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MEGA-CAARE


GRIP - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 16.07.2021

GRIP TITELSTORY

[ MASERATI MC20 ]

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632 PS, 652 Newtonmeter, 330 km/h Spitze, fahrfertig 1.530 Kilo, diverse Fahrmodi an Bord – wow, was für ein Maserati-Supercar. Aber Moment: dazu zwölf Zylinder, Sechsganggetriebe, eine Gesamtlänge von mehr als 5,1 Metern, und der Sprint gelingt gerade mal in 3,8 Sekunden?

Der aufmerksame Supercarfan wird es gemerkt haben: Die Rede ist zwar von einem Maserati, allerdings vom MC12 Stradale aus dem Jahr 2006. Damals durfte die kleine Fiat-Tochter ihr Renommee aufbessern und einen Ferrari Enzo ummodeln. Das Ergebnis war ein geiles Supercar, dass trotz absichtlich weniger PS dank ausgefeilter Aerodynamik schneller war als der rote Bruder, was der Konzernhygiene gar nicht guttat. Ob die Stückzahl deswegen auf homöopathische 50 Stück limitiert werden musste, wissen wir nicht. Aber wir sind das Ding damals gefahren und waren begeistert.

Und so haben wir große Erwartungen an ...

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... Maseratis neues Supercar MC20, 15 Jahre nach dem MC12. Immerhin sollen die Dreizäcker (und natürlich auch die Dreizäckerinnen) Chassis, Motor und Karosserie zu 100 Prozent selbst entwickelt haben, wenn auch teilweise mithilfe von Dallara – Ferrari ist jedenfalls nicht beteiligt. Der Maserati-Stolz beginnt beim Motor. Statt eines Sechsliter-V12 pocht nun ein Dreiliter-V6-Biturbo mit 630 PS vor der Hinterachse, und der hat sogar einen eigenen Namen: Nettuno („Neptun“). Die Technik stammt zum Teil aus der Formel 1, Maserati nennt sie „MTC“ („Maserati Twin Combustion“). Das Prinzip: Schon während der Verdichtung wird Kraftstoff-Gemisch in eine Vorkammer im Zylinder gepresst und dort gezündet. In der Hauptbrennkammer findet eine zweite Zündung statt. „Es ist der stärkste straßenzugelassene Motor in Sachen Leistungsgewicht mit einem Wert von 2,33 Kilo pro PS“, meint Frederico Landini, Vehicle Line Executive, und ist sichtlich stolz. „Es war eine echte Herausforderung, das Vorkammerprinzip straßentauglich zu machen.“

„Wir wollten kein Auto kreieren, das schreit: „Schaut mich an!“

Beim MC20 gibts Abtrieb auch ohne Heckfl ügel

Eine Herausforderung war es auch, den MC20 trotz der massiven Leistung optisch so kümmern konnten. Busse: „Während die Karosserieform komplett handmodelliert wurde, hat der untere Bereich nie eine menschliche Hand gesehen – das ist alles im Computer entstanden.“ Anders ausgedrückt: Alles, was knapp überm Asphalt schwarz ist, wurde gemeinsam bei Partner Dallara im Simulator entwickelt.

Das Ergebnis ist ein Gesamtkunstwerk in Monocoque-Alu-Bauweise, dem man zwar Kraft und Potenz ansieht, das seine Charakteristika aber nicht lautstark nach außen trägt. „Wir wollten kein Auto kreieren, das schreit: ‚Schau mich an‘“, präzisiert Busse. Tatsächlich sind bestimmte große Lufteinund -auslässe und andere aerodynamische Hilfen aus bestimmten Blickwinkeln gar aerodynamisch sauber zu designen – das riecht förmlich nach hartem Kampf zwischen Designern und Ingenieuren. Immerhin rund 10.000 Stunden sollen sich die beiden Gruppen zusammengesetzt haben. Aber Chefdesigner Klaus Busse wiegelt ab: „Man kann nicht Maserati-Designer sein, wenn man nicht die Maserati-Technik, die aus dem Motorsport resultiert, respektiert; und man kann nicht Maserati-Ingenieur sein, wenn man nicht die Schönheit eines Maserati respektiert.“

Halfen im oberen MC20-Bereich die Ingenieure den Designern, pur zu bleiben, sorgten die Designer unten dafür, dass sich die Ingenieure dort um optimale Funktionen nicht zu sehen. Busse: „Bei vielen Supersportwagen hat man den Eindruck, als wäre die Karosserie um die Lufteinlässe herum designt worden. Wir wollten das Gegenteil erreichen.“ Geschafft – denn selbst am Heck findet sich kein großer Spoiler, der Abtrieb generiert. Auch eine bewegliche aerodynamische Hilfe kam nicht infrage, denn das hätte mehr Gewicht bedeutet und weniger Stauraum hinten. Jetzt bietet der MC20 hinten hinter dem Mittelmotor 150 Liter Kofferraumvolumen, vorne noch mal 50 Liter (wenn nicht das Erste-Hilfe-Päckchen und die Netzabdeckung fixiert ist). Trotzdem werden dank Ground-Effect 100 Kilo Abtrieb bei 240 km/h Tempo erreicht.

Natürlich wird der MC20 trotzdem nicht überraschend instabil in schnellen Kurven. Das können wir auf der kleinen Rennstrecke in Modena testen. Zwei schnelle Runden sind nach einer Einführungsrunde vorgesehen, in denen man wahrlich nicht alle Stärken und Schwächen spüren kann – es reicht nicht mal, um alle Fahrmodi (Wet, GT, Sport und Corsa) auszuprobieren. Aber es reicht, zu erleben, wie wunderbar der Motor am Gas hängt, wie präzise die Lenkung arbeitet, wie erstaunlich bequem der Sabelt-Sitz ist und dass im Corsa-Modus das Heck das tut, was es soll: kontrolliert ausbrechen. Von der schnellen Achtgang-Doppelkupplung benötigen wir fast nur den dritten Gang, macht aber nichts, denn der siebente und der achte dienen der CO2-Minimierung, das ist auf der Rennstrecke – sorry – zweitrangig. Den Druckpunkt der Brembo-Bremse muss man erlernen, aber dann fasst die Keramikabteilung gnadenlos zu.

Für Rennstrecke und Straße nutzt Maserati die gleichen Bridgestone-Reifen, die extra für den MC20 entwickelt wurden – Respekt. Natürlich wird der MC20 im Straßenverkehr nicht an die Grenzen gebracht (wie er sich bei Top-Tempo 326 km/h anfühlt, müssen wir leider offenlassen), aber die reichlichen Landstraßen-Kilometer rund um Modena zeigen, wie alltagstauglich das Auto ist. Ermüdung? Pah! Wir spielen mit der Dämpfung, die per Knopfdruck auf „soft“ gestellt werden kann im „Sport“- und „Corsa-Modus“. Zwar sind die Schmetterlingstüren eine kleine Show, aber man klettert dank dieser Türöffnung nicht über Riesenschweller, sondern kann sich fast normal in die Sitze gleiten lassen. Außerdem ermöglicht dieses Türsystem der Aerodynamik um das Auto herum, ohne Spoiler und Flügel auszukommen. Um die wunderbaren Felgen muss man sich auch keine Sorgen machen, weil der Wagen mit knapp 4,7 Metern Länge und mit weniger als zwei Metern Breite null Herausforderung in Sachen Rangieren ist. Nach hinten sieht man im Rückspiegel zwar nichts außer kunstvoll beschnittenem Plexiglas über dem V6- Biturbo, aber das macht nichts: Man kann auch per Kamera nach hinten schauen. Sobald sich die Augen daran gewöhnt haben, nicht in die Tiefe eines Spiegels zu blicken, sondern auf den Bildschirm eines Screens, ist diese Art von Rücksicht sehr angenehm.

GRIP Faktor

Drivestyle ★★★★★

Performance ★★★★★

Preis 333,33 €/PS

FACTs

Maserati MC20 V6-Biturbo 3.000 cm 3

470 kW (630 PS) bei 7.500/min

730 Nm max. bei 3.000–5.500/min

Achtgang-Doppelkupplung

Hinterradantrieb

4.669/1.965/1.221 L/B/H mm

1.470 Kilo 0–100 km/h in 2,88 s 326 km/h Vmax 210.000 Euro

Manch einer verbindet mit einem Supercar automatisch Blubbern, Röhren, Spotzen und Schreien des Motors und der Abgasanlage – aber das hat der MC20 alles nicht nötig. Auch wenn sich im „Sport-Modus“ Ventile ab 3.500 Touren öffnen und der volle Sound im „Corsa-Modus“ über das gesamte Drehzahlband ertönt, wird er nie unangenehm, aufdringlich, nervig. Als automobile Skulptur wirkt das Supercar durch seine wenig aggressive Form und wirbt mit einer vornehmen akustischen Zurückhaltung für Sozialverträglichkeit. Und auch ohne „Hoppla, jetzt komm ich“-Gebaren holen Väter ihre Söhne an die Straße, Söhne ihre Väter, sobald sie so einen Maserati von Weitem erblicken. Sind Ferrari und Lamborghini eher für die solventen Extrovertierten dieser Erde gedacht, genießt der kunstsinnige MC20-Pilot seine Skulptur eher für sich. Dazu passt, dass auch der Innenraum nicht auf Effekte aus ist, sondern auf Beauty und Praktikabilität. Der schmale Mitteltunnel lässt Platz für anderes, die wenigen Knöpfe und Schalter drängen sich nicht auf. Man sitzt auf zweilagigem Untergrund – auf Textilien ist gelasertes Alcantara aufgebracht, was ganz besondere Muster ermöglicht. Natürlich ist auch jede Individualisierung denkbar, begleitet vom besorgten Maserati-Design, das aufpasst, dass des Kunden Wunsch geschmacklich sicher bleibt. Ebenso ist eine zweifarbige Lackierung zu haben, die auch völlig asymmetrisch aufgetragen werden kann. Von Haus aus gibt’s die Farben Silber, Rot, Weiß, Blau, Schwarz und Gelb – aber jede Farbe überrascht mit irgendetwas. So steckt unter dem Gelb ein Blau, das Silber wirkt nass, das Schwarz wie Klavierlack.

Solche Spielereien gab es vor 15 Jahren noch nicht. Allerdings bedeutete „MC“ schon damals nicht „Mega-Carre“, sondern „Maserati Corse“. Die „12“ stand für die Zylinderanzahl, während die „20“ beim modernen Supercar auf das Jahr 2020 hinweist, dem Jahr von Maseratis Rückkehr in den Motorsport. 

Übrigens: Der MC12 Stradale kostete 2006 genau 696.000 Euro. Da sind 210.000 Euro für den MC20 heutzutage doch fast ein Schnäppchen. Wer‘s teurer haben will, muss noch etwas warten: Die offene Version und eine rein elektrische sind bereits in Arbeit …