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Mehr als nur Musik


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 02.10.2019

Jazz in der DDR – eine Bestandsaufnahme nach 30 Jahren Mauerfall.


Die Mauer stand von 1961 bis 1989. Achtundzwanzig Jahre und drei Monate lang trennte ein doppeltes Bollwerk aus Beton mit dazwischenliegendem „Todesstreifen“ ein ganzes Land – und damit Familien und Lebenswelten. Dreißig Jahre ist es an diesem 9. November 2019 her, dass die Mauer geöffnet wurde – länger als es die Mauer selbst gab. Noch heute wird das Ende der deutsch-deutschen Teilung als „Die Wende“ bezeichnet. Ein knappes Jahr später gab es mit der „Wiedervereinigung“ auch die DDR nicht mehr. Nicht alle freuten sich darüber. Viele ...

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Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 11/2019

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... Jazzmusiker, die ab 1968 von dem System in Form von Reisefreiheit, organisierten Tourneen und einem großen Publikum profitierten, hatten Angst vor dem, was dann auch eintrat: dem Wegfall der Strukturen: staatliches Management, Konzertförderung, Plattenproduktionen, Spielstätten, das Publikum. Die Musiker mussten sich neu orientieren, neu finden, neu erfinden.

Auf West-Tournee:
Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowsky, Günther „Baby“ Sommer“ und Conny Bauer 1984 im schweizerischen Willisau.


Foto: Sven Thielmann

Das Anarchische des DDR-Jazz manifestierte sich oft auch in den Plakaten zu den Konzertabenden.


Foto: Herbert Weisrock

Foto: Sven Thielmann

Peitz war Keimzelle der DDR-Avantgarde und Begegnungsstätte mit internationalen Musikern. Eine Tradition, die bis heute fortgesetzt wird.


Foto:Blobel/Weisrock

Joachim Kühn gehörte zu den Musikern, die es in der DDR nicht ausgehalten haben. 1966 gelang ihm mit Hilfe Friedrich Guldas die Flucht.


Foto: Sven Thielmann

Im Zuge der Ankündigung einer Konzertreihe von Louis Armstrong in der DDR im Frühjahr 1965 berichtete die Zeitung „Der Morgen“: „Louis Daniel Armstrong hat durch seine Kunst unschätzbaren Anteil an der Entwicklung des Selbstbewusstseins der amerikanischen Negerbevölkerung“, und Jazz galt fortan als Musik der vom Imperialismus der USA unterdrückten afro-amerikanischen Minderheit. Bis er ab Ende der 1960er-Jahre sowie in den 1970er- und 1980er-Jahren vom SED-Regime vereinnahmt wurde, das sich nicht nur sportlich, sondern auch kulturell als wettbewerbsfähig darstellen wollte – und nebenbei brachten Auslandsauftritte der Musiker auch noch Devisen ins Land: der Jazz als DDR-Aushängeschild.

In ihrer Autobiografie schreibt Uschi Brüning: „Nach den Armstrong-Konzerten 1965 genoss der Jazz eine gewisse Duldung. Da der Jazz, insbesondere der Free Jazz, ohne Sprache und Texte auskam, glaubten die Kulturfunktionäre, dass er nicht allzu gefährlich werden könnte. Auch war die Wirkung auf das Publikum nicht so groß wie die der Rockbands. Bereits 1968 durften die Jazzer als offizielle Vertreter der DDR nach Montreux reisen, um beim dortigen Jazz Festival aufzutreten.“

Und Baby Sommer ergänzt: „Die Ermordung von Martin-Luther King 1968 sorgte damals für einen 180-Grad-Umschwung. Die bis dahin als Subkultur des kapitalistischen und imperialistischen Lagers bezeichnete Jazzmusik wurde auf einmal als Fortschrittsmusik des unterdrückten Proletariats im Kapitalismus anerkannt.“

1966 war der Pianist Joachim Kühn als 22-Jähriger geflohen. „Die DDR“, sagt er im Interview, „war unerträglich für mich“. Danach wurde seine Musik verboten, sie wurde nicht mehr im Radio gespielt, seine Platten durften nicht mehr verkauft werden. Es war der Versuch einer Auslöschung. Nach einem Aufenthalt in New York 1967 spielte er 1968 in Paris gemeinsam mit Karl Berger mit einem geradezu apokalyptischen Free Jazz den Soundtrack zu den Studentenunruhen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. „Dass Joachim Kühn wegging“, so Bert Noglik“, konnte ich verstehen. Aber es machte mich unendlich traurig. Andere dagegen sahen ihn als Verräter der DDR.“

Ernst-Ludwig Petrowsky sagte über Kühn: „Mit seiner Spielauffassung inspirierte er entscheidend die erste Generation von DDR-Jazzmusikern, die sich freien Spielweisen zuwandte. Er spielte damals eine kompromisslose und dabei substanzreiche Musik, die meines Erachtens noch heute als Maßstab für Musizierhaltungen Gültigkeit besitzt.“

Uschi Brüning, in der Zeit Sängerin der Klaus Lenz Big Band, erinnert sich: „Man traf sich im ‚Eisenbahner‘, in der ‚Möwe‘ oder ging in den ‚Esterhazy Keller‘ an der Friedrichstraße/ Ecke Oranienburger, ganz in der Nähe von Wolf Biermanns Wohnung in der Chausseestraße. In der ‚Melo‘ (der ‚Großen Melodie‘) wurde gejammt. Auch Westberliner Musiker kamen mit einem Tagesvisum, gingen kurz vor Mitternacht rüber und kamen kurz nach Mitternacht mit einem neuen Visum zurück.“

Auch Ulli Blobel hat diese Zeit miterlebt: „Die Große Melodie war im alten Friedrichstadtpalast, etwa da, wo sich heute der Tränenpalast befindet. Da stand ein altes Zirkusgebäude, das Winterquartier vom Zirkus Busch. Deswegen auch ‚Am Zirkus‘, die Straße die es da noch gibt. Und unten war eine Bar, die ‚Große Melodie‘, die eigentlich am Montag Ruhetag hatte. Aber Klaus Lenz (Trompeter und wichtigster Bandleader des Jazz in dieser Zeit) schnappte sich diesen Montag und machte dort mit seiner Band Jazzkonzerte. Aber wenn es etwas Besonderes in Westberlin gab, dann kamen Musiker wie Peter Kowald, Paul Lovens, Peter Brötzmann oder die Engländer, Evan Parker, Tony Oxley, Paul Rutherford usw. rüber und spielten dann dort eben mit Uli Gumpert und Günter ‚Baby‘ Sommer. So wurde der Einfluss unmittelbar über die Friedrichstraße getragen. Das war so 1972 bis 1974, das waren die Aufbruchjahre. Von da erst kann man von einer richtigen DDR-Jazzszene sprechen.“

Rainer Bratfisch schreibt in seinem fundierten Buch „Freie Töne“ über den „Boom der Jazzrock-Gruppen“ Anfang der 1970er-Jahre. So gab es seit 1968 die Modern Soul Band, Uli Gumpert und Günter „Baby“ Sommer gründeten 1971 die Band SOK und das Quartett Synopsis, das sich 1984 als „Zentralquartett“ neu formierte. Mit dabei waren Ludwig „Luten“ Petrowsky und Konrad „Conny“ Bauer. 1972 gründete Uli Gumpert seine Workshop Band, und Günter Sommer entwickelte 1979 mit seinem Album „Hörmusik“ das Schlagzeug zum Soloinstrument. Ende der 1970er-Jahre etablierte sich die nächste Musikergeneration mit Johannes Bauer sowie Dietmar Diesner mit seiner Band „Evidence“, zu dessen Publikum auch Thomas Krüger gehörte. Besonders die junge Dresdner Malerszene um Ralf Winkler alias A. R. Penck hatte engen Kontakt zur Jazzszene. So spielte Günter „Baby“ Sommer auch Konzerte in Galerien.

Mit SOK und später mit Synopsis, dem legendären Zentralquartett und seiner Workshop Band gehörte Uli Gumpert zu den Aktivposten des freien Jazz im Osten.


Foto: Matthias Creutziger


Der Jazz in der DDR hat sich nicht isoliert entwickelt. Es gab die Möglichkeit, auf Reisen ins Ausland internationale Musiker zu treffen.


Der Jazz in der DDR hat sich nicht isoliert entwickelt. Für die Musiker gab es die Möglichkeit, für Konzertauftritte zu reisen und dort internationale Jazzmusiker zu hören. Darunter auch amerikanische Jazzmusiker, wie bei dem Festival Jazz Jamboree in Polen und ab 1968 bei Konzerten und Festivals im Westen, wie dem Montreux Jazz Festival. Dazu kamen auf Initiative von Jost Gebers und der 1969 gegründeten FMP viele Musiker aus West- nach Ostberlin und spielten dort gemeinsam. In der „Großen Melodie“, ab 1973 auf dem Festival der Jazzwerkstatt Peitz und ab 1977 auf dem Ostberliner Pendant zu den Berliner Jazztagen, der „Jazzbühne Berlin“, wo Art Blakey, Betty Carter, Sun Ra und Dizzy Gillespie auftraten. Nur das Publikum selbst war isoliert, ohne Kontakte nach außen. War das nicht widersprüchlich? Bert Noglik erinnert sich: „Wir hatten das Gefühl, dass der Jazz sich den Normen der DDR-Kulturpolitik nicht fügt, aber ich habe sie niemals als verfolgte Musik erlebt.“

War der Jazz Protestmusik? „Das ist eine der schwierigsten Fragen“, so Noglik. „In jedem Fall war die Musik aufgeladen von der Zeitstimmung. Im Sinne eines sich dem System Entziehenden oder Widersetzen-wollens. Und durch die Menschen, die da zusammenkamen, bekam die Musik auch in diesem Kontext eine Bedeutung. Dieses Gefühl eines Ausbrechens und Ausbrechen-wollens fand sich ja auch in der Musik selbst wieder. Der Free Jazz brach ja aus allen Normen aus, mit seiner Spontanität und Vitalität. Und der Art, sich in jeder Weise gegen den Kanon zu richten. Das war politisch.“

Die Free-Jazz-Pianistin Iréne Schweizer erzählt in ihrer von Christian Broecking geschriebenen Biografie „Dieses unbändige Gefühl der Freiheit“: „Manchmal sind wir in die Melodie-Bar nach Ostberlin, mit Luten Petrowsky, Günter ‚Baby‘ Sommer und Uli Gumpert gab es Sessions, das war immer ein Riesenfest. Doch vor zwölf mussten wir zurück im Westen sein.“ Sie berichtet: „Die Free Music war Revolutionsmusik, in Berlin hat sich unsere Musik radikalisiert. Es war oft irrsinnig laut, man war wie in Trance.“

Und Thomas Krüger erinnert sich: „Für uns symbolisierte diese freie Musik ein Lebensgefühl. Und es war in Ordnung, dass die Musiker reisen konnten. Diese zunehmende Öffnung für die Künstler ließ ja auch uns nicht nur hoffen, sondern selbst zunehmend Reisefreiheit fordern.“

Eine Zäsur war die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 und die Künstler-Petition dagegen, die von vielen Kulturschaffenden unterzeichnet wurde. Einige zogen auf die Drohung eines Berufsverbotes hin ihre Unterschrift zurück, andere verließen die DDR, darunter auch Klaus Lenz und der Schauspieler und Sänger Manfred Krug. In ihrer 2019 erschienenen Autobiografie schreibt Uschi Brüning sehr offen darüber, dass sie und Ernst-Ludwig Petrowsky sich dem Druck von oben beugten und ihre Unterschrift zurückzogen. War das in dieser Zeit bekannt? „Nein“, so Noglik. „Dass Petrowsky und Uschi Brüning ihre Unterschrift zurückgezogen haben, haben wir damals gar nicht mitbekommen, das haben wir erst nach 1990 erfahren. Ein Teil der Fans hätte ihnen das, glaube ich, auch nicht verziehen. Uschi Brüning war damals sehr bekannt, sie war ein Star in der DDR.“

Uschi Brüning: „1977 war ein schlimmes Jahr. Kurz nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann begann eine Ausreisewelle von Künstlern und Schriftstellern. Der Exodus begann.“ Brüning blieb. Sie fragte sich, „Wie würdest du jenseits der Grenze zurechtkommen? Ich hatte kein gesundes Selbstbewusstsein. Die permanenten Einschränkungen und Gängelungen waren nicht folgenlos geblieben. Ich habe mich in der DDR zu sehr eingerichtet, war zu angepasst, zu ängstlich.“

Für Bert Noglik waren die prägenden Musiker des DDR-Free Jazz das Zentralquartett mit Conny Bauer, Günter „Baby“ Sommer, Uli Gumpert und Ernst-Ludwig Petrowsky sowie Johannes Bauer, Helmut „Joe“ Sachse und für Ulli Blobel zusätzlich Friedhelm Schönfeld.

Kultscheibe: „Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil“ wurde 1974 im Westen aufgenommen und später vom Label intakt als CD neu aufgelegt. Ulli Blobel gründete zusammen mit dem 2013 verstorbenen Peter Metag die legendäre Jazzwerkstatt Peitz.


Foto: Matthias Creutziger

Auf die Frage, warum die Musiker immer wieder zurückgekommen sind, erklärt Noglik, dass es ihnen im Osten besser ging als im Westen. Sie hatten Privilegien, und die Lebenshaltungskosten waren sehr niedrig. Dazu hatte man im Osten, was man im Westen nicht hatte: eine treue und große Fangemeinde, ausverkaufte Konzerte und in den 1980er-Jahren zudem noch staatliche Förderung. Ihm selbst, so Noglik, hätte das jedoch nicht gereicht. „Ich wäre im Westen geblieben. Und ich sah auch immer ein Problem darin, diese Privilegien zu genießen und dabei für ein weitgehend oppositionell gesinntes Publikum zu spielen. Das kann man den Jazzmusikern der DDR nicht vorwerfen, aber in diesem Problemfeld waren sie.“

Ulli Blobel, der 1984 ausreiste, erzählt: „Die DDR war kein durchorganisiertes System, es war ein punktuell repressives System. Der Jazz ist vielem entgangen, weil er eine Musik ohne Texte war. Schrift steller und Liedermacher hatten ganz andere Überwachungssysteme. Wir flutschten mit unserer für Ideologen nicht greifb aren Kunst durchs Raster. Der Grund, dass 1982 Peitz geschlossen wurde, war nicht die Musik. Das waren eher ich und Jimi Metag sowie die aufflackernde Friedensbewegung. Es waren ja die gleichen Leute, die nach Peitz fuhren, die in Berlin die Demonstrationen organisierten. Nur das war der Grund. Diese aufk eimende Unruhe in der Gesellschaft.“ Aber es war nicht absehbar, dass das System nur sieben Jahre später kollabieren würde.


Das, wogegen man angespielt habe und das, wofür man gespielt habe, das war nicht mehr.


In seinem neuen Buch „Play yourself, man!“ schreibt der Jazzforscher Wolfram Knauer: „Die alten Strukturen funktionierten nicht mehr, die neuen noch nicht. Zu den Jazztagen in Weimar (im November 1989, kurz nach der Maueröffnung) kamen nur noch 30 bis 50 Zuhörer, in der Dresdner ‚Tonne‘ zählte man zehn bis 15 Besucher je Konzert. Es dauerte alles in allem an die fünf Jahre, bis sich das Interesse wieder normalisierte“. Thomas Krüger sieht die Zeitspanne noch länger: „Die Musiker gerieten in eine existenzielle Krise, aus der einige erst nach zehn Jahren wieder herausfanden, andere gar nicht.“

Die Zeit danach sei nicht einfach gewesen, schreibt Uschi Brüning. „Die Menschen wollten jetzt West-Musiker hören“. So erinnert sich auch der Pianist Ulrich Gumpert: Das, wogegen man angespielt habe und das, wofür man gespielt habe, das war nicht mehr. Die Band Synopsis und das daraus hervorgegangene Zentralquartett mit ihm, mit Petrowsky, dem Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer und dem Posaunisten Conny Bauer gab es noch. Aber sie waren Stars gewesen, hatten vor Tausenden von Zuschauern Free Jazz gespielt. Großartige, verschlungene, zerrissene Klänge, trotzdem von unerhörter Zärtlichkeit.

Und Bert Noglik gibt zu Protokoll: „Dies war für viele ein Alptraum, für manche eine Nische, für einige wenige eine Pfründe, aber für alle auch eine alltägliche Erfahrung, hat über vierzig Jahre so real existiert, dass sich die Spuren nicht so einfach verwischen, die Spätfolgen in Gesellschaft und Gehirnen nicht so einfach verdrängen lassen.“

Hat das Kapitel des DDR-Free Jazz heute noch Bedeutung? Für Bert Noglik ist das nicht so eindeutig: „Sicherlich haben junge Spieler etwas mitbekommen von dieser Spielhaltung und musikalischen Orientierung. Dass da etwas weiterlebt. Aber es sind wenige.“ Das sieht Thomas Krüger, der mit Mitteln des Bundesamtes für politische Bildung unter anderem die Buchdokumentation über die Jazzwerkstatt Peitz förderte, anders: „Der Free Jazz in der DDR hatte eine stilistische und gesellschaft liche Bedeutung, welche die heutige Jazzentwicklung wesentlich mitbestimmt hat.“

Als Professor hatte auch Günter „Baby“ Sommer großen Einfluss, als Lehrer und Mentor. Unter anderen unterrichtete und förderte er den 1984 noch in der DDR geborenen Schlagzeuger Christian Lillinger, der heute zu den aufregendsten Musikern der jungen Szene gehört. Auch wenn diese Szene keineswegs homogen ist. Die Musiker von damals haben rückblickend eine ebenso unterschiedliche Sicht auf die Zeit in der DDR und danach, wie auf ihre eigene Bedeutungsverortung. Im Grunde ist es vor allem Günter „Baby“ Sommer, der nach wie vor große Projekte konzipiert, wie „Songs for Kommeno“ über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht an der Zivilbevölkerung des griechischen Dorfes Kommeno oder das wunderschöne Duo-Projekt „La Paloma“ mit Uli Gumpert (beide Intakt Records), und weiterhin stilistisch Einfluss nimmt. Er ist auch die Ausnahme in der Krisensituation nach 1989: „Ich war ja seit 1980 gereist und hatte mir ein internationales Netzwerk aufgebaut, da ging es dann nahtlos weiter.“ Dazu kam eine Professur an der Hochschule für Musik in Dresden.

Rückblickend sagt Sommer: Damals in der DDR waren die Lebensbedingungen schlechter, aber die Arbeitsbedingungen besser. Heute ist es umgekehrt, die Musik ist den Marktmechanismen unterworfen. Aber das westliche Bild vom unterdrückten Jazzmusiker in der DDR ist falsch. Wir konnten die Musik spielen, die wir wollten. Wir fühlten uns in unserer Musik frei.“

Buch-Tipps

Uschi Brüning: So wie ich Ullstein, Umfang: 288 Seiten, Format: 14 x 22 cm, 20,00 Euro

Woodstock am Karpfenteich – Die Jazzwerkstatt Peitz, Jazzwerkstatt, Umfang: 207 Seiten, Format: 21,5 x 26,5 cm, 19,90 Euro