Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Mast Mabsrisnge?:REHWILD


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 04.04.2019

Bringen viele Eicheln und Bucheckern im Folgejahr Superböcke hervor? Dr. Christine Miller erläutert, welche Wirkung Mastjahre auf den Rehbestand haben.


Artikelbild für den Artikel "Mast Mabsrisnge?:REHWILD" aus der Ausgabe 7/2019 von Wild und Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Ödon Blaumann

In Mastjahren gibt es Tonnen von Bucheckern und Eicheln. Rehwild kann dadurch Feistreserven zulegen.


Foto: Karl-Heinz Volkmar

Foto: Jens Krüger

Jedes Jahr sind die Bedingungen im Rehwildrevier anders: Auf milde Winter mit vorzeitigem Frühlingsbeginn können Jahre mit hohen Schneelagen und Spätfrösten folgen, auf trockene Sommer äsungsreiche Mastjahre. Der Klimawandel hinterlässt seine Spuren. Alle kräftezehrenden Aktivitäten von der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Wild und Hund. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Gute Jagd trotz moderner Technik?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gute Jagd trotz moderner Technik?
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von LESERBRIEFE: Kerngesund dank Kochsalz?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE: Kerngesund dank Kochsalz?
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von KURZUNDBÜNDIG: Wenn es die Falschen trifft: INTERVIEW. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KURZUNDBÜNDIG: Wenn es die Falschen trifft: INTERVIEW
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Waswirklich: hilft: FUCHSJAGD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Waswirklich: hilft: FUCHSJAGD
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Spielend:KOMMUNIZIEREN: FOLGE 2: SÄULENMODELL DER JAGDHUNDEAUSBILDUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Spielend:KOMMUNIZIEREN: FOLGE 2: SÄULENMODELL DER JAGDHUNDEAUSBILDUNG
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von Welpen unterwegs?: TRÄCHTIGKEITSUNTERSUCHUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Welpen unterwegs?: TRÄCHTIGKEITSUNTERSUCHUNG
Vorheriger Artikel
KURZUNDBÜNDIG: Wenn es die Falschen trifft: INTERVIEW
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Waswirklich: hilft: FUCHSJAGD
aus dieser Ausgabe

Jedes Jahr sind die Bedingungen im Rehwildrevier anders: Auf milde Winter mit vorzeitigem Frühlingsbeginn können Jahre mit hohen Schneelagen und Spätfrösten folgen, auf trockene Sommer äsungsreiche Mastjahre. Der Klimawandel hinterlässt seine Spuren. Alle kräftezehrenden Aktivitäten von der Brunft, dem Setzen und dem Säugen der Kitze haben Rehe daher in die Zeiten mit maximaler Äsung zu verlegen. Besonders die Setzzeitpunkte müssen mit den Monaten, in denen das Pflanzenwachstum an seinem Höhepunkt ankommt, zusammenfallen. Dann können die Geißen und ihr Nachwuchs „auf der grünen Welle“ durch den Sommer surfen. 80 % aller Geißen mitteleuropäischer Forschungsprojekte setzten ihren Nachwuchs innerhalb von dreieinhalb Wochen um den 22. Mai, egal, ob die Geiß jung oder alt war, ob sie ein oder mehrere Kitze hatte oder ob es sich um Bock- oder Geißkitze handelte. Alle anderen wichtigen Verhaltensweisen, wie Brunft, Vorbereiten auf den Winter, Gehörnwachstum und Kitzentwicklung müssen auf den Fixpunkt der Setzzeit abgestimmt sein. Die Weichen dafür wurden jedoch schon viele Monate zuvor gestellt. So konnten sich Rehe im vergangenen Herbst (2018) noch einmal bei einer üppigen Baummast Feistreserven zulegen, nach einem in vielen Gebieten extrem trockenem Sommer. Doch diese Extra-Ration Energie gab und gibt es nicht in jedem Revier. Regional kann die Baummast sehr unterschiedlich ausfallen – mit entsprechend unterschiedlichen Wirkungen auf die ortstreuen Rehe, die im Gegensatz zum Schwarzwild nicht weiträumig von Mast-Buffet zu Mast-Buffet wandern.

In erster Linie ist die pflanzliche Produktion in einem bestimmten Lebensraum der Taktgeber für die Dynamik von Rehwild. Wo reichlich Grünäsung von Kräutern über Sträucher oder leicht verdaulichen Feldfrüchten vorhanden ist, können mehr Stücke leben. Die Wachstumsraten dieser Rehwildbestände sind in der Regel auch höher. Denn mehr pflanzliche Produktivität bedeutet mehr Fettreserven, stärkere Kitze und – wenn sonst keine gegenteiligen Effekte auftreten – auch geringere Winterverluste. Eindeutig ist dabei der Zusammenhang zwischen Herbstgewicht, das in Mastjahren erheblich ansteigen kann, und den Chancen eines Rehs, den Winter zu überstehen. Grundsätzlich nehmen Gewichte und Größenunterschiede bei Rehen von Süden nach Norden, vom Mittelmeer bis an den Rand des Polarkreises immer stärker zu. Für Kitze gilt, dass sie etwa 60 bis 65 % des für die erwachsenen Stücke der jeweiligen Region typischen Körpergewichts zum Winterbeginn erreicht haben sollten, um einen normalen Winter überstehen zu können. Die Weichen dafür wurden bereits im Sommer gestellt. Herbstliche Mast-Angebote im Lebensraum der Geiß erlauben den Kitzen, noch zusätzliche Reserven zu bilden.

Mastjahre sorgen für höhere Wildbretgewichte, wodurch eher in die Gehörnentwicklung investiert werden kann.


Foto: Marco Schütte

Nicht ganz so eindeutig belegt ist dagegen der direkte Einfluss des Äsungsangebotes im Herbst auf die Gehörnentwicklung der männlichen Stücke. Denn diese wird in erster Linie von Tageslänge und Hormonkomplexen gesteuert, nicht zuletzt dem männlichen Sexualhormon Testosteron. Nur wenn wenig Testosteron im Körper zirkuliert, wachsen die Stangen der Böcke. Von Oktober bis Januar ist die Konzentration dieses Hormons in ihrem Körper am geringsten. Ab Februar/ März steigt sie dann mit der wachsenden Tageslänge deutlich an und gipfelt während der Blattzeit.

Bei den Böcken beginnt frühestens ab Ende November das Wachstum der Stangen. Die Entwicklung von Jährlingsgehörnen wurde von den französischen Rehforschern um Jean-Francois Lemaitre in französischen Revieren intensiv untersucht. Dabei zeigte sich, dass sich die Jährlinge in guten Revieren Zeit lassen. Der Unterschied zwischen dem Versuchsrevier mit üppiger Pflanzenproduktion im Nordosten Frankreichs und einem schlechteren, mit sandigen Böden betrug fast einen Monat. In dem trockeneren Gebiet verknöcherten die Jährlingsgehörne bereits nach rund eineinhalb Monaten und wurden gefegt.

Grundsätzlich haben schwerere Jährlinge stärkere Stangen als schwächere, und sie können in einem Mastjahr ihr Gewicht steigern. Der Konditionsvorsprung wird dann im Laufe des Winters in das Gehörn investiert. Dieser Zusammenhang gilt auch für Kitzgehörne. Jedoch fanden die Forscher keinen Zusammenhang zwischen der Stangenlänge von Kitzen und des später vom Bock entwickelten Jährlingsgehörns. Beide sind Ausdruck der jeweiligen Bedingungen in den aufeinanderfolgenden Jahren. Sowohl bei den Kitzen wie auch bei den Jährlingen ist das Geweih ein zuverlässiges und „ehrliches“ Anzeichen für ihre Kondition. Und weil die ersten Monate im Leben eines Rehs auch entscheidend für sein späteres Leben sind, werden aus starken Kitzen mit den längsten Stangen auch die Böcke mit den größten Körpermassen.

Ob Kitze den Winter überstehen, hängt vor allem vom Wintereintrittsgewicht ab.


Foto: Michael Migos

Je stärker das weibliche Stück, desto mehr Nachwuchs. Ab circa 24 Kilogramm Körpergewicht setzen Geißen durchschnittlich mehr als ein Kitz.


Foto: Michael Breuer

Für den Jährling dagegen gilt: Die Kosten, schon mit einem Jahr ein starkes Geweih zu schieben, sind für den noch nicht ausgewachsenen Körper hoch – deutlich höher als für einen älteren Bock. Wer trotzdem als Einjähriger in starke Stangen investiert, hat zwar einen Wettbewerbsvorteil, doch eher ein kürzeres Leben. Wer es als Jährling dagegen langsam angehen lässt, kommt vielleicht später im Leben zum Beschlag, hat aber dafür ein längeres Leben. Je schlechter der Einstand, desto eher scheinen die Böcke die „ Schneller-Sex-Strategie“ zu verfolgen. Möglicherweise spielen aber auch weitere Faktoren, wie die Bestandsdichte und die Altersstruktur eine Rolle. Hier wäre es auch spannend zu erkunden, ob die Bockjahrgänge, die in einem Mastjahr groß geworden sind, eine andere Lebensstrategie verfolgen als die Bockkitze, die ein hartes erstes Jahr durchmachen mussten.

Jährlinge, die es mit der Gehörnentwicklung langsam angehen lassen, leben oft länger, da der Aufwand für den noch nicht voll ausgewachsenen Körper hoch ist.


Foto: Bildagentur Schilling

Die Stangen werden zu Beginn des Wachstumszyklus in der endgültigen Dicke gebildet, erst dann wachsen sie in die Höhe. Teilweise werden notwendige Mineralstoffe sogar aus den Körperknochen gelöst und in das Bastgehörn eingebaut. Diese vorsätzlich ausgelöste Osteoporose wird allerdings meist später vom Bock wieder ausgeglichen. Ein Stoffwechselprodukt von Vitamin D3, das sogenannte Calcitrol, kontrolliert den Wachstumsprozess. Tatsächlich gilt: Je höher die Konzentration dieses Stoffs im Körper und vor allem in den Blutgefäßen der Basthaut, desto länger werden die Stangen. Testosteron bremst wiederum das Wachstum und fördert die Mineralisation. Je mehr Testosteron der Rehbock im Laufe des Winters produziert, desto stärker verknöchert das Geweih. Baummast und Gehörnentwicklung verlaufen zeitversetzt, und ein einfacher Zusammenhang zwischen beiden besteht nicht.

Vermutlich gibt es drei Weichen, die beim Wachstum der Stangen eine Rolle spielen: Erstens die Körpermasse des Bocks, mit der er in den Herbst geht und der bis zu einem Grad von seiner Jugendentwicklung beeinflusst wird. Zweitens die Extraportion Energie, die er zu Beginn des Winters im Körper speichern kann – hier kann Baummast durchaus eine Rolle spielen. Und schließlich die Hormonproduktion im Lauf des Winters, die von vielen anderen Faktoren mitbestimmt werden kann, seien es innerartliche Faktoren, wie Sozialstruktur der Population, Einstandsbesitz, Alter oder äußere Bedingungen wie Klima oder Nahrungsengpässe.

Auch bei den Geißen stellt sich ab der Wintersonnenwende der Hormonhaushalt um. Zu diesem Zeitpunkt werden die kleinen Zellhäufchen, die sich aus den in der Blattzeit befruchteten Eizellen entwickelt haben, in die Tragsack-Schleimhaut eingebettet. Daraus entwickeln sich in den nächsten Monaten die Kitze. Etwa ab Februar müssen tragende Geißen mehr Energie aufnehmen.

Sie können nicht allein von den Feistreserven zehren. Daher sind sie auch im Winter laufend auf neue Energie angewiesen, obwohl sie im Vergleich zum Sommer ihren Stoffwechsel umgestellt haben. Wie viele Kitze eine Geiß hervorbringt, variiert. Grundsätzlich setzen leichtere Geißen, die im Januar weniger als 22 kg wiegen, nur ein Kitz. Sind sie schwerer als 24 kg, sind es häufig Zwillingskitze. Starke Stücke können Drillinge, sogar Vierlinge setzen. Da in der Regel das Gewicht einer Geiß, das sie während ihres Erwachsenenlebens hat, von Jahr zu Jahr nur wenig schwankt, dürfte auch ihr Fortpflanzungserfolg von Jahr zu Jahr ähnlich groß sein. Die Mär, dass durch artgerechte Winterfütterung die Zuwachsrate nach oben getrieben wird, geistert jedoch immer noch durch die Jägerschaft. Der Zusammenhang zwischen dem Körpergewicht einer Geiß und ihrer Fortpflanzungsleistung ist aber deutlich komplexer: Je stärker die Geiß, in desto mehr Embryonen kann sie investieren – lange bevor die Winterfütterung einsetzt. Und selbst bei Versuchsrehen mit uneingeschränktem Futter, stieg die Geburtenrate nicht rasant an.

Die Chancen eines erwachsenen Rehs, einen normalen Winter zu überstehen, sind recht hoch. Erst ab etwa sechs bis sieben Jahren steigt das Risiko, in der kalten Jahreszeit einzugehen. Aber besonders strenge Winter fordern auch bei den vitalen, zwei- bis sechsjährigen Rehen ihren Tribut. Die Schneehöhe und das Wintereintrittsgewicht sind dabei entscheidend. Je wärmer Januar und Februar und je wärmer und trockener der April verläuft, desto schwerere Kitze werden in dem Jahr gesetzt. Die Kitzgewichte schwanken: Leichtere Geißen haben leichtere Kitze, doch in einem guten Jahr sind alle Kitze ein bisschen schwerer, in einem schlechten Jahr alle etwas leichter. Und dieses Startgewicht ist entscheidend für ihre weiteren Lebenschancen. Für alle Geißen in einem Gebiet herrschen dabei ähnlich Bedingungen, weil sie alle von der Entwicklung der Vegetation vor Ort abhängen. Auf diese Weise entstehen „Jahrgangseffekte“ bei Rehen. Die durchschnittlichen Kitzgewichte in den Forschungsrevieren in Frankreich schwankten um bis zu 30 % von Jahr zu Jahr.

Böcke, die früh vererben, haben oft eine kürzere Lebenserwartung, als die Stücke, die erst spät zum Beschlag kommen.


Foto: Michael Breuer

Zudem sind Rehe, die in Wäldern aufwachsen, meist etwas leichter und wachsen auch langsamer und länger. Sie brauchen fast vier Jahre, um das Erwachsenen-Gewicht von Feldrehen zu erreichen.

Aus den Veränderungen der Durchschnittsgewichte von Rehen einer Region auf einen Erfolg einer bestimmten Jagdstrategie zu schließen, wird durch seriöse Forschungen widerlegt. Die pflanzliche Produktion, vor allem im Sommer, ist hier der entscheidende Antrieb. Auch die Wachstumsgeschwindigkeit verläuft von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich. Wieder steuert dies die lokale pflanzliche Produktivität. Wer zwei Jahre alt wird, hat gute Chancen, alt werden zu können (bis zu zehn bis 14 Jahre), wenn keine extremen Wetterkapriolen auftreten. Die Zahl der gesetzten Kitze wird im Sommer des Vorjahres bestimmt und hängt vom Gewicht der Geiß ab.

Auch ein starker Jährling hat gute Chancen, alt zu werden (mindestens sechs Jahre). Wenn von zwei gleichstarken einjährigen Böcken einer ein deutlich stärkeres Gehörn entwickelt hat, dann ist das hingegen ein Anzeichen, dass er auf die verlockende Strategie gesetzt hat: Vererbe früher und stirb dafür eher. Auch Rehe kennen den Rock‘n Roll des Lebens: Live fast, die young!

Foto: Privat

Dr. Christine Miller

Vorsitzende der AG zum Schutz der Wildtiere und ihrer Lebensräume in Bayern e. V., Wildbiologin, Journalistin und Buchautorin