Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 10 Min.

MEDIZIN: MOLEKULARER JUNGBRUNNEN


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 21.09.2019

Ein antibiotischer Wirkstoff scheint die Regeneration verletzter Körpergewebe in verblüffender Weise anzukurbeln. Jetzt muss er sich in klinischen Tests beweisen; eine große Hürde hat er hierbei bereits genommen.


Kevin Strange ist Biologe, Geschäftsführer des Biotech-Unternehmens »Novo Biosciences« und früherer Präsident der gemeinnützigen Forschungseinrichtung MDI Biological Laboratory (MDIBL) in Bar Harbor, Maine, USA.Viravuth Yin ist leitender Wissenschaftler bei Novo Biosciences und außerordentlicher Professor am MDIBL.

Artikelbild für den Artikel "MEDIZIN: MOLEKULARER JUNGBRUNNEN" aus der Ausgabe 10/2019 von Spektrum der Wissenschaft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 10/2019

spektrum.de/artikel/1669380

Manchmal lassen sich Wissenschaftler sogar von ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Spektrum der Wissenschaft. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2019 von SPEKTRO GRAMM: TANZ ZWEIER GIGANTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPEKTRO GRAMM: TANZ ZWEIER GIGANTEN
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von QUANTENPHYSIK: QUANTENWELT IM NICHTGLEICHGEWICHT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
QUANTENPHYSIK: QUANTENWELT IM NICHTGLEICHGEWICHT
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von FORSCHUNG AKTUELL: KOSMOLOGIE: HUBBLE-DEBATTE WIRD NOCH RÄTSELHAFTER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FORSCHUNG AKTUELL: KOSMOLOGIE: HUBBLE-DEBATTE WIRD NOCH RÄTSELHAFTER
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von SPRINGERS EINWÜRFE: KLIMAWANDEL AUF YOUTUBE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPRINGERS EINWÜRFE: KLIMAWANDEL AUF YOUTUBE
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von MEERESBIOLOGIE: DAS INNENLEBEN DER DELFINE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MEERESBIOLOGIE: DAS INNENLEBEN DER DELFINE
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von ZEIT REISE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ZEIT REISE
Vorheriger Artikel
MEERESBIOLOGIE: DAS INNENLEBEN DER DELFINE
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel ZEIT REISE
aus dieser Ausgabe

... Kneipengeschichten inspirieren. Kurz nach der Jahrtausendwende war der Genetiker Michael Zasloff von der Georgetown University (Washington D. C.) nach Schottland gereist. An der dortigen University of St Andrews hielt er einen Vortrag über antibiotisch wirksame Substanzen in der Haut von Tieren. Anschließend ging er mit einigen weiteren Wissenschaftlern ein Bier trinken. Dabei erzählte ihm ein Meeresbiologe davon, dass Delfine bei Haiangriffen manchmal 45 Zentimeter lange und 12 Zentimeter tiefe Bisswunden davontragen, die erstaunlicherweise binnen wenigen Wochen abheilen – ohne Anzeichen einer Infektion.

Zasloff war verblüfft und konnte das Gespräch nicht vergessen. In den folgenden Jahren las er viele Berichte über Bisswunden bei Delfinen und nahm Kontakt zu Meeresbiologen auf, die sich mit diesen Tieren auskennen. 2011 veröffentlichte er im Fachblatt »Journal of Investigative Dermatology« einen Aufsatz mit dem Titel »Beobachtungen zu den bemerkenswerten (und mysteriösen) Wundheilungsprozessen beim Großen Tümmler«. Darin wies er darauf hin, dass nicht etwa Narbengewebe die Fleischwunden der Delfine verschließt – dieses lässt sich von normalem Körpergewebe gut unterscheiden –, sondern dass die Meeressäuger das zerfetzte Gewebe tatsächlich neu bilden und so wieder den vorigen Zustand herstellen. Kurz darauf rief Zasloff einen von uns (Kevin Strange) an. Damals Präsident an der gemeinnützigen Wissenschaftseinrichtung MDI Biological Laboratory, unterstützte Strange die Erforschung natürlicher und synthetischer Substanzen, welche die Regeneration von Körpergewebe stimulieren. Zasloff vermutete, einige der antibiotisch wirkenden Substanzen, die er in der Haut von Tieren entdeckt hatte, könnten ebenfalls dazugehören.

Dieses Herz eines Zebrabärblings wurde nach einer gezielt herbeigeführten Schädigung mit dem Wirkstoff MSI-1436 behandelt. Das zerstörte Muskelgewebe bildete sich daraufhin rasch neu, und das Organ gewann seine Pumpfähigkeit zurück.


CHRISTINA A. DYKEMAN UND YIN LABORATORY, MDI BIOLOGICAL LABORATORY

In den Jahren seit diesem Telefonat haben Zasloff und wir demonstriert, dass ein natürliches Antibiotikum namens MSI-1436 zu einer dramatisch verbesserten Reparatur beschädigter Organe führt. Das Mittel, ursprünglich aus Dornhaien isoliert, kurbelt die Regeneration verschiedener Gewebe bei Zebrafischen an und fördert bei Mäusen die Neubildung des Herzmuskels. Es scheint molekulare Bremsen zu lösen, die das natürliche Regenerationsvermögen eines Gewebes hemmen. Bei Mäusen mit einer Erkrankung, die der Duchenne-Muskeldystrophie beim Menschen ähnelt (einem angeborenen Muskelschwund), kann MSI-1436 offenbar den fortschreitenden Gewebeverlust verlangsamen. An Menschen haben wir diese Effekte noch nicht demonstriert, doch das natürliche Antibiotikum besitzt einen wichtigen Vorteil gegenüber zahlreichen anderen Arzneistoffkandidaten: Es hat sich in Anwendungen am menschlichen Patienten bereits als sicher erwiesen.

Als getesteter Arzneistoff erwiesenermaßen verträglich

2007 wurde der Stoff an Menschen erprobt – als mögliches Mittel gegen Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes, weil er die Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber Insulin verbessert. Diese Studien, beaufsichtigt von der US-Arzneimittelbehörde FDA, demonstrierten, dass MSI-1436 auch in hohen Dosen gut verträglich ist und den Patienten nicht schadet. Doch da es als Flüssigkeit dargereicht wird und für die medizinische Anwendung täglich gespritzt werden muss, zeichnete sich ab, dass es bei den Patienten nicht sonderlich beliebt sein würde. Denn es gibt alternative Arzneistoffe, die leichter einzunehmen sind, beispielsweise in Form von Tabletten. Pharmaunternehmen haben die Entwicklung von MSI-1436-basierten Medikamenten deshalb nicht weiterverfolgt.

Die Regeneration beschädigter Organe ist freilich ein komplett anderes Anwendungsgebiet, auf dem es derzeit nicht viele medizinische Optionen gibt. Oft sind hier Stammzellen im Gespräch, die im Idealfall sämtliche Zelltypen hervorbringen können, aus denen sich der menschliche Körper zusammensetzt. Theoretisch sind sie dazu in der Lage, Gewebeschäden zu reparieren. Leider jedoch mangelt es Stammzelltherapien auch nach vielen Jahren der Forschung und klinischen Erprobung immer noch an Wirksamkeit und Sicherheit. Ihre einzige breiter etablierte Anwendung ist bislang die Knochenmarktransplantation, um Erkrankungen des Blut bildenden Systems zu behandeln. MS-1436 mit seiner erwiesenen Anwendungssicherheit könnte sich daher als willkommenes neues Instrument der regenerativen Medizin erweisen – etwa um Herzmuskelgewebe wiederherzustellen, das bei einem Infarkt zerstört wurde.

Nicht nur Delfine, auch viele andere Tiere verfügen über erstaunliche regenerative Fähigkeiten. Salamandern wachsen nach dem Verlust eines Körperteils ganze Gliedmaßen nach. Die Neunaugen, aalähnliche Wirbeltiere, können ihr Rückenmark nach einer Durchtrennung wieder zusammenwachsen lassen. Zebrabärblinge, die als Aquarienbewohner beliebt sind und in der biomedizinischen Forschung sehr oft als Versuchstiere dienen, reparieren Schäden an ihren Herzen, Nieren, Bauchspeicheldrüsen und Flossen.

Selbst Menschen haben in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Das Regenerationsvermögen unseres Körpers erscheint zwar vergleichsweise wenig beeindruckend, aber zumindest die Haut-, Blut- und Darmzellen erneuern sich ständig. Auch Muskeln wachsen nach kleineren Verletzungen begrenzt nach, ebenso die Leber (letzterer Umstand ist im Prometheus-Mythos verarbeitet). Die menschliche Fähigkeit, Körpergewebe neu zu bilden, geht mit zunehmendem Alter allerdings nach und nach verloren. Das weckte in uns die Hoffnung, sie mit geeigneten molekularen Signalen wieder reaktivieren zu können. Doch dazu mussten wir erst einmal herausfinden, welche Signale das sein könnten. Es lag nahe, bei solchen Tieren danach zu suchen, die über ein hohes Regenerationspotenzial verfügen.

Zasloff war bei seiner Suche nach körpereigenen Antibiotika im Tierreich auf eine Klasse von Molekülen gestoßen, die als Aminosterole bezeichnet werden; MS-1436 gehört dazu. Diese Substanzen können die Regeneration von Körpergewebe fördern, weil sie Aktivitäten wie das Zellwachstum regulieren. Wir beschlossen, ihre Wirkung zunächst an Zebrabärblingen (Danio rerio , auch Zebrafische genannt) zu testen. Als Wirbeltiere besitzen diese Fische zum großen Teil die gleichen Organe wie wir, und rund 70 Prozent ihrer Gene haben Entsprechungen im menschlichen Erbgut. Im Embryonalstadium sind sie durchsichtig, was es erleichtert, ihren Körperbau zu untersuchen. Unsere Frage lautete, ob irgendein Aminosterol das Regenerationsvermögen der Tiere verbessert oder beschleunigt.

Wir begannen mit einer einfachen Amputation, indem wir den Fischen einen Teil der Schwanzflosse abschnitten und dem Wasser, in dem sie lebten, verschiedene Aminosterole zusetzten. Nichts passierte, und es sah danach aus, als seien wir auf dem Holzweg. Dann jedoch stieß eine neue Mitarbeiterin zu uns – die Highschool-Absolventin Helen Roberts, die ein Praktikum im Labor von Viravuth Yin antrat. Roberts entwickelte eine Methode, um den Zebrafischen die Wirkstoffe zu spritzen, statt diese dem Aquarienwasser zuzufügen. Nachdem sie den Tieren MSI-1436 injiziert hatte, erneuerte sich deren Schwanzflosse dreimal so schnell: Statt zehn bis zwölf Tage dauerte es nun lediglich drei bis vier Tage bis zur vollständigen Regeneration – und das ohne jegliches Anzeichen für eine Fehlbildung. Wir ließen Roberts und einen Laboranten die Experimente unabhängig voneinander wiederholen. Die beiden testeten verschiedene Substanzen, die sie den Fischen spritzten, und zwar verblindet: Erst nach der Datenauswertung wurde aufgedeckt, um welchen Stoff es sich jeweils gehandelt hatte. MSI-1436 führte in jedem Fall zu einer deutlich verbesserten Regeneration, andere Verbindungen hingegen nicht.

Wie konnte es sein, dass MSI-1436 derart dramatische Effekte zeitigte? Einige Wissenschaftler hatten seine Wirkung schon zuvor in Zellkulturen untersucht, und wir selbst führten weitere Experimente dazu durch. Zusammengenommen belegen diese Versuche, dass der Stoff die so genannte Protein-Tyrosin-Phosphatase 1B (PTP1B) hemmt. Dieses Enzym erfüllt mehrere Funktionen im Organismus, unter anderem reguliert es das Zellwachstum. Das ist eine wichtige Aufgabe, denn unkontrolliertes Wuchern kann zu Fehlfunktionen eines Organs oder zu Krebserkrankungen führen. Im Wesentlichen wirkt PTP1B als Bremse der Geweberegeneration; MSI-1436 schaltet jene Bremse aus.

PTP1B arbeitet mit einer wichtigen Klasse von zellulären Rezeptormolekülen zusammen, den Rezeptor-Tyrosin-Kinasen oder RTKs. Diese sitzen in der Zellmembran und leiten Signale, die Wachstums- und Teilungsprozesse auslösen, aus der Umgebung ins Innere der Zelle weiter. Damit RTKs aktiv werden, müssen sich Phosphatgruppen an sie binden. Hier kommt PTP1B ins Spiel: Es entfernt die Phosphatgruppen, inaktiviert dadurch die RTKs und bremst folglich das Zellwachstum und somit die Regeneration. MSI-1436 wiederum hemmt PTP1B, was die RTKs in Handlungsbereitschaft versetzt und die Regeneration ankurbelt.


MSI-1436 verstärkt die Geweberegeneration sowohl bei Zebrafischen als auch bei Mäusen. Das ist erstaunlich, denn zwischen diesen Spezies liegen rund 450 Millionen Jahre Evolution


Wie wir feststellten, stimuliert MSI-1436 bei den Zebrafischen nicht nur das Nachwachsen der Schwanzflosse, sondern auch das des Herzens. Das ist ein besonders wichtiger Befund im Hinblick auf uns Menschen, denn Schädigungen der Blutpumpe sind ein großes medizinisches Problem. Herz-Kreislauf-Komplikationen stellen weltweit die häufigste Todesursache dar: Jahr für Jahr sterben daran etwa 18 Millionen Menschen. Rund 85 Prozent dieser Todesfälle resultieren aus Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Herzmuskelzellen, die bei einem Infarkt untergehen, erneuern sich nicht – sie werden von Narbengewebe ersetzt, das die Gefahr eines weiteren Infarkts erhöht. Seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach Therapien, die dem Herzmuskel die Regeneration ermöglichen. Bisher sind alle Ansätze gescheitert, einschließlich der Stammzelltherapie.

Als wir sahen, dass MSI-1436 bei Fischen den Herzmuskel erneuert, gingen wir rasch zu Versuchen an Mäusen über, denn diese Nager dienen als Modellorganismen in der Erforschung von Herzkrankheiten. Wir lösten Herzinfarkte bei den Tieren aus und spritzten ihnen dann vier Wochen lang alle drei Tage MSI-1436. Die Pumpleistung des Organs verbesserte sich auf mehr als das Doppelte, die Menge des Narbengewebes ging um 50 Prozent zurück, und die Herzmuskelzellen an der verletzten Stelle zeigten eine dramatisch gesteigerte Teilungs- und Wachstumsrate. MSI-1436 ist bislang das einzige kleine Molekül, von dem eine solche Wirkung bekannt ist.

Wider den Muskelschwund

Kürzlich begannen wir damit, die Substanz an Mäusen zu testen, die an einer komplett anderen Komplikation leiden: der tierischen Entsprechung zur Duchenne-Muskeldystrophie. Dabei handelt es sich um einen angeborenen, unaufhaltsamen Muskelschwund, der sich sehr stark von dem plötzlich auftretenden Gewebeschaden eines Herzinfarkts unterscheidet. Unsere vorläufigen Daten belegen, dass MSI-1436 die fortschreitende Verkümmerung der Muskulatur zwar nicht stoppt, aber immerhin ihre Symptome lindert.

Der antibiotische Wirkstoff verstärkt die Geweberegeneration sowohl bei Zebrafischen als auch bei ausgewachsenen Mäusen. Das ist durchaus erstaunlich, denn zwischen diesen beiden Spezies liegen rund 450 Millionen Jahre Evolution. MSI-1436 beeinflusst also offenbar zelluläre Prozesse, die evolutionär stark konserviert sind. Dies erhöht die Chance, dass auch der menschliche Organismus in ähnlicher Weise darauf anspricht.

Arzneistoffkandidaten an heterogenen Patientengruppen zu testen, ist freilich eine ganz andere Geschichte als Tierversuche unter stark kontrollierten Laborbedingungen. Obwohl es im Fall von MSI-1436 gute Gründe gibt, optimistisch zu sein, werden wir erst nach entsprechenden Versuchen wissen, ob die Substanz menschlichen Herzinfarktpatienten wirklich hilft. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein potenzieller Wirkstoff in klinischen Studien versagt, ist generell hoch.

Als ersten Schritt in diese Richtung haben wir damit begonnen, MSI-1436 an Schweinen zu testen, die einen Herzinfarkt erlitten haben. Das Herz von Schweinen ist dem menschlichen bemerkenswert ähnlich, und auch die Größe und Physiologie der Tiere kommt der unseren sehr nah, weshalb sich die Ergebnisse entsprechender Versuche viel besser auf den Menschen übertragen lassen als die von Mäuseexperimenten. Sollten die Tests mit Schweinen erfolgreich verlaufen – worauf die bisherigen Ergebnisse hindeuten –, wäre dies eine gute Voraussetzung, um von der FDA die Genehmigung für klinische Studien einzuholen.

In unseren Studien werden wir sorgfältig darauf achten müssen, ob die Behandlung mit MSI-1436 zu einem erhöhten Krebsrisiko führt. In der regenerativen Medizin besteht permanent die Sorge, dass eine forcierte Gewebeneubildung mit ungehemmter Zellproliferation einhergehen könnte – einem zentralen Merkmal von Krebserkrankungen. Vermutlich ist diese Gefahr bei MSI-1436 aber eher als gering einzuschätzen. Denn die umfangreichen Tests, die das Mittel als möglicher Wirkstoff gegen Diabetes und Fettleibigkeit bereits durchlaufen hat, hätten solche Effekte höchstwahrscheinlich zu Tage gefördert. Es wurde nichts dergleichen gefunden, und die FDA erachtete MSI-1436 als sicher genug, um in Studien mit menschlichen Patienten angewendet zu werden.

Eine verminderte Aktivität des Enzyms PTP1B, wie sie sich nach der Gabe von MSI-1436 einstellt, sollte ebenso wenig mit Risiken behaftet sein. Das Gen, das für dieses Enzym codiert, haben Wissenschaftler schon 1999 in Versuchen an Mäusen ausgeschaltet. Eingehende Untersuchungen der Tiere lieferten keine Hinweise auf ein vermehrtes Tumorwachstum. Selbst das dauerhafte Abschalten von PTP1B verursacht laut diesen Experimenten keine Krebserkrankungen. Eine Behandlung mit MSI-1436, um die Neubildung von Gewebe anzukurbeln, würde dagegen voraussichtlich nur wenige Wochen oder Monate dauern.

Normale Embryonalentwicklung trotz wiederholten Einspritzens des Wirkstoffs

Unsere eigenen Experimente deuten schließlich darauf hin, dass MSI-1436 ausschließlich am Ort einer Verletzung wirkt: In gesundem Gewebe löst es offensichtlich keine überschießende Zellvermehrung aus, die derjenigen eines Tumors gliche. Weder bei Zebrafischen noch bei Mäusen beobachteten wir Wucherungen oder abnormale Strukturen in Körpergeweben beziehungsweise Organen, wenn die Tiere nach Verletzungen mit der Substanz behandelt worden waren. Wir konfrontierten Zebrafischembryonen sogar schon im einzelligen Stadium damit, also in einer hochsensiblen Entwicklungsphase. Embryonen, denen wir 14 Tage lang MSI-1436 injizierten, wuchsen zu normalen Fischen heran. Die Entwicklung von einer einzelnen Zelle hin zum ausgewachsenen Tier ist ein komplexer Vorgang, der eine enorme Zellvermehrung und verwickelte Differenzierungsprozesse erfordert. Zahlreiche Wirkstoffe und Umwelteinflüsse bringen diesen Ablauf durcheinander, wenn sie in einem so frühen Stadium einwirken. Es ist aufschlussreich und beruhigend, dass MSI-1436 dies nicht tut.

Vielleicht vertragen die Tiere die Substanz ja deshalb so gut, weil sie sich ursprünglich in wild lebenden Tieren entwickelt hat: Wissenschaftler haben MSI-1436 weder aus gentechnisch veränderten Labormäusen noch aus Zellkulturen noch in Hochdurchsatz-Screenings der Pharmaforschung isoliert. Unsere ersten Erkenntnisse hinsichtlich dieses Stoffs gewannen wir in Versuchen mit Delfinen, Haien und Zebrafischen. Unser Arbeitsort, das MDI Biological Laboratory, wurde genau für solche Untersuchungen gegründet. Das Institut nahm im Jahr 1898 seine Arbeit als Meeresforschungsstation an der Küste von Maine auf – der Lebensraum, für den sich die Mitarbeiter interessierten, war also nicht weit entfernt.

Die großen biomedizinischen Wissenschaftseinrichtungen und insbesondere die Pharmaindustrie haben heute leider keinen so kurzen Draht mehr zu den Objekten ihrer Forschung. Natürlich ist das computergestützte Moleküldesign mittlerweile unumgänglich, wenn es um die Suche nach neuen Arzneistoffen geht, und enorm wichtig für den Erkenntnisfortschritt. Dennoch machen uns die Worte des Medizinbiologen Alejandro Sánchez Alvarado stolz, der am Stowers Institute for Medical Research (Kansas City) arbeitet und nicht an unseren Studien beteiligt ist: MSI-1436 sei »ein großartiges Beispiel dafür, was passiert, wenn Wissenschaftler etablierte Wege verlassen und die Natur selbst nach Antworten auf schwierige biomedizinische Probleme befragen«.

QUELLEN

King, B. L., Yin, V. P.: Prioritizing studies on regeneration in nontraditional model organisms. Regenerative Medicine 12, 2017

Sánchez, A. A., Yamanaka, S.: Rethinking differentiation: stem cells, regeneration, and plasticity. Cell 157, 2014

Smith, A. M. et al.: The protein tyrosine phosphatase 1B inhibitor MSI-1436 stimulates regeneration of heart and multiple other tissues. NPJ Regenerative Medicine 2, 2017

Zasloff, M.: Observations on the remarkable (and mysterious) wound-healing process of the bottlenose dolphin. Journal of Investigative Dermatology 131, 2011

AUF EINEN BLICK: VERBLÜFFENDE WUNDHEILUNG

1 Stammzelltherapien gelten als große Hoffnung, wenn es um die Regeneration von Geweben und Organen geht. Bislang münden sie aber nur selten in klinische Anwendungen.

2 Eine Substanz namens MSI-1436 regt die Gewebeneubildung stark an, zumindest im Tierversuch. Sie schaltet einen Mechanismus aus, der die natürliche Regenerationsfähigkeit bremst.

3 MSI-1436 wurde ursprünglich als Mittel gegen Diabetes und Adipositas geprüft und dabei als sicher eingestuft. Einen großen Schritt in der Entwicklung als Arzneistoff hat es damit bereits hinter sich.

Erneuerte Organe

Die Fähigkeit von Körpergeweben und Organen, sich nach Verletzungen zu regenerieren, ist normalerweise eingeschränkt. Nach einem Herzinfarkt beispielsweise strömen zwar Signalsubstanzen wie Wachstumsfaktoren und Zytokine in das Organ, um die Neubildung von Gewebe anzuregen, doch ein regulatorisches Enzym blockiert sie. Untergegangene Herzmuskelzellen werden somit nicht ersetzt. Bei Nagern ist es nun gelungen, diese Blockade aufzuheben. Als Mäuse mit geschädigtem Herzen den Stoff MSI-1436 gespritzt bekamen, hemmte dieser das regulatorische Enzym, und es bildete sich neues Herzmuskelgewebe, was die Pumpfunktion des Organs wiederherstellte.

CAMPBELL MEDICAL ILLUSTRATION / SCIENTIFIC AMERICAN APRIL 2019