Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

medizin: Unter Strom


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 10.06.2020

Im alltäglichen Sprachgebrauch verbinden wir mit „unter Strom stehen“ Stress, also nichts Gutes. Das sieht in der Medizin völlig anders aus. Denn hier kann unter Strom zu stehen sogar heilende Wirkung zeigen


Artikelbild für den Artikel "medizin: Unter Strom" aus der Ausgabe 7/2020 von Vital. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTO: JORG GREUEL / GETTY IMAGES

Strom erhellt die Nacht, lässt die Waschmaschine laufen, E-Bikes fahren. Kurz: Er macht uns das Leben leicht und angenehm. Aber Strom kann mehr. In manchen Fällen ist er sogar überlebenswichtig. In der modernen Medizin gewinnen heilende elektrische Impulse und Wechselfelder zunehmend an Bedeutung.

Viele Menschen konnten bereits gute Erfahrungen mit der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Vital. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2020 von Was wirklich zählt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was wirklich zählt
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von Da komme, was wolle!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Da komme, was wolle!
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von Einander Halt geben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Einander Halt geben
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von pflege: Sonne auf unserer Haut. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
pflege: Sonne auf unserer Haut
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von gesundheit: Fluch oder Segen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
gesundheit: Fluch oder Segen
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von medizin-news: Im freien Fluss. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
medizin-news: Im freien Fluss
Vorheriger Artikel
gesundheit: Fluch oder Segen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel medizin-news: Im freien Fluss
aus dieser Ausgabe

... schmerzlindernden und regenerierenden Wirkung von physiotherapeutischer Elektrotherapie bei Gelenkverschleiß, nach einer Operation oder Verletzung sammeln. Chronische Schmerzpatienten behandeln sich sogar selbst damit (s. S. 38). Aber auch in anderen Medizinbereichen sind therapeutische Ströme nicht mehr wegzudenken.

Impulse bringen das Herz wieder in den richtigen Takt

Der erste Herzschrittmacher wurde bereits 1958 implantiert. Er hatte die Größe einer Schuhcremedose. Heute sind die Aggregate auf die einer Streichholzschachtel geschrumpft. Sie schenken Menschen mit einem verlangsamten Herzschlag neue Energie und Lebenskraft. „Die Geräte überwachen den Herzrhythmus der Patienten und geben kaum spürbare Impulse ins Herz ab, wenn dessen Schlagfrequenz erhöht werden muss“, erläutert Prof. Alexander Ghanem, Leiter der Kardiologie in der Asklepios Klinik Nord in Hamburg. Ohne den Taktgeber in der Brust, würde den Betroffenen Dauererschöpfung, Schwindelattacken, Atemnot und Ohnmachtsanfälle drohen.

Auch Defibrillatoren können inzwischen implantiert werden. „Sie kommen präventiv bei Patienten zum Einsatz, deren Herz anfallsweise viel zu schnell schlägt, um sie vor dem plötzlichen Herztod zu bewahren“, sagt Prof. Ghanem. Daran sterben bundesweit jedes Jahr 65 000 Menschen. Wer einen solchen Lebensretter in sich tragen sollte? „Etwa Menschen mit einem hohem Risiko für plötzlichen Herztod sowie Patienten mit stark eingeschränkter Pumpfunktion nach einem Herzinfarkt. Zudem alle, die einen plötzlichen Herztod überlebt haben“, rät der Facharzt.

@@Prof. Martin Glas, 44
Facharzt für Neurologie und Hirntumorspezialist, Leiter der Klinischen Neuroonkologie am Universitätsklinikum Essen


@@Prof. Alexander Ghanem, 42
Chefarzt Kardiologie & internistische Intensivmedizin, Asklepios Klinik Nord – Heidberg, Hamburg


Der implantierbare Cardioverter Defibrillator, kurz ICD, kontrolliert wie ein gewöhnlicher Herzschrittmacher Tag und Nacht den Herzrhythmus. „Verliert das Herz seine Funktion als Motor aufgrund einer bösartigen Herzrhythmusstörung, gibt der ICD einen starken Stromstoß ab, beendet diese damit, und das Herz kann wieder pumpen“, so der Kardiologe. Abgesehen von seltenen Erkrankungen, bei denen sich die Pumpfunktion des Herzens allein durch die Einnahme spezieller Medikamente wieder bessert, wird empfohlen, den implantierten Defi ein Leben lang zu tragen. Alexander Ghanem ermutigt: „Nach einer Eingewöhnungszeit ist damit ein weitgehend normales Leben möglich.“ Und zwar befreit von der ständigen Angst vor einem plötzlichen Herztod

Schmerzen ausschalten, das Leben verbessern

Ein Schrittmacher kann auch bei chronischen Rückenschmerzen die Rettung sein. „Es gibt Patienten, die austherapiert sind. Bei ihnen wirken selbst Opioide nur in Höchstdosis oder gar nicht mehr“, weiß Dr. Felix Söller, Orthopäde in München. Betroffene leiden extrem, auch unter Nebenwirkungen der Medikamente. Ein Ausweg ist die Spinal-Cord-Stimulation. „Dabei gibt ein im Lendenbereich eingesetzter Generator Stromimpulse an feine Elektroden ab, die am rebellierenden Nerv an der Wirbelsäule implantiert wurden. So wird die Reizweiterleitung ans Gehirn unterbunden“, erklärt Felix Söller. „Im Idealfall sind die Patienten damit schmerzfrei.“ Und schwer Parkinsonkranken schenkt ein Schrittmacher, der das Gehirn permanent mit leichten Stromstößen reizt, mehr Beweglich keit, und sie erhalten damit ein Stück normales Leben zurück.

Strom ist nicht gleich Strom

In der Physiotherapie werden seit Langem verschiedene Elektrotherapien eingesetzt, etwa zur Schmerzlinderung bei Verspannungen, Nervenüberreizung, geschädigten Gelenken und zur schnelleren Regeneration nach einer Verletzung oder Operation. Dabei ermöglichen unterschiedliche Stromarten eine gezielte Therapie:

Galvanische Ströme: Hierbei handelt es sich um sanfte Ströme, bei denen Stärke und Spannung über die gesamte Behandlungszeit gleich bleiben. Sie kribbeln leicht auf der Haut und reizen die Nerven in der Gefäßwand. Das setzt im Körper gefäßerweiternde Stoffe frei, die die Durchblutung von Haut und Muskeln verbessern und Schmerzen lindern. Zudem wird die Muskulatur aktiviert und gelockert. Die Behandlung wirkt entspannend, regenerierend und regt die Selbstheilungskräfte an. Galvanische Ströme werden auch im Wasser verabreicht, als Stangerbad, Zwei-, Drei- oder Vierzellenbad.

Niederfrequente Reizströme: Sie erregen Nervenfasern und bringen Muskeln dazu, sich zusammenzuziehen. Das bekannteste dieser Verfahren ist TENS (s. „Strom zur Selbsthilfe“). Diese Stromimpulse tun nicht weh, sind aber deutlich spürbar. Physiotherapeuten setzten sie z. B. bei Durchblutungsstörungen ein, aber auch bei Muskelschmerzen, Lähmungen, Neuralgien, Ischialgien, Arthrose und Sehnenscheidenentzündungen.

Interferenzströme: Zwei unterschiedlich mittelfrequente Ströme werden mit großflächigen Elektroden ins Schmerzgebiet geleitet. Dort bringen sie die Muskeln zur Kontraktion und fördern anschließend deren Entspannung. Das steigert die Durchblutung, reduziert Schwellungen und lockert die Muskulatur. Das hilft beispielsweise bei Kreuz- und Nackenschmerzen, Schulter-Arm- Syndrom, Gelenkerkrankungen, Durchblutungsstörungen und schmerzbedingter Bewegungseinschränkung.

Hochfrequenzströme: Wegen ihrer kurzen Impulszeit beeinflussen sie das Nerv-Muskel- System nicht mehr direkt. Sie dringen vielmehr tief ins Gewebe ein und erzeugen dort therapeutische Wärme. Dadurch lockern sich verspannte Muskeln, Schmerzen nehmen ab, die Durchblutung wird besser. Zudem beschleunigt sich der Stoffwechsel in den Muskeln, Verletzungen heilen schneller.

Hochfrequenzen bringen Tumorzellen durcheinander

Besonders hart trifft die Schockdiagnose Krebs Menschen, die an einem Glioblastom leiden. „Das ist ein sehr bösartiger Gehirntumor, der auch nach OP und Standard-Radiochemotherapie meist schlechte Überlebensraten aufweist“, berichtet Prof. Martin Glas, Leiter der Neuroonkologie am Universitätsklinikum Essen. Diesen Patienten machen Tumortherapiefelder neue Hoffnung. Dabei zeigen nicht Ströme Wirkung, sondern elektrische Wechselfelder. Sie werden von einem Gerät erzeugt, das die Patienten überall mit hinnehmen können. Sie oder er verbindet es über vier Klebeelektroden mit dem Kopf. „Die Elektroden jedes Pflasters wechseln alternierend zu den gegenüberliegenden 200 000-mal pro Sekunde den Plus- und Minuspol. So entstehen die Tumortherapiefelder“, erklärt Martin Glas.

Der Clou: „Ihre hochfrequenten Wechsel zwischen Plus und Minus können die strenge Choreografie der Krebszellenteilung in solch ein Chaos stürzen, dass diese gestört wird. Denn auch bei der Zellteilung spielen elektrisch geladene Bestandteile, etwa Eiweißstrukturen, eine Rolle. Einige Tumorzellen können durch die Wechselfelder sogar absterben“, weiß Prof. Glas. „Die Patienten sollten ihre Elektrodenpflaster möglichst Tag und Nacht auf dem Kopf behalten. Es gibt viele Hinweise, dass eine längere Tragedauer zur besseren Wirkung führen kann.“

Viele kommen damit klar, einige nicht. „Daher sollte jeder Patient selbst entscheiden, ob die Therapie zu ihm passt.“ Tumortherapiefelder sind eine relativ nebenwirkungsarme Ergänzung zu allen anderen Behandlungsoptionen. „Mehr als Hautreizungen durch die Pflaster haben wir bis jetzt nicht beobachtet“, sagt Martin Glas. Ein kleiner Preis für die womöglich geschenkte Lebenszeit.

Strom zur Selbsthilfe

Schmerzen im Bewegungsapparat lassen sich mit kleinen Geräten auch zu Hause lindern:

TENS: Das Gerät für die transkutane elektrische Nervenstimulation hat etwa die Größe eines Mobiltelefons. Es wird über selbstklebende Elektroden – meist im Bereich der schmerzenden Stelle platziert – mit der Haut verbunden. Die Impulse lassen je nach eingestellter Stärke die Muskeln mal mehr, mal weniger kontrahieren, also zucken. Jedes TENS-Gerät bietet verschiedene Programme. Frequenzen mit 80 bis 150 Hertz unterbrechen die Signalweiterleitung ans Gehirn und damit die Schmerzwahrnehmung – ideal für lokale, akute Verspannungsschmerzen. Bei chronischen Beschwerden sind Programme mit Frequenzen von zwei bis vier Hertz empfehlenswert. Sie regen das Gehirn an, Botenstoffe auszuschütten, die das Schmerzempfinden dämpfen. TENS-Geräte können Sie im Fachhandel ab circa 40 Euro kaufen. Bei bestimmten Schmerzzuständen übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Miete eines Geräts für bis zu drei Monate.

SFMS: Eine Small Fiber Matrix Stimulation hilft bei chronischen Schmerzen, etwa durch Arthrose, einen Bandscheibenvorfall oder Rheuma. Zur Anwendung liegt eine innen mit Elektroden ausgestattete Bandage um die schmerzende Stelle. Diese Bänder gibt es passend für Nacken, oberen und unteren Rücken, Knie und Ellbogen. Sie sind mit einem kleinen Gerät verbunden, über das sich die Stärke der niederfrequenten Impulse steuern lässt. Während der zweimal 20-minütigen Behandlung, die sich in einem Kribbeln bemerkbar macht, stimulieren die Impulse überaktive Schmerzfasern in der obersten Hautschicht, wodurch diese sich beruhigen. Bei täglicher Anwendung können sich Schmerzen nach vier bis sechs Wochen um bis zu 70 Prozent verbessern. Einige gesetzliche Krankenkassen und Berufsgenossenschaften übernehmen die Kosten von rund 600 Euro. Betroffene können sich ein SFMSGerät aber auch ausleihen.

Rettung für die Sehkraft

Schäden am Sehnerv, etwa durch den grünen Star oder einen Augeninfarkt, schränken erst das Gesichtsfeld ein und können mit der Zeit zur Erblindung führen, weil immer mehr Nervenfasern absterben. Lange gab es keine Möglichkeit, dies zu stoppen. Hoffnung für die Patienten bietet die elektrische Optikusnerv-Stimulation (ONS), auch Eyetronic Therapy genannt. Unser Experte erklärt, wie die Behandlung funktioniert.

vital: Was steckt hinter der ONS-Therapie?
Prof. Thomas Neuhann: Es handelt sich um eine Art Reanimation von inaktiven, aber noch nicht abgestorbenen Sehnervenfasern durch schwache Wechselstromimpulse. Läuft alles gut, können sie sich regenerieren und funktionieren wieder. Somit lassen sich Gesichtsfeldausfälle zumindest teilweise rückgängig machen und das Fortschreiten der Erkrankung verzögern.

Wie läuft die Behandlung ab?
Zunächst findet eine gründliche Untersuchung statt. Wir überprüfen, ob die Ursachen bzw. Erkrankungen, die zum Gesichtsfeldausfall geführt haben, ausreichend behandelt wurden und ob es sich wirklich um ein Problem am Sehnerv handelt. Danach beginnt die Stromtherapie. Der Patient trägt dabei eine EEG-Kappe, die seine Hirnströme misst. Deren Muster nutzen wir für die individuelle Einstellung der Frequenz der elektrischen Stimulation. Zudem hat der Patient eine spezielle Brille mit Elektroden auf, über die die Impulse durch den Sehnerv zum Gehirn gelangen. Zu Beginn der Sitzung steigern wir die elektrischen Reize dann allmählich, bis der Patient eine Lichtempfindung wahrnimmt.

Wie oft muss das Ganze wiederholt werden?
In der Regel besteht die Behandlung aus zehn täglichen Sitzungen über zwei Wochen. Jede dauert 70 bis 90 Minuten. Wenn der Patient auf die Therapie anspricht, zeigt sich schon nach wenigen Tagen eine erste Wirkung.

Hilft die Therapie jedem Erkrankten?
Wir können leider nicht messen, wie viele der Sehnervenfasern reaktivierbar sind. Deshalb gibt es keine Erfolgsgarantie. Aber die Therapie bietet eine Extrachance auf besseres Sehen und das bei einer belastbaren wissenschaftlichen Grundlage ohne Extrarisiko. Denn die Behandlung ist weder schmerzhaft, noch hat sie Nebenwirkungen. Und selbst kleinere Fortschritte bei der Erweiterung des Gesichtsfeldes können das Leben der Betroffenen ja erheblich verbessern. Man muss aber wissen: Je länger der Nerv geschädigt ist, desto schwerer wird es, ihn wieder funktionsfähig zu machen. Deshalb sollte möglichst früh mit der Behandlung begonnen werden.

Wer bezahlt die Therapie?
Für die zehn Sitzungen müssen Sie mit ca. 4000 Euro rechnen. Ob man diese Summe ohne Erfolgsgarantie investieren möchte, kann nur jede Patientin, jeder Patient für sich entscheiden. Einige wenige private Krankenkassen übernehmen die Kosten.

@@Prof. Thomas Neuhann, 74, leitet das augenärztliche MVZ Prof. Neuhann und ist Chef des Augen-OPZentrums im Rotkreuzklinikum München


FOTOS: JORG GREUEL / GETTY IMAGES, PRIVAT (2)

FOTO: JORG GREUEL / GETTY IMAGES