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Mehr als nur Wissen


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 02.11.2018

BILDUNG ist ein weites Feld. Ob Allgemeinwissen, praktisches Knowhow, musische Fähigkeiten oder moralische Werte – dieses Wort kann vieles meinen. Eine Begriffsbestimmung.


Wozu soll ich das denn lernen?« Diese Frage stellen genervte Schüler oder Studierende gern, wenn man sie mit praxisfernen Lehrinhalten konfrontiert. Goethes »Faust« oder Manns »Zauberberg « lesen, sich in barocke Kompositionsformen vertiefen oder lateinische Verben pauken – das braucht ja kein Mensch, oder doch? Hat solcherlei klassisches Bildungsgut, das »nutzlose Wissen«, wie es oft heißt, einen eigenen Wert? Und wenn ja, welchen? ...

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 12/2018

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UNSER EXPERTE
David Kergel ist promovierter Sozialwissenschaftler an der Hochschule Niederrhein in Krefeld. 2018 erschien sein Buch »Qualitative Bildungsforschung « bei Springer VS.

Humboldts Ideal fußte, ganz im Sinne seiner antikebegeisterten Zeit, auf der Vermittlung des Lateinischen und Altgriechischen. Technisches Verständnis und körperliche Ertüchtigung hielt er dagegen für zweitrangig. Davon haben wir uns heute ein gutes Stück entfernt. Griechisch und vielfach auch Latein sind aus dem Unterricht der meisten Schulen verschwunden, stattdessen rückten die MINT-Fächer ins Zentrum des Interesses. Auch der Unterricht in Kunst, Musik und schöner Literatur gilt häufig als weniger wichtig, Sport nur als Regeneration für müde Lernende. Doch tatsächlich regen ästhetische Erfahrungen die Fantasie an, lernen Schüler Gemeinsinn und Fairness im sportlichen Wettstreit. Zudem kann die Beschäftigung mit »unnützen«, zum Beispiel philosophischen Fragen Menschen nicht nur tief befriedigen, sondern ihnen zudem neue Sichtweisen und Ideen eröffnen.

Schule des Denkens

Natürlich muss sich der Inhalt von Bildung immer auch an den Erfordernissen der jeweiligen Zeit orientieren. Technisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse und Fähigkeiten sowie Knowhow im Umgang mit digitalen Medien sind heute nicht umsonst ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans. Doch Bildung ist sicher mehr als das. Sie ist eine Schule des Denkens sowie der Fähigkeit, selbstständig Probleme zu lösen. Und ein Experimentierfeld für ästhetische, ethische und weltanschauliche Erfahrungen.

Der streng ökonomische Nutzen von Bildung ist also nur die eine Seite. Es gibt mindestens noch eine öffentliche und eine individuelle: Die Gesellschaft als Ganzes profitiert davon, wenn möglichst viele ihrer Mitglieder durch Wissen und Fertigkeiten zu mündigen Bürgern werden, die in politischen oder wirtschaftlichen Fragen vernünftig abwägen und entscheiden.

So wenig Bildung bloße Ausbildung ist, so wenig darf man sie mit Erziehung verwechseln, jenes »Einpassen« in die Gesellschaft. Bereits in der Antike unterschied man zwischen »educatio« (Aufzucht, Disziplinierung) und »eruditio« (Kultivierung des Geistes). Erzogen wird man, bilden muss man sich dagegen letztlich selbst. Doch allein aus freien Stücken, aus Interesse und Be-geisterung für eine Sache erreichen wohl die wenigsten ein hohes Bildungsniveau. Bereits der idealistische Philosoph und Aufklärer Immanuel Kant (1724–1804) wies darauf in seiner Schrift »Über Pädagogik« hin: »Eines der größten Probleme ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig!«

Reformpädagogen wie Maria Montessori (1870– 1952) und Célestin Freinet (1896–1966) bezweifelten dies. Dennoch basiert Bildung, wie sie heute in Schulen, Universitäten und Akademien praktiziert wird, maßgeblich auf Noten, Prüfungen und formellen Abschlüssen. Allerdings bilden sich Menschen längst nicht mehr nur hier, sondern auch im Privaten. So kann eine ungelernte Kassiererin mit Leidenschaft für Bücher am Ende belesener sein als mancher hoch spezialisierte Akademiker. Denn es gibt den Typus des »ungebildeten Experten «. Ein promovierter Physiker etwa kann sich bestens mit Halbleiter-Verfahrenstechnik auskennen, ohne von Kunst, Literatur oder Geschichte einen Schimmer zu haben. Umgekehrt weiß mancher Kunstexperte vielleicht kaum, wie viele Planeten unser Sonnensystem hat. Es kommt darauf an, was Bildung bezwecken soll. Daran erkennt man, dass es sich um einen normativen Begriff handelt. Was zur Bildung dazugehört und was nicht, lässt sich nicht objektiv bestimmen, sondern ist Definitionsfrage.

Aus Sicht der Forschung hat Bildung stets ein transformatorisches Moment: Sie verändert die Selbst- und Weltsicht von Menschen. Das ist naturgemäß schwer zu messen, zumal es nicht von einem Tag auf den anderen geschieht, sondern oft über lange Zeiträume. Obwohl wir die effiziente Vermittlung von grundlegenden Kompetenzen brauchen, greift es zu kurz, Bildung allein darauf zu reduzieren. Es geht nicht nur darum, Menschen eine möglichst gute Qualifizierung zu ermöglichen. Bildung soll nicht zuletzt das Kritikvermögen, die Urteilsund Entscheidungskraft sowie die Sensibilität für moralische Fragen stärken.

Bildung war und ist auch ein Statussymbol. Spätestens seit der Französischen Revolution 1789 begann das aufstrebende Bürgertum Europas sich dadurch vom Adel sowie von den niederen Schichten abzugrenzen: Viel zu wissen, belesen zu sein, mindestens ein Musikinstrument zu spielen und mehrere Fremdsprachen zu beherrschen, galt als Privileg des Bildungsbürgers. Heute schlägt dem oft Spott und Verachtung entgegen. Demonstrative Unbildung gilt vielen jungen Leuten als »lässig«. Doch weder Ignoranz noch Philistertum ändern etwas daran, wofür Bildung wichtig ist: Menschen Autonomie, Gemeinsinn und ein gutes Leben zu ermöglichen.

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1597140


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