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MEDIZIN IM ALTEN ÄGYPTEN: Das Wissen der altägyptischen Ärzte


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 13.03.2020

Ägypten blickt auf eine Jahrtausende alte Geschichte von Heilmethoden zurück, die durch Spezialisten genutzt wurden, um Krankheiten zu heilen und Patienten zu retten. Zahlreiche Papyri verzeichnen das Wissen und die Praktizierung der Medizin und geben Aufschluss darüber, welche Krankheiten auftraten und wie Ärzte ihre Patienten behandeln konnten. Wie aber definiert sich die Medizin zwischen dem 3. und 1. Jt. v. Chr. und wer waren die Spezialisten, die sie angewendet haben?


Das Alte Ägypten war bereits seit Beginn des 3. Jts. v. Chr. das Zuhause einer komplexen und hochentwickelten Zivilisation, deren ...

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 2/2020

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... Existenz vor allem durch ihre monumentalen Bauten noch heute sichtbar ist. Jene Zivilisation hinterließ aber auch ein enormes Spektrum an medizinischem Wissen, das in großen Teilen erhalten ist. Unsere Kenntnis der altägyptischen Medizin basiert vor allem auf Texten, deren Hauptteil sog. medizinische Papyri bilden. Zusätzlich geben Darstellungen in Relief und Plastik, archäologische Funde wie Grabbeigaben oder Geräte sowie die Körper der Verstorbenen selbst Aufschluss über Gesundheitszustände, Untersuchungsverfahren, Heilmethoden und Todesursachen.

Der Beginn der ägyptischen Medizin
Die ältesten bekannten Belege der medizinischen Texte stammen aus dem Mittleren Reich (2055-1650 v. Chr.). Zum Teil umfassen sie mehrere Seiten einer Papyrusrolle mit jeweils mehreren Rezepten oder Anweisungen zur medizinischen Praxis. Zu den bedeutendsten medizinischen Papyri zäh- len z. B. der Papyrus Kahun (ca. 1850 v. Chr.), ein Fachbuch der Gynäkologie, Papyrus Edwin Smith (Neues Reich, ca. 1550 v. Chr.), das sog. Wundenbuch, und der Papyrus Ebers (Neues Reich, ca. 1550 v. Chr.), eine medizinische Sammelhandschrift (Abb. 1). In ihrer Niederschrift sind die Schriften bereits sehr umfangreich und detailliert, so dass vermutlich erste schriftliche Zusammenstellungen von medizinischen Kenntnissen während des Alten Reichs (2686-2160 v. Chr.) erfolgt waren. Dies impliziert jedoch nicht, dass die Aufzeichnung und die Etablierung jenes Fachgebietes kohärent sind. Vielmehr lassen der Umfang und das Niveau des dokumentierten Wissens die Entwicklung der Medizin in Ägypten zu einem Zeitpunkt vor dem Alten Reich vermuten.

Rezepte und medizinisches Fachwissen
Die Papyri beinhalten verschiedene Texte mit unterschiedlichem Fachwissen und Heilungsmethoden. Einige Sprüche widmen sich praktisch dem Heilen von Blessuren und physischen Verletzungen, andere behandeln Krankheiten von viraler und bakterieller Natur oder die Prävention von Seuchen und Seuchenausbrüchen. Ein großer Bereich in der Medizin wird durch die Gynäkologie abgedeckt, in der sich auch im Alten Ägypten mit sämtlichen Krankheitsbildern der Frau, Schwangerschaften und der Pädiatrie beschäftigt wurde. Zunächst erscheint dies nicht unbekannt und vertraut mit dem, was moderne Medizin behandelt. Ein gravierender Unterschied besteht allerdings in der Art und Weise, wie Medizin an- gewendet wurde, wie sie sich definierte und welche Eigenschaften sie besaß.

Die Texte decken mit Religion, dazugehörigen Ritualen und Wissenschaft verschiedene Bereiche ab, die in den meisten Gesellschaftsbildern unabhängig voneinander existieren und nicht miteinander in Berührung kommen. Im Alten Ägypten hingegen verschwimmen die Grenzen und sie bilden den Gesamtkomplex der Medizin.

Eine Methode zur Heilung von Krankheiten ist im wissenschaftlichen Sinn medizinisch; z. B. werden Salben oder Tinkturen angefertigt und auf entsprechende Körperstellen gerieben, um die Beschwerden zu lindern und zu heilen. Einige Krankheiten und Präventionen gegen Seuchen konnten jedoch rein medizinisch nicht angegangen werden, weshalb die Ägypter ihre Gottheiten zur Hilfe riefen. Dazu vollzogen sie u. a. Rituale, welche von den meisten Forschern als Magie bezeichnet werden. Oft wurden auch Objekte während des Rituals genutzt. Eine der bekanntesten Objektgruppen, die vermutlich während Ge burten Anwendung fanden, sind die sog. Geburtsstoßzähne (Zauber messer/ Zauber stäbe), die oft Darstellungen der Göttinnen Bes und Tawaret zeigen, Schutzgöttinnen, die vor allem mit Schwangerschaften und Geburten assoziiert wurden (Abb. 2). Rituale wurden ebenfalls in den medizinischen Papyri aufgezeichnet; zum Teil inkludieren sie Anweisungen zur Vollziehung, jedoch ist in den meisten Fällen unklar, in welcher Art und Weise diese Rituale tatsächlich ausgeführt worden sind. Religion burten Anwendung fanden, sind die sog. Geburtsstoßzähne (Zauber messer/ Zauber stäbe), die oft Darstellungen der Göttinnen Bes und Tawaret zeigen, Schutzgöttinnen, die vor allem mit Schwangerschaften und Geburten assoziiert wurden (Abb. 2). Rituale wurden ebenfalls in den medizinischen Papyri aufgezeichnet; zum Teil inkludieren sie Anweisungen zur Vollziehung, jedoch ist in den meisten Fällen unklar, in welcher Art und Weise diese Rituale tatsächlich ausgeführt worden sind. Religion und ihre Rituale, in moderner Zeit in den meisten Kulturkreisen von der Medizin separiert zu betrachten, waren im Alten Ägypten für die Praktizierung von Medizin ein ebenso wichtiger Bestandteil wie der rein wissenschaftliche Teil selbst. den meisten Kulturkreisen von der Medizin separiert zu betrachten, waren im Alten Ägypten für die Praktizierung von Medizin ein ebenso wichtiger Bestandteil wie der rein wissenschaftliche Teil selbst.

Abb. 2 Geburtsstoßzahn, Elfenbein vom Nilpferd, ca. 1981-1640 v. Chr., Art, No. 22.1.103, 08.200.19, 15.3.197, 30.8.218. ., Metropolitan Museum


Die Spezialisten der altägyptischen Medizin
Vermutlich zeitgleich zur Etablierung der Medizin entwickelte sich auch eine Gruppe von Spezialisten, die in modernen Sprachen als Ärzte bezeichnet werden und allgemein zunächst auch in altägyptischer Sprache als solche gekennzeichnet wurden.

Bis jetzt sind seit dem Alten Reich ca. 150 namentlich genannte Ärzte auf verschiedenen Textträgern wie z. B. Statuen, Papyri, Reliefe an Gebäudewänden und auf Stelen gefunden worden. Sie besitzen, wie auch jede andere Person der altägyptischen Elite, sog. Titel, die u. a. darüber Aufschluss geben, in welchem Berufsfeld und welcher Karrierestufe die Person tätig war.

Der Arzt Amen-hotep beispielsweise lebte zur Zeit des Neuen Reichs (1550- 1096 v. Chr.) und wird namentlich mit seinen Titeln auf der Statue seines Sohnes Yuni genannt (Abb. 3). Diese wurde 1913 im Grab von Amen-hotep in Assiut gefunden und datiert ungefähr 1294 bis 1279 v. Chr. (19. Dynastie).

Der in diesem Kontext wichtigste Titel Amen-hoteps lautet «Oberarzt» bzw. «Der Oberste Arzt». Zum einen gibt er deutlich an, dass er einer medizinischen Tätigkeit nachgegangen ist, zum anderen ist durch die Bezeichnung «Oberste» anzunehmen, dass es innerhalb des Arztberufes ebenso hierarchische Strukturen gab, wie sie auch heutige Berufsfelder zeigen.

In moderner Zeit gibt es Ärzte, die sich mit einem bestimmten Fachgebiet der Medizin auseinandersetzen. Auch im Alten Ägypten scheint diese Spezialisierung durchaus entwickelt gewesen zu sein. Den Arzt Ir-en-achty (Altes Reich; 4. Dynastie, ca. 2613- 2494 v. Chr.) bezeugt eine Scheintür, die auf dem Gräberfeld bei den Pyramiden von Gizeh in seiner Ziegelmastaba gefunden wurde. Er besitzt neben den Titeln, die ihn allgemein als Arzt mit zugehörigem Karriere level identifizieren, die Titel «Hüter des Rektums», «Leibarzt des Palastes» und «Augenarzt des Palastes». Demnach scheint er sich in der Augenheilkunde und möglicherweise in einem Teilgebiet der Inneren Medizin spezialisiert zu haben. Die Augenheilkunde nahm in vielen Papyri einen großen Platz ein. Durch gegebene klimatische Bedingungen mussten die Bewohner des Alten Ägypten dazu fähig gewesen sein, Vorkehrungen sowie Heilungsmaßnahmen zu treffen, um Infektio- nen der Augen, z. B. durch Sand, vorbeugen weshalb die vertiefende Spezialisierung in diesem Fachgebiet nicht verwunderlich ist.

Abb. 3 Kniende Statue des Yuni, Kalkstein, Assiut ca. 1294- 1279 v. Chr., Metropolitan Museum of Art, No. 33.2.1.


Es wurde bereits erklärt, dass der Arzt im Alten Ägypten Religion und Wissenschaft der altägyptischen Heilkunde in sich vereinen musste. Beide Ärzte besitzen Titel, die den religiösen und rituellen Kontexten zugeordnet werden können. Oft taucht noch ein Titel auf, der bis heute als direkte Verbindung zwischen Medizin und Religion gesehen wird. Der Arzt Heri-Schef-Nechet beispielsweise lebte während des Mittleren Reichs und trug neben einem sehr hochrangigen Ärztetitel, die Titel «Vorsteher der Wab-Priester von Sachmet» und «Wab-Priester der Sachmet». Beide Titel implizieren eine Verbindung zu der Göttin Sachmet, welche vor allem mit einem gewalttätigen und vernichtenden Aspekt assoziiert wurde (Abb. 4). Sie schickte Krankheiten und Seuchen, weshalb sie als krankheitsbringende Göttin galt. Die Aufgabe der Sachmet-Priester bestand also darin, mithilfe von Ritualpraktiken die Dämonen der Sachmet-Göttin zu bändigen und abzuwehren.

Zusätzlich besitzen viele Ärzte, so auch Amen-hotep und Ir-en-achty, andere Titel, die weder religiös noch medizinisch zu sein scheinen. Die Frage nach ihrer institutionellen Zugehörigkeit ist hierbei besonders schwer zu beantworten. Ein Arzt konnte offen bar neben dem Praktizieren von Medizin eine Funktion im Tempel und gleichzeitig einen weiteren Beruf ausüben. Auch die Ausbildungswege der Ärzte sind noch genauer zu erforschen. Gab es eine rein medizinische Ausbildung oder war Medizin ein Nebenzweig, den z. B. Priester in ihrer Ausbildung zusätzlich wählen konnten? Dies sind nur einige Fragestellungen, zu denen derzeit in der im Anschluss aufgeführten Dissertation geforscht werden.

@@Abb. 4 Statue der Göttin Sachmet, Granodiorit, Theben, Karnak ca. 1390-1352 v. Chr., Metropoli - tan Museum of Art, No. 15.8.2.


Grundsätzlich ähneln altägyptische Ärzte und ihre Fachgebiete den mo- dernen Definitionen von Ärzten und Medizin. Genauso wie in der modernen Medizin führten altägyptische Ärzte systematische Untersuchungen durch, erstellten Diagnosen sowie Prognosen zu Heilungsaussichten, nutzten Rezepte für Medikamente und Verbände zur Heilpraktik. Allerdings nutzten sie zur Prävention von Seuchen oder Krankheiten auch Rituale, die zumindest in den meisten modernen Gesellschaften im medizi nischen Kon- text keine Anwendung finden. Die Titel der Ärzte geben uns viele Informationen über die Strukturen des Arztberufes und den Kontext, in dem sich ein Arzt bewegt hat. Dies gilt es nun weiter zu erforschen.

Adresse der Autorin

Rebecca Braun, M.A.
Ägyptologisches Seminar
Fachbereich geschichts- und Kulturwissenschaften
Freie Universität Berlin
Fabeckstr. 23-25
D-14195 Berlin

Bildnachweis

Abb. 1: akg-images / Science Source; 2−4: new york, the Metropolitan Museum of Art (CC0 1.0).

Dissertationsvorhaben
R. i. M. BRAUn, Die altägyptischen Ärzte: eine Studie aus wissensgeschichtlicher Perspektive. Berlin: Freie Universität. in Vorbereitung.

Literatur
K. S. KOltA / D. SCHWARZMAnn-SCHAFHAUSeR, Die Heilkunde im alten Ägypten: Magie und Ratio in der Krankheitsvorstellung und therapeutischen Praxis (2000).

J. F. nUnn, Ancient egyptian Medicine (1996).

e. StROUHAl / B. VACHAlA / H. VyMAZAlOVÁ, the Medicine of the Ancient egyptians. 1: Surgery, gynecology, Obstetrics, and Pediatrics (2014).

W. WeStenDORF, erwachen der Heilkunst: Die Medizin im alten Ägypten (1992).

DeRS., Handbuch der Altägyptischen Medizin, 2 Bde. (1999).