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MEHR FRAU ALS FISCH


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 25.07.2019

ABTAUCHEN Wie fühlt es sich an, als Meerjungfrau durch das Wasser zu gleiten? ARTE-Magazin-Volontärin Laura Sophia Jung geht dem „Mermaiding“-Trend auf den Grund.


Artikelbild für den Artikel "MEHR FRAU ALS FISCH" aus der Ausgabe 8/2019 von arte Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 8/2019

„Mermaiding“: ARTE-Magazin- Volontärin Laura Sophia Jung prüft nach, warum manche Frauen gerne in den (Spandex-)Körper einer Meerjungfrau schlüpfen


Meerjungfrauen

Gesellschaftsdoku

Sonntag, 18.8. • 22.50 Uhr
bis 16.9. in der Mediathek

Unterwasserwelten: Die Doku zeigt Frauen, deren Hobby das „Mermaiding“, das Schwimmen als Meerjungfrauen, ist. Für viele ist es eine Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Sie schaffen sich eine faszinierende ...

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Unterwasserwelten: Die Doku zeigt Frauen, deren Hobby das „Mermaiding“, das Schwimmen als Meerjungfrauen, ist. Für viele ist es eine Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Sie schaffen sich eine faszinierende Welt, die ihren Idealen von Freiheit und Schönheit entspricht. Den gesamten Schwerpunkt „Summer of Freedom“ finden Sie auf Seite 36/37.

U nbeholfen winde ich mich am Beckenrand und versuche, den regenbogenfarbenen Spandexschlauch hochzuziehen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen, könnte man sagen, wenn es nicht so offensichtlich wäre. Denn der Schlauch mündet unten in eine Flosse, in der schon meine Füße stecken. Ich kippe auf den Rücken und wackele meine Hüfte langsam, aber sicher in den Schwanz, der mich zur Meerjungfrau machen soll.


»Man kann in eine andere Welt abtauchen«Sabine Schönborn ,Schwimmlehrerin


Aber warum Meerjungfrau sein? Einige Frauen versprechen sich davon Freiheit, Schönheit, die Erfüllung eines Kindheitstraums: wie Arielle die Tiefen der See erkunden, mit Fischen um die Wette schwimmen. Wie ich da so liege, bewegungsunfähig und unter dem Kunststoff schwitzend, kann ich davon nichts spüren. Sabine Schönborn, Leiterin des Schwimmkurses und erfahrene Meerjungfrau, beruhigt mich: „Das muss so sein. Du solltest die Beine am besten gar nicht bewegen können.“ Nach Freiheit klingt das nicht.

Sie lässt mich links liegen und hilft den anderen Kursteilnehmerinnen, sechs Mädchen im Alter von acht bis zwölf, in ihre Schwänze. Genau wie ich wollen sie lernen, wie man als Meerjungfrau schwimmt. Ihre Eltern haben sie für den Kurs in einem Freizeitbad im sächsischen Bad Lausick angemeldet und betrachten jetzt amüsiert, wie ihre Töchter sich verwandeln. Schönborn ist sich sicher: Die meisten Eltern, vor allem Mütter, würden am liebsten mitmachen. „Mermaiding“, also das Schwimmen und Tauchen mit Fischschwanz, ist Trend – nicht nur bei Kindern. In immer mehr Städten von Nürnberg bis Köln werden „Mermaiding“-Kurse angeboten.

Arielle, ein Opfer des Patriarchats

„Man kann in eine andere Welt abtauchen“, schwärmt Schönborn, „dem Alltag entfliehen und schwerelos durchs Wasser gleiten.“ Komisch, wenn ich an Meerjungfrauen denke, denke ich nicht an Entspannung und Ruhe, sondern an das Patriarchat. An die absurden Ansprüche, die an Frauen gestellt werden: wunderschön und verführerisch sein, aber rein und unschuldig bleiben. Auch Arielle ist ein Opfer des Patriarchats. Sie flieht vor der Fuchtel ihres Vaters in eine Romanze mit einem unerreichbaren Mann. Um bei ihm sein zu können, gibt sie nicht nur ihre Familie, sondern auch ihre Stimme auf. Dafür bekommt sie von einer Hexe immerhin schöne Beine und drei Tage Zeit, ihren Traumprinzen zu gewinnen. Im Disney-Film gibt es für Arielle – anders als in der Märchenvorlage von Hans Christian Andersen – ein Happy-End: Die Intrigen der Meerhexe werden abgewehrt, der Prinz und Arielle heiraten. Die junge, eigentlich abenteuerlustige Arielle geht direkt aus der Obhut ihres Vaters in die des Prinzen über und trägt dabei natürlich weiß. Sie hätte wenigstens ein Jahr Work and Travel in Australien machen können.

Zurück zum Schwimmkurs: Unbeholfen robbe ich los und platsche ins Wasser. Die Schwimmlehrerin reiht uns für die erste Lektion wie beim Ballett auf: Mit einem Arm darf ich mich am Beckenrand festhalten. Schönborn macht vor, wie das Stehen im Wasser geht. Bei ihr sieht es leicht aus, ein bisschen Bewegung in Rumpf und Beinen, mehr braucht sie nicht. Ich hingegen zucke und zapple unkoordiniert und wenig erfolgreich immer in Beckenrandnähe. Auch beim Schwimmen ziehe ich die Beine – besser gesagt: den Schwanz – hinter mir her, als wäre er abgestorben. Ich glaube zu verstehen, warum Arielle das unnütze Ding gegen ein Paar flexible und kräftige Beine eintauschen wollte. Ich bin noch nicht so weit, meine Stimme dafür aufzugeben, aber an Land würde ich wirklich gerne.

Der erste Tauchgang: ein Befreiungserlebnis

Sabine Schönborn taucht mit einem eleganten Schwanzklatscher unter. Ich beobachte, wie sie bis zum Beckenboden taucht und sich um die eigene Achse dreht. Das sieht schön aus, muss ich zugeben. Nicht sexy oder verführerisch, sondern schön. Und einfacher als das Schwimmen. Als ich dann untertauche, merke ich: Es ist wirklich einfach. Und schön. Unter Wasser höre ich die Welt nicht mehr, sehe nur noch Lichtreflexe und gleite mühelos durchs Becken. Viel zu schnell bin ich auf der anderen Seite. Es dauert, bis ich merke, dass ich etwas völlig vergessen habe: den Schwanz. Unter Wasser wirkt er nicht mehr wie ein beengender Fremdkörper, sondern natürlich. In der nächsten Stunde lerne ich, wie man auf den Grund sinkt, taucht, sich um sich selbst dreht. Ich werde wendiger, schneller – und freier.

Am Ende des Kurses hieve ich mich nur widerwillig aus dem Wasser. Ich frage mich: Wenn sich so das Meerjungfrauendasein anfühlt, warum gibt Arielle das auf? Sie entscheidet sich gegen dieses Gefühl, nur um eventuell (!) bei einem Mann sein zu können, von dem sie nicht weiß, ob er ihr ein ähnlich gutes Gefühl geben kann. Dass sich das Drehbuch drei Männer ausgedacht haben, überrascht mich nicht. Dafür aber, dass manche Frauen glauben, es gebe nur eine Alternative: abtauchen, der Welt entfliehen. Sich den Mythos anzueignen ändert nämlich leider nichts daran, dass am Beckenrand ein älterer Mann rumsteht und mich anstarrt. Keine Flosse der Welt kann dagegen etwas ausrichten. Da braucht es schon eine Stimme.

Verwandlung: Die Meerjungfrauenschwänze aus Spandex oder Neopren sind echte Hingucker – und unbequem. Aber: Wer schön sein will, muss eben leiden