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MEDIZIN: Frühstück fällt aus


Der Spiegel Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2018 vom 20.02.2018

Hungern statt Pillen schlucken? Auch Mainstream-Mediziner raten inzwischen zum Nahrungsverzicht für die Gesundheit. Gerade das Intervallfasten boomt – aber ist es mehr als die neueste Modediät?


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Bildquelle: Der Spiegel Wissen, Ausgabe 1/2018

ZUM FRÜHSTÜCK reicht ein Espresso. Essen Sie nur zweimal am Tag. Und verzichten Sie aufs Abendbrot.

Wie bitte? Allen vertrauten Grundsätzen widersprechen neue Empfehlungen, wie man sich optimal ernährt. Biologen, Ernährungswissenschaftler und Mediziner haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Belege dafür gefunden, dass kurze Fastenphasen während des Tages erstaunlich gesund sind. Daraus leitet sich die neue ...

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... Zauberformel ab: Man darf alles essen, bloß nicht immer.

Ein überraschender Perspektivwechsel beim Thema Ernährung, bei dem längst alles gesagt schien – und bei dem jenseits der Grundthese, dass man nicht mehr Kalorien zu sich nehmen sollte, als man verbrennt, seit Jahrzehnten vor allem immer neue Hokuspokus-Theorien kursieren.

Die neuen Erkenntnisse zum Fasten aber lassen nun nicht mehr allein bedeutsam erscheinen, was man isst. Sondern vor allem, wann man isst. Doch stimmt das wirklich? Oder ist es nur der neueste Diäthype?

Als einer der Ersten machte der Forscher Satchidananda Panda vom Salk-Institut in Kalifornien auf den Zusammenhang zwischen Essenspausen und Gesundheit aufmerksam. In einem seiner Experimente un - tersuchte er beispielsweise rund 400 Mäuse. Die eine Hälfte der Tiere bekam 9 bis 15 Stunden am Tag eine fette und zuckerreiche Kost – eine Art Fast-Food-Diät. Die restlichen Stunden des Tages hatten diese Mäuse keinen Zugang zum Futter. Für die andere Hälfte der Mäuse war die gleiche Futterund Kalorienmenge portioniert, nur kamen diese Tiere 24 Stunden lang permanent an die Fressnäpfe. Wie erwartet, wurden die Mäuse, die ständig ans Futter kamen, übergewichtig und krank, bekamen beispielsweise Diabetes. Die Mäuse, die nur in festgelegten Intervallen fraßen, blieben da - gegen schlank und gesund.

Das Erstaunliche: Sie hatten dieselben Mengen hochkalorische und ungesunde Kost gefuttert, nur in einem kürzeren Zeit - raum. Auch wenn man Mäuse und Menschen nicht gleichsetzen kann: „Überspitzt gesagt, legt das Ergebnis nahe, dass man essen kann, was man will, wenn man es schafft, bestimmte Strecken des Tages zu fasten“, sagt Frank Madeo, der am Institut für molekulare Biowissenschaften an der Universität Graz die langfristigen Effekte des Intervallfastens beim Menschen untersucht.

Mittlerweile gibt es auch einige Belege, dass beim Menschen ebenfalls allein die zeitliche Verteilung der Kalorienmenge auf entscheidende Weise den Stoffwechsel beeinflusst. Die tschechische Diabetesforscherin Hana Kahleova machte etwa ein Experiment mit 54 Diabetes-Typ-2-Patienten. Ein Teil der Gruppe aß sechs kleine Mahlzeiten pro Tag, die andere Gruppe aß nur zwei große Mahlzeiten und hielt zwischendurch eine lange Esspause ein. Nach zwölf Wochen hatten sich bei der Gruppe, die Fastenintervalle einhielt, Diabetesmarker sowie Blut- und Leberfettwerte deutlich gebessert. Bei der Gruppe, die mehrere kleine Mahlzeiten zu sich genommen hatte, waren die Werte schlechter. Fazit dieser – und auch einiger anderer – Studien: Die lange kursierende Empfehlung, dass eine gesunde Ernährung aus vielen Zwischenmahlzeiten über den Tag verteilt besteht, ist nicht mehr haltbar.

Unterschiedliche Formen des sogenannten Intervallfastens – etwa ein Zeitplan, bei dem man in einem 24-Stunden-Turnus 16 Stunden fastet und nur 8 Stunden isst – führen dazu, dass sich die Biochemie im Körper günstig verändert. „Es beginnt ein sogenannter Fastenstoffwechsel, der auf Dauer bewirkt, dass sich der Blutdruck senkt, der Zucker- und Insulinstoffwechsel verbessert und weniger Entzündungsmarker im Blut messbar sind“, sagt Frank Madeo. Das Risiko für Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2 werde dadurch reduziert, die Zellalterung verlangsamt.

„Kurze Fastenintervalle, die wir in den Tag einbauen, entsprechen unserer Natur“, sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde vom Immanuel Krankenhaus in Berlin, der darauf hinweist, dass unsere Vorfahren sicher nicht permanent gegessen haben. Das ist heute anders: Es gibt Studien, die zeigen, dass etwa viele Amerikaner mehr als 15 Stunden am Tag ständig Snacks zu sich nehmen. Das führe natürlich zu Übergewicht, bringe aber auch den Zuckerstoffwechsel aus dem Gleichgewicht, so Michalsen. Der Naturheilkundler, auf die Erforschung traditioneller Fastenkuren spezialisiert, ist mittlerweile von den gesundheitsfördernden Wirkungen des Kurzzeitfastens überzeugt. „Die positiven Stoffwechseleffekte werden durch das Kurzzeitfasten einmal am Tag kurz hochgekitzelt. Das halte ich für einen Gewinn.“

DOCH WAS PASSIERT eigentlich im Körper, wenn wir viele Stunden hintereinander auf Nahrung verzichten? „Wann immer man Zellen die Nahrung entzieht, laufen sie in ein Energieproblem“, erklärt Biochemiker Madeo. „Die Zellen beginnen dann, Zellbestandteile abzubauen, die überflüssig oder sogar schädlich sind. Das betrifft etwa geschädigte Mitochondrien, die zu Krebs führen können.“ Dieser Aufräum- und Reinigungsprozess wird „Autophagie“ genannt und gilt als eine der wichtigsten zellschützenden Wirkungen des Fastens. Madeo forscht unter anderem zu der Frage, wie der Prozess auf molekularer Ebene abläuft. Man weiß, dass der Schrott in den Zellen in einer Art Müllsack – dem Autophagosom – gesammelt wird, in einem „Zellmagen“ verschmolzen und dann zu neuem Brennstoff für die Zelle recycelt wird.

AUF SPARFLAMME

Wer Esspausen in seinen Ernährungsalltag einbauen will, braucht neue Ideen für den Herd:

KOCHEN SATT . Eine Art des Intervallfastens ist das 5:2-Fasten, dabei isst man an fünf Tagen normal, an zwei anderen fastet man fast komplett, nur 20 Prozent des normalen Tagesbedarfs an Kilokalorien sind erlaubt. Da fragt man sich natürlich, was man an den beiden Fastentagen eigentlich essen – oder gar kochen – könnte? Autorin Laura Herring gibt Antworten. Die 70 Rezepte, die sie in ihrem farbenfrohen Kochbuch vorschlägt, reichen von Quinoa-Salat mit Kürbis bis zu Bohneneintopf mit Chorizo.
LAURA HERRING:
Das Low-Ca lorie Kochbuch“.
AT; 160 Seiten; 20 Euro.

VEREINFACHE! Das Sachbuch „The Fast Diet“ erklärt knapp und doch umfassend das 5:2-Fasten: wie es wirkt, wieso es einfach ist, und wie man es durchhält. Eher eine Anleitung für eine Lebensstiländerung als ein Kochbuch. Rezepte und Ernährungsideen gibt es trotzdem.
MICHAEL MOSLEY, MIMI SPENCER:
„The Fast Diet – Das Original: 5 Tage essen, 2 Tage fasten“.
Goldmann; 224 Seiten; 8,99 Euro.

JEDE STUNDE ZÄHLT . Aus der Schulzeit weiß man: Die kleine Pause ist gut, die große Pause ist besser. Warum dies auch fürs Essen gilt, erklärt die Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin Elke Schulenburg. Mit ihrem Buch kann man sich an die Esspause herantasten, die einem am besten gefällt. Ob 16:8-Intervalle oder – noch einfacher – eine fünfstündige Pause zwischen zwei Mahlzeiten, es werden alle möglichen Formen des Kurzzeitfastens beschrieben – und wie man sie auf entspannte Weise umsetzt.
ELKE SCHULENBURG:
„Esspausen: Besser als jede Diät!“
Freya; 120 Seiten; 14,90 Euro.

Ein weiterer heilsamer Prozess des Fastens ist die Ketogenese. Sobald die Glukose-Vorräte verbraucht sind, schaltet der Körper auf Fastenstoffwechsel um und greift allmählich auf Fettreserven zurück. In diesen Aufspaltungsprozessen entstehen Ketonkörper, die der Organismus gut als Energielieferanten nutzen kann. Diese Ketone haben zum einen stimmungsaufhellende Wirkung, zum Teil sind sie wohl auch in der Lage, Entzündungen zu hemmen, wie eine Studie der Universität Yale neulich gezeigt hat.

DAZU KOMMT , dass beim „Anknabbern“ der Fettreserven auch das viszerale Fett um die Organe herum schmilzt. Das reduziert einen wichtigen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine Studie der Universität Padua zeigte, dass sich bei sportlichen Versuchsteilnehmern, die acht Wochen lang nach einem 16:8-Intervallfastenplan aßen, das Körperfett verringerte und die Entzündungswerte besserten. Bei einer Kontrollgruppe, die eine andere Form der Diät hielt, waren solche Effekte nicht messbar.

Nach welchem Fastenzeitraum genau die heilsamen biochemischen Prozesse der Au - tophagie und Ketogenese beim Menschen aktiviert werden, ist im Moment noch nicht klar. Manche Forscher finden relevante Stoffwechselveränderungen bereits nach 10, andere erst nach 12, 14 oder 16 Stunden Fastenzeit. Doch unabhängig davon sei man heute sicher, so Biochemiker Madeo, dass Kurzzeitfasten mehr sei als eine Lightva riante der ein- oder sogar mehrwöchigen Fastenkur –, schließlich sei das Essen nach der Uhr eine dauerhafte Ernährungsumstellung.

DASS INTERVALLFASTEN so schnell beliebt geworden ist, hat noch einen anderen Grund als die medizinischen Fakten. Im Gegensatz zu vielen Ernährungsumstellungen oder Diäten ist Genuss nach wie vor möglich. Schokolade, Chips oder Alkohol sind nicht verboten – sondern nur zu bestimmten Zeiten gesperrt. Außerdem ist diese Ernährungsform sozial halbwegs kompatibel: „Sobald man einen stabilen Rhythmus gefunden hat, darf man auch mal Ausnahmen machen“, sagt Frank Madeo. Auch hierzu gibt es Studien: Wenn Mäuse, die bereits einige Monate lang nur zu bestimmten Tageszeiten gefressen haben, ab und zu ein Wochenende rund um die Uhr futtern, bleiben sie dennoch schlank und gesund.

„Die Durchführung hierbei fällt tatsächlich leichter als bei klassischen Diäten“, sagt Frank Madeo, der selbst täglich erst ab 17 oder 18 Uhr isst und um 20 Uhr wieder aufhört. Die einfache Handhabung bestätigt auch Volker Berg*. Der 43-jährige Vertriebsfachmann litt an seinem Übergewicht, nahm in einem halben Jahr zehn Kilo mit Intervallfasten ab. Dazu fühlt er sich mit der neuen Art zu essen auch fitter und wacher – und er schläft besser. Soziale Einbußen gibt es für den Familienvater kaum. „Unter der Woche gewöhnt man sich schnell daran, nur zwischen 12 und 20 Uhr zu essen“, sagt Berg.

Der Fastenexperte und Ernährungswissenschaftler Andrea Ciro Chiappa sieht die praktische Handhabung des Intervallfastens aber auch kritisch. „Es ist eine gute Nachricht, dass kurze Esspausen die positiven Effekte des Fastens auslösen“, urteilt er. „Wer dann aber anfängt, einfach zu essen, wozu er gerade Lust hat, läuft möglicherweise in eine Mangelernährung.“

Wer also in den Essphasen nur Fast Food verschlingt, hat etwas falsch verstanden. Auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkorn kommt es auch beim Intervallfasten an. „Wer das beherzigt“, sagt Chiappa, „kann mit dem Intervallfasten einen Schritt in Richtung gesünderes Essverhalten machen.“

*Name von der Redaktion geändert.


WAS FASTEN ALLES KANN, IST NOCH LÄNGST NICHT GRÜNDLICH ERFORSCHT. EIN ÜBERBLICK ÜBER DEN STAND DER WISSENSCHAFT:


1. Fasten als Medizin

Bei diesen Krankheitsbildern ist Fasten heute auch unter Mainstream-Medizinern eine anerkannte Komplementärtherapie.

RHEUMA

Der Arzt Otto Buchinger, Wegbereiter des modernen Heilfastens, linderte durch Fasten die Symptome seiner eigenen rheumatoiden Arthritis. In seiner Klinik behandelte Buchinger deshalb am Anfang Rheuma - patienten.

Weil die Behandlung von Rheuma und auch Arthrosen also eine lange Tradition in der Fastenmedizin hat, gibt es einige klinische Studien. Eine Metastudie etwa, in der vier systematische Fallstudien zusammengefasst wurden, konnte zeigen, dass sich Rheumasymptome wie Schwellungen und Schmerzen durch Heilfastenwochen bessern, der Effekt hielt auch drei Monate nach der Fastenkur noch an. Zusätzlich gilt heute als belegt, dass die Effekte des Fastens nach - haltiger sind, wenn man anschließend eine Ernährungsumstellung auf vegetarische Kost vornimmt.

Das fand der norwegische Mediziner Jan Kjeldsen-Kragh heraus, als er eine Gruppe von 53 Rheumapatienten untersuchte. Die eine Hälfte unterzog sich einer konventionellen Rheumatherapie. Die andere machte eine Fastenkur und ernährte sich im Anschluss ein Jahr lang zunächst vegan, dann vegetarisch. Diese Gruppe zeigte eine beeindruckende Besserung der Symptome, auch Rheumamarker im Blut waren deutlich gesunken. Die biochemischen Gründe, warum Fasten bei Rheuma so gut wirkt, sind noch nicht abschließend gefunden. Klar ist, dass der Fastenstoffwechsel Entzündungsprozesse generell eindämmt.

DIABETES

Kann man Diabetes vom Typ 2 durch Ernährungsumstellungen, Kalorienreduktion oder Fasten heilen? Eine wichtige Frage, denn derzeit leiden rund sechs Millionen Deutsche daran. Eine neue britische Studie mit 306 Teilnehmern kommt zu dem Ergebnis, dass eine Remission der Zuckerkrankheit durch eine stark kalorienreduzierte Diät möglich ist, allerdings nur, wenn der Diabetes noch nicht länger als sechs Jahre besteht. Den positiven Effekt des Fastens auf Diabetes Typ 2 konnte diese Arbeitsgruppe schon in einer früheren, kleineren Studie nachweisen. Dabei ließ man Diabetiker acht Wochen lang fasten und stellte fest, dass sich die Beschwerden der Patienten stark besserten und der Zuckerstoffwechsel sich normalisierte. Dieser Effekt hielt auch noch mehrere Monate nach der Fastenkur an.

Neuere Studien, etwa eine kontrollierte Untersuchung der Forscherin Hana Kah - leova, weisen darauf hin, dass auch Intervallfastenkuren, etwa das Weglassen einer Hauptmahlzeit, Diabetes Typ 2 bessern können. Vor allem die sogenannte Fettleber „schmilzt“ durch die Fastenintervalle – und das hat einen positiven Einfluss auf die Krankheitsentwicklung. Dass verschiedene Formen des Fastens bei Diabetes gut wirken, hängt nach Expertenmeinung vor allem damit zusammen, dass der außer Kontrolle geratene Zuckerstoffwechsel ins Lot kommt. Wichtig ist, dass man nicht auf eigene Faust fastet. Manche Diabetesmedikamente, wie das häufig verschriebene Metformin, können die Effekte von Fastenkuren beeinträchtigen. Eine Absprache mit dem Hausarzt ist daher unbedingt nötig.

BLUTHOCHDRUCK

Wer unter einer manifesten Herzkrankheit leidet, für den ist Fasten nicht das Mittel der Wahl. Wenn man sich aber mit den Vorboten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen herumschlägt, etwa Bluthochdruck oder hohen Blutfettwerten, kann eine Fastenkur über ein oder zwei Wochen hilfreich sein. Blutdruckwerte, die bei Fastenkuren erhoben wurden, zeigen durchgängig, dass sich bereits nach einer Woche der Blutdruck deutlich senkt. Der Naturheilkundler Alan Goldhamer hat in zwei Beobachtungsstudien festgestellt, dass der systolische Blutdruck durch Fasten um bis zu 30 mmHg abfällt. So wirksam sind manche Blutdrucksenker nicht. Auch Intervallfasten oder eine dauerhaft kalorienreduzierte Ernährung haben immense Effekte.

Der Mediziner Luigi Fontana von der Washington University hat in mehreren Untersuchungen belegt, dass Menschen, die über Jahre eine reduzierte Kalorienanzahl zu sich nehmen, sehr viel bessere Herz-Kreislauf-Werte haben als eine Vergleichsgruppe, die sich normal, also ohne jede Beschränkung, ernährte. Die cardioprotektive Wirkung des Fastens schreibt man nicht nur dem Gewichtsverlust zu, der das Herz entlastet. Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden heute auch mit Entzündungsprozessen in Verbindung gebracht – und diese werden durch jede Art des Fastens positiv beeinflusst. Auch hier gilt Fasten also als gute Komplementärtherapie. Absprachen mit dem Arzt sind dennoch zu treffen – Entwässerungstabletten oder Blutdrucksenker müssen anders dosiert und teilweise während des Fastens ganz abgesetzt werden.

2. Fasten zur Linderung

Fastenmediziner haben in Bezug auf einige Erkrankungen die Erfahrung gemacht, dass einwöchige Fastenkuren die Sympto - me verbessern. Wissenschaftliche Studien dazu sind aber bisher nur vereinzelt durchgeführt worden.

SCHUPPENFLECHTE

Man findet die Information in jedem Patientenforum zum Thema Schuppenflechte: Abnehmen kann die Symptomatik bessern. Anders als eine Diät hat Fasten noch einen zusätzlichen Effekt, denn es lindert die entzündliche Symptomatik der Erkrankung. Systematische Studien gibt es hier bisher nicht. Der Berliner Naturheilkundler An - dreas Michalsen ist aufgrund jahrzehnte - langer Erfahrung mit Psoriasis-Patienten in seiner Fastenpraxis dennoch der Ansicht, dass bei Schuppenflechte eine Heilfastenkur eine gute Empfehlung sein kann.

CHRONISCHE SCHMERZSYNDROME

Wer mit chronischen Schmerzen wie Migräne und Kopfschmerz oder muskulären Schmerzen zu tun hat, für den kann eine Fastenkur einen Versuch wert sein. Erste kleinere Fallstudien, beispielsweise des Naturheilkundlers Gustav J. Dobos von der Universitätsklinik Essen, zeigten, dass sich die Stimmung von Schmerzpatienten und auch die empfundene Beeinträchtigung durch Schmerzen während einer Fastenkur deutlich verbesserten.

Das hat verschiedene psychophysiologische Gründe. Zum einen steigt während des Fastens – um den vierten Tag herum – der Serotoninspiegel im Körper an. Dieser Neurotransmitter wirkt stimmungsaufhellend. Wie andere beim Fasten häufig gemessene Veränderungen der Neuroendokrinologie, etwa ein erhöhter Cortisolspiegel, dazu beitragen, dass Schmerzen weniger stark empfunden werden, muss noch weiter erforscht werden.

LEICHTE DEPRESSION

Der stimmungsaufhellende Effekt des Fastens ist in einigen Studien beschrieben worden. Etwa am vierten Tag kommt es bei fast allen Fastenden zum sogenannten Fasten-High: Man fühlt sich euphorisiert und glücklich. Neuroendokrinologische Veränderungen – etwa eine vermehrte Ausschüttung körpereigener Opiate und ein erhöhter Serotoninspiegel – können gemessen werden, Patienten berichten von mehr Energie und besserer Stimmung. Auch die verstärkte Ketonkörper-Bildung soll eine euphorisierende Wirkung haben, zum Teil im Gehirn Nervenzellwachstum und Neuverschaltung von Nervenzellen fördern. Dazu kommt, dass Fasten oft das Zutrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten stärkt. Aufgrund dieser Effekte kann man annehmen, dass Fasten leichte Depressionen lindert. Schwere klinische Depressionen, bei denen Patienten regelmäßig Medikamente einnehmen, sind davon ausgeschlossen.

3. Fasten als Hoffnung

Es gibt einige Krankheiten und Krankheitsparameter, bei denen Fasten in ersten Studien – oder auch Tierversuchen – Erfolg versprechende Ergebnisse gezeigt hat. Eine Empfehlung für den Menschen, bei diesen Krankheitsbildern zu fasten, kann hier (noch) nicht aus gesprochen werden.

ALLERGIEN UND ASTHMA

Einige wenige Fallbeschreibungen mit kleinen Patientenzahlen lassen vermuten, dass Fastenwochen bei Allergien oder Asthma helfen. Die entzündliche Komponente beim Asthma könnte positiv beeinflusst werden. Allergien werden unter Umständen durch eine Stärkung des Immun - systems eingedämmt, wie sie beim Fasten eintritt.

DEMENZEN

Marc Mattson ist einer der weltweit führenden Forscher zum Thema Fasten und neurodegenerative Erkrankungen. Der Neurowissenschaftler von der amerikanischen Johns Hopkins University konnte in mehreren Studien mit Mäusen belegen, dass sich Fasten auf den Stoffwechsel von Nervenzellen positiv auswirkt. In einer viel zitierten Studie fütterte Mattson eine Gruppe von Mäusen mit einer ketonreichen Diät – also letztlich einer Ernährung, die dem Gehirn mehr Ketonkörper zuführt, wie sie auch beim Fasten entstehen.

Das führte im Gehirn der Mäuse dazu, dass bestimmte Eiweißablagerungen reduziert wurden, die amyloiden Plagues, denen man eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer zuschreibt. Die Tiere waren außerdem durch die ketogene Diät lern fähiger geworden.

Andere Studien zeigen, dass Ketonkörper Nervenwachstumsfaktoren begünstigen. Auch dies könnte einen Schutz gegen neurodegenerative Erkrankungen wie Demenzen bereiten.

Doch obwohl diese Forschungen viel - versprechend und zukunftsweisend erscheinen: In der Neurologie gibt es bisher noch keinen zufriedenstellenden Übertrag auf den Menschen. Dass „Fasten gut fürs Gehirn ist“, wie Marc Mattson gern betont, kann als gesetzt gelten. Inwieweit sich dadurch Erkrankungen wie Demenzen verhindern oder gar heilen lassen, ist unklar.

PACKUNGSBEILAGE

PACKUNGSBEILAGE

MENSCHEN , die in ihrem Leben bereits an Magersucht oder anderen Essstörungen gelitten haben (oder es noch tun), sollten nicht mehrere Tage am Stück fasten. Auch beim intermittierenden Fasten sollten Menschen mit einer derartigen Vorgeschichte vorsichtig bleiben.

FÜR MENSCHEN mit Diabetes Typ1 oder fortgeschrittenen koronaren Herzkrankheiten, mit Psychosen, mit fortgeschrittener Nieren- oder Leber - insuffizienz, Schilddrüsenüberfunktion oder Netzhautablösung ist an Fastenkuren nicht zu denken.

KINDER UND JUGENDLICHE sollten noch nicht fasten. Sie sind im Wachstum und brauchen keine Fastenkuren.

IN SCHWANGERSCHAFT und Stillzeit sind Fastenkuren ebenfalls nicht angezeigt. Moderates Intervallfasten, etwa einen 14:10- oder 12:12-Rhythmus, muss man aber nicht un ter - brechen.

MIT EINEM BODY-MASS-INDEX unter 18 gilt man als untergewichtig, über 45 als extrem übergewichtig. Wer diese Messwerte unter- oder überschreitet, sollte sich keiner Fastenkur unterziehen.

ES GIBT FANS , die gern viermal im Jahr fasten würden. Die Meinungen der Ärzte gehen auseinander. Auf der sicheren Seite ist man als gesunder Mensch, wenn man bis zu zweimal im Jahr eine Woche lang eine Fastenkur durchführt. Wer aus medizinischen Gründen fastet, sollte mit dem Arzt besprechen, wie viele Tage dafür beziehungsweise wie viele Kuren sinnvoll sind.

VORSICHT : Fasten kann die Wirkung der Antibabypille herabsetzen. Dazu auf jeden Fall Rücksprache mit dem Arzt halten.

4. Fasten für die Lebenseinstellung

Fasten regt zu neuen Ernährungsgewohnheiten an. Dieser Effekt gilt als gesichert.

MOTIVATION FÜR GESUNDE ERNÄHRUNG

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat das Fasten lange kritisch beäugt. Denn sie empfiehlt nur Ernährungsumstellungen, die nachhaltig und dauerhaft sind – keine Crash- und Kurzzeitdiäten. Gerade einwöchige Fastenkuren wurden lange den Diäten zugerechnet, also als eher ungesunde Abnehmversuche gewertet.

Mittlerweile räumt die DGE ein, dass Fasten den Weg zu einer gesünderen Er - nährung bahnen kann. Das belegt auch ei ne Studie der Universität Duisburg-Essen. Mehr als 900 Teilnehmer wurden während einer ambulanten Fastenwoche beobachtet und befragt. Es zeigte sich, dass eine einzige Woche Fasten ausreicht, um nachhaltige Veränderungen bei Lebensstil und Ess - gewohnheiten zu erreichen. Auch in den Monaten nach der Kur ernährten sich die Teilnehmer gesund und bewegten sich mehr als vor der Kur. Insgesamt waren sie getragen von einem Gefühl der Zuversicht.

Das war auch deshalb erstaunlich, weil es sich bei den Studienteilnehmern durchgehend um Leute handelte, die vorher mit Übergewicht kämpften und eher Schwierigkeiten hatten, ihre Essgewohnheiten sinnvoll zu verändern.

Auch Erfahrungsberichte zum Inter - vallfasten legen nahe, dass Menschen, die über Monate täglich eine Mahlzeit weg - lassen, tendenziell bewusster und auch weniger essen. Sättigungs- und Hunger - signale werden wahrscheinlich besser wahrgenommen.


FOTOS FRANZISKA EBERT

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