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MEDIZIN DER ZUKUNFT I: SCHÖNER NEUER MENSCH


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 02.01.2020

JE MEHR IN DER MEDIZIN MÖGLICH IST, DESTO STÄRKER VERÄNDERT SICH IHR STATUS.VON DER SORGE UM DEN MENSCHEN UND DESSEN KURIERUNG WANDELT SIE SICH ZU EINEM SERVICE, DER ERFÜLLT, WAS AUCH IMMER DER MENSCH WILL. WOHIN FÜHRT DAS?


Artikelbild für den Artikel "MEDIZIN DER ZUKUNFT I: SCHÖNER NEUER MENSCH" aus der Ausgabe 2/2020 von Hohe Luft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Hohe Luft, Ausgabe 2/2020

Alle Menschen sind sterblich. So war es immer, und so ist es auch heute noch. Solange man sich jedoch im relativen Vollbesitz seiner Kräfte wähnt, erscheint einem jene fundamentale Tatsache merkwürdig virtuell. »Tod« – ein Film, den man irgendwann seiner ganz persönlichen Netflix-Liste zu 367 anderen hinzugefügt und dann vergessen hat. »Tod«, das klingt so surreal wie »Krebs«. Wer ...

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... gerade geheiratet hat, befördert wurde oder kurz davor steht, sein Leben ändern zu wollen, kann unmöglich von einem Tumor befallen werden. Aber was, wenn es tatsächlich geschieht?

Niemand hat Zeit für »Tod«, keiner hat Kapazitäten für »Krebs«. Eine Gesellschaft, die auf Funktionieren, Kontrollieren, Optimieren konditioniert ist, kann krankheitsbedingte Ausfälle nicht dulden. Weder jetzt noch irgendwann. Diese Gesellschaft muss immer im Plus sein. Jedes Minus, das den reibungslosen Ablauf sozialer und ökonomischer Prozesse behindert, muss unterbunden werden. Wirken, Werden und Wachsen dürfen nie an ein Ende kommen.

Seit je war der Tod die Grenze der Medizin (vom lateinischen modus für »Maß«). So sehr der Tod die Wirksamkeit ärztlichen Handelns immer beschränkte, so sehr war und ist er auch der Antrieb, die gesetzten Grenzen zu erweitern. Seit der Antike hat die Medizin gewaltige Fortschritte gemacht. Trotz aller technologischen und pharmakologischen Innovationen kann sie zwar auch heute längst nicht alle Krankheiten erkennen und therapieren. Dafür ist sie inzwischen hoch kompetent, wenn es um Verbesserungen am an sich Nicht-Therapiebedürftigen geht.

Ärzte heilen uns nicht mehr nur, sie designen und perfektionieren uns auch; sie tun, wonach der »Kunde« verlangt. Ob Botox, Bleaching oder Präimplantationsdiagnostik: Die Erwartungen an die Medizin sind enorm – und stellen sie vor ein Problem, das den Kern ihres ethischen Selbstverständnisses betrifft. Ist eine Heilkunst, die nicht mehr (nur) heilt, von ihrer Selbstauflösung bedroht – oder befindet sie sich nur in einer Übergangsphase? Welchen Platz hat die fachliche und ethische Autorität des Arztes in der Hightech-Medizin? Und wie autonom ist der Kunde, der entscheidet, was »gemacht« wird, wirklich?

In Ländern, die über die Technologien eines differenzierten ökonomisierten Gesundheitssystems verfügen, konkurriert das seit der Antike tradierte Paradigma der »kurativen « Medizin zunehmend mit den operativen, pharmakologischen, biotechnischen oder gentechnischen Maßnahmen einer »wunscherfüllenden« Medizin. Deren Ziel ist die Verbesserung eines physischen oder psychischen Zustands. Wenn es um eine Bauchdeckenstraffung geht, ist es nicht mehr (nur) der Arzt, der sagen kann und darf, was jeweils »gut« und geboten ist zu tun, sondern die Person, die die medizinische Leistung in Anspruch nimmt.

Die Medizin scheint sich daher auch in einen kundenzentrierten Marktplatz zu verwandeln, der zunehmend mit der Fitness-, Wellness-und Beautyindustrie koaliert und konvergiert. Mehr und mehr muss sich die Expertise des Arztes (siehe hierzu auch den Essay »Wie es euch gefällt, Leute« über Berater in HOHE LUFT 1/2020) mit dem Wissen, Können und Wollen derer messen lassen, die von ihm eine Qualitätssteigerung ihres Lebens erwarten.

Unter Marketing-Gesichtspunkten lässt sich die Entgrenzung der Heilkunst zur Wunscherfüllung in zweierlei Hinsicht begründen: erstens durch Medikalisierung, also weil »entsprechendes medizinisches Handeln möglich und gewünscht ist«, so der Medizinethiker Tobias Eichinger; wie bei der häufig nachgefragten Kaiserschnittgeburt oder einer Nasenkorrektur. Zweitens durch Pathologisierung, also indem etwas als Krankheit definiert wird, was bisher nicht als solche galt – wie Lachfalten oder Pigmentflecken. Die Vermarktung von Anti-Aging-Produkten angesagter »medical brands« etwa folgt mal der einen, mal der anderen Begründungslogik. So oder so ist es nicht das Ethos des Dermatologen, das über den Erfolg der Marke entscheidet, sondern seine Autorität als wissenschaftlicher Evidenz-Lieferant.

Je mehr die Ästhetik über die Ethik triumphiert, desto mehr weicht der kurative ärztliche »Bereitschaftsdienst« dem »Service« der wunscherfüllenden Medizin. Zu behaupten, diese diene nur individuellen ästhetischen oder hedonistischen Zwecken, wäre aber zu kurz gegriffen. Die Wunscherfüllung ist integraler Bestandteil der allumfassenden kapitalistischen Steigerungslogik. Wo Gesundheit unter dem Diktat der Effizienz steht, wo sie zu einem messbaren, evidenzbasierten, datengetriebenen Muss wird, ist der Begriff der wunscherfüllenden Medizin irreführend.

KRANKHEIT ALS SÜNDE AM EIGENEN LEBEN

Denn es kann auch noch ganz anders kommen: Etwa wenn eines Tages das Maß an Aussehen und Fitness eines Menschen darüber entscheidet, welche Krankenkassenleistungen ihm zu welchem Preis zustehen, welche Jobs er kriegt, ob und wie sehr er erotisch, finanziell und lebenstechnisch insgesamt reüssieren kann. Da geht es dann nicht mehr um das jeweilige eigene kleine Leben. Da geht es um das große Ganze. Um die systematische Vermeidung aller Risiken, die den Menschen als Mängelwesen outen könnten. Um die Abschaffung der eklatantesten Hässlichkeiten überhaupt: Krankheit und Tod.

Homers »Ilias« und die »Odyssee« präsentierten den Kranken noch als von Dämonen Besessenen, als Träger einer übernatürlichen Strafe. Erst mit Beginn des Christentums wurde, was als pathologisch galt, zunehmend moralisiert. Heute erscheint Krankheit mehr denn je als eine Art Sünde am eigenen Leben, als selbst verschuldetes Handicap. Ein Elend, das man mit digitaler Sensorik (»Wearables«) selbstverantwortlich zu verhüten hat.

Was technologisch machbar ist, wird auch gemacht. Krankheit und Alter müssen, sollen und dürfen nicht sein. Der Tod darf nicht passieren. Dies – und nicht das ärztliche Ethos – ist die noch unausgesprochene medizinische Norm der Zukunft. Der aufs Sammeln von Zahlen und Daten fixierten Gesellschaft ist es herzlich egal, wie gesund und stark man sich fühlt. Sie will Beweise. Sie will ein Gesundheitssystem, das sich rechnet – durch die aktive Beteiligung aller potenziellen »Sünder« an der umfassenden Kontrolle möglicher Gesundheitsrisiken.

AM ÄSTHETISCHEN KÖRPER ZEIGT SICH DAS TECHNISCH MACHBARE

Man hat sich präventiv vom abhängigen Patientenstatus zu lösen, indem man mit Squats und Crunches in den Tag startet, mittags statt Schnitzel eine Akne-Behandlung einschiebt und abends beim feinperligen Mineralwasser bleibt. Man hat autonom zu bleiben, indem man proaktiv schuftet, fastet, schafft und die Fortschritte mit Apps und Gadgets trackt. Der Begriff der wunscherfüllenden Medizin verhüllt nur den womöglich in der Zukunft drohenden Zwang zur Selbstverantwortung, zu dem das Gesundheitssystem uns verpflichten könnte.

Die ganzheitliche »Verschönerung « des Menschen und seines Lebens zielt darauf, die Momente maximaler Vitalität gleichsam zu konservieren und zu einer »potenziell unendlichen Gegenwart« zu »verbreitern« (Hans Ulrich Gumbrecht). Es ist der ästhetische Körper, nicht der schöne Geist, an dem das technologisch Machbare am offensichtlichsten wird; ein Körper, der permanent verbessert werden muss, um zu bleiben, wie er ist.

Krasseste Meisterin und berühmteste Symptomträgerin zugleich all dessen, was »Enhancement« heute heißen kann, ist natürlich Kim Kardashian. Auf Instagram, dem Dokumentationszentrum ihrer körperlichen Transformationskünste, sieht man sie mal als Psoriasis-Patientin, mal beim Workout oder Beauty Treatment, mal als Model eines brandneuen, selbst produzierten und vertriebenen, perfekt deckenden Ganzkörper-Make-ups, mal mit frisch von der Leihmutter ausgetragenem Wunschkind. Jede Story verkündet einen Sieg über Alter, Krankheit und Hässlichkeit, jeder Post zeigt die Macht des Gemachten, den Lohn des endlosen harten Optimierungstrainings.


» SO FLÜCHTEN WIR VOR UNSERER INDIVIDUELLEN STERBLICHKEIT. VOR DER KATASTROPHE. «
DON DE LILLO, »NULL K«


»Neu ist das Ausmaß der wechselseitigen Verblendung von Natur, Kultur und Technik«, schreibt der Soziologe Dirk Baecker über diese Art von Sport in der digitalen Gesellschaft. Neu sei auch »der weitgehende Verzicht auf eine Ontologie«, die die Unterschiede zwischen Menschen und allem anderen Leben sicher festzustellen vermag. Dies gilt umso mehr für die moderne Medizin. Was ist der ontologische Status von Kim Kardashian? Ist sie eine Frau oder – qua diverser personalisierter technologischer Extensionen und Vervielfältigung im Netz – eine Art Cyborg? Egal. Die wunscherfüllende Medizin ermöglicht die Anpassung jeglicher Ontologie an jegliche Wünsche. Das »Sein« verflüssigt sich, bis es die neue gewünschte Form angenommen hat. In diesem Sinne gilt: Autonomie vor Ontologie. Autonom ist, wer seinen Körper als zu perfektionierendes Objekt betrachtet; wer sich selbst in Form seiner materiellen Eigenschaften freiwillig und selbstverantwortlich »verzweckt«.

WUNSCHERFÜLLENDE UND EVIDENZBASIERTE MEDIZIN

Die Erweiterung der »kurativen« (sorgenden) hin zur »wunscherfüllenden« Medizin öffnet laut dem Philosophen Matthias Kettner »das medizinische Wissen und Können aus der Sicht der Rezipienten für diverse Zwecke der Lebensplanung, Selbstverwirklichung und Selbstverbesserung« – mit allen Vor-und Nachteilen. Evidenzbasierte Medizin kann nach Kettner sowohl kurativ als auch wunscherfüllend sein. Sie soll dafür sorgen, dass der Patient seine Entscheidungen aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen trifft, also aufgrund der Nachweisbarkeit von Wirkungen.

Nur wer mehr oder weniger autonom über sein Behandeltwerden entscheiden kann, kann den Glauben hegen, sich von der Rolle des abhängigen Patienten für immer befreit zu haben – den Tod besiegen zu können. Wie lange wird es wohl dauern, bis die Heilkunst sich selbst abgeschafft haben wird? Möglicherweise mündet die entgrenzte Medizin unter dem Vorzeichen der »life extension« schon bald in den Transhumanismus. Vorrangiges Ziel von Transhumanisten wie dem Bioinformatiker Aubrey de Grey oder dem Philosophen und Futuristen Max More (»Mehr«) ist die finale Unsterblichkeit des Menschen.

Wie viele Vertreter der wunschbasierten Medizin pathologisieren sie den natürlichen Alterungsprozess. Sie sehen Altern als eine Krankheit, die es mittels Technologie standardmäßig auszumerzen gilt, wie jedes andere Gebrechen. Aus transhumanistischer Sicht ist der Tod partout auszuschalten, damit der Mensch mehr Zeit hat, um die großen Weltprobleme zu lösen. Mehr Zeit, um mehr messbaren Erfolg, mehr normiertes Glück anzuhäufen. Was, wenn ich mein Glück im Weniger sehe?

LEKTÜRE

Dirk Baecker
4.0 ODER DIE LÜCKE DIE DER RECHNER LÄSST
Merve, 2018
Lesenswerter Essay über die digitale Gesellschaft – mit Betrachtungen über den Sport und die »überwachte Gesundheit«.
Don de Lillo
NULL K
Kiepenheuer & Witsch, 2016
Roman um ein Unternehmen, das mithilfe der Kryonik den Tod endgültig abschaffen will.
Hans-Georg Gadamer
ÜBER DIE VERBORGENHEIT DER MEDIZIN
Suhrkamp, 2010
Betrachtungen eines großen Hermeneutikers über die medizinische
Fortschrittsfixierung zuungunsten des natürlichen Verhältnisses des
Menschen zu seiner Gesundheit.
Daniela Ringkamp und Héctor Wittwe (Hrsg.)
WAS IST MEDIZIN? DER BEGRIFF DER MEDIZIN
UND SEINE ETHISCHEN IMPLIKATIONEN
Karl Alber, 2018
Sammelband mit philosophischen und medizinischen Beiträgen zum
Konflikt zwischen kurativer und wunscherfüllender Medizin.

DER MENSCH ALS DESIGNER UND DESIGNOBJEKT IN EINEM

Mehr ist mehr, und was machbar ist, wird gemacht, so sehen es die Transhumanisten. Solange die Unsterblichkeit noch nicht erreicht ist, wirbt der Transhumanismus für die Kryonik (vom griechischen kryos für »Eis«, »Frost«). Einrichtungen wie das amerikanische Cryo‑ nics Institute oder die Alcor Life Extension Foundation bieten (legal und zahlungspflichtig) an, den menschlichen Körper unmittelbar nach dem Hirntod bei minus 196 Grad Celsius einzufrieren und zu lagern, bis die technologischen Mittel zu seiner immerwährenden Wiederbelebung bereitstehen.

Für More und andere Transhumanisten ist die Kryonik nichts anderes als Therapie. Dies zeigt nicht nur ihren Willen zur Kontrolle des bisher Unkontrollierbaren, sondern nimmt womöglich auch die künftige Entwicklung der Heilkunst – und, darüber hinaus, der Gesellschaft – vorweg. Schon jetzt zeigt sich, dass die auf Wunscherfüllung hin entgrenzte Medizin tatsächlich auf eine zunehmende »Verblendung von Natur, Kultur und Technik« (Baecker) zielt; dass sie eine Autonomie proklamiert, die darin bestehen soll, sich stets als aktiver Gestalter des eigenen Lebens bzw. Körpers zu beweisen – als Designer (Mittel) und Designobjekt (Zweck) in einem; dass sie dieselbe Autonomie aber nicht mit eigenständigem sinnhaftem Handeln, sondern einem feedbackgeleiteten, reflexhaften Verhalten verbindet, das dem kollektiven Wohl der Menschheit, ihrem permanenten Wirken, Werden und Wachsen zugute kommen soll. Alle drei Aspekte entsprechen auch dem transhumanistischen Verständnis von einer besseren Welt.


» ICH WÜRDE GERNAN SCHWINDSUCHT STERBEN. «
LORD BYRON


Es bleibt die Frage: Wessen Wünsche sind es tatsächlich, die hier erfüllt werden sollen? Indem die Medizin den Weg der Rationalität von Big Data, Biotechnologie und Algorithmen weiterverfolgt, verlässt sie den Pfad der Solidarität mit jenen Menschen, die nicht Teil einer selbst optimierten Elite sind oder es nicht sein können. Den Alten, Kranken, Schwachen, Verletzlichen, denen mit Ethik weit mehr geholfen ist als mit Ästhetik.

Sollte das kurative ärztliche Ethos tatsächlich einmal gänzlich dem Ziel vom schönen neuen Menschen geopfert werden, läge der Sehnsuchtsort für die Verlierer des Systems wohl nicht in der Zukunft, sondern eher in der Vergangenheit. Vielleicht sogar im 19. Jahrhundert – jener Epoche lange vor Kim Kardashian, Wearables und Kryonik, wo für kurze Zeit die schöpferische Innerlichkeit des Menschen über seine Vitalkraft triumphieren durfte, derart, dass Romantiker wie Novalis und Lord Byron die Krankheit zum eigentlich »Interessanten« am Menschen erklärten. Ob diese Idee dekadenter ist als die total optimierte Gesundheit des ewigen Lebens, muss der Leser selbst entscheiden.