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Maschine 27614


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 22.02.2019

Karrieren Robert Rother saß als Millionenbetrüger knapp acht Jahre in chinesischen Gefängnissen. Nun ist er frei und erzählt über Folter und Zwangsarbeit.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 9/2019

Autofan Rother mit seinem Ferrari, Gäste bei der Eröffnung der Tuning-Filiale in Shenzhen 2010
EAuf der Überholspur des chinesischen Turbokapitalismus


Häftling Rother im Gericht in Shenzhen 2013: Sitzen, warten, parieren


Hier geht er also zu Ende, sein kurzer, schneller Weg nach oben. Mit 13: der erste Aktiendeal bei der Sparkasse, in Unna. Mit 17: die erste Firma, in die er einsteigt, in Frankfurt. Mit 26 der erste Ferrari, in China, mit 27 sein ...

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... zweiter. Und am Hand gelenk eine Hublot Big Bang, ein Backstein von Uhr. Er war ein Kaiser in China, aber jetzt, mit 30, sitzt er im Knast. Untersuchungsgefängnis Nummer drei in Shenzhen. Eine Zelle, 15 Häftlinge, ein Loch im Boden – das Klo.

Robert Rother sieht im Sommer 2013 keinen Ausweg mehr aus dieser Zelle. Doch, einen: die Plastiktasse, die sie ihm gegeben haben. Die Tasse hat einen Deckel, der Rand ist scharf genug. Die Kamera in der Zelle lässt einen toten Winkel, er will sich nachts um zwei umbringen, wenn die anderen in der Zelle dösen. Rother schreibt seiner Mutter: »Ich sehe hier keine Hoffnung mehr. Die machen, was sie wollen. Wenn der Fall bis zum 12. September 2013, meinem Geburtstag, nicht in den Medien ist, bin ich tot. Ich werde mir das Leben an meinem Geburtstag nehmen.«

Er er macht es dann doch nicht. Rother kriegt acht Jahre, für millionenschweren Finanzbetrug, kommt ins Gefängnis Dongguan im Süden, er schuftet dort sechs Tage die Woche, neun Stunden am Tag. Er wird zu einer Maschine, er spurt und gehorcht und kniet nieder, wenn er einen Wärter anspricht. Er fühlt sich wertlos und wehrlos, er erlebt und erleidet den Alltag in einem chinesischen Knast.

Sieben Jahre und sieben Monate hält er auf der Innenseite der Mauer durch, ein Deutscher, der Zeuge von Zwangsarbeit und Folter wird. Er malocht selbst im Akkord, er will gesehen haben, wie Gefangenen das Gehirn »frittiert« wird. So nennen das die Häftlinge, wenn einem der Elektroschocker an die Schläfe gedrückt wird.

Rother zählt die Wochen, Monate, Jahre, er sitzt und wartet, wartet und pariert. Pariert, wartet, sitzt. Bis zum 19. Dezember 2018. Da steht er von seinem Platz in der Knastfabrik auf, geht durch den Mittelgang, die anderen klatschen, so wie sie das immer machen, wenn einer rausdarf. Noch am selben Abend steigt Rother in Hamburg aus dem Flugzeug, ein paar Tage später ruft er beim SPIEGEL an: »Hier Robert Rother, auf diesen Anruf habe ich sieben Jahre gewartet.« Er will erzählen, was er erlebt hat. Das, sagt er, sei er denen, die noch in Dongguan sitzen, schuldig. Eine einsame Insel. Wangerooge im Januar ist wie ein Freibad in der Winterpause. An einem Dienstag will Rother abends um sieben noch etwas essen – alles zu. Also bekocht ihn seine Mutter. Sie leitet für die Caritas Dortmund das Gästehaus Germania. Das ist jetzt aber auch dicht.

Kaum einer will im Januar auf die Nordseeinsel, der Sturm peitscht die Wellen gegen den Strand und die Einheimischen von der Straße. Für Rother, jahrelang eingesperrt in einer überfüllten Zelle, gibt es keinen Ort, der besser wäre. Er muss sich in der Gegenwart erst mal zurechtfinden. Als er rauskam und die Chinesen ihn zum Flughafen brachten, seien die Farben draußen vor der Scheibe so schnell vorbeigerauscht, dass ihm kotzübel wurde, erzählt er. Und das Parfum einer Frau traf ihn wie ein Schlag auf die Nase. Er braucht Zeit, bevor er weiß, wie es weitergeht. Aber bevor er an die Zukunft denkt, muss er erst mal zurück, in die Vergangenheit, und sein Versprechen halten: sagen, wie Gefangene in einem chinesischen Gefängnis behandelt werden.

Rothers Geschichte von Aufstieg und Fall wirkt geradezu fantastisch. Er erzählt sie in den einfachen, kurzen Sätzen eines Jungen aus dem Ruhrgebiet, der die Schule abgebrochen hat; manches so lässig und beiläufig, dass ständig die Frage über allem schwebt: »Echt jetzt?« Aber der SPIEGEL hat Weggefährten gesprochen, die seine Angaben bestätigen, soweit das möglich ist. Über seinen Prozess 2013 berichteten Zeitungen in China; Szenen aus dem Leben davor, auf der Überholspur des chinesischen Turbokapitalismus, lassen sich noch im Internet nachverfolgen. Etwa wie er betrunken mit dem Ferrari in einen Bus schepperte.

Für das, was er aus der Haft erzählt, gibt es dagegen keine Beweise. Das Auswärtige Amt betreut derzeit elf Deutsche in chinesischen Knästen. Es bestreitet, konkrete Hinweise auf Folter und Zwangsarbeit bekommen zu haben. Auch nicht von Rother, obwohl man bei jedem Besuch nach Folter gefragt habe. Rother und seine Mutter kontern mit eidesstattlichen Versicherungen, dass sie auch dem Konsulat Misshandlungen und Zwangsarbeit gemeldet hätten.

Der SPIEGEL konnte mit zwei anderen Häftlingen sprechen, die in Dongguan gesessen haben, einem Südafrikaner und einem Bangladescher. Sie bestätigen im Kern Rothers Angaben, die Zwangsarbeit, die Folter. Was Rother sagt, passt außerdem zur Schilderung des Neuseeländers Danny Cancian, der 2012 aus Dongguan entlassen wurde und dessen Foltergeschichte durch die Weltpresse ging. Und in einem Bericht von Amnesty International über Folter in China tauchte 2015 vieles von dem auf, was Rother erzählt. Der SPIEGEL fragte am Ende auch die chinesische Botschaft. Es kam keine Antwort.

Der Aufstieg

Die frühen Jahre, in der Version von Robert Rother: Er war 13, als er in Unna zur Sparkasse ging, um ein Aktiendepot zu eröffnen. Er hatte im Fernsehen n-tv geguckt, da liefen die Kurse durchs Bild. Er wollte mitspielen in dieser Welt, die so weit weg war von Unna und der Mittelstandsfamilie, in der er aufgewachsen war, mit der verwitweten Mutter, ihrem Partyservice, einem Haus und drei Kindern. In der Sparkasse schickten sie ihn erst mal die Treppe hoch, zu einem der höheren Herren, der ihm »verklickerte, dass ich mit 13 für die Börse noch zu jung war«. Fand Rother nicht.

Kurz danach hatte er ein Depot, mithilfe seiner Mutter. Er zeichnete sich Aktiencharts auf, las Bücher über Trading. Wenn er aus der Schule kam, gab er seine Aufträge durch. Bei der Sparkasse waren sie jetzt sehr freundlich zu ihm.

Sein Leben teilte sich in einen langweiligen Morgen und einen aufregenden Nachmittag, der Morgen interessierte ihn immer weniger, er wollte lernen, sagt er, »aber was anderes als in der Schule«. Nach der Zehnten ging Rother vom Gymnasium, versuchte es noch mal auf dem Berufskolleg. Als ein Lehrer erklären wollte, was eine Aktiengesellschaft ist, hatte er genug.

Wie Rother erzählt, besaß er da längst Konten in den USA und war ins Daytrading an der Technologiebörse Nasdaq eingestiegen. Fiel damit auf die Schnauze. Stand wieder auf. 1999 bekam er eine Mail, von einem jungen Gründer aus dem Taunus. Ob man nicht eine Investmentfirma zusammen machen wolle? Ro - ther wurde über seine Mutter Teilhaber der Nauerz & Noell AG in Frankfurt. Er war knapp 18, hatte noch sieben Jahre, um sein Versprechen wahr zu machen, das er sich mit 15 gegeben hatte: »In zehn Jahren habe ich den ersten Ferrari.«

Die Tage begannen nun morgens mit den Börsen in Europa und endeten abends mit den Börsen in den USA. »Ich war 24 Stunden mit dem Herzschlag am Puls der Märkte«, erinnert er sich. »Irgendwann dachte ich, mein Kopf brennt durch.« Wieder war Rother einer der Jüngsten. Diesmal schaffte er ein Burn-out mit 22.

Ein Bekannter fragte ihn, ob er mit auf eine Geschäftsreise kommen wolle. 2004 flog Rother nach Shanghai, er wohnte im Hotel im Jin Mao Tower, unter sich die dampfende, stampfende Megacity, die ein Leben verhieß, wie es sein sollte. China, das war die Zukunft, auch seine. Er löste zu Hause nur noch die Wohnung auf, dann war er weg.

Es folgten, so Rother, viele Ideen, viele Reisen, viele Partys, wenig Erfolg. Am Ende war er so pleite, dass er nicht mal ein Taxi hätte bezahlen können. Und so saß er eines Tages in Guangzhou im Süden Chinas in einem Starbucks, scrollte gerade durch seinen Laptop, und dann kamsie . Die Frau seines Lebens. Zheng Li. Sie fragte, ob der Platz neben ihm frei sei. Der Beginn einer verhängnisvollen Affäre, die Rother fast acht Jahre kosten sollte, und sie noch mehr: Zheng Li sitzt lebenslang, als Haupttäterin.

Rother sagt, nie zuvor habe er einen Menschen von so schneidend klarem Verstand getroffen. Juristin mit einer wohlhabenden Familie aus Shanghai im Rücken. Allerdings mit einer Vergangenheit, mit der sie sich in Shanghai besser nicht mehr blicken ließ: Gläubiger behaupteten, sie habe mehr als elf Millionen Yuan unterschlagen, fast eineinhalb Millionen Euro.

Zheng Li brauchte einen Neustart, Rother auch, er hatte die Visionen, »sie konnte Kapital aus dem schlagen, was ich im Kopf hatte «. Und das Kapital saß in Shenzhen, der Zwölf-Millionen-Boomtown an der Grenze zu Hongkong. Dort begannen sie um 2006 zu handeln. Zuerst mit Diamanten.

Rother-Freundin Zheng im Gericht 2013: Cash für die Hinterzimmer


Im Urteil des Mittleren Volksgerichts Shenzhen aus dem Dezember 2013 heißt es, er und Zheng Li hätten Geschäftsfreunde angefüttert, mit kleinen Deals. Und wenn die ihnen dann teure Diamanten anvertraut hätten, für den Verkauf an Ausländer, oder große Summen für lukrative Anlagen, hätten sie das meiste unterschlagen. Die beiden hätten Schneeballsysteme aufgezogen und mit dem Geld neuer Anleger die Zinsen der alten bezahlt. Bis alles zusammenbrach. Millionen seien verschwunden, so das Gericht. Allein Rother richtete demnach 21,3 Millionen Dollar Schaden an.

Rother behauptet, so sei das nicht gewesen. Nein, kein Schnellballsystem; welches Schneeballsystem halte schon Jahre durch? Die angeblichen Opfer seien reiche Geschäftsleute gewesen, erfahrene Finanzprofis. Natürlich hätten die gewusst, was mit dem Geld oder den Diamanten passiert. »Die meisten Geschäfte liefen ja auch gut.« Ein Grinsen huscht über sein Gesicht. Er könne das alles erklären, sagt er, nur nicht so, dass alles legal gewesen sei. Er hätte sich ja selbst verhaftet, wenn er der Staatsanwalt gewesen wäre, gibt er zu.

So wie Rother es darstellt, hat er keine Anleger betrogen. Er habe Geschäfte gemacht, die der chinesische Staat nicht erlaubt habe. Zum Beispiel für die neuen Reichen Geld ins Ausland verschoben; viel Schwarzgeld, glaubt Rother. Oder er nahm als Kredithai zwei, drei Prozent Zinsen pro Tag, etwa für Schuldner, die Ackerland kauften, das ihnen korrupte Politiker zuschanzten. Kurz danach wurde es zu Bauland und war das Zigfache wert. Im Urteil steht davon allerdings nichts.

In der Spielerstadt Macau hätten Zheng Li und er dafür gesorgt, dass es in den privaten Hinterzimmern der Ca sinos, wo Millionäre die Limits sprengen, immer genug Cash gab. Und mit der Börsenaufsicht in Shenzhen hätten sie sich bestens verstanden. Da sei immer mal ein Insidertipp abgefallen. Klar, dass das illegal war.

Auf Fotos von damals sieht Rother aus wie ein Wonneproppen im Wirtschaftwunderland. Rundes Milchgesicht, Dauerlachen. Der Typ, neben dem andere gern auf der Party stehen und der mit seinem Bauch nicht so wirkt, als würde er schon beim siebten Rotoder achten Reiswein abwinken. Rother sorgte allerdings dafür, dass er nicht auf den falschen Partys neben den falschen Leuten stand. Zugänge sind in China alles, Vertrauen muss man sich verdienen. Oder kaufen. Als er 5 Millionen Yuan zusammenhatte, kaufte er sich einen Ferrari F430 für 4,3 Millionen. Verrückt?

Der Wagen war seine Eintrittskarte in den Ferrari Owner’s Club; der Chef der Ferrari-Vertretung führte ihn ein. 50 reiche Chinesen, so erinnert sich Rother, hätten ihn angestarrt, in jedem Gesicht die Frage, was der Bubi hier zu suchen habe. Aber dann hätten sie begriffen, dass der Bubi einen Ferrari hat, alle seien in die Karaoke - Bar, und er habe den Laden gerockt, mit Robbie Williams’ »Lord I’m Doing All I Can, to Be a Better Man«. Danach hatte er 50 neue Geschäftsfreunde. Und den Ferrari. Gut, ein Jahr zu spät. Erst mit 26.

Er kaufte sich die Hublot-Uhr, eine Audemars Piguet, eine Breitling, er kaufte sich einen Mercedes S 500, einen Maserati Quattroporte, er kaufte sich noch einen Ferrari 430 Scuderia, hochgejazzt auf 747 PS, Speziallackierung in Gelb-Schwarz, schließlich war er Dortmund-Fan. Er kauf- te sich dafür gleich zwei Nummernschilder, für Macau und China, damit er an der Grenze nicht aussteigen musste. Die Doppelschilder waren limitiert, auf dem Schwarzmarkt kostete ihn der Spaß um die 60000 Dollar. Als Statussymbol waren die Schilder aber unbezahlbar.

Und weil er sich mit Ferraris nun schon mal auskannte, eröffnete er eine Ferrari- Tuning-Werkstatt in Shenzhen. Im Netz stehen noch die Fotos vom »Grand Opening « am 31. Januar 2010; Schampus, Models in kurzen Röcken, Rother überall.

Der Fall

Frühjahr 2011. So wie Rother das heute erzählt, scheint sein Leben damals perfekt gewesen zu sein. Er hat 30 Mitarbeiter und die nächste Geschäftsidee. Er baut eine Nachrichtenwebsite in Englisch auf, für China-Investoren. Er hat ein italienisches Rennwagenteam in der Le- Mans- Serie gesponsert. Sein Ferrari ist nach dem Crash mit dem Bus wieder heil, und die Polizei hatte netterweise sechs Stunden mit dem Alkoholtest gewartet. Zheng Li verzeiht ihm sogar seine neue Freundin Miao und –was ihr noch schwerer fiel – dass dieses Miststück in seinem Ferrari mitfahren durfte. Aber das Beste: Dortmund wird Deutscher Meister. Rother fliegt zur Meisterfeier, jubelt mit den Fans auf der gesperrten Bundesstraße 1. Ach, kann das Leben schön sein!

Am 20. Mai ist er zurück. Er sitzt in seiner Lieblingsbar in Shenzhen, Lili Marleen. Plötzlich stehen zwei Polizisten vor ihm und sagen, man müsse mal reden. Das Lili Marleen, das ahnt Rother in diesem Moment noch nicht, wird er nie wiedersehen. Und sein altes Leben auch nicht.

Er will erst an »ein Missverständnis« geglaubt haben. Hatten er und Zheng Li nicht aufgepasst, dass man ihnen nichts nachweisen konnte? Ihm fällt ein, was ein Bekannter angedeutet hatte: dass die neue Nachrichtenseite nicht jedem in der Regierung gefalle. Ist es das? Oder der Taiwaner, der plötzlich sein Geld zurückverlangte, das Rother für 30 Prozent Zinsen anlegen sollte?

Wie Rother sagt – überprüfbar ist das nicht –, begann die Polizei nach 19 Stunden mit der Vernehmung. Er konnte kaum noch die Augen aufhalten, ein Beamter soll gesagt haben: Wenn du gestehst, dass du Geld gestohlen hast, kommst du nach Deutschland zurück. Rother gestand nicht. Sie steckten Rother in eine Zelle ins Shenzhen-Untersuchungsgefängnis Nummer drei. An der Wand ein Holzpodest, aber als er kam, schliefen schon zehn oder elf darauf. Er legte sich auf den Boden. Der nächste Tag, das nächste Verhör. Rother behauptet, er habe ein Protokoll vorgelegt bekommen, auf Chinesisch, mit Fehlern. Die würden noch korrigiert. Wurden sie aber nicht. Einmal sagte einer der Vernehmer angeblich, Rother drohe die Todesstrafe. Ein Bluff? Nicht bei den Summen, um die er die Leute betrogen haben sollte.

Rother verlangte einen Anwalt, ein Polizist soll gefragt haben: Wofür einen Anwalt, wenn du nichts verbrochen hast? Immerhin durfte das deutsche Konsulat seine Beamten schicken. Sie wurden für ihn zum Anker der Hoffnung, während die Hoffnung schwand, wieder rauszukommen. Erst hieß es, sie müssten ihn drei Tage dabehalten. Dann 30. Dann Monate.

Er solle doch sagen, wo er das ganze Geld versteckt habe. Rother schwieg. Die Polizisten behaupteten angeblich, seine Ex-Freundin habe ausgepackt, er sei der Boss gewesen. Rother schwieg weiter. Geständnisse, so Amnesty International 2015, sind in China das häufigste Beweismittel, um zu einer Verurteilung zu kommen, die Polizei versuche es immer wieder. Zheng Li hatte, wie Rother später erfuhr, gar nicht gegen ihn ausgesagt.

Der Prozess kam ihm wie eine Farce vor; es war die Zeit, in der er an Suizid dachte. Chinesische Medien zeigten Fotos von Rother auf dem Weg ins Gericht. Ro - ther lachte, als wäre alles nur noch zum Lachen. »Ich wollte zeigen, dass sie mich in der U-Haft nicht kleingekriegt haben.« Hatten sie aber.

City von Shenzhen: Schampus, Models, kurze Röcke


Die Haft

21. Juli 2014: Ausländer wie Rother kamen ins Gefängnis von Dongguan. Die meisten hier waren aber Chinesen: Betrüger, Drogenhändler, Menschenschmuggler, auch Mörder und Totschläger. 5000 Häftlinge, Rothers Nummer: 27614. Nur hieß er jetzt nicht mehr Rother. Er bekam, so erzählt er, einen chinesischen Namen, Luozi Luobote. So habe er sich von nun an melden müssen, wenn er einen Wärter ansprach: rechte Hand zur Faust erhoben, »sehr geehrter Herr Wärter, ich bin der Gefangene Luozi Luobote«. Dann auf die Knie gehen und ergebenst eine Bitte vortragen.

Im ersten Monat saß er im Block für die Neuen. Eine Zelle für 18 Häftlinge, sie waren gut 40. Draußen 36 Grad, eine stechende, stinkende Luft, von schwitzenden Männern, aus den Toilettenlöchern. Er sagte den Wärtern, dass er Bluthochdruck habe. Er wurde untersucht, hatte Glück: Sein Wert habe über 200 gelegen. Sie gaben ihm eine Beruhigungsspritze, er bekam sogar ein Bett in der Zelle, das er nur mit einem kleinen Chinesen teilen musste. Das Erste, was Luozi Luobote lernte, war: Egal, was sie dir antun, sie wollen keinen toten Deutschen.

Nach einem Monat wechselten die Neuen in andere Blöcke, andere Zellen. 18 Schlafplätze, 18 Häftlinge. Insgesamt saßen auf ihrer Etage 90 Gefangene. Das war ihr »Flur«. Aufstehen um halb sechs, eine Schale Reis mit Gemüse, dann Töpfe waschen, 6.50 Uhr Abmarsch des »Flurs« zum Fabrikgebäude sechs. Das lag hinter den Gefängnismauern.

Im Gleichschritt, marsch, die Arme durchschwingen, rechts drehen, links drehen. Rother sagt, wenn einer das nicht ernst genommen habe, habe er einen Tritt bekommen, entweder von den Wärtern oder den Zellenkapos. Die waren das Ohr der Wärter in den Zellen und ihr verlängerter Arm zum Prügeln. Luozi Luobote lernte: Wer aus der Reihe tanzt, stellt sich gegen das Ganze, und keiner ist gefährlicher als der, der das System angreift.

Auch er kassierte angeblich einen Tritt von einem Wärter, weil er nicht zackig mitmarschierte. Luozi Luobote wusste, dass alles videoüberwacht war, er beschwerte sich. Die Leitung putzte den Wärter herunter, er musste sich sogar entschuldigen. Luozi Luobote wurde gefragt, ob er ihm vergebe.

Luozi Luobote lernte: Auch im Kommunismus sind nicht alle gleich. Es gab Gefangene aus Ländern, deren Konsulate ständig nachhakten, wie es ihnen gehe. So wie das deutsche. Und Häftlinge, die ihren Ländern wohl egal waren. Afrikaner. Vietnamesen. Die standen in der Hierarchie so tief unten wie die Chinesen. Wenn Luozi Luobote dem Wärter nicht vergebe, mache man ihm allerdings das Leben schwer, soll die Leitung gesagt haben. Es liege an ihm, wie er hier klarkomme.

Arbeitsbeginn morgens um sieben. Andere in der Fabrik bauten Modellautos und Kofferschlösser. Unter den Porsche-Modellautos habe der Name eines japanischen Herstellers gestanden. Auf den Kofferschlössern: Samsonite – die Firma sagt, sie wisse davon nichts, lehne Zwangsarbeit strikt ab und wolle der Sache jetzt nachgehen. Block zwei, Etage vier, sein »Flur«, baute Transformatoren. Luozi Luobote will Kupferdraht um einen Eisenring gewickelt haben. Zwei Meter Draht, 61-mal mit einem Haken durch den Ring gezogen, fertig, das nächste Stück.

Um zwölf Uhr Abmarsch zurück zu Block zwei, Reis mit Gemüse, manch mal Fleisch, Hühnerfüße, Hühnerköpfe, die fischte er raus und warf sie weg. Nachmittags die zweite Arbeitsschicht bis kurz vor sechs. Dann Essen, Staatsfernsehen gucken. Ansprachen der Wärter über die Erziehung des Menschen im Kommunismus. Schließlich eineinhalb Stunden frei. Zählappell, Nachtruhe.

In der Fabrik arbeiteten sie im Akkord, ein Leben nach Punkten. Jeder Transformator habe gut einen Punkt gebracht, so Rother. Am Anfang startete Luozi Luobote als Arbeiter der sechsten Klasse, er musste 240 Punkte am Tag schaffen. Nach drei Monaten stieg das Pensum auf 288, damit war er Arbeiter der fünften Klasse. Höher kam er nicht – der Blutdruck. Von Arbeitern der ersten Klasse wurden 480 Punkte verlangt. Wenn er am Monatsende genug zusammenhatte, bekam er 20 Yuan, 2,60 Euro, für Einkäufe. Und wer jahrelang seine Monatsziele schaffte oder übertraf, durfte früher raus. Das war die gute Seite. Die schlechte: Wer nicht schnell genug war, wurde bestraft. Nicht nur, weil er weniger kaufen durfte. Es gab dann auch keinen monatlichen Telefonanruf nach draußen, kein Fernsehen in der Freizeit.

Ex-Gefangener Rother auf Wangerooge : »Ausgelutscht wie Zitronen«


»Die Arbeitsziele wurden immer höher geschraubt, bis sie nicht mehr zu schaffen waren«, sagt Rother heute, »wir wurden ausgelutscht wie Zitronen.« Die Häftlinge nannten sich selbst »Maschine«, sie arbeiteten neun Stunden, nicht acht, wie es im Gesetz stand; auch der Sonntag sei immer wieder Arbeitstag gewesen.

Die ganze Härte des Systems bekamen Rother zufolge aber die zu spüren, die dagegen rebellierten. Die ganze Härte, das waren der Eisenstuhl, der Elektroschocker, der Isolationsblock 14. Die Folter. Der Häftling 27614, Robert Rother aus Deutschland, der Häftling 18590, Freddie Abdallah aus Südafrika, der Häftling 28062, Bhuiyan Rahman aus Bangladesch – drei Ex-Sträflinge aus Dongguan bezeugen das nun im SPIEGEL.

Der Eisenstuhl: So wie sie es erzählen, stand ein Stuhl an der Kopfseite der Fabrikhalle, einer im »Kulturraum« des Wohnblocks. Ein weißer Rohrstuhl, für Arbeitsverweigerer, für Schläger, für Gefangene, die bei den Punkten mogeln wollten. Arme und Beine wurden daran gefesselt, der Häftling saß auf den Rohren, die sich mit jeder Stunde tiefer ins Fleisch drückten. So sei es nicht nur Stunden gegangen, oft seien es Tage, sogar Wochen gewesen. Die Hände und Füße wurden taub, schwollen an.

Der Elektroschocker: Der Neuseeländer Danny Cancian, der 2012 entlassen wurde, berichtete von Elektroschocks im Mund. Rother behauptet, er habe es selbst gesehen: Ein Chinese saß im Kulturraum im Eisenstuhl, er hatte die Arbeit verweigert. Polizisten hätten Pfefferspray in die Luft gesprüht, »zum Aufwärmen«. Dann hörte Rother das elektrische Summen des Tasers, ein Geräusch, das er nicht mehr vergessen wird, wie er sagt. Ein Polizist habe den Schocker an die Arme, den Oberkörper gedrückt, der Gefangene habe sich eingekotet. Es folgte die Schläfe. Ein Häftling, George aus Nigeria, sei danach verrückt gewesen, sagt Rahman, der Ex-Sträfling aus Bangladesch.

Block 14: 2009, sagt Freddie Abdallah, habe er sich das Leben nehmen wollen, mit Farbverdünner. »Danach haben Sie mich in den Isolationsblock gesperrt.« In Block 14 kamen Gefangene, die besonders krass gegen die Regeln verstoßen hatten. Und ein Suizidversuch, der weiter oben die Frage aufwerfen würde, welcher Wärter versagt hatte, war einer der schwersten Regelbrüche.

»Sie setzten mich auf den Stuhl, eine Woche, ich musste auf dem Stuhl sogar meine Notdurft verrichten. Dann die Elektroschocks, denen war egal wo, im Nacken, an den Beinen, auf der Brust. Nach den Elektroschocks das Pfefferspray, das brannte wie Feuer auf der Haut.« Rother erinnert sich an Häftlinge aus Block 14, die an Händen und Füßen Ketten trugen und nur gebückt gehen konnten. Tagelang. Manche hätten mit einem Schild um den Hals durch die Gefängnisstraßen schleichen müssen, darauf der Satz: »Ich schäme mich für das, was ich getan habe.«

Offiziell wird in chinesischen Gefängnissen nicht gefoltert. Peking hat die Anti- Folter-Konvention der Uno unterzeichnet. Seit 2010 hat die Regierung mehrere Gesetze gegen Grausamkeiten in den Gefängnissen erlassen. Aber in der Praxis hat sich offenbar nicht viel geändert, wie schon der Amnesty-Bericht erahnen ließ. Eisenstühle, Elektroschocker, Wasserentzug, Fesselung ans Bett, Schlägerkommandos, all das tauchte darin auch 2015 immer noch auf. Was Rother aus Dongguan erzählt, lässt vermuten: Es ging so weiter. Es gab Kameras, doch die seien weggedreht worden, wenn gefoltert wurde. Es gab alle paar Monate eine Inspektion der Regierung. Aber kurz vorher seien die Eisenstühle weggestellt worden.

Für ihn ist das jetzt vorbei. Für ihn geht es darum, die Balance zu finden. Seine Mitte. Etwas in der Mitte zwischen den größenwahn sinnigen Jahren in Shenzhen und der Zeit, als er ein Nichts war, Nummer 27614. Wenn er etwas gelernt hat, dann dass er überall klarkommt, seit es ihm nichts mehr ausmacht, auf Beton zu schlafen. Rother ist jetzt 36, immer noch jung genug für ein neues Leben. Er sagt, dass er wieder Geschäfte machen wolle, aber er glaubt nicht, dass Geld noch mal seine Droge wird. Er hatte so viel, doch er kennt jetzt auch den Preis, den man zahlt: »Um zu wissen, wie Scheiße schmeckt, muss man sie gegessen haben.«

Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Jörg Schmitt
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FOCKE STRANGMANN / DER SPIEGEL