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MEHR ALS EIN VOLKS HELD


BoxSport - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 21.07.2021

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Bildquelle: BoxSport, Ausgabe 8/2021

Kein altes Eisen: Am 20. Juli 2019 fügte Manny Pacquiao (r.) dem zehn Jahre jüngeren Keith Thurman (l.) die erste Profiniederlage zu

Man schreibt den 2. Mai 2015. Manila, 11 Uhr Ortszeit: In einer der größten Verbrechermetropolen Asiens wird es ganz ruhig. Die Polizeikräfte können für einige Stunden durchatmen. Die ansonsten überdurchschnittlich hohe Kriminalitätsrate sinkt gen Null. Kleinkriminelle, Drogenbosse, Schwerstverbrecher – sie alle haben für einige Stunden ihre „Arbeit“ eingestellt. Der Grund: Es steht ein Boxkampf ihres Idols im fernen Las Vegas (USA) an. Manny Pacquiao kämpft gegen Floyd Mayweather jr. Ein Sportereignis, auf den Philippinen vergleichbar mit einem Hurricane, der die Straßen leerfegt. Volksheld Pacquiao ist in seiner Heimat derart beliebt, dass die Zeit stillsteht und das ganze Land vor dem Fernseher weilt. In einem Interview aus dem Jahr 2010 kann man ersehen, wie sehr der Boxer verehrt wird. „Ich kann nicht einfach die Straße heruntergehen, das ist sehr schwierig. Ich kann nicht einfach ins ...

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... Einkaufszentrum gehen. Ich muss in Hotels gehen, um in Ruhe essen zu können. Alle Leute wollen mir ‚Hallo‘ sagen, sich bedanken oder mir gratulieren“, beschrieb er das Leben in seiner philippinischen Heimat.

AUSSENSEITER GEGEN SPENCE JR.

Wenn Pacquiao am 21. August 2021 im MGM Grand in Las Vegas in den Ring steigt, könnte dann die größte Herausforderung in seiner Karriere warten. Der Gegner ist Errol Spence jr. – ein 31-jähriger schlagstarker und technisch hervorragend ausgebildeter Rechtsausleger. Der US-Amerikaner ist ungeschlagen, Doppel-Weltmeister im Weltergewicht und konnte 21 von 27 Kämpfen vorzeitig gewinnen. Wie so häufig in der Vergangenheit wird Pacquiao als Außenseiter in den Ring gehen. So war es auch im Juli 2019, als er an gleicher Stelle gegen Keith Thurman antrat und den bis dato unbesiegten K.o.-Schläger verdient nach Punkten bezwang. Durch diesen Sieg stellte er einen weiteren Rekord auf und wurde zum ältesten Weltergewichts-Weltmeister aller Zeiten. Wenn der alternden Ring-Legende erneut ein Überraschungscoup gelingt, wäre es die Krönung einer großartigen Karriere. Doch Vorsicht ist geboten: Viele Versuche von Box-Ikonen, die am Ende der Laufbahn Mut bewiesen und starke Gegner boxten, waren nicht von Erfolg gekrönt. So kassierte Muhammad Ali 1980 eine herbe vorzeitige Niederlage gegen seinen Nachfolger Larry Holmes, Evander Holyfield war mit 42 Jahren gegen Larry Donald chancenlos und auch Roy Jones jr., Sugar Ray Leonard oder Felix Trinidad konnten die Zeit nicht zurückdrehen. Es gibt jedoch auch Beispiele, die Pacquiao Mut machen. George Foreman wurde mit 45 Jahren Weltmeister, Bernard Hopkins sogar mit 48. Warum sollte dem in Kibawe geborenen Box-Routinier nicht solch ein Kunststück gelingen?

„ICH HABE GEANT- WORTET: IHR HABT KEINE AHNUNG, DIESER JUNGE IST BESONDERS“

Pacquiao scheut vor keiner Herausforderung zurück, wie er in einem Interview klarstellte. „Ich kämpfe aus Leidenschaft. Ich liebe es, ungeschlagene Kämpfer zu besiegen und meinem Land Ehre zu bringen“, sagte er mit Blick auf sein anstehendes Match. Dies ist allerdings in Gefahr: Die Management-Firma Paradigm Sports, bei welcher der Boxer im Februar 2020 unterschrieb, klagt wegen angeblicher Vertragsverletzungen gegen Pacquiao und will den Spence-Fight verhindern. Laut Klageschrift solle die Ringlegende einen Vorschuss von 3,3 Millionen Dollar kassiert haben, aber Verpflichtungen nicht nachgekommen sein: Eigentlich habe er sich mit Mikey Garcia, nicht Spence jr. messen sollen. Doch Pacquiao glaubt, dass der Schriftsatz gegenstandslos sei. „Ich habe absolut jedes Recht, in Übereinstimmung mit dem Paradigm-Vertrag, den anstehenden Kampf gegen Errol Spence jr. zu bestreiten“, so der Boxer. „Sollte diese leichtfertige Klage fortschreiten, werde ich vor Gericht Recht bekommen.“

In den letzten 22 Fights trat der heute 42-Jährige gegen ehemalige, amtierende oder spätere Box- Weltmeister an. Wenn er einen Kampf verlor oder kontrovers gewann, suchte er keine Ausreden, sondern sofort die Revanche, um die Wogen zu glätten. So boxte die philippinische Box-Ikone gleich vier Mal gegen seinen Rivalen Juan Manuel Marquez und drei Mal gegen Timothy Bradley. 2012 verlor er gegen die beiden und erlebte sein schwerstes Box-Jahr. Vor allem der vierte Kampf gegen Marquez bleibt allen Box-Fans in Erinnerung, als der „Pac-Man“ (Kampfname von Pacquiao) von seinem mexikanischen Widersacher brutal ausgeknockt wurde und mit dem Kopf voraus auf den Ringboden prallte. Die Fans waren sich einig: Mit nunmehr fast 34 Jahren und als Multi-Millionär würde sich Pacquiao zur Ruhe setzen. Doch es sollte anders kommen: Der Volksheld wurde nach dem Marquez- Debakel noch drei Mal Weltmeister im Weltergewicht und besiegte dabei starke Leute wie Bradley (zwei Mal) oder den ungeschlagenen Keith Thurman. Mehrmals verkündete der Box-Veteran bereits sein Karriereende, kehrte aber immer wieder ins Seilgeviert zurück.

Ein Rückblick: 23. Juni 2001, MGM Grand. In Las Vegas trifft der damals unbekannte 22-jährige Emmanuel „Manny“ Dapidran Pacquiao im Superbantamgewicht auf den Südafrikaner Lehlo Ledwaba. Mit schnellen Kombinationen und präzisen Schlägen setzt Pacquiao dem IBF-Weltmeister zu und kann den Kampf schließlich in der sechsten Runde durch technischen K.o. für sich entscheiden, nachdem Ledwaba drei Mal zu Boden geht. Für Manny Pacquiao ist es der erste Kampf in den Vereinigten Staaten und sein zweiter Weltmeistertitel – zuvor hielt er bereits von 1998 bis 1999 den WBC-Titel im Fliegengewicht.

Wer hätte damals damit gerechnet, dass jener Pacquiao über ein Jahrzehnt später am gleichen Ort erneut um eine Weltmeisterschaft boxen würde, dann aber sogar als Hauptattraktion und Top-Star? Denn: Im Juni 2001 war der Philippine ein No-Name und sprang nur kurzfristig für den verletzten Enrique Sanchez ein. Sanchez verletzte sich an der Hand, sodass Pacquiao im Vorprogramm des WM-Kampfes zwischen Oscar de la Hoya und Javier Castillejo die Chance bekam, die er eindrucksvoll nutzte. Zwei Wochen Vorbereitungszeit genügten dem Außenseiter, um seinem südafrikanischen Kontrahenten nicht den Hauch einer Chance zu lassen. „Die Leute haben mich ausgelacht und gesagt, ‚Freddie, verschwende nicht dein Geld. Ledwaba wird ihn umbringen.‘ Ich habe geantwortet: ‚Ihr habt keine Ahnung, dieser Junge ist besonders.‘ Ich wusste, dass Pacquiao diesen Typen ausknocken würde“, sagte der legendäre Box-Trainer Freddie Roach nach dem Fight. Es war der erste Kampf, in dem der Coach, der auch schon Mike Tyson und James Toney trainierte, in der Ringecke von Pacquiao stand und sollte der Beginn einer herausragenden Zusammenarbeit werden, die vom sportlichen Erfolg und Loyalität geprägt wurde.

KEIN MUSTERAUFBAU

Obwohl der „Pac-Man“ 2001 seinen bis dato größten Erfolg feierte, musste er bis zum 15. November 2003 auf seinen endgültigen Durchbruch warten: Erneut als Außenseiter angereist, besiegte der Rechtsausleger im Federgewicht Box-Legende Marco Antonio Barrera durch technischen K.o. in der elften Runde. Durch diesen spektakulären Sieg verdiente sich Pacquiao den Respekt der Box-Welt. Vier Jahre zuvor war das völlig ausgeschlossen. Gegen Boonsai Sangsurat verlor der schlagstarke Philippine durch technischen K.o. in der dritten Runde. Es war die zweite vorzeitige Niederlage im 28. Kampf, auch als Amateur feierte er keine besonderen Erfolge. Eine große Karriere schien unmöglich – bis zu seinen zwei großen Fights in Las Vegas.

Fortan legte der „Pac-Man“ eine unfassbare Karriere hin und stellte einen Rekord nach dem anderen auf. Pacquiao ist der erste Boxer, der in insgesamt acht Gewichtsklassen Weltmeister wurde, und der einzige Kämpfer, dem es gelang, anerkannter Weltmeister in gleich vier Jahrzehnten zu sein. Außerdem war er 2015 im Ranking der bestbezahlten Athleten auf Platz zwei und damit vor internationalen Superstars wie Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Roger Federer oder LeBron James. Und auch mit 42 Jahren ist der fünffache Familienvater einer der gefragtesten Fighter der Box-Welt. Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist Pacquiao ein Sympathieträger, der sich stets respektvoll verhält und im Ring durch seine Leistung glänzt. Größere Skandale oder Ärger mit der Polizei sind beim Superstar, der seit 1999 mit seiner Frau Jinkee verheiratet ist, weitestgehend Fehlanzeige. Dazu ist sein aggressiver Kampfstil gut zu vermarkten – so bestritt der nur 1,66 Meter große Rechtsausleger satte 25 Pay-per-View-Kämpfe. Vor allem bleiben aber die vielen Schlachten des „Pac-Man“ im Gedächtnis. Der Weltmeister in acht Gewichtsklassen trat häufig gegen größere, physisch überlegene Kämpfer an und ging keiner Herausforderung aus dem Weg. Schon 2010 sagte der Fighter gegenüber „60 Minutes“ zwar, dass er bereits alles erreicht habe, was er wolle, doch elf Jahre später steht er immer noch im Ring und misst sich mit deutlich jüngeren Top-Fightern.

ANERKANNTER POLITIKER

Eine Sache ist klar: Manny Pacquiao kann beim Kampf gegen Spence jr. erneut auf das philippinische Volk zählen. Denn der 42-Jährige ist nicht nur der größte asiatische Boxer aller Zeiten, sondern auch Politiker in seinem Heimatland. Es war keine große Überraschung, dass Pacquiao im Mai 2010 die Kongresswahlen in der Provinz Sarangani gewann und daraufhin deren Vertreter im Repräsentantenhaus wurde. 2016 wurde er dann in den Senat gewählt. Anfang Dezember 2020 berief ihn Präsident Rodrigo Duterte sogar zum Vorsitzenden der regierenden PDP-Laban-Partei. Pacquiao wuchs selbst in ärmlichen Verhältnissen auf, als Superstar und Politiker will er nun dafür sorgen, dass es seinen Landsleuten zukünftig besser ergeht. „Ich weiß, was Armut bedeutet“, betonte Pacquiao einst. Emmanuel „Manny“ Dapidran Pacquiao ist eben nicht nur einer der größten und erfolgreichsten Boxer aller Zeiten, sondern der Stolz von mehr als einer ganzen Nation.