖHER IN DIE BERGE


Auf dem Plateau de Siou-Blanc muss ich kräftig in die Eisen steigen. Hier wird gerade ein langer Holztransporter beladen.

Doch wir sind hier nun einmal in Frankreich und mal wieder bestätigt sich, was wir so oft bei unseren südwestlichen Nachbarn erleben: ein entspannter Umgang mit Motorradreisenden. Schnell packt der Kran ein Bündel Äste und wie mit einem überdimensionierten Feger wischt uns der Kranführer die Strecke frei. Ein freundlicher Wink und schon geht’s weiter durch die sonst völlig menschenleere und karstige Waldlandschaft.

Signes und La Roquebrussanne sind die letzten beiden Örtchen, bevor wir in das Massif de la Sainte-Baume eintauchen. Der bis zu 1150 Meter hohe Bergrücken ist die längste und höchste Gebirgskette der Pro vence und bei Wanderern und Mountainbikern sehr beliebt. Kein Wunder, herrliche Wanderwege führen hier durch schroffen Karst, dichte Wälder und aussichtsreiche Gipfelpfade. Und hier findet sich nun auch endlich der von uns so sehnsüchtig erwartete Col de l’Espigoulier. In 728 Metern Höhe läutet der die Freizeit-Rennstrecke der Locals ein. Dort steht man in der Schaukurve, fachsimpelt über Schräglage und Reifenwahl. Vor zwei, drei Kehren sind scheinbar mehr Bremsstreifen auf dem Asphalt verewigt als auf so mancher Rennstrecke. Wir können es irgendwie nachvollziehen, die Strecke hinunter nach Gémenos ist einfach fantastisch. Serpentine folgt auf Serpentine, griffiger Asphalt führt durch die fast menschenleere Landschaft – ein Gedicht! Von Gémenos ist es nur noch ein Katzensprung zurück nach Marseille. Der nächste kurzweilige Abend in Le Panier wartet auf uns. Vielleicht verbringen wir ihn aber auch oben an der abends so toll beleuchteten Kirche Notre-Dame-de-la- Garde, die einen spektakulären Blick auf ganz Marseille bietet. Oder vielleicht doch lieber in der ehemaligen Prachtstraße Rue de la République? Die Auswahl ist groß – in Marseille und um Marseille herum.

Gigantisch groß: Kathedrale von Marseille aus dem 19. Jahrhundert mit ihren mächtigen Kuppeln.


Fernblick von der Basilika Notre-Dame- de-la- Garde auf die Stadt. Gleich hinter dem Küstenörtchen Niolon geht es aussichtsreich ins Gebirge (u. v. l.).


Allgemeines

Marseille ist die wichtigste französische Hafenstadt und Hauptort des Département Bouches-du-Rhône, das zur Region Provence-Alpes-Côte d’Azur zählt. Mit rund 870.000 Einwohnern ist das der Sage nach von griechischen Seefahrern gegründete Marseille nach Paris die zweitgrößte Stadt der Grande Nation.

Über viele Jahre hatte Marseille einen eher schlechten Ruf. Insbesondere der Niedergang der traditionellen Industrie in Verbindung mit der Einwanderung Zehntausender Algerienfranzosen infolge der Unabhängigkeit der einstigen Kolonie und der zunehmenden Kriminalität führte in den Siebzigern zu rassistischen Ausschreitungen und Konflikten.Das Stadterneuerungsprojekt Euromediterrannée und private Investoren stellen seit den Neunzigerjahren erhebliche Mittel zur Verfügung, was eine starke urbane Aufwertung bewirkt. Zudem trug auch die Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2013 mit den damit verbundenen Investitionen zu einem wirksamen ökonomischen, sozialen und kulturellen Aufschwung Marseilles bei.

Motorradfahren

Marseille hat jede Menge zu bieten und lässt sich auch per Motorrad entdecken. Der Alte Hafen »Vieux Port«, die hoch über der Stadt liegende Basilika Notre- Dame-de-la-Garde, die Stadtstrände und nicht zuletzt das ansprechende Motorradmuseum mit über 250 Exponaten in der Traverse Saint-Paul 18 sind kurzweilige Ziele – ein Navi macht die Sache leichter.

Gleich rund um die Hafenstadt locken abwechslungsreiche Routen und Regionen: Im Westen die Hügelkette Chaîne de l‘Estaque und die Camargue, östlich die Route (Corniche) des Crêtes an der Steilküste, das Massiv de la Sainte-Beaume mit der Rennstrecke »Circuit Paul Ricard« und das Plateau de Siou-Blanc. Nördlich liegen die reizvollen Montagne Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence.

Achtung: In Frankreich besteht Handschuhpflicht, diese müssen CE-konform gelabelt sein. Zudem muss eine Warnweste mitgeführt und bei einer Panne getragen werden.

Klima / Reisezeit

Die Autoren empfehlen eine Reisezeit von Mitte April bis Mitte Oktober. Im Frühjahr blüht und grünt es überall. Besonders bietet sich der Mai an, dann ist es meist schon angenehm warm und nirgends überlaufen. Bis in den späten Herbst hinein gibt es viele sonnige und trockene Tage.– an die 3000 Sonnenstunden im Jahr sprechen für sich und sind französischer Rekord. Dank des mediterranen Klimas fällt zudem recht wenig Regen. Der August ist weniger zu empfehlen. Dann hat ganz Frankreich Urlaub und es ist überall richtig voll. Vorsicht ist geboten, wenn der Mistral weht. Meist im Winter, jedoch bisweilen auch zwischendurch, zieht der kalte Luftstrom das Rhônetal herunter und erreicht in Böen über 130 km/h – dann wird es gefährlich auf dem Mopped.

Anreise

Zügig geht es über Lyon und durch das Rhônetal gen Süden. Genussfahrer mit genügend Zeit reisen durch die Schweiz oder durch Norditalien an. Dann lassen sich auch gleich die herrlichen Strecken der französischen Alpen und der Provence auskosten. Aus dem Süden Deutschlands oder Österreich kommend, bietet sich auch die Tour entlang der italienischen Mittelmeerküste an.

Unterkünfte

Hotels von einfach bis komfortabel, gemütliche Pensionen oder die Chambres d’Hôtes, privat geführte Gästezimmer – die Übernachtungsmöglichkeiten in Frankreich sind ungemein breit gefächert. Über die üblichen Online-Portale lassen sich von zu Hause aus oder auch vor Ort ansprechende Unterkunft finden. Dabei helfen auch gern die örtlichen Touristinfos. Außer im Ferienmonat August funktioniert das meist auch kurzfristig. Die Autoren haben ohne Reservierungen immer eine Bleibe für die Nacht gefunden. In Frankreich locken zudem unzählige, landschaftlich oft sehr schön gelegene Campingplätze. Die Autoren haben sich auf dem »Camping du Garlaban « in Aubagne nur wenige Minuten außerhalb Marseilles sehr wohlgefühlt (www.camping-garlaban.com).

Literatur / Karte

Michaela Beimfohr: CityTrip Marseille, Reise Know-How Verlag, 7. Auflage (2019), ISBN: 978-3-8317-3209-8, 12,95 Euro – mit Stadtplan zum Herausnehmen, vielen Details und kostenloser Web-App.
Michelin Regionalkarte 527: Provence-Alpes- Côte-d’Azur 2020, M.: 1:200.000, ISBN: 978-9-60-212692-9, 10,95 Euro – mit Stadtplan von Marseille, zahlreichen Details und Sehenswürdigkeiten.