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MDG-JUBILÄUM: NATÜRLICH FEINER KLANG


Audio - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 09.11.2018

1978 gründeten Werner Dabringhaus und Reimund Grimm ihre eigene Plattenfirma – die Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, kurz MDG. Seither hagelt es Preise, Rekorde und Erfolge für das audiophile Klassiklabel.


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Bildquelle: Audio, Ausgabe 12/2018

DAS FEINSTE VOM FEINEN : Regieraum im Schlosskabinett, links Werner Dabringhaus, rechts Reimund Grimm. Ein „Jugendfoto“ aus unserem Archiv (von ca. 1980) mit unserer ursprünglichen Analogtechnik. Im Hintergrund lugt die Studer-Bandmaschine B 67 hervor, Mischpult Studer 269, Quad-Endstufe 303 und ein Nakamichi-Messgerät zur Pegelkontrolle und zum Einmessen. Die oft von Musikern bewunderten „harten ...

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DAS FEINSTE VOM FEINEN : Regieraum im Schlosskabinett, links Werner Dabringhaus, rechts Reimund Grimm. Ein „Jugendfoto“ aus unserem Archiv (von ca. 1980) mit unserer ursprünglichen Analogtechnik. Im Hintergrund lugt die Studer-Bandmaschine B 67 hervor, Mischpult Studer 269, Quad-Endstufe 303 und ein Nakamichi-Messgerät zur Pegelkontrolle und zum Einmessen. Die oft von Musikern bewunderten „harten Hüte“ sind Jecklin-Floats. Alles in allem im Gegenwert einer gehobenen Luxuslimosine, dafür aber heute noch nutzbar.

Es gibt so viele von Laien betriebene Hobbystudios. Ich würde gerne gute, professionelle Aufnahmen machen, und wenn die Musik spannend ist, sie als Schallplatten anbieten.“ – „Ja, das kann ich mir auch vorstellen.“

Mit dieser kurzen Verabredung begann vor vier Jahrzehnten die Laufbahn eines der erfolgreichsten audiophilen Labels Europas, das die frisch diplomierten Tonmeister Werner Dabringhaus und Reimund Grimm 1978 unmittelbar nach dem Studium an der Musikhochschule Detmold gründeten. Schnell etablierte sich das Label mit hohen Aufnahme- und Klangstandards sowie einem exklusiven Künstlerstamm auch international.

Am Anfang stand die Idee, neues, unbekanntes Repertoire zu entdecken, und gleichzeitig auch jungen Künstlern ein Podium zu bieten, ihre Interpretationen und virtuosen Fertigkeiten ans Publikum zu bringen. Das Trio Parnassus, Frank Bungarten, das Leipziger Streichquartett, Musica Alta Ripa, Ensemble Villa Musica … die Liste der Künstler, die bei MDG debütierten, ist noch viel länger.

KONZERTSÄLE, KIRCHEN UND SCHLOSSGEMÄCHER

„Wir entscheiden uns für eine Produktion in erster Linie, weil wir es wichtig finden, dass es sie gibt“, so Werner Dabringhaus. „Dabei geht es um die Musik und um die Begeisterung, die sie vermitteln kann.“ Die Voraussetzungen dafür beginnen schon bei der Auswahl des zu Repertoire oder Besetzung passenden Raumes, seien es Konzertsäle, Kirchen oder Schlossgemächer, in denen die professionelle Reisetechnik mit puristischer Mikrofonierung für natürlichen Wohlklang sorgt. Welcher Musiker möchte schon in einem sterilen Studio spielen? Kein Wunder, dass die Aufnahmen von MDG schon früh das Attribut „audiophil“ bekamen und – siehe „Pasticcio“ – für den Test von HiFi-Geräten eingesetzt wurden.

Sicher, die feine Klangeinstellung vor Beginn einer Aufnahme ist wichtig. Danach jedoch beginnt die eigentliche Tätigkeit des Tonmeisters als Aufnahmeleiter, wenn er die Künstler anhand der Partitur zu Höchstleistungen inspiriert. Und dabei rast dann der Bleistift über die Partitur, um mit definierten Kürzeln Hinweise für die Künstler zu markieren: „hier etwas zu laut – dort zu tief – zu scharf – und vielleicht die Steigerung noch etwas intensiver …“ Während der Aufnahme ergibt sich eine faszinierende Weiterentwicklung der Musik.

„Natürlich haben wir die Werke ausgiebig vorbereitet – vor den Mikros ist es aber eine ganz andere Situation. Hier wird plötzlich die Musik neu gehört, neu ausprobiert, letztlich fein geschliffen und in dieser tollen Akustik neu erlebt“, sagt David Gorol vom Berolina Ensemble bei einer Aufnahmesitzung mit Kammermusik von Waldemar von Baußnern. „Fantastisch, dass wir bei MDG diese Chance und solche Motivation bekommen.“

Die Tonmeister haben auch technisch immer voraus geschaut. Man startete zu Zeiten der LP; schon 1979 entstand die erste „Half-Speed-Recording Supersingle 45 rpm mit verbesserter Dynamik“, 1980 begannen die ersten Digitalaufnahmen. 1982 veröffentlichte das MDG-Team die erste jemals in Europa vorgestellte CD: „Galante Musik für Flöte und Gitarre“ wurde ein Dauerbrenner und ist bis heute im Katalog. Im selben Jahr erhielten die jungen Produzenten auch den ersten „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ für den Live-Mitschnitt des Deutschen Requiems von Brahms am Ort der Uraufführung im Bremer Dom. Viele internationale Auszeichnungen sollten folgen.

1988 entstand „Pasticcio“, eine Zusammenstellung von Klangbeispielen aus dem Katalog von MDG, die immer noch wie taufrisch klingen und für die inzwischen Liebhaberpreise gezahlt werden. Mit „New Dimension“ feierten die Detmolder Klangtüftler die Weltpremiere der DVD-Audio. Auf dieser audiophilen Sammlung war zum ersten Mal die dreidimensionale Klangwiedergabe des 2+2+2 Recording zu hören – geradezu legendär die Wiedergabe der Widor-Toccata mit Ben van Oosten, bei der aus atemberaubenden 20 Metern Höhe die Cavaillé-Coll-Orgel in Rouen erklingt. Wie kommt man auf so etwas?

DREIDIMENSIONAL HÖREN MIT 2+2+2 RECORDING

„Natürlich ist die Partitur die Grundlage einer Produktion. Aber erst die zu sensibler wie leidenschaftlich bis glutvoller Interpretation motivierten Musiker machen daraus eine natürlich fließende, wie live erfahrbare Musik – die übrigens keinerlei musikwissenschaftliche Kenntnisse beim Hörer voraussetzt“, so Werner Dabringhaus. „Dabei spielt die Akustik des Raums mit ihrer unmittelbaren Wechselwirkung auf die Musiker und das Musizieren eine ganz wichtige Rolle für ein spannendes Ergebnis. Von daher war es nur ein kleiner Schritt weg von der 2D-Stereo oder Mehrkanaltechnik zum natürlichen dreidimensionalen Hören des 2+2+2 Recording, das den jeweiligen Raum und die darin Musizierenden jetzt in seinen natürlichen Abmessungen um den Hörer abbildet.“ Diese patentierte Erfindung der Detmolder ist mit dem „Audiophile Reference Award“ ausgezeichnet worden und wird heute als „Aurophonie“ vermarktet. 2012 wurde die weltweit erste Blu-ray Pure Audio im 2222+ Recording veröffentlicht, bei der der Klang der Aufführungsräume mit bis zu acht Lautsprechern in allen drei Dimensionen erfahrbar ist.

Mit inzwischen vier Tonmeistern und einem kleinen Büro- und Vertriebsteam entstehen bei MDG rund 60 Neuproduktionen für das eigene Label im Jahr – darunter immer wieder Kostbarkeiten wie die Einspielung der Lieder von Hanns Eisler, das komplette Klavierwerk von Brahms auf historischen Flügeln, eine Neuproduktion von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ aus Weimar (aus den Originalnoten der Uraufführung), die Gesamtaufnahme des Klavierwerks von John Cage, die Ersteinspielung von Beethovens „Leonore“-Oper mit dem Beethovenorchester Bonn oder die international mit Preisen überhäufte Gesamteinspielung von Mozarts Klavierkonzerten mit Christian Zacharias und dem Kammerorchester Lausanne.

Mittlerweile ist das Programm von MDG auch als Download (mit bis zu acht Kanälen) oder auf digitalen Plattformen zu bekommen, auch erste Aufnahmen in sagenhafter 768-kHz-Technologie sind gemacht. Aber eines steht für MDG immer im Vordergrund: spannendes Repertoire in inspirierten Interpretationen und mit feinstem natürlichem Klang.

DIE BESTEN MDG-ANEKDOTEN

Von Werner Dabringhaus

Nur als Test …

… war unsere erste gemeinsame Aufnahme gedacht. Unsere Technik – sie passte kaum in den alten VW-Käfer – sollte sich bei einem Konzertmitschnitt von Rossinis „Petite Messe Solenelle“ bewähren. Der Klang des Bachchores Gütersloh, die Solisten, die Akustik in der Abteikirche Marienfeld, das feurige Dirigat von Hermann Kreutz – alles fügte sich zu einem spannenden Ereignis zusammen. Und plötzlich merkten wir, dass das Werk länger war als das Revox-Band. Zum Glück wusste Reimund Grimm, welches Tonband (Scotch) elektrisch am besten mit dem verwendeten harmonierte, und so knibbelten wir Tesafilm von einer Chornote ab, klebten die Bänder aneinander und glätteten die Bandkante mit einer Beißzange. Es war klar, diese Stelle würde in der Musik niemals ungehört bleiben. Das Werk näherte sich dem Ende, das Band reichte nicht – und siehe da: In einer winzigen Generalpause kurz vor Schluss rumpelte unsere Klebestelle über den Tonkopf. Uff – das war knapp!

„Sofort aufhören, aufmachen, das ist Ruhestörung!“

Eben waren die letzten Töne von Bruckners „Locus iste“ in der Lutherkirche Detmold verklungen, als zwei Polizisten gegen die eherne Kirchentüre polterten. Es war 4 Uhr früh, und die vier Solisten – Posaunenstudenten an der Musikhochschule – nutzten die Nachtruhe für die Aufnahme ihres Debütalbums. Der Altposaunist einigte sich mit der Staatsmacht dahingehend, dass man in der nächsten Nacht nur noch ganz leise „Lieder“ spielen würde. Was wir alle nicht ahnten: Zwei Tage später war er Soloposaunist bei den Berliner Philharmonikern.

Plötzlich in zitternder Dunkelheit

Die Serie „Orgellandschaften“ führte uns nächtens nach Dietrichswalde/Ostpreußen (Gietrzwałd), um die dortige historische Orgel aufzunehmen. Doch es versagte ein Ton. Ich kletterte ins Gehäuse und hangelte mich über Hunderte von empfindlichsten Pfeifen ganz nach hinten: Eine der offenen Holzpfeifen – sie war seltsamerweise von außen tapeziert – war stumm. Kein Wunder, es lag ein Haufen Holzmehl darin. Die Würmer hatten hier wohl schon länger genagt. Plötzlich ging das Licht aus – völlige Finsternis. Was tun? Reimund tastete sich über die Emporentreppe bis zum Altar, um nach einer gefühlten Ewigkeit mit einer der Kerzen zu leuchten und mir den Weg aus der Orgel zu ermöglichen. Die Rückfahrt war gespenstisch, da im gesamten Landstrich der Strom ausgefallen war – und mir zitterten immer noch die Knie …