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medizin: Die Natur als Heilerin


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 02.12.2020

Immer wieder tauchen Pionierinnen und Pioniere der sanften Medizin in der Geschichte auf - Frauen und Männer, die eine neue Gesundheitslehre prägten. Wir stellen Ihnen acht dieser besonderen Persönlichkeiten auf den folgenden Seiten vor


Artikelbild für den Artikel "medizin: Die Natur als Heilerin" aus der Ausgabe 1/2021 von Vital. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTO: MC PHOTO / MAURITIUS IMAGES


„Die Augen sind die Fenster der Seele“


Hildegard von Bingen: Superstar der Volksmedizin

Wie damals üblich, kommt Hildegard von Bingen (1098- 1179) als zehntes Kind ihrer Eltern ins Kloster. Schon früh erlebt sie göttliche Visionen. Als Äbtissin gründet die Benediktinerin ihr eigenes Kloster und berät hochrangigste Zeitgenossen wie ...

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... Friedrich Barbarossa oder den Papst. Emanzipiert, selbstbewusst, gebildet - Hildegard von Bingen, schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt, gilt als erste Universalgelehrte der Geschichte.

IHRE LEHRE: In ihren medizinischen Schriften verwendet sie die deutschen Namen von Heilpflanzen. Damit schafft sie eine neue, echte Volksmedizin, in der Heilkräuterwissen mit der damaligen Medizintradition verschmilzt. Neben der Verwendung von Heilmitteln aus der Natur legt sie Wert auf Ernährung, Rhythmus von Muße und Arbeit, Schlafen und Wachen, seelische Harmonie sowie Entgiftung.

WIE ES WEITERGEHT: Der Begriff „Hildegard-Medizin“ kommt erst 1970 durch den österreichischen Arzt Gottfried Hertzka auf, der die Rezepte in ihrem Werk „Physica“ für den heutigen Gebrauch übersetzt.

HEUTIGE ANWENDUNG: Zu den Lieblingsheilmitteln der Hildegard von Bingen zählt das Gewürz Galgant, ein Verwandter des Ingwer. Die enthaltenen Flavonoide, Scharf- und Gerbstoffe lindern psychovegetative Störungen wie Nervosität oder Verdauungsprobleme (pflanzliches Arzneimittel, in Apotheken, Reformhäusern).

Johann Schroth: Erfinder der Fastenkur

Ursprünglich Fuhrmann, macht sich der Schlesier Johann Schroth (1798-1856) als Naturheiler und „Semmeldoktor“ einen Namen. Als junger Mann erfährt er, wie feuchte Umschläge seine schwere Knieverletzung bessern. Zudem beobachtet er, dass krankes Vieh nicht isst und kaum trinkt. Darauf gründet Schroth seine Methode für kranke Menschen, die Schrothkur.

SEINE LEHRE: Das uralte Ritual religiösen Fastens bekommt im 19. Jahrhundert eine medizinische Komponente - es soll Krankheitsstoffe aus dem Körper schwemmen. Bei der originalen Schrothkur folgen auf drei Trockentage mit nur zwei Gläsern Wasser (+ 1 Wacholderschnaps) je zwei kleine und große Trinktage mit 0,5 l bzw. 1 l Flüssigkeit (Kurwein). Das Essen besteht aus salz-, fett- und eiweißlosem Brei und trockenen Semmeln. Über Nacht liegen die Kurenden in feuchtkalten Tüchern.

VERWANDTE IDEEN: Ärzte wie Otto Buchinger und F. X. Mayr beschreiben kurze Zeit später ähnliche Fastenkonzepte. Die heutige Schrothkur setzt neben Wickeln und Bewegung auf Mischkost, bei der sich die Kalorienzufuhr langsam erhöht. Auch die Trinkmenge der Trockentage liegt jetzt höher. Positive Effekte zeigen sich nachweislich bei Diabetes, Bluthochdruck oder Arthrose.

HEUTIGE ANWENDUNG: Das anerkannte Schroth- Heilbad Oberstaufen im Allgäu (oberstaufen.de, siehe auch S. 113) bietet alles, von Schroth-Schnupperwochen im Wellness-Hotel bis hin zu krankenkassengeförderte Dreiwochen-Kuren.


„Ohne Reinigung keine Heilung“


Paracelsus: - Vorreiter der modernen Arzneikunde


„Die Dosis macht das Gift “


Theophrastus Bombast von Hohenheim (1493-1541) nennt sich lieber Paracelsus. Der in der heutigen Schweiz geborene Arzt und Alchimist macht so seine Abneigung gegenüber mittelalterlichen Medizinverständnissen klar.

SEINE LEHRE: Die Überzeugung, dass eine Vielzahl von Faktoren bei der Entstehung von Krankheiten eine Rolle spielen und dass (pflanzliche) Arzneimittel sie auf mehreren Ebenen bekämp- fen können, gilt in der Zeit der Hexenverbrennungen als skandalös. Heute sehen wir Paracelsus gerade deshalb als Urvater der Pharmazie. Der erste ganzheitlich orientierte Mediziner Paracelsus glaubt an die Selbstheilungskräfte des Körpers, die er als Arzt zu stärken habe.

WEN ER INSPIRIERT: Viele seiner Rezepte fließen in die Klostermedizin ein. Das Prinzip, dass Symptome der Krankheit denen der passenden Arznei entsprechen sollten, übernimmt Hahnemann für die Homöopathie (siehe rechts).

HEUTIGE ANWENDUNG: Die Stimulation des Immunsystems und die Verwendung von Metallpräparaten gehen auf Paracelsus zurück. So kennen wir heute Zink- Tabletten zur Unterstützung der Abwehr (z. B. „Zink Verla immun“, in Apotheken).

Samuel Hahnemann Begründer der Homöopathie

Der sächsische Arzt und Apotheker (1755-1843) stutzt, als er beim Übersetzen eines medizinischen Fachbuchs liest, Chinarinde bekämpfe Malaria. Trotz oder gerade wegen seiner Skepsis wagt er einen Selbstversuch und bemerkt, dass er Symptome entwickelt, die denen der Malaria entsprechen. Seine Schlussfolgerung führt zum Namen seiner zu jener Zeit ungewohnt sanften Medizin: homoion (griech.: ähnlich) und pathos (Leiden).

SEINE LEHRE: Eine Krankheit kann durch ein homöopathisches Mittel geheilt werden, das bei einem gesunden ähnliche Symptome auslöst (s. Zitat). Die aus Pflanzen, Tieren und Gestein gewonnene Urtinktur kommt in verdünnter Form auf Zuckerkügelchen (Globuli). Hahnemann will so eine giftige Wirkung oder Überreaktion vermeiden. Obendrein stellt er fest, dass sich durch diese „Potenzierung“ die Wirksamkeit steigert. Bei der Wahl der richtigen Arznei kommt es zudem auf Konstitution und Persönlichkeit der Person an.

VERWANDTE IDEE: Das homöopathische Potenzieren nutzt auch Dr. Wilhelm Schüßler (1821-1898) für die biochemischen Funktionsmittel, die Schüßler-Salze.

HEUTIGE ANWENDUNG: Die Homöopathie sieht sich als Ergänzung, nicht etwa als Gegenspieler der Schulmedizin (z. B. „Rhus toxicodendron D6 DHU“ bei rheumatischen Schmerzen, in Apotheken). In der Selbstbehandlung von Alltagsbeschwerden nutzen sie bei uns aufgrund guter Erfahrungen etwa 30 Millionen Menschen.


„ Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“


Christoph Wilhelm Hufeland: Pionier der Präventivmedizin

Aus einer Arztfamilie in Weimar stammend, folgt Hufeland (1762-1836) dieser Tradition, behandelt u. a. Goethe und Schiller. 1801 wird er königlicher Leibarzt Friedrich Wilhelms III. und erster Arzt der Charité Berlin. Auch liegt ihm die Armenfürsorge am Herzen, so verdanken wir ihm die Pockenschutzimpfung.

SEINE LEHRE: „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ lautet der Titel von Hufelands Hauptwerk, kurz: Makrobiotik. Er plädiert für einen harmonischen Lebensstil, die Ausgewogenheit zwischen Askese und Schlemmerei, denn alle Extreme verhindern die angestrebte Langlebigkeit (Makrobiose). Unsere angeborene Lebenskraft (Konstitution) müssten wir schützen, deren Verbrauch ausgleichen. Er nutzt die Heilkraft der Natur und steht Akupunktur oder Wasseranwendungen offen gegenüber.

LEICHTE VERWECHSLUNG: Die heutige Makrobiotik geht nicht auf Hufeland, sondern vielmehr auf eine asiatische Ernährungslehre zurück.

HEUTIGE ANWENDUNG: Genießen wir mit Maß (z. B. frische Luft, Schlaf, Bewegung) und verzichten auf Unbekömmliches (Völlerei, Faulheit, Überlastung), werden wir nicht krank - sein Credo entspricht der jetzigen Auffassung eines gesunden, ausgewogenen Lebensstils. Der ärztliche Dachverband für Naturheilkunde, komplementäre und integrative Medizin trägt seinen Namen: Hufelandgesellschaft e.V.


„ Vorbeugen ist besser als heilen“


Ita Wegman: Mutter der anthroposophischen Medizin

Mit 26 trifft Ita Wegman (1876-1943) Rudolf Steiner, den Begründer der spirituellen Weltanschauung Anthroposophie. Er ermutigt sie, Medizin zu studieren, später wird sie seine wichtigste Mitarbeiterin und engste Vertraute. Die gebürtige Niederländerin lässt sich in der Schweiz als Fachärztin für Frauenheilkunde nieder und gründet in Arlesheim die weltweit erste, viele Jahre auch einzige anthroposophische Klinik sowie ein heilpädagogisches Heim für geistig behinderte Kinder.

IHRE LEHRE: Die anthroposophische Medizin versteht sich als Erweiterung der Schulmedizin nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Das soll den erkrankten Menschen befähigen, Körper, Geist und Seele in eine gesunde Balance zu bringen, z. B. mit Einreibungen und Wickeln, durch Ernährungslehre, Kunst- und Bewegungstherapie. Ihre „Rhythmische Massage nach Ita Wegman“ wird eine eigenständige Therapieform.

WIE ES WEITERGEHT: Aus dem von Wegman vor ziemlich genau 100 Jahren mitgegründeten Klinisch-Therapeutischen Institut wird die Weleda AG, Hersteller von anthroposophischen Arzneimitteln und Naturkosmetik.

HEUTIGE ANWENDUNG: Folgen wir unserem Takt und verbinden uns mit der Natur, findet der Körper in den gesunden Rhythmus. Dabei helfen natürliche Präparate, wie z. B. „Infludo“-Tropfen bei Infekten (in Apotheken).


„Ich bin für Fortschreiten“


Maria Clementine Martin: Klosterfrau und Unternehmerin


„Der Himmel segnete meine Unternehmung“


Im Kloster St. Anna in Coesfeld betätigt sich die Nonne (1775-1843) in der Krankenpflege. Als es schließen muss, zieht sie ins Kloster Marienflucht bei Gronau, doch auch dies fällt der Säkularisation zum Opfer. Auf sich gestellt, verdingt sich Maria Clementine fortan wohl als Heilkundige. Bei der Schlacht von Waterloo versorgt sie verletzte Soldaten, was ihr den Dank des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. einbringt, der ihr eine Leibrente zuspricht. 1826, gut zehn Jahre später, gründet sie in Köln ihre eigene Firma mit dem Namen Maria Clementine Martin Klosterfrau.

IHRE LEHRE: Zu dieser Zeit ist der französische Karmelitergeist auf Melissenbasis bereits bekannt. Die geschäftstüchtige Ordensfrau weiß ihr Produkt jedoch erfolgreich zu vermarkten, indem sie beim König die Erlaubnis erbittet, sein Wappen für ihren Melissengeist verwenden zu dürfen - mit Erfolg. Offiziell damals nur als „Parfumware“ zugelassen, empfiehlt sie den aus 13 Heilpflanzen bestehenden Melissengeist als Universalmittel gegen Beschwerden aller Art, zur äußeren und inneren Anwendung.

VERWANDTE IDEE: Der ursprüngliche Karmelitergeist, ein alkoholischer Kräuterextrakt, stammt von den Karmelitinnen der Abtei St. Juste in Frankreich.

HEUTIGE ANWENDUNG: In Wasser verdünnt getrunken, stärkt „Klosterfrau Melissengeist“ (in Apotheken) das vegetative Nervensystem und lindert Beschwerden wie Unruhe, Wetterfühligkeit oder Magen-Darm-Probleme. ie äußerliche Einreibung vertreibt Muskelschmerzen.

Sebastian Kneipp: Pfarrer und Wasserdoktor

Im Theologiestudium plagen den aus armen Verhältnissen stammenden Sebastian Kneipp (1821-1897) Lungenprobleme. Er kuriert sich mit Wasseranwendungen und behandelt Kranke, die sich keinen Arzt leisten können - auch nach seiner Priesterweihe. Bei Schulmedizinern verschrien, kommen dennoch immer mehr Kurgäste für eine Wasserkur zu ihm nach Bad Wörishofen. Kneipp macht sich europaweit einen Namen als Hydrotherapeut und Naturheilkundler.

SEINE LEHRE: Zu den bekanntesten Anwendungen gehören das Wassertreten und Kneipp-Güsse. Das kalte Wasser bewirkt eine Reizreaktion des Körpers. Neben der Hydrotherapie legt Kneipp Wert auf vollwertige Ernährung, nutzt die Kraft von Heilpflanzen und rät zu bewusster Lebensweise nach der Ordnungstherapie.

VERWANDTE IDEE: Die Geschichte der Hydrotherapie zur Abhärtung (präventiv) und Behandlung chronischer Zustände (kurativ) reicht bis in die Antike. Die Balneologie (u. a. Thalasso) speist jedoch Wasser aus bestimmten Heilquellen, auch warmen.

HEUTIGE ANWENDUNG: Ein Wechselarmbad („Kneipp’scher Espresso“) regt an, aber nicht auf. Es eignet sich bei Durchblutungsstörungen an Händen, als Kreislaufanschieber und bei hohem Blutdruck: Arme für 3 bis 5 Min. in handwarmes Wasser tauchen, dann für einige Sekunden in max. 18 Grad kaltes Wasser. Tropfen nur abschütteln. 2 x wiederholen.


„Wer keine Zeit für seine Gesundheit hat, wird später viel Zeit für seine Krankheiten brauchen“


FOTOS: WELLCOME LIBRARY LONDON, ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK, MORPHART / ADOBE STOCK

FOTOS: ULLSTEIN BILD DTL. / GETTY IMAGES, ZEITSCHRIFT QUINTE

FOTOS: DAS GROSSE KNEIPPBUCH, MCM KLOSTERFRAU VERTRIEBSGESELLSCHAFT