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ME-GESPRÄCH: „An der Arbeit eines Künstlers ist überhaupt nichts mysteriös“


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 14.02.2019

James Blake

Dass der Dubstep-Poet und R’n’B-Erneuerer James Blake seine Gefühle lange Zeit nur über die Musik ausdrücken konnte, hat ihn zu einem bemerkenswerten, erfolgreichen Künstler gemacht. Doch dieser Erfolg und der ewige Mythos von „Genie und Wahnsinn“ haben ihn eingesperrt in seine Depression. Jetzt, wo er sich ein Stück weit befreit hat, findet er auch allmählich die für ihn passenden Worte …

Wenn James Blake seine Terrasse betritt, sieht er als Erstes sich selbst. Er braucht dazu zwar fast ein Fernglas, doch da unten im Tal befindet sich tatsächlich eine riesige digitale Werbetafel mit dem ...

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... Gesicht des englischen Sängers, die in den Wochen vor der Veröffentlichung seines vierten Albums ASSUME FORM die Außenwand des Einkaufszentrums Beverly Center schmückt.

Auch nach seiner Zusammenarbeit mit Leuten wie Jay-Z, Beyoncé oder Kanye West wirkt das Gesicht des englischen Pop-Innovators immer noch ein bisschen deplatziert an so einem prominenten Spot. Ebenso unwirklich wie der Wohnort des Musikers selbst: Vor zwei Jahren hat Blake sich gemeinsam mit seiner Freundin, der Fernsehmoderatorin Jameela Jamil, in den westlichen Hollywood Hills niedergelassen. In einem auf schlichte Weise schönen, geschmackvoll eingerichteten Haus, das von riesigen Hi-Fi-Boxen dominiert wird. Sein viertes Album hat Blake gemeinsam mit Dominic Maker von Mount Kimbie, dem Tontechniker Josh Smith und dem Musiker Kalim „Khushi“ Patel (Strong Asian Mothers) aufgenommen. „Dominic hat meine Art Musik zu machen komplett verändert und mich auch als Mensch wieder zum Leben erweckt“, sagt Blake über Maker, mit dem er gut befreundet ist.

Ähnliche Sätze wird er im Verlauf unseres Gesprächs auch über die Gäste dieses Albums sagen: den Produzenten Metro Boomin, den Rapper Travis Scott, den Soulsänger Moses Sumney, das Neo-Flamenco- Wunderkind Rosalía. Vor allem aber sagt er sie über Jamil, die er als Liebe seines Lebens beschreibt. All diese Dinge, aber auch eine Therapie, der sich Blake unterzog, haben dafür gesorgt, dass es dem lange depressionsgeplagten Produzenten, Songschreiber und Sänger so gut geht wie nie zuvor.

FOTOS: AMANDA CHARCHIAN

Der britische Kulturwissenschaftler Mark Fisher hat einmal geschrieben, wenn man deine bisherigen Platten chronologisch höre, sei das so, als beobachte man einen Geist, der sich kontinuierlich materialisiert und so langsam eine konkrete Form annimmt. Dein neues Album trägt nun auch noch den Titel ASSUME FORM …

Das ist eine passende Analogie. Depressions- und Angstpatienten erleben ihr Leiden oft so, als würden sie sich außerhalb des eigenen Körpers befinden und also quasi unbeteiligt auf ihr Leben blicken.


So habe auch ich mich lange gefühlt: ohne jegliche Verbindung zu dem, was ich tue.


Durch meine Ängste habe ich viele Jahre verpasst. Große Momente, tolle Erfahrungen, besondere Begegnungen, die ich nicht genießen konnte, weil ich Angst hatte und depressiv war.

Und das ist jetzt nicht mehr so?

Der Titel ASSUME FORM deutet die Tatsache ja schon an, dass es sich hierbei um einen laufenden Prozess handelt. Ich fühle mich immer noch nicht komplett im Hier und Jetzt angekommen, aber ganz sicher mehr als irgendwann sonst in meinem Leben.

Zur Behandlung deiner Probleme hast du dich einer sogenannten Therapie unterzogen, was muss man sich darunter vorstellen?

Vereinfacht gesagt geht es darum, künstlich in einen REM-Schlaf versetzt zu werden. Mit meinen überschaubaren wissenschaftlichen Kenntnissen würde ich es so beschreiben, dass man in dieser Schlafphase Erinnerungen von unterschiedlicher Bedeutung in wichtig und weniger wichtig trennt. Die EMDR-Therapie trägt nun dazu bei, traumatische Erinnerungen von der wichtigen auf die unwichtige Seite zu verschieben, um ihnen so ihre Macht zu nehmen.

Und das hat bei dir funktioniert?

Manche Leute machen 25 Jahre Gesprächstherapie und können ihre Probleme dann zwar ganz genau benennen, aber weg sind sie deswegen trotzdem nicht. EMDR hingegen stoppt diese Gefühle einfach. Ich bin seitdem vergleichsweise entspannt, weil ich nicht mehr getriggert werde.

Nach meiner Erfahrung ist Veränderung bis zu einem gewissen Grad möglich, vor allem geht es in der Therapie aber darum, zu lernen, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist.

Meine Haltung hatte teilweise auch etwas Selbstgerechtes. Als ich aus diesem Schleier erwacht bin, wurde mir klar, wie glücklich ich mich eigentlich schätzen kann. In dieser wahnsinnig privilegierten Situation zu sein, mit all diesen tollen Leuten arbeiten zu dürfen, in einem schönen Haus in L. A. zu wohnen.

Ich sollte diese Dinge alleine schon deshalb schätzen, weil es eine Menge Leute gibt, die das alles nicht haben. Das Schuldgefühl, das aus dieser Einsicht erwächst, erhöht den Druck allerdings zusätzlich. Das geht ja vielen Berühmtheiten so:


Scheiße, ich habe alles, was man sich wünschen kann, warum fühle ich mich nur so leer?


Es würde vielleicht helfen, wenn das Wesen psychischer Erkrankungen gesellschaftlich mehr Anerkennung finden würde. Wenn Leute wie Chris Cornell sich umbringen, zeugen die meisten Reaktionen von Unverständnis: „Er war Millionär, wie kann man nur so schwach und charakterlos sein?“ Das sind die gängigen Reaktionen.

In Cornells Fall bin ich mir nicht sicher, ich kenne nicht die komplette Geschichte. Aber ich habe von vielen Leuten gehört, dass es ein Unfall gewesen sein soll. Bei Mac Miller war es so ähnlich wie bei Cornell. Auch hier kenne ich nicht die ganze Geschichte, aber es soll wohl ein Unfall gewesen sein, eine versehentliche Überdosis. Beide Fälle sind wahnsinnig traurig …

Selbst wenn es Unfälle waren, haben beide doch unter Depressionen gelitten. Du hast vor einigen Monaten auf einem Symposium unter dem Titel „You Got This – Managing the Suicide Crisis in the Arts Population“ über deine Depressionen und früheren Selbstmordgedanken gesprochen, da ging es auch um den gesellschaftlichen Umgang mit diesen Dingen.

Es ist interessant, dass die Leute sich die Frage stellen, warum Menschen, die alles haben, Depressionen entwickeln. Dabei ist die Erklärung eigentlich simpel.

Ich bin gespannt.


Man muss sich eine einfache Frage stellen: Was hat diese Leute überhaupt in die Lage versetzt, eine so gewaltige künstlerische Kraft zu entwickeln?


Oft ist es extreme Sensibilität, die über die Kunst kompensiert wird. Das kann an einer traurigen Kindheit liegen oder irgendeiner anderen Art von emotionalem Druck. Die naheliegende Antwort auf diesen Urzustand ist die Hoffnung, dass alles ganz von alleine besser wird, sobald man reich und berühmt ist.

Eine Erwartungshaltung, die nicht zuletzt dem Wertebild geschuldet ist, welches viele Filme hier aus Hollywood vermitteln …

Allerdings. Schönen Dank auch, Hollywood! Zunächst erarbeitet man sich sein Handwerk, es wird zu einem Teil des Lebens, der Identität. Im Gegensatz zu anderen Leuten lernt man aber nicht, wie man seine Gefühle kommunizieren und seine Probleme lösen kann. Musik wird zu einer Kompensations- und Bewältigungsstrategie – und dann bekommt man genau für diese Strategie eine Menge Anerkennung, die Leute bezahlen einen sogar dafür. Man fühlt sich bestätigt.

Man macht einfach immer so weiter, bis nichts mehr geht?

Genau. Es wird über die Jahre zu einem Zwang. Mit dem Erfolg wächst der Apparat: Die Band wird größer, es gibt eine Crew, ein Team, eine Menge Leute, die von einem abhängig sind und sich auf dich verlassen.


So wird aus einer Depressionsbewältigungsstrategie ein Geschäftsmodell.


Man hat aber immer noch keine anderen Strategien entwickelt, die Ängste und Unsicherheiten sind immer noch da. Das Ganze entwickelt eine extreme Eigendynamik und ist nicht mehr aufzuhalten. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Isolation des Tourlebens ihren Tribut fordert. Es beginnt die Phase, die auch ich durchgemacht habe: Man greift zu Drogen und Alkohol, kommt nicht mehr pünktlich aus dem Bett. Das ist so ziemlich jedem Künstler, den ich kenne, irgendwann passiert.

Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, mit der gleichzeitig dieser seltsame „Genie“-Begriff bedient wird.

So ist es. Das eigene Umfeld bestätigt Künstler in ihrem Glauben, diese wahnsinnig begabte Person mit einer mysteriösen einmaligen Gabe zu sein. Dabei ist daran überhaupt nichts mysteriös. Es handelt sich um Handwerk, das man im Angesicht seelischen Leids erlernt hat. Die Kompensation eines Mangels.

Mit romantischen Klischees wie dem Mythos von Genie und Wahnsinn verklären Musikindustrie, Medien und Fans psychische Krankheiten von Künstlern. Solche Zuschreibungen haben in der Popkultur der vergangenen 60 Jahre zahlreiche Opfer gefordert, geändert hat sich nur wenig.

Wir machen wieder und wieder den gleichen Fehler, indem wir Rahmenbedingungen setzen, die den Leuten die Möglichkeit verstellen, die Hilfe zu bekommen, die sie brauchen. Drogen oder Alkohol sind nicht automatisch etwas Schlimmes, wir brauchen aber ein von gegenseitiger Fürsorge geprägtes Umfeld, das zerstörerische Tendenzen im Umgang mit ihnen nicht durchgehen lässt.

Wie hat dein professionelles Umfeld damals reagiert?

Ich war ständig auf Tour und bekam absolut keine Unterstützung. Das System ist so angelegt. Es gibt zudem kaum Pausen, weil wir ständig Geld verdienen müssen, seit die Einnahmen durch Plattenverkäufe weggebrochen sind. Also ist man dazu verdammt, immer unterwegs zu sein, worunter Beziehungen und Freundschaften jenseits des Arbeitsumfelds leiden. Wie soll man unter diesen Umständen gesund werden?

Depressionen und Sucht sind kein exklusives Musiker- und Künstlerproblem. Aber wenn Lehrer oder Maurer depressiv sind oder saufen, verlieren sie ihren Job oder werden krankgeschrieben …

Sie werden jedenfalls nicht noch zusätzlich ermutigt. Das ist überaus schmerzhaft, weil es einen in diesem Verhalten bestärkt, oft bis in den Tod.

Sollten Depressionen nicht eigentlich überall so selbstverständlich als Krankheit verstanden werden wie Krebs oder ein gebrochener Arm?


In Deutschland wird mit diesen Dingen nach meiner Erfahrung weitaus progressiver umgegangen als in England,


wo uns anerzogen wird, nicht über Gefühle zu sprechen. Das ist fatal. Depression ist eine Form von Unterdrückung.

Wie viel hat diese Erziehung mit tradierten männlichen Rollenbildern zu tun? NachdemPitchfork.com deine neue Single„Don’t Miss It“ als „„Don’t Miss It“ als „sad boy music“ beschrieben hatte, hast du in einem vielbeachteten Post derartige Zuschreibungen als überaus problematisch angesichts einer von dir als epidemisch beschriebenen Häufung männlicher Depressionen und Selbstmorde bezeichnet.

Speziell diese Sad-boy-Nummer hat tatsächlich viel mit überholten Männlichkeitsbildern zu tun. Schamgefühle im Umgang mit den eigenen Gefühlen spielen aber bei allen Geschlechtern eine Rolle.„Don’t Miss It“ ist ein innerer Monolog über die Gedankengänge eines Egomanen. Und über die Neurosen, die man erlebt, wenn man Angst vor der Welt hat und vor dem, was die Leute von einem denken könnten. Das ist aber hoffentlich ein erbaulicher Song, es geht nicht darum, die negativen Gedanken der Vergangenheit noch einmal zu durchleben.

Was unternimmst du, um dir deine neue Gelassenheit auch auf den anstehenden Tourneen zu erhalten?

Mehr als alles andere hilft mir meine Beziehung. Ich bin genau mit der richtigen Person zusammen, ich liebe sie über alles und fühle mich mit ihr sehr, sehr sicher, was ungemein hilft. Außerdem achte ich auf mein Umfeld und darauf, meine Freundschaften weiterhin zu pflegen. Das Team, mit dem ich heute arbeite, ist aufrichtig und freundlich. Ich habe mich von einigen Leuten getrennt, bei denen das nicht der Fall war. Ich wusste vorher nicht, dass ich zu solchen Konfrontationen überhaupt in der Lage bin.

Immerhin warst du auch schon vorher gewissermaßen der Chef.

Das ist richtig, aber selbst aus dieser Machtposition heraus war ich dazu nicht in der Lage. Weil ich dazu konditioniert war, so etwas eben nicht zu tun – bisweilen von genau den Leuten, von denen ich mich nun getrennt habe. Konfrontation ist nicht immer sinnvoll oder möglich, aber bisweilen nötig.

Freiräume entstehen auch durch Arbeitspausen. Du allerdings hast in den vergangenen Jahren so viel mit anderen Künstlern gearbeitet, dass man sich fragt, wann du überhaupt dein eigenes Album gemacht hast.

Das wirkt nur von außen so. Tatsächlich verbringe ich viel Zeit im Bett. Ich habe ein kleines Studio im Haus, mache aber auch vieles vom Bett aus. Persönliche Anwesenheit ist ja nicht immer erforderlich.

Hast du dich jemals gefragt, warum plötzlich alle Welt mit einem introvertierten britischen Indie-Tüftler arbeiten will?

Das hat sich verselbstständigt, eine völlig surreale Erfahrung, ich musste mich immer wieder kneifen. Theoretisch war mir schon klar, wie das zustande gekommen ist, aber wenn ich dann bei diesen Leuten im Studio stand, konnte ich es trotzdem nicht fassen.

Was war dein besonderer Kneif- Moment?


Mein ganzes Leben lang war ich riesi lang war ich riesi Mein ganzes Leben - ger Beyoncé-Fan.


Sie war ein enormer Einfluss für mich. Durch die Zusammenarbeit mit ihr hat sich für mich ein Traum erfüllt. Das hat mein Selbstverständnis als Musiker verändert. In meiner Selbstwahrnehmung war ich immer dieser Typ, der irgendwo unter dem Mainstream rumblubbert. Ein sogenannterMusicians Musician

Ein Terminus, den man auf deinen Vater anwenden könnte: Der Gitarrist James Litherland, der zur ersten Besetzung der Jazzrockband Colloseum gehörte und später mit Steve Marriott und Alexis Korner gespielt hat.

Ganz genau. Übrigens absolut nichts, wessen man sich schämen müsste, aber diese Position schien auch für mich festgelegt zu sein.

Inwiefern hat sich das geändert?

Beyoncé zu treffen und ihre Stimme zu hören … zu sehen, wie sie mich und meine Musik betrachtet … ich hatte nie darüber nachgedacht, was meine Musik auslöst und dass ich einen Einfluss auf andere Leute haben könnte. Jay-Z, Beyoncé – das ist ja völlig abstrakt! Und dann steht sie da und sagt, sie möge meinen Gesang. „Moment mal, DU magst MEINEN Gesang – willst du mich verarschen?! Ich liebe dich verdammt noch mal, seit ich 14 bin.“ Oder eben Jay-Z: ein aufrichtiger, zuvorkommender und witziger Typ … Irgendwann fiel mir auf, dass ich auf einer intellektuellen Ebene eine Verbindung mit diesen Leuten habe, die aber ja sehr kommerzielle Musik machen. Was also sagt das über mich aus? Mein musikalischer Horizont hat sich dadurch verschoben.

In Richtung Pop? Es gibt auf dem neuen Album Features von Travis Scott, Metro Boomin, André 3000 und Rosalía, vieles erscheint zugänglicher.

Ich könnte verstehen, wenn sich dieser Eindruck ergibt. Aber ich bin mit Popmusik aufgewachsen, ich liebe sie. Tatsächlich reflektiert dieses Album viel eher mein Innenleben als meinen Wunsch, von der Masse akzeptiert zu werden. Man wird nur einfach besser verstanden, wenn man sich verständlich und hoffentlich klar ausdrückt.

Trotzdem: Wie wichtig ist dir kommerzieller Erfolg?

Durch mein letztes Album, THE COLOUR IN ANYTHING, habe ich eine zentrale Einsicht gewonnen: Musik und Erfolg alleine machen zunächst einmal gar nichts wertvoller, inzwischen kann ich diese Form von Anerkennung aber genießen.

Ich habe dich vor einigen Monaten auf der gemeinsamen Tour mit Kendrick Lamar in der Berliner Mercedes-Benz- Arena gesehen. Wenn die Hallen nun auch bei deinen eigenen Konzerten größer werden, wirst du deine Präsentationsform überdenken müssen. Dieser intime Vortrag, im Sitzen hinter den Keyboards, mit dem du bekannt geworden bist, trägt in den großen Hallen möglicherweise nicht …

Ich will das eigentlich nicht, ich mag keine großen Arenen. Die Leute spielen solche Tourneen, weil sie sich größere Häuser kaufen wollen. Vielleicht will ich irgendwann auch einmal ein größeres Haus haben, insofern sage ich jetzt nicht, dass ich niemals Arenen spielen werde. Aber mir erschließt sich der musikalische Nutzen nicht. Natürlich war es eine großartige Erfahrung zu sehen, wie Kendrick das macht. Der Rahmen dieser Konzerte ist aber sehr starr. Der größte Teil der Musik wird über Ableton gesteuert, oder was auch immer für ein System er benutzt. Kendrick selbst rappt natürlich live, er ist einer der besten Live- Rapper überhaupt. Aber es gibt in so einem Showkonzept keinen Raum fü r Spontaneität, der Auftritt ist Abend fü r Abend gleich.

Welche Schlüsse ziehst du aus dieser Erfahrung?

Für mich ist das Live-Selbstverständnis einer Band wie Radiohead wesentlich erstrebenswerter. Sie haben diesen gewaltigen Pool von Songs, aus dem sie schöpfen können, dadurch lässt sich das Programm Abend fü r Abend verändern. Ein weiteres Problem bei diesen von Corporate-Firmen gesponserten Mega-Konzerten ist der Golden Circle:


In den ersten Reihen stehen die Kinder reicher Eltern, irgendwelche Models oder Influencer.


Sie interessieren sich einen Scheiß fü r meine Musik, haben aber die Kohle, da vorne stehen zu können. Das stört mich sehr und es hat mich auch auf der Kendrick-Tour gestört. Es geht nur um Kohle bei solchen Konzerten.

Du spielst Klavier, seit du ein kleiner Junge warst. War es vor diesem Hintergrund für dich eine ausgemachte Sache, dass du einmal mit Musik deinen Lebensunterhalt verdienen wirst?

Ja und nein. Als ich jünger war, ging ich davon aus, dass es mich fü r die schlechten Zeiten entschädigen würde, wenn ich als Musiker akzeptiert werden würde. Mir hatte niemand das emotionale Vokabular beigebracht, um mein Innenleben auszudrücken.

Weil deine Erziehung auf das traditionelle männliche Rollenbild abzielte?

In meiner Familie hat sich niemand fü r seine Gefü hle geschämt, es war kein Problem, zu weinen oder als Junge oder Mann Gefü hle zu zeigen. Dafü r bin ich meinem Vater dankbar. Aber es fehlte das Vokabular, diese Dinge auszudrücken. Ich bin davon überzeugt, dass einmal erfolgreiche Überlebensmechanismen sich über die Jahre manifestieren und dann nur noch sehr schwer aufgebrochen werden können. Und meine Überlebensstrategie war eben, meine Emotionen in der Musik zu kanalisieren, weil das die einzige Möglichkeit war, negative Gefü hle loszuwerden.

Musstest du zu deinen ersten Klavierstunden gezwungen werden oder er gab sich das von selbst?

Meine Eltern haben mich total diszipliniert … Ich wollte zwar schon Klavier spielen, aber keine klassische Musik. Die Art und Weise, wie klassische Musik vermittelt wird, insbesondere in Schulen, hat etwas sehr Strenges und Autoritäres. Der Spaß an der Musik bleibt auf der Strecke. Natürlich kann Klassik etwas Befreiendes haben, aber in den ersten Jahren spielt dieser Aspekt keine Rolle in der Ausbildung, das kommt erst, wenn man die technischen Grund lagen erlangt hat. Dagegen habe ich aufb egehrt, mit Autorität bin ich nicht klargekommen.

War deine Erziehung generell autoritär?

Nein. Mein Vater hatte selbst keine klassische Ausbildung, deshalb war es ihm so wichtig, mir das zu vermitteln. Er war davon überzeugt, dass er mehr hätte erreichen können, wenn er diese Kenntnisse zur Verfü gung gehabt hätte.

Nun ist es aber ja in der Pop-Welt der Normalzustand, keinen klassischen Hintergrund zu haben. Selbst Paul McCartney kann keine Noten lesen.

Ich kann auch keine beschissenen Noten lesen.

Ach komm, das ist doch englisches Understatement. Da vorne an deinem Klavier steht ein aufgeschlagenes Notenbuch …

An dem ich gescheitert bin! Das sind Werke von Debussy, und ich kriege es beim besten Willen nicht geregelt, keine Chance. Als ich mir das Buch angeschafft habe, war ich sehr ambitioniert: Wäre ja gelacht, ich habe immerhin eine zehnjährige Musikausbildung genossen! Ich weiß es noch ganz genau: Meine Freundin saß da, wo du jetzt sitzt. Ich erklärte ihr, dass ich mein Vokabular erweitern und mich als Musiker verbessern will.


Aber ich habe es einfach nicht hinbekommen, das war so verhinbekommen, das war so verhinbekommen, dammt peinlich.


Ich habe es nie so weit gebracht, Noten nicht nur abzulesen, sondern beim Spielen der Musik auch meinen Stempel aufzudrücken. Also habe ich mich irgendwann in Improvisationen geflüchtet.

Aus diesem Improvisationstalent hat sich immerhin dein Stil ergeben, dieser besondere Mix aus R’n’B, elektronischer Musik, Bassmusik, Pop, Dubstep und so weiter …

Ich habe eine Menge musikalischer Hintergründe, die mir alle gleichermaßen wichtig sind, aber erst vor Kurzem habe ich auch begonnen, mich als Musiker so richtig wohl zu fü hlen. Vor allem bei zwei Gelegenheiten: Als ich vor anderthalb Jahren ein Klavierkonzert im New Yorker Lincoln-Center gegeben habe, wollte ich nirgendwo anders auf der Welt sein als ganz genau da.

Und die zweite Gelegenheit?

Die Zusammenarbeit mit André 3000 und all den anderen an diesem neuen Album. Nie zuvor hatte ich so sehr das Gefü hl, das Richtige zu tun.