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MEDITATIONS-APPS: Einfach mal APPschalten


Guter Rat - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 18.07.2019

lt@OMMM Die Gedanken loslassen, den Alltag vergessen: Meditations-Apps sollen Entspannung quasi auf Knopfdruck bringen. Wir waren skeptisch – und wurden überrascht


Artikelbild für den Artikel "MEDITATIONS-APPS: Einfach mal APPschalten" aus der Ausgabe 8/2019 von Guter Rat. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Guter Rat, Ausgabe 8/2019

Ungewohnt ruhig Das Handy als Meditationslehrer und Klangtherapeut

Frei atmen Leonie Kameniw zeigt: Eine bequeme Sitzposition mit aufrechtem Oberkörper ist beim Meditieren das A und O

Wiebke Hugen
wiebke.hugen@guter-rat.de


Wir sind immer mit etwas beschäftigt: unseren Gedanken, Problemen, Wünschen oder dem, was wir gerade tun«, erklärt uns die sanfte Männerstimme aus dem Smartphone. »Diese Dauerbeschäftigung kostet nicht nur Kraft, sie führt ...

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... auch dazu, dass wir uns selbst aus dem Blick verlieren.« Er werde uns eine einfache Methode zeigen, den Alltag auszuschalten, mehr Gelassenheit und Ruhe in unser Leben zu bringen und bei uns selbst anzukommen. Und das mit nichts als unserem Atem und etwas Übung.

SKEPSIS Klingt vielversprechend, etwas mehr Gelassenheit hat ja noch keinem geschadet. Aber ist das, was die App 7Mind mit uns vorhat, dann wirklich schon Meditation? Kann ausgerechnet das Handy, das im Alltag ja sonst eher als Feind der inneren Einkehr und Ruhe auftritt, uns tatsächlich helfen, Gedanken loszulassen und »ganz bei uns« zu sein?

»Mentale Fitness« als Megatrend

Leonie Kameniw, Marketingmanagerin bei Guter Rat und bekennender Fan von Meditations-Podcasts und -Videos, wollte es genau wissen und hat uns im Test unterstützt. Sie meditiert regelmäßig mit Anleitungen, Musik und Entspannungsübungen aus dem Internet und weiß, worauf es ankommt: »Wenn man die innere Bereitschaft mitbringt, kann man auf ganz verschiedenen Wegen lernen zu meditieren. Ob man nun in einem Kurs, über eine CD oder eine App angeleitet wird, spielt keine Rolle, solange man sich dabei wohlfühlt.«

DICKE FISCHE Die Zahlen geben ihr recht: Meditations-Apps gibt es mittlerweile zuhauf, allein im Google Play Store werden etwa 250 verschiedene angeboten. Die App Calm konnte im vergangenen Jahr 80,5 Millionen US-Dollar Jahresumsatz verzeichnen – ein Plus von 361 Prozent zum Vorjahr. »Mentale Fitness ist die neue körperliche Fitness«, verkündet das Unternehmen und belegt dies mit Zahlen aus der Wissenschaft: Während sich im Jahr 2000 noch fast kein Forscher mit dem Thema Achtsamkeit auseinandersetzte, wurden im Jahr 2014 fast 400 und im Jahr 2018 an die 800 wissenschaftliche Texte hierzu veröffentlicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibt Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Das erkennen und fürchten offensichtlich immer mehr Menschen und öffnen sich für Wege hin zu mehr Entspannung, die früher allenthalben als esoterischer Firlefanz abgetan wurden – wie die Meditation.

FÜNF KANDIDATEN Getestet haben wir neben Calm die ebenfalls beliebten Apps Headspace, 7Mind, Balloon und BamBu, die es sowohl im Google Play Store als auch im App Store gibt. Alle diese Apps bieten ein kostenloses Einsteigerprogramm, in dem die Grundlagen der Meditation erklärt werden, sowie geführte Meditationseinheiten zu verschiedenen Alltagsthemen, für die man meist ein kostenpflichtiges Monats- oder Jahresabo braucht. In diesen Kursen werden verschiedene alltagstypische Probleme aufgegriffen, etwa »Wie lerne ich zu vergeben, sodass es mir selbst besser geht?« oder »Wie kann ich besser ein- und durchschlafen?« und »Wie gehe ich besser mit Ängsten um?«

Darüber hinaus bieten die Apps Calm, Headspace und BamBu weitere Entspannungshilfen wie Atemanleitungen, die etwa in Angstsituationen helfen können, die Ruhe zu bewahren, angenehme Klänge wie Regenrauschen oder Grillenzirpen am See. Calm liefert noch dazu Einschlafgeschichten, zum Teil vorgelesen von Promis wie Schauspieler Sebastian Koch, die zum Ende hin immer ruhiger werden und ein sanftes Hinübergleiten in die Traumwelt ermöglichen sollen.

Neben der meditationserprobten Kollegin Leonie Kameniw unterstützte uns die Berliner Yoga- und Meditationslehrerin Madeline Miesterfeld im Test.

APPS BIETEN EINIGE KLARE VORTEILE

Überall Meditieren lässt sich mit etwas Übung und Ruhe auch mal im Büro


FOTOS: GUTER RAT/MICHAEL HANDELMANN

Die Expertin fürchtet die Konkurrenz aus dem Netz keineswegs – im Gegenteil: »Apps ermöglichen jedem einen schnellen und einfachen Zugang zum Thema Meditation.« Auch eine vorangehende Grundausbildung bei einem Lehrer hält sie nicht für nötig: »Das ist mit Geld, der Suche nach dem passenden Lehrer und örtlichen und zeitlichen Einschränkungen verbunden.« Dank Apps könne man sofort und an jedem Ort mit dem Meditieren beginnen. Darin sehen sowohl Kameniw als auch Miesterfeld aber auch ein Manko: »In der Sitzung liegt immer ein Gerät neben einem, über das man ständig erreichbar ist. Und sobald die Meditation vorbei ist, sind wir gezwungen, das Smartphone wieder in die Hand zu nehmen. Da ist die Versuchung groß, gleich wieder ungelesene Nachrichten und Mails zu checken«, sagt Miesterfeld. Das macht die innere Einkehr schnell wieder zunichte.

LEICHTER EINSTIEG Von den Anleitungen selbst waren wir allerdings durchweg angetan: In allen Einstiegseinheiten wird ausführlich erklärt, worauf es bei der Meditation ankommt, wie man sie am besten in seine tägliche Routine einbaut, wann der beste Zeitpunkt zum Meditieren ist und wie man sich dabei am besten positioniert. Ohne esoterisches Gefasel erläutern die Sprecher mit angenehmen Stimmen, was Meditation jedem von uns bringt und wie man dranbleibt. Zum Beispiel ermutigen alle, sich selbst keine Vorwürfe zu machen, wenn man anfangs Schwierigkeiten hat, das Grübeln einzustellen: »Lass die Gedanken einfach wie Wolken an dir vorüberziehen.«

GUTER LERNEFFEKT Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass in allen Apps echte Experten mit uns sprechen und wir nicht nur mit gefühlsduseligem Nonsens beschallt werden. Die Bedienung der Apps war ebenfalls angenehm einfach, wobei die Programme Calm, Headspace und Balloon sich durch besonders liebevolle Gestaltung hervortaten.

VERGLEICH Fünfmal Meditation zum Mitnehmen

BALLOON Reduziert aufs Wesentliche
ANGEBOT Reine Meditations-App ohne Extras mit diversen Optionen zur individuellen Anpassung und Auswertung. Simples, beruhigendes App-Design.
MEDITATION Gratiseinführungsmeditation, dazu kostenpflichtige Lehrmeditationen aus Bereichen wie »Besser Schlafen «, »Gefühle verstehen« oder »Im Job entfalten«. Dauer pro Einheit ca. 12 Minuten.
NACHTEILE Kein Testzeitraum fürs Abo, sehr kleines Gratisangebot, viele persönliche Daten abgefragt, bevor man die App überhaupt starten kann.
URTEIL Frei von Esoterik, sympathisch gestaltet, aber nur für Zahlungswillige interessant.
PREIS Kaum kostenlose Inhalte. Abo: 1 Monat 11,99 €, 12 Monate 79,99 €, unbegrenzte Lizenz einmalig 199,99 €

CALM Vielseitig und aufwendig gestaltet
ANGEBOT Kombiniert Meditationen mit Einschlafgeschichten von verschiedenen Sprechern, Atemanleitungen, beruhigenden Klängen und Stimmungsbildern. Für Anfänger geeignet.
MEDITATION Geordnet nach Themen wie »Stress« oder »Selbstliebe «. Teils als Lernprogramm (»Wie lerne ich zu vergeben?«), teils reine Meditation. Dauert unter Anleitung zwischen 3 und 35 Minuten, auch freie Meditation über Stunden möglich. Angenehme Stimme, gutes Tempo.
NACHTEILE 7-tägige Testversion geht ohne Kündigung automatisch in kostenpflichtiges Jahresabo über.
URTEIL Kreativ und liebevoll gestaltet, Themen wirken teilweise etwas gefühlsduselig.
PREIS Jahresabo 38,99 €, Inhalte teils kostenlos abrufbar

BAMBU Leichter Einstieg für Beginner
ANGEBOT Kern: geführte Meditationsanleitungen und Programme, um z. B. den Schlaf zu verbessern, besser mit Schmerzen zu leben oder das Rauchen aufzugeben. Dazu videoanimierte Lehrgeschichten und eine Anleitung zum ruhigen Atmen.
MEDITATION Gratis Schritt-für- Schritt-Einführung, FAQs zur Meditation werden auch schriftlich ausführlich beantwortet. Zahlreiche kostenpflichtige Kurse zu weiterführenden Themen. Fast alle Sitzungen gehen 10–20 Minuten, freie Meditationen (gratis) bis zu 80 Minuten.
NACHTEILE Kaum länger dauernde geführte Meditationen, kein Probeabo möglich.
URTEIL Optimale App für Meditationsneulinge.
PREIS Basisversion gratis, Abo: 1 Monat 8,99 €, 6 Monate 29,99 €

HEADSPACE Mit Liebe zum Detail, aber teuer

ANGEBOT Sehr aufwendig und liebevoll animierte App mit lehrreichen Meditationskursen, SOS-Übungen (»Überfordert«, »Ausgebrannt«), hilfreichen animierten Videos und Schlafhilfen wie Entspannungsgeräuschen, Musik und passenden Atemübungen. Gratisangebot dabei sehr beschränkt.
MEDITATION Gratiseinführungsmeditation, kostenpflichtige Lehrmeditationen z. B. zu Beziehungen oder Motivation. Dauer meist 10–20 Minuten, kurze Übungen 3 Minuten.
NACHTEILE Teuerstes Jahresabo im Test, kein Probeabo, App hakte im Test einige Male.
URTEIL Professionell gemachte Rundum-wohlfühl-App, die aber ihren Preis hat.
PREIS Basisversion gratis, Abo: 1 Monat 12,99 €, 1 Jahr 94,99 €

7MIND Kurz und knackig
ANGEBOT Reine Meditations-App ohne zusätzliche Funktionen, dafür angenehm übersichtlich und schlicht im Design.
MEDITATION Gratiseinführungsmeditation sowie weitere Lehreinheiten für Abonnenten zu Themen wie Mitgefühl, Selbstvertrauen oder Ängsten. Angeleitete Meditationen alle zwischen 2 und 7 Minuten, längere nur ohne Anleitung.
NACHTEILE Mehrmals Neustart erforderlich, kein Probeabo, Meditationen relativ kurz.
URTEIL Passt, wenn man in kurzer Zeit entspannen kann und keinen Wert auf Extras legt.
PREIS Basisversion gratis, Abo: 1 Monat 11,99 €, 12 Monate 59,99 €, unbegrenzte Lizenz einmalig 149,99 €. Für Barmer- Versicherte und zum Teil auch Studenten 1 Jahr kostenlos

Ungewohnt teuer für eine App

Etwas irritiert haben die hohen Preise für die Vollversionen der Apps: Jahresabos für 40, 60 oder gar 95 Euro ist man auf dem Markt der Applikationen nicht gewohnt. Zumal die Gratiskonkurrenz groß ist: Auf YouTube etwa gibt es etliche angeleitete Meditationen sowie beruhigende Stimmungsvideos und -klänge für lau, geführte Meditationskurse vor Ort werden oft ganz oder teilweise von den Krankenkassen finanziert – das trifft bei den Apps nur auf 7Mind zu, die für Barmer-Versicherte ein Jahr kostenlos nutzbar ist.

Fazit: Der Meditation grundsätzlich eine Chance zu geben lohnt sich in jedem Fall. Ob man dabei auf den Komfort einer aufwendig gestalteten App, einen Lehrer aus Fleisch und Blut oder die Gratisvideolösung mit Werbeunterbrechung setzt, hängt – wie so oft – vom persönlichen Geschmack und Geldbeutel ab.

Interview: »Es geht auch ohne Esoterik«

Dr. Ulrich Ott Diplom-Psychologe an der Universität Gießen und Autor (»Meditation für Skeptiker«, Knaur)


Was passiert im Körper, wenn man meditiert? Zunächst senken sich Blutdruck und Herzfrequenz, die Muskeln entspannen sich, man schwitzt weniger. Im EEG lässt sich außerdem beobachten, wie sich die Gehirnwellen beruhigen. Mit etwas Übung fällt es zunehmend leichter, sich zu konzentrieren und Stress zu bewältigen.

Und wie wirkt sich Meditation langfristig auf die Psyche aus? Viele Studien belegen, dass Meditierende mit der Zeit Ängste ablegen und weniger gestresst sind. Gedächtnis und Lernfähigkeit verbessern sich. Außerdem wird man achtsamer, das heißt, man erkennt eigene Gedanken- und Verhaltensmuster besser. Viele Menschen, die sich vorher als Spielball ihrer Emotionen erlebt haben, merken nun, dass sie gesünder und reflektierter auf die eigenen Gefühle reagieren.

Wie lange dauert es, bis diese positiven Effekte einsetzen? Nach einigen Wochen regelmäßiger Meditation unter Anleitung sollte man Verbesserungen wahrnehmen. Sie dürfen aber nicht zu viel erwarten: Meditation heißt nicht, auf Knopfdruck völlig angst- und stressfrei zu sein. Es braucht Geduld und Übung, die Gedanken loszulassen. Da heißt es dranzubleiben, wenn es nicht gleich klappt und sich keine Vorwürfe zu machen.

Kann man auch meditieren, ohne sich für Religion und Esoterik zu interessieren? Klares Ja! Meditation ist ein Oberbegriff für verschiedene Wege der inneren Einkehr und Kultivierung der Emotionen. Auch, wenn sie buddhistische Ursprünge hat: Man muss nicht spirituell sein, um meditieren zu können.

Aber muss man nicht an die Meditation »glauben«, damit sie funktioniert? Meiner Meinung nach ist Skepsis sogar eine gute Voraussetzung für Meditation, weil man sich nichts vormachen will, Veränderungen aufmerksam beobachtet, Forschergeist mitbringt.

Kann Meditation auch negative Effekte haben? Am Anfang, wenn man im Kopf quasi die Bühne freiräumt, wird es manchmal chaotischer als vorher. Ich vergleiche das mit schmutzigem Wasser im Glas, in dem der Dreck erst mal aufgewühlt wird, wenn man rührt. Dann ist Geduld gefragt, bis sich alles setzt und das Wasser schließlich klar wird.

Wie wirkt sich das bei psychisch instabilen Menschen aus? In der Tat können intensive, unbegleitete Meditationen bei Menschen, die etwa mit Traumata zu kämpfen haben, innere Konflikte ausbrechen lassen. Therapiebegleitend kann Meditation aber sehr hilfreich sein, etwa bei Depressionen und Angststörungen. In diesen Fällen sind qualifizierte Lehrer, die die Krankenkassen vermitteln, unverzichtbar.