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Meer der Möglichkeiten


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segeln - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 24.08.2022

REISE

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Bildquelle: segeln, Ausgabe 9/2022

Leichtwindsegeln vor der Insel Reichenau. Der Skipper genießt das langsame Dahingleiten

Benedikt Kaufmann ist happy. Der Sommer war gut, die Weiden sind grün und die Milch der umliegenden Almen ist von bester Qualität. Keine Wunder, dass sein Bergkäse letztes Jahr bei den World Cheese Awards eine Silbermedaille gewonnen hatte. Das hat sich herumgesprochen. Selbst in der Marina von Bregenz kennt man das Leckerschmeckerprodukt und schickt die Crews gern herauf zu Benedikt nach Hinteregg. Trainierte brauchen für den Aufstieg rund drei Stunden. Fußfaule – wie ich – nehmen lieber die Gondelbahn auf den Pfänder, den 1.064 Meter hohen Hausberg der Vorarlberger Landeshauptstadt, und spazieren dann bequem zu seiner Bergsennerei.

Logbuch auf: Wir hatten gestern im Match Center Langenargen eine Bavaria 40S übernommen und sind bei leichter Brise herüber in die Schweiz gesegelt. Nach der Inaugenscheinnahme des mittelalterlichen Arbon mit seinem schneeweißen Schloss und der legendenumwobenen ...

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... Galluskapelle komme ich mit dem Hafenmeister ins Gespräch. „Kennst du das Stonehenge des Bodensees“, fragt er mich. Ich schüttele den Kopf. „Vor gut 5.000 Jahren“, deutet er Richtung Romanshorn, „wurden im Flachwasser dort rund 170 Steinhügel aufgeschichtet.“

„Und was ist daran besonders“, frage ich. „Die schiere Masse“, antwortet er, „ein Hügel wiegt im Schnitt 500 Tonnen.“ „Und wozu dienten die?“ „Das“, antwortete er, „weiß die Wissenschaft bis heute nicht.“ Alles andere als ein Rätsel dagegen ist die Rorschacher Badhütte. Knapp sechs Kilometer südöstlich von Argon erblickte diese auf Stelzen in den See gebaute hölzerne Badeherrlichkeit 1924 das Licht der Welt. Wir lassen das pittoreske „Badi“ im Heck, umfahren die (nautischen) Tücken des Rheindeltas und erreichen zwei „Halbwind-Stunden“ später das Bregenzer Festspielhaus. Die Saison ist zu Ende und die Kulisse der weltgrößten Seebühne – leider, leider – schon abgebaut. „Schade“, bedauert Thilo, „das Bühnenbild zu Verdis Rigoletto hätte ich mir gern angesehen. Allein der riesige Clownkopf wiegt mehr als 35 Tonnen.“ Sagt‘s und steuert unser „Schifferl“ in den Yachthafen von Bregenz.

Grenzübergreifend

Anderntags kurz vor 11 Uhr: „Wir müssen los“, deutet Thilo bei meiner Rückkehr vom Käsemeister auf die Uhr. Skippers Wort ist Gesetz. Benedikts Milchprodukte kommen in den Kühlschrank, wir motoren aus dem Hafen und bringen die Segel in Arbeitsposition. Kurz hinter der imaginären deutschen Grenze dampft die SD Hohentwiel an uns vorbei. Das bilderbuchschöne Jugendstilschiff – die vormalige Staatsyacht des Königs von Württemberg – steuert den Lindauer Hafen an. Wir dagegen lassen das urbane Kleinod mit seinem bayerischen Löwen auf der rechten und Deutschlands südlichstem Leuchtturm auf der linken Seite der Hafeneinfahrt im Achterwasser. Unser Ziel ist die Schachener Bucht. Vor gut 150 Jahren hatte der internationale Geld- und Hofadel die landschaftlichen Reize und das milde Klima des Bodensees entdeckt. An den Ufern zwischen Lindau und Bad Schachen entstanden opulente Sommerresidenzen. Die wohl nobelste Liegenschaft ist – oder besser gesagt war – die Villa Amsee. Von dem Prachtbau des bayerischen Prinzregenten Luipolt ist heute freilich nicht mehr viel zu sehen. Gut erhalten dagegen sind rund 30 Anwesen. Ihr italienischer Baustil und ihre üppigen Gärten bescher(t)en der Bucht den Beinamen „bayerische Riviera“.

Mit Pauken und Trompeten feierte die Bavaria 40 S auf der Wassersportmesse „boot“ 2011 Weltpremiere. Gegenüber der Standardversion – das S steht für Sport – hat sie gewichtstechnisch abgespeckt, der Mast ist einen halben Meter gewachsen, die Segelfläche hat zugelegt, der Kiel ist 30 Zentimeter länger, kurzum: Die Giebelstädterin ist auf Performance getrimmt. Das merkt auch der Skipper des 45-Footers vor uns. Länge läuft, mag er meinen und irrt. Thilo hat das Regattafieber gepackt, er scheucht uns an die Winschen und kitzelt mit etwas Glück und viel Sachverstand das letzte Quäntchen Vortrieb aus dem Tuch. „Acht Knoten“, verkündet er stolz. Und freut sich wie ein Schneekönig, als er den Showdown mit dem vermeintlichen Übergegner gewinnt. Den – wenn man so will – Siegespokal gibt es als XXL-Portion Vanilleeis mit heißen Himbeeren auf der Terrasse des Café Italia in Friedrichhafen.

Derweil eine bunte Menschenmenge die Seepromenade entlang flaniert und die Schnellfähre aus Konstanz in das Hafenbecken einläuft, nimmt hoch über dem Bodensee ein Zeppelin NT Kurs auf Bregenz. Natürlich ist die zigarrenförmige Reminiszenz an die Goldenen Zeiten der Luftschifffahrt kein Original aus den 1920ern. Das Kürzel „NT“ steht für „Neue Technik“, das gute Stück ist Baujahr 2020 und besteht – anders als seine historischen Ziehväter – aus Hightechmaterial. Die formgebenden Innenverstrebungen sind aus Carbon. Und die Außenhülle von einer Firma, die im Regelfall Raumanzüge für die NASA fertigt.

Land des Weines

Lage, Lage, Lage ... dieser preis- und prestigesteigernde Leitsatz der Immobilienbranche gilt auch für den Weinbau. Der Chronik nach pflanzte der Abt des Klosters Reichenau 818 am Bodensee die ersten Rebstöcke. Damit wollte er seine Glaubensbrüder rund um das schwäbische Meer mit Messwein versorgen. Der spirituelle Trank war freilich kein Genuss. Das lag wohl neben fehlenden Fertigkeiten vor allem an den Tücken des Terroirs. Es dauerte Jahrhunderte, bis die Winzer die önologischen Fallstricke des Bodensees in den Griff bekamen. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Nicht von ungefähr heben Fachzeitschriften wie „Falstaff“ die Spätburgunder, Müller-Thurgaus und Sauvignon Blancs der Region heute auf das Podest der höchsten Gaumenfreuden. Apropos Gaumenfreuden: „Auf der deutschen Seeseite“, so Marion Schäfer bei unserem Besuch des Staatsweingutes Meersburg, „gibt es rund 600 Hektar Rebfläche. Gut 10 Prozent davon gehören uns. Damit erzeugen wir im Schnitt jährlich etwa 280 Hektoliter Wein.“ Nach der Besichtigung des Allerheiligsten – des Weinkellers – lassen wir uns auf der Terrasse der Gutsschänke mit Blick auf den rund 40 Meter tiefer liegende Stadthafen ein Glas Spätburgunder schmecken, erwerben ein paar Flaschen Meersburger Jungfernsteig 2020 – von Frau Schäfer persönlich als idealer Begleiter zu Benedikts Bergkäse empfohlen – und machen uns dann auf den Weg herunter durch die engen Gassen des mittelalterlichen Kleinstädtchens zu unserem Liegeplatz.

ANREISE

Über die A81 bis zum Autobahnkreuz Hegau bei Singen und weiter über die B33 Richtung Konstanz beziehungsweise von der A81 über die A98 und die B31 Richtung Friedrichshafen.

LAND & LEUTE

Der Bodensee ist ein Relikt der letzten Eiszeit. Er erstreckte sich einst von etwa Ravensburg bis Zürich. Mit 536 qkm ist er heute nach dem Plattensee (594 qkm) und dem Genfer See (580 qkm) Mitteleuropas drittgrößtes Binnengewässer. Der See besteht aus dem Untersee (62 qkm, max. Tiefe 45 m), dem Obersee (413 qkm, max. Tiefe 254 m) sowie dessen fjordähnlicher Verlängerung, dem Überlinger See (61 qkm, max. Tiefe 147 m). Die gesamte Uferlänge des Bodensees beträgt 273 km. Davon entfallen 173 km auf Deutschland (155 km Baden-Württemberg, 18 km Bayern), 28 km auf Österreich und 72 km auf die Schweiz. Die beiden größten Zuflüsse liegen bei Bregenz in Österreich und sind der Alpenrhein (circa 61 % der Zuflussmenge, Regulierung siehe: www.rheinregulierung.org) sowie die Bregenzer Ache (circa 13 %), der Alte Rhein auf Schweizer Terrain trägt etwa 3 % zum Pegel bei. Der Untersee wird durch den sogenannten Seerhein gespeist. Dieser tritt bei der Konstanzer Rheinbrücke aus dem Obersee (Rheinkilometer 0) und mündet nach 4,3 km im Untersee. Der Pegelunterschied zwischen dem Ober- und Untersee beträgt rund 20 cm. Bei Stein am Rhein verlässt der Seerhein den Untersee und fließt unter dem Namen Hochrhein nach Basel. Auf der 140 km langen Strecke überwindet er circa 145 m Gefälle. Den größten Niveauunterschied bildet mit 23 m der Rheinfall bei Schaffhausen. In Basel geht der Hochrhein in den Oberrhein über.

BOOTE & BODENSEESCHIFFERPATENT

Grundsätzlich gilt: Ein Boot muss von Amts wegen für den Bodensee zugelassen sein. Verfügt das Wasserfahrzeug über mehr als 12 qm Segelfläche beziehungsweise liegt die Motorleistung über 4,4 kW, darf das Fahrzeug nur mit dem Bodenseeschifferpatent geführt werden. Soprtbootführerschein-Inhaber können ein Ferienpatent beantragen. Dieses wird von den Schifffahrtsämtern Konstanz, Friedrichshafen und Lindau einmal pro Jahr ausgestellt, ist vier Wochen gültig und kostet 24 EUR. Der Bodensee ist quasi grenzenlos, d. h. das Einklarieren bei der Einfahrt in den Hafen eines Anrainerlandes entfällt.

CHARTER

Das Match Center in Langenhargen verchartert vom SUP über 24-Fuß-Segel-Daycruiser und luxuriöse Sea Ray Motoryachten bis hin zu 40-Fuß-Regatta-Segler alles für den Wassersport. Die von uns gecharterte Bavaria 40 S kostet in der Hochsaison (Juni bis 11. Sep- Foto: Shutterstock / ii-graphics tember) 2.380 EUR/Woche, in der Nebensaison 2.100 EUR/Woche. Ein persönlicher Coach schlägt mit 335 EUR zu Buche (www.matchcenter.de, Tel.: 0754/3961 8333).

WIND & WETTER

Die Temperaturen am Bodensee sind ganzjährig eher moderat. Mit Nebel ist ab Mitte Oktober/Anfang November bis Februar zu rechnen. Im Sommer herrscht Leichtwind vor, Hauptwindrichtung ist SW/W. Föhnsturm und Gewitter mit extremen Böen sind kein absolutes Fremdwort. Das entsprechende Warnsystem besteht aus über 40 am Seeufer installierten, orangefarbenen Blinkscheinwerfern (Starkwindwarnung:40 Blitze/min, Sturmwarnung: 90 Blitze/min). Informationen zu Wind & Wetter liefern u.a. https://de.windfinder. com, www.windy.com und www.meteoschweiz.admin.ch

REISEZEIT & LIEGEPLÄTZE

Frühjahr und Spätsommer/Herbst sind gegenüber dem Hochsommer etwas kühler und windreicher. Wer kann, sollte die Sommerferien meiden, zumal davor/danach auch die Liegeplatzsituation entspannter ist. Der Liegeplatz für eine 40-Fuss-Yacht schlägt mit circa 20 bis 30 EUR (inklusive Dusche und Strom) zu Buche (Hafenübersicht: www.ibn-online.de/links/11/Haefen-am-Bodensee).

NAUTISCHE LITERATUR

Binnengewässerführer „Der Bodenseee. Obersee, Untersee, Überlinger See“, Delius Klasing Verlag, Aufl. 2018, 244 S., 42,90 EUR. Alternativ: „Bodensee Törnführer“, IBN (Internationale Bodensee & Boot Nachrichten), Druck- und Verlagshaus Hermann Daniel , Aufl. 2020, 80 S., 29,90 EUR (www.ibn-online.de/shop)

KARTENMATERIAL

Zwei wasserfeste, sich überlappende Blätter im Format 85 x 60 cm, Maßstab 1:50.000, IBN, Aufl. 2021, 30,50 EUR (www.ibn-online.de/ shop)

HOHENTWIEL

Stilvoller kann man den Bodensee nicht befahren. Von Bord des 1903 in Dienst gestellten Schaufelraddampfers Hohentwiel aus lässt sich Hermann Hesses einstige Heimat perfekt in Augenschein nehmen (www.hohentwiel.com)

LITERATUR

„Reise-Taschenbuch Bodensee“ DuMont Reiseverlag, aktualisierte Nachauflage September 2022, 296 S., 19,55 EUR. Opulente Bilder und gute Reiselust-Texte liefert DuMonts Bildatlas „Bodensee“, 4. Aufl. 2021, 120 S., 11,50 EUR.

INFORMATIONEN

Infos zu allen Anrainerländern: www.bodensee.eu; speziell zu Österreich: www.austria.info; speziell zur Schweiz: www.myswitzerland. com. Wassersport-News rund um den Bodensee: www.ibn-online.de

Dichter und Denker

„Die muss ich fotografieren,“ deutet Thilo auf Peter Lenks „Magische Säule“ an der Hafenmole von Meersburg. Das Kunstwerk ist 15 Meter hoch und persifliert die (vermeintlich) honorigsten Persönlichkeiten der Stadtgeschichte. Ganz oben auf der skurrilen Metallkonstruktion dreht sich eine Möwe im Wind. Sie sieht aus ... nein, nein, nicht wie Christian Morgensterns literarische Möwe Emma – vielmehr hat sie das Antlitz von Annette von Droste-Hülshoff. Die gebürtige Westfälin war oder besser gesagt ist Deutschlands bedeutendste Dichterin. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in Meersburg. Und hat sich in ihrem „Häusele“ hoch über dem See mit Werken wie „Am Turme“ nicht nur ihren Traum von Freiheit und Abenteuer erschrieben sondern auch ein literarisches Ausrufezeichen gegen das sittsame Damenleben von damals gesetzt.

Thilo hat seine Fotos im Kasten. Während er sich eine kleine Auszeit gönnt und den Blick auf die malerischen Rebhänge am Ufer genießt, rückt der Sportboothafen Unteruhldingen ins Bild. Ich habe das Ruder übernommen, lasse vor der Einfahrt in die Marina zwei Stand-up-Paddler passieren, warte bis die Fähre zur Insel Mainau abgelegt hat und dampfe dann auf freundliches Anraten des Hafenmeisters in die nächstfreie Gästebox ein. „Guten Tag!“, begrüßt uns der Herr über die Liegeplätze. „Ich bin Robert“, sagt er und erzählt, dass er in seinen 18 Dienstjahren bereits dreimal zum Hafenmeister des Jahres gewählt wurde, und stellt mit einem Freibier die Weichen für seine vierte Wahl.

Auftstieg und Niedergang

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen“ – ob diese Lebens- beziehungsweise Reiseweisheit tatsächlich von Johann Wolfgang von Goethe stammt oder nur eine Erfindung der Tourismusindustrie ist, sei dahingestellt. Wir jedenfalls wollen uns am nächsten Tag die fantastische Blumen- und Pflanzenpracht auf Mainau anschauen.

„Die Insel“, weiß Robert, „ist in Privatbesitz. Es gibt keinen öffentlichen Anleger. Also nehmt am besten die Fähre.“ Gesagt, getan! Wieder zurück in Unteruhldingen lädt das Pfahlbaumuseum zur Rolle rückwärts in die Urgeschichte der Menschheit ein. Zu Beginn der Bronzezeit – so der Historiker Peter Walter – gab es am Bodensee etwa 20 Pfahlbausiedlungen. Die Bewohner lebten von der Landwirtschaft und dem Fischfang, profitierten aber auch vom Kupferabbau in den Ostalpen. Das Metall war begehrter Legierungsbestandteil der Bronze. Händler brachten es entlang des Rheins und Bodensees bis hoch in den Norden. Um 800 v. Chr., erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Museums, löste das Eisen die Bronze ab. Die Kupfernachfrage sank. Der Handel flaute ab und damit auch das Zubrot für die Bodenseeanrainer. Die Menschen stimmten mit den Füßen ab. Und gingen. Ihre Pfahlbausiedlungen verfielen.

Alte Schätzchen

Wenige Tage vor unserem Törn hatte ich die „Interboot“ in Friedrichshafen besucht. Zu den kleinen, aber feinen Austellern der Wassersportmesse gehört auch Herr Wagner. Er ist Bootsbaumeister, kommt aus Bodman – oder, wie er sagt: der schönsten Sackgasse der Welt. Dort betreibt in der dritten Generation eine kleine Werft. „Ob GFK, klassische Holzbauweise oder formverleimt“, erzählt er, „wir bauen und restaurieren fast alles, was schwimmt.“ Wie alt denn das Schätzchen sei, frage ich ihn mit Fingerzeig auf die bilderbuchschöne Mahagoni-Lacustre auf seinem Stand. Herr Wagner schmunzelt. Und schwärmt von den großartigen Segeleigenschaften dieser Ende der 1930er-Jahre in der Schweiz entwickelten Rennyacht. „Insgesamt“, sagt er, „wurden bis heute etwa 270 Boote gebaut. Um die 150 davon sind am Bodensee zugelassen.“

Statistisch gesehen kommt der Wind am Schwäbischen Meer zu über 40 Prozent aus Westen. Da Bodman unsere Wendemarke zurück zum Match Center ist, dieses im Westen liegt und das Himmelsgebläse obendrein auch noch Siesta acht, heißt es selbst für einen Performance-Segler „Maschine an“. „Pech gehabt“, sagt Thilo und zuckt mit den Achseln. Und tröstet sich im Biergarten des Bodmaner Sportboothafens mit einer Portion Fischknusperle. Doch man soll nicht den Tag vor dem Abend schelten. Wind kommt auf. Und unsere Vortriebsgarderobe zum Einsatz. Nach zweieinhalb Stunden schält sich Konstanz aus dem zarten Abendlicht. Im Süden grüßen die Alpen, allen voran der über 2.500 Meter hohe, schneebedeckte Säntis, direkt vor uns erhebt sich das Konzilgebäude. Der dreistöckige Massivbau mit seinem rostroten Waldach wurde 1377 als eine Art Liliputausgabe der Hamburger Speicherstadt erbaut und dient – man höre und staune – Europas Kirchenfürsten 1417 als weltliches Stimmlokal für die Wahl des ersten und einzigen Papstes auf deutschem Boden. Dabei werden freilich nicht nur Stimmzettel ausgefüllt. Vor und nach den gottesfrommen Kreuzchen entsagen die hohen Würdenträger den Geboten der Keuschheit und geben sich – so der Chronist – der käuflichen Liebe hin. Anfang der 1990er-Jahre greift Peter Lenk das morallose Treiben als Vorlage für sein wohl umstrittenstes Kunstwerk auf. In seiner Werkstatt in Bodman entsteht ein neun Meter hohes, 18 Tonnen schweres Betonweib, das zwei lächerlich kleine Nackedeis in den ausgebreiteten Händen hält. Der eine trägt eine Königskrone, der andere eine Papsttiara. Getreu dem Motto: Je exponierter die Lage, desto größer der Skandal, platziert der Künstler seine leicht bekleidete Imperia dann in einer Nacht- und Nebelaktion direkt an die Hafeneinfahrt von Konstanz. Natürlich gab es ein Riesengeschrei. Inzwischen aber haben sich die Gemüter beruhigt. Und die wohl frivolste Landmarke der christlichen Seefahrt ist zum meist fotografierten Werbebotschafter der Bodenseemetropole geworden.

Steinzeit-Kuhfladen

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Wir übernachten in der Marina von Konstanz, bummeln nach dem Frühstück durch die malerische Altstadt und nehmen dann Kurs auf Romanshorn. Von den Steinzeit-Kuhfladen – wie Theo die prähistorischen, bis zu zwei Meter hohen und 15 Meter Radius messenden Unterwasseraufschüttungen respektlos nennt – ist nichts zu sehen. Am späten Nachmittag ist unseren Ausgangshafen erreicht. Thilo meldet sich beim Match Center. Punkt 8 Uhr am nächsten Tag erfolgt die Rückgabe. Jetzt sind ... nein, nein ... keine Autobahnkilometer Richtung Heimat, sondern drei Tage Landurlaub angesagt. Wir quartieren uns in Lindau am Hafen in einem Hotel mit direktem Blick auf den bayerischen Löwen ein, tauschen die Bootsschuhe gegen Trekkingschuhe, fahren mit dem Linienschiff nach Bregenz und statten Benedikt Kaufmann einen Besuch ab. Was schätzen Sie – liebe Leserin, lieber Leser – wie lange wir für die gut 700 Höhenmeter brauchen?

Text: Gerald Penzl