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MEDAILLENJAGD IN TOKIO


BoxSport - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 21.07.2021

OLYMPISCHES BOXEN

Artikelbild für den Artikel "MEDAILLENJAGD IN TOKIO" aus der Ausgabe 8/2021 von BoxSport. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: BoxSport, Ausgabe 8/2021

Nadine Apetz vom SC Colonia 06 trainiert hart für die Chance ihres Lebens bei den Sommerspielen in Tokio

Nach Monaten der Unsicherheit herrscht endlich Klarheit. Die Olympischen Sommerspiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) finden mit einem Jahr Verspätung definitiv statt, alle Qualifikationen sind geboxt, alle Boxer gesetzt. Der Weg dorthin war allerdings nicht immer einfach. Es fing damit an, dass die Europa-Qualifikation im März 2020 in London aufgrund der Corona-Pandemie mittendrin abgebrochen wurde – danach gab es ein Hin und Her, ob die Spiele verschoben oder gar abgesagt werden mussten. Nachdem der neue Termin feststand und die Sportler das Training aufnahmen, erfolgte im Februar dieses Jahres die nächste Hiobsbotschaft: Aufgrund der Pandemie- Lage wurde die für April geplante Europa-Qualifikation abgesagt und auf Juni verschoben, die für diesen Zeitpunkt geplante Welt- Quali ersatzlos gestrichen. An sich hätten Sportler, die bei den vorigen Kontinentalturnieren bereits ...

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... herausgeflogen waren, dort noch eine Chance auf die verbliebenen Startplätze gehabt. Stattdessen wurde diese Tickets über die Ranglisten der „Boxing Task Force“ (BTF) vergeben. Die BTF hatte die Organisation für die Sommerspiele übernommen, nachdem die AIBA wegen Korruptionsvorwürfen von ihren Aufgaben entbunden wurde und erste Reformen umsetzen muss.

In diesem Verfahren steckte bereits die nächste Tücke: Während derartige Kontingente zuvor oft nach Leistungsdichte verteilt wurden, die gerade in Europa sehr hoch ist, wurden nun alle Kontinente gleich behandelt, weshalb es für die Deutschen noch enger in den Rankings wurde. Viele Hoffnungsträger, darunter Hamza Touba, Ursula Gottlob und Maya Kleinhans, die im März 2020 bereits ausgeschieden waren, mussten feststellen, dass sie sich umsonst auf die Welt-Qualifikation vorbereitet und über die BTF-Ranglisten kaum eine Chance hatten.

HARTE EURO-QUALIFIKATION

Zumindest Hamsat Shadalov hatte im Federgewicht (-57 kg) schon bei der abgebrochenen Qualifikation sein Ticket für die Sommerspiele lösen können. Der 22-Jährige reiste jedoch mit seinen verbliebenen Teamkollegen zur Fortsetzung der Europa-Qualifikation, um weiter Punkte zu sammeln und sich bessere Konditionen für den Start in Tokio zu

erboxen. Doch Shadalov verlor seinen Kampf gegen den Russen Albert Batyrgaziev denkbar knapp mit 2:3 Richterstimmen. Wesentlich schmerzlicher waren allerdings die Niederlagen von Nelvie Tiafack im Superschwergewicht (+91 kg), Ornella Wahner im Federgewicht (-57 kg) und Christina Hammer im Mittelgewicht (-75 kg). Alle drei verloren ihren jeweils ersten Kampf bei der Qualifikation. Hammer gegen die Schwedin Love Holgersson mit 2:3 Richterstimmen, Wahner gegen die Rumänin Maria Nechita (einstimmiger Punktsieg) und Nelvie Tiafack gegen den Ukrainer Tsotne Rogava (einstimmiger Punktsieg).

Jubeln konnten dagegen Nadine Apetz im Weltergewicht (-69 kg) und Ammar Riad Abduljabbar im Schwergewicht (-91 kg), die beide ihre Olympia-Tickets mit Siegen im Viertelfinale lösen konnten. Abduljabbar besiegte den Weißrussen Uladzislau Smiahlikau mit einen einstimmigen Punktsieg, trat aber aufgrund von Kieferschmerzen nicht mehr zum Halbfinale an – das Team entschied, dass es besser sei, auf Nummer sicher zu gehen als noch eine Verletzung kurz vor

den Spielen zu riskieren. Apetz traf nach Siegen gegen die Polin Karolina Koszewska im Viertelfinale (4:1 Richterstimmen) und die Italienerin Angela Carini im Halbfinale (4:1) im Finale auf die amtierende Weltmeisterin und Weltranglistenerste Busenaz Sürmeneli. Dieses entschied die Türkin mit einem einstimmigen Punktsieg für sich, an Apetz ging die Silbermedaille.

PIONIERIN IM FRAUENBOXEN

Mit ihren Leistungen waren Shadalov, Apetz und Abduljabbar für das Olympische Turnier gesetzt, für ihre Teamkameraden gab es leider keine gute Nachrichten: Keiner von ihnen konnte über die Rankings einen Startplatz ergattern. Gerade im Falle von Nelvie Tiafack war dies sehr ärgerlich, da der Superschwergewichtler hoch

in den Listen stand, als zweitbestplatzierter Europäer – und der vor ihm platzierte Muslim Gadzhimagomedov nicht von Russland für die Olympiade aufgestellt worden war, sondern Ivan Veriasov, der sich schon bei der Euro-Quali das Ticket sicherte.

Unter den drei Deutschen, die nach Tokio fahren, ist Nadine Apetz die erfahrene Ringfüchsin.

Als erste deutsche Boxerin, die je eine WM-Medaille gewann, Bronze bei der Weltmeisterschaft in Astana 2016. Dritte Plätze erkämpfte die 35-Jährige auch bei der EM 2018 in Sofia, der WM 2018 in Neu-Dehli und den Europaspielen 2019 in Minsk. Daher schrieb Apetz auch auf Instagram, dass mit ihrem zweiten Platz bei der Euro-Quali „den Fluch der ewigen Bronze“ gebrochen habe. Mit ihrer Qualifikation schreibt die Athletin vom SC Colonia 06 erneut Geschichte: Sie ist die Erste, die Deutschland im Frauenboxen bei den Olympischen Spielen repräsentiert. Dieser Pionierstatus ist für sie allerdings nur das „i-Tüpfelchen“ der erfolgreichen Qualifikation, außerdem hätte sie sich gefreut, „wenn wir ein paar Mädels mehr gewesen wären auf dem Weg nach Tokio“, wie sie BOXSPORT gegenüber erzählt. Es wäre ihr jedoch recht, ein Signal zu setzen. „Ich hoffe, dass die erfolgreiche Olympia-Quali dem deutschen Frauenboxen wieder mehr Aufmerksamkeit verschafft und dass das eine oder andere Mädel vielleicht Lust hat, davon inspiriert auch mal die Handschuhe anzuziehen“, erklärt die Boxerin, die nach der Olympiade ihre Promotion in den Neurowissenschaften abschließen möchte.

Die letzten 15 Monate, mit der abgebrochenen Euro-Qualifikation und der langen Phase der Unsicherheit, bezeichnet Apetz als „die schwierigste Vorbereitung, die ich je mitgemacht habe“. Ihr fehlte nach dem Abbruch 2020 nur noch ein Sieg, auf den sie über ein Jahr warten musste. „Es war harte Arbeit, sich da mental über Wasser zu halten und zu motivieren, um diesen einen entscheidenden Kampf zu boxen.“ Zumal diese Phase, in der sie unter anderem bei den Cologne Boxing World

Cups (CBWC) im November 2020 und März 2021 antrat, nicht immer einfach war. „Gerade in den letzten Wochen und Monaten vor der Quali hatte ich eine kleine Down- Phase, in der ich meine Leistung nicht abrufen konnte. Das fing mit dem Cologne Boxing World Cup dieses Jahr an. Danach gab es ein Turnier in Tschechien – dort habe ich gegen Leute verloren, gegen die ich kurz zuvor noch gewonnen hatte“, gesteht die Kölnerin. „Deshalb bin ich überglücklich, dass ich jetzt noch zu alter Form zurückgefunden habe, genau zum richtigen Zeitpunkt, und hoffe, dass ich das mit in die Spiele nehmen kann. Die Siege, die bei der Quali eingefahren habe, geben mir einen Schub an Selbstvertrauen, dass ich gute Leute schlagen kann. Ich hoffe, dass ich auf dieser Welle in Tokio aufs Treppchen komme.“

WICHTIGE VORBEREITUNG

Hamsat Shadalov, der jüngste unter den drei deutschen Box-Olympioniken in diesem Jahr, musste nach seiner erfolgreichen 2020er-Qualifikation nur darum bangen, dass die Spiele überhaupt stattfanden. „Ich bin viel glücklicher und emotional aufgeladener als letztes Jahr“, beschreibt der Youngster seine Stimmung. Der Berliner vom BR Eintracht boxte ebenfalls bei den CBWC, errang dort ein Mal Silber und ein Mal Bronze. „Die Turniere waren wichtig, zumal es ja auch eine Form der Olympia-Vorbereitung für mich ist“, erzählt Shadalov. „Denn meine Gegner dort kommen auch zur Olympiade, wo ich erneut auf sie treffen kann. Es war mir wichtig, noch vor den Spielen einen direkten Vergleich mit meinen Konkurrenten zu haben. Ich habe in beiden Turnieren so viel an Erfahrung mitgenommen wie nur möglich.“

Er fühle sich bereit für jeden Gegner, auf den er bei den Sommerspielen treffen könne, meint der in Grosny geborene Federgewichtler, der seit 2005 in Berlin lebt. „Man will ja auch gut ins

Turnier reinkommen und hofft natürlich, dass man nicht direkt im ersten Kampf gegen einen Favoriten antreten muss. Aber ich bin bereit, sollte es so kommen. Selbst wenn ich meine ersten Kämpfe gegen alle vier Favoriten bestreiten muss, ist mir das egal“, sagt Shadalov selbstbewusst.

Ammar Riad Abduljabbar boxt für den SV Polizei in Hamburg. Der 25-Jährige, der 2010 aus dem Irak nach Deutschland kam, ist ein echter Selfmademan. „Ich bin in Hamburg aufgewachsen und habe dort trainiert, aber wir haben hier ja keinen Stützpunkt fürs Boxen“, beschreibt er seinen Werdegang. „Ich habe mir das alles alleine aufgebaut und es nicht immer leicht gehabt.“ Durch seinen Sieg bei den Deutschen Meisterschaften 2018 wurde der Deutsche Boxsport- Verband (DBV) auf das Talent aufmerksam. „Danach wurde ich vom DBV zu einem Sparringslehrgang eingeladen und konnte dort meine Qualität beweisen.

Erst hat mich der Verband für die Weltmeisterschaft nominiert und dann wollte er mich auch für Olympia“, berichtet Abduljabbar.

Er hatte noch gar keinen Kampf bestritten, als die Euro- Quali 2020 abgebrochen wurde. Das sei eine schwierige Situation gewesen. „Ich hatte so lange dafür trainiert und auf alles verzichtet, war zwei Monate nicht zu Hause – und auf einmal durfte ich nicht boxen“, erinnert er sich zurück. „Da war ich zunächst verzweifelt. Mein Trainer Christian Morales hat mich wieder motiviert, dann ging es für mich weiter.“ Mit Erfolg, wie man im Juni in Paris sehen konnte. Bei seinem ersten Fight gegen Konstiantyn Pinchuk lag der Hamburger erst zurück und musste dann auch noch eine Verwarnung kassieren. „Die Richter meinten, dass mein Kopf zu tief gewesen wäre. Aber mein Gegner hat meinen Kopf immer wieder runtergedrückt. Die zweite Runde habe ich verloren und für die Verwarnung auch noch

Punkte abgezogen bekommen“, berichtet Aduljabbar. Doch danach konnte er den Kampf drehen: „Ich habe meinen Stil nicht umgestellt, ich habe einfach mehr Gas gegeben und es hat funktioniert. Ich wusste: Wenn ich jetzt verliere, ist alles vorbei.“ In Tokio ist er nun bereit für jeden Gegner: „Ich kenne eigentlich alle Boxer in meinem Limit, habe mit ihnen Sparring gemacht oder bei Turnieren gegen sie gekämpft. Man weiß nicht, auf wen man am Anfang trifft. Das ist aber auch nicht so wichtig: Wir bereiten uns auf jeden Gegner vor und so ist es dann egal, gegen wen man letztendlich boxt. Wichtig ist, dass wir gewinnen.“

„JETZT IST MEINE ZEIT“

Alle drei DBV-Olympioniken sind gleichzeitig enttäuscht darüber, dass die Welt-Qualifikation abgesagt wurde und viele ihrer Teamkameraden um ihre zweite Chance gebracht wurden. „Das ist frustrierend für diese Athleten, denen man so nahesteht, weil eine Entscheidung getroffen wurde, auf die man keinen Einfluss hat“, meint Nadine Apetz. Ammar Riad Aduljabbar pflichtet ihr bei: „Das war echt hart. Es tut mir leid, dass einige Teamkollegen durch diesen Schritt noch nicht einmal eine Chance bekamen. Leute, die sich hart darauf vorbereitet haben und die auch persönlich kenne.“

Doch in erster Linie geht der Blick der deutschen Hoffnungsträger in Tokio nach vorn, auf den wichtigsten Wettkampf im Amateurboxen, der jede EM und WM aussticht. Sie alle stehen vor der Chance ihres Lebens, sie sind bereit für jede Herausforderung. Oder wie Aduljabbar es ausdrückt: „Ich habe mein Leben lang für dieses Ziel trainiert, musste mir alles erarbeiten und jetzt ist meine Zeit. Ich will diese Medaille unbedingt haben und bin bereit, dafür zu sterben.“