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MARTIN OSSBERGER: Politik, die die Seele berührt


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 29.03.2018

Mythos Weimar – Vorbild für ein neues Politikverständnis


Kann uns unsere Geschichte helfen, politisch zu sein, politisch zu werden? Sollte dies überhaupt Ziel sein? Wäre es besser, sich zurückzuziehen, da ein einzelner Mensch ohnehin nichts ausrichten kann? – Reisen wir zum Mythos der „Dichter und Denker“, geboren in Weimar zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Damals explodierte die Bombe der Französischen Revolution in der europäischen Zeitgeschichte. Der Frühkapitalismus machte sich breit und damit die Funktionalisierung der Ressource Mensch. Aber lassen wir gleich eine zweite Bombe explodieren oder ...

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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 2/2018

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... vielleicht eher einen Blitz einschlagen: ein Mitglied der späteren Weimar Quadriga, Herder, neben Goethe, Schiller und Wieland der vierte Spiritus Rector des Weimarer Mythos. Er sticht 1769 in See.

Goethe, Schiller, Wieland, Klopstock, Lessing und Herder


Goethe Schiller Wieland Klopstock Lessing Herder.jpg

Goethe war abgestoßen von der politischen Aufgeregtheit, vom Vulkanausbruch des Sozialen und Politischen. Er liebte die Übergänge, nicht die Brüche; das Allmähliche zog ihn an, das Abrupte, das Plötzliche stieß ihn ab. Er war ein Freund der Evolution, nicht der Revolution.


Ein Politiker, der die Gesellschaft verbessern will, sich aber weigert, bei sich selbst zu beginnen, ist kein Politiker, so Goethes Einstellung.


Der staatliche Terror in Frankreich um 1793 mit Massenhinrichtungen und Pogromen gab dem Dichter recht. Und er ging selbst mit großem Beispiel voran. Goethe schlug seine Schlachten vordringlich auf den Feldern des inneren Kampfes.

Goethe war ein Meister des Lebens

Es trieb ihn an, Werke zu erschaffen und das Leben als Werk zu verstehen. Die Tätigkeit gab ihm Befriedigung. Er legte sich strenge Rituale auf, übte unentwegt Selbstdisziplin. Sein Grundsatz war: Das, was man macht, muss man voll und ganz machen, mit vollster Hingabe.

Mit dieser Haltung übersiedelte er von Frankfurt nach Weimar und übernahm Verantwortung, wurde u. a. Minister für Militär, Finanzen, Bergbau. Seine Aufgaben macht er sich so zu eigen, dass sie sein Herz erfüllen. Im Mittelpunkt steht die Frage: Was mache ich aus mir? Seine Antwort lautet: in erster Linie sich als ein unverwechselbares Individuum zur Geburt zu bringen und in zweiter Linie der Gesamtheit zu dienen. Jeder soll ein Glied der Gemeinschaft werden.

Friedrich Schiller


© Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44445826

Jeder kann an seinem Ort das Beste machen

So steht er in der Tradition des platonischen Gerechtigkeitsverständnisses. Jedoch ist er an der Struktur der damaligen Politik gescheitert, es gelang noch nicht einmal, anständige Straßen nach Weimar zu bauen. Er kehrte der bürokratischen und kleinteiligen Politik seiner Zeit den Rücken und besann sich auf die Kunst mit dem Verständnis: „Ich habe mich immer nur auf dem Umweg über die Welt kennengelernt, indem ich mir angeschaut habe, was ich gemacht habe.“

Die Geschichte benötigte noch ein zweites poetisches Zentralgestirn, das die geistige Welt aus den Angeln heben konnte. Erst die Ankunft Schillers machte die kleine Residenzstadt zu einer Fackel der Geschichte.

Auch Schiller setzte auf den Abstand zum tagespolitischen Betrieb. Er stellte Kultur und Kunst der Politik voran. Goethe und Schiller arbeiteten den Humanismus als Maßstab des Handelns aus. Goethe ein wenig abgeklärter, wogegen Schiller immer gleich die ganze Menschheit in die Waagschale warf. Er hatte auch nicht viel Zeit zu verlieren, denn in der bewussten Nähe seines eigenen Todes entschloss er sich, die verbleibende Zeit der Schönheit zu widmen, dem schönen Menschen, dem schönen Staat und dem schönen Universum.

Durch Schiller wurde Rückzug aus der Politik in ein alternatives politisches Programm verwandelt.


Erst durch ästhetische Bildung und im Spiel muss der Mensch Freiheit erlernen und verinnerlichen, um sie dann in der äußeren politischen Welt verwirklichen zu können.


Als Manifest einer alternativen Entwicklung von Gesellschaft und Staat gilt Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“.

Ein höheres Ziel, jenseits von politischer Macht und Alltag

Schiller liefert eine eindrückliche Gesellschaftsanalyse, die erstaunlich modern klingt: Die Gesellschaft hat Fortschritte gemacht in Technik, Handwerk und Wissenschaft durch Arbeitsteilung und Spezialisierung. Aber der Einzelne verarmt in der Entfaltung seiner Anlagen und Kräfte in dem Maße, wie die Gesellschaft im Ganzen reicher und komplexer wird. Menschen sind nur noch „Bruchstücke“. Auch Politik ist nur noch zu einem „Maschinenwesen“ aus Spezialisten der Macht geworden.


Die Politik ist nicht mehr Ausdruck der vereinten Macht der Individuen.


Im Grad der Kulturfähigkeit sollte der Fortschritt des Menschheitsgeschlechts gemessen werden. In diesem Sinne erkennt er das Scheitern der Französischen Revolution. An die Stelle der politischen Revolution setzte Schiller also die kulturelle Erziehung – dadurch wird der Mensch zur wahren Freiheit erzogen.

Der Staat existiert in jeder fein gestimmten Seele

Schiller schreibt von dem ästhetischen Reich des Spiels. Der Mensch als Akteur und Zuschauer zugleich: er genießt das Genießen, fühlt das Gefühl, er liebt das Verlieben. In dieser Welt wirft er die Fesseln jedes Zwangs beiseite. „Der Mensch spielt nur dort, wo er in der vollen Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da Mensch, wo er spielt.“ Es geht um Mündigkeit des Menschen, der aus sich selbst ein Werk macht. Und das vollkommenste Kunstwerk ist der Bau einer wahren politischen Freiheit, die Herstellung eines sittlichen Staates, der sich in dem reinen Menschen widerspiegelt. Alle Verbesserung im Menschen soll von der Veredelung des Charakters ausgehen.

Jeder Einzelne trägt zum Ganzen bei, wenn Politik als Ausdruck der vereinten Macht der Individuen verstanden wird


© Ronstik | Dreamstime.com

Zeitbürger: „Lebe in deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf!“

Schiller ruft alle Idealisten auf, die Zeit, in der sie leben, als die beste und segensreichste zu entdecken; sich aber nicht von der herrschenden Mode den Idealismus austreiben zu lassen! Sonst wird Politik beliebig ohne eine Anknüpfung an zeitlose Ideale.

Schiller empfiehlt ein Ideal als Richtungsweiser, ein geistiges Fundament zu erschaffen, auf dem sich die Zukunft des freien Staates errichten lässt und im politischen Tumult die Andacht vor dem Schönen zu pflegen.


Die Kunst ins Zentrum des Seins zu setzen, bedeutet, Lebenskunst zu praktizieren.


Sein Motto: Altes bewahren, zu neuen Ufern aufbrechen. Das „Alte“ war sein Ideal, das Brennglas seines Denkens, das Heilige.

Insofern hat Schiller und mit ihm auch Goethe das Heilige ins Politische zurückgeholt. Sie zeigen einen politischen Weg und fordern die Menschen auf: Konzentriere dich auf das Wesentliche, auf deine edle Seele! Sammle alle Kräfte in dir, schmiede dich als Individuum zu einem heißen Kern voll Wille, Liebe und Intelligenz, um mit voller Energie aus der dunklen und nahrhaften Erde zu treiben. Vertikalisiere dich wie ein Baum und bringe in der Welt eine Politik des gerechten Zusammenlebens zum Erblühen!

Literaturhinweis:
• J. G. Herder, Journal meiner Reise im Jahr 1769, Reclam, 2008.
• R. Safranksi, Romantik, Fischer, 2015.
• H. Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, rororo, 2013.
• R. Safranski, Gespräch in NZZ Standpunkte, Von Goethe lernen? Youtube, 15.11.2017
• R. Safranski, Schiller, Hanser, 2004: http://www2.ibw.uni-heidelberg.de/~gerstner/Schiller_Aesthetische_ Erziehung.pdf, 15.11.2017