Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Mehr geht nicht!


Logo von tennisMAGAZIN
tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 30/2022 vom 07.02.2022

TURNIERE

Artikelbild für den Artikel "Mehr geht nicht!" aus der Ausgabe 30/2022 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
ENDSTATION SEHNSUCHT: Nach 5:24 Stunden bezwingt Rafael Nadal den Weltranglistenzweiten Daniil Medvedev 2:6, 6:7, 6:4, 6:4, 7:5 im Finale der Australian Open und hat jetzt als einer von nur vier Spielern jedes Grand Slam-Turnier mindestens zweimal gewonnen.

Einundzwanzig. Hätte man die besten Drehbuchschreiber Hollywoods versammelt und ihnen die Aufgabe gegeben, einen Plot zu entwickeln, auf welche Weise ein Tennisprofi dereinst den ultimativen Rekord bricht, die Story wäre nicht annährend so spektakulär geworden wie die Realität. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die sagenumwobene „21“ – sie muss noch längst nicht das Ende im Wettlauf um höchste Meriten bedeuten. Allerdings: Das, was am 31. Januar 2022 um ziemlich genau 1.10 Uhr Ortszeit nachts in Melbourne feststand, muss erst mal geknackt werden. Und die, die es knacken können, heißen nach menschlichem Ermessen nur Novak Djokovic und Roger Federer. Andere Namen gibt es nicht. Der eine von ihnen (Djokovic) hat sich vor dem ersten Grand Slam-Turnier des Jahres selbst aus dem Spiel genommen, weil er sich nicht impfen lassen will. Wer weiß, ob er sich bis zum nächsten Härtetest, den French ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von tennisMAGAZIN. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 30/2022 von Wilde Zeiten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wilde Zeiten
Titelbild der Ausgabe 30/2022 von Duell unterm Diamantdach. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Duell unterm Diamantdach
Titelbild der Ausgabe 30/2022 von Kunstwerk für Kinderwünsche. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kunstwerk für Kinderwünsche
Titelbild der Ausgabe 30/2022 von TOPS & FLOPS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TOPS & FLOPS
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Ich will mich selbst irgendwann bewundern
Vorheriger Artikel
Ich will mich selbst irgendwann bewundern
Down Under dreht durch!
Nächster Artikel
Down Under dreht durch!
Mehr Lesetipps

... Open in Paris, den erforderlichen Piks setzen lässt. Beim anderen (Federer) ist eine Rückkehr auf die Tour ungewiss. Dass er als 40-Jähriger noch mal im Kampf um den Grand Slam-Rekord eingreifen wird, ist eher unwahrscheinlich.

Spektakulärster Sieg seit Roger Federer 2017

Und so ist Rafael Nadal das Maß aller Dinge. Sein Triumph gegen den favorisierten Daniil Medvedev im Finale von Melbourne ist der spektakulärste Sieg, seit Roger Federer 2017 nach einem halben Jahr Pause an gleicher Stätte reüssierte. Wobei: Nadals Sieg ist noch höher zu bewerten. Denn er trug die Last der Geschichtsbücher. Tonnenschwer.

Djokovic war im Finale der US Open 2021 unter ihr zusammengebrochen. Mit 4:6, 4:6, 4:6 scheiterte er nicht nur an Medvedev, sondern auch an der – genau – 21. 2019 vergab Roger Federer im Wimbledon-Finale zwei Matchbälle gegen Djokovic: Auch für ihn wäre es der 21. Grand Slam-Titel gewesen.

Was für komische Spiele die magische 21 auch mit Nadal trieb, sah man zu Beginn des Melbourner Endspiels. 0:2-Sätze lag der Spanier zurück. Nadal produzierte für ihn völlig untypisch Fehler en masse.

Am Ende hieß es 2:6, 6:7, 6:4, 6:4, 7:5. Die Zahlen verraten nicht ansatzweise, was sich auf dem swimmingpoolblauen Court abspielte. Ballwechsel bei schwülwarmen Temperaturen mit bis zu 40 Schlägen, einzelne Spiele von fast zehn Minuten Dauer. Mehr als zwanzig Breakchancen auf beiden Seiten. Allein die ersten beiden Sätze dauerten mehr als zwei Stunden. Ein Comeback von Nadal schien unmöglich. Zumal Medvedev, der zehn Jahre Jüngere, Breakchancen im dritten Satz verstreichen ließ, die vielleicht matchentscheidend waren.

Aber wer weiß das schon. Hat irgendjemand mal überlegt, Best-of-five-Matches abzuschaffen? Es würde dem Spiel die Seele rauben, zumindest auf dieser Ebene, auf der sich Titanen wie Nadal und ja, auch Medvedev, bewegen.

„Ich ging zuletzt durch eine Menge herausfordernder Momente, musste eine Menge harte Trainingstage überstehen, ohne dabei ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen“, sprach der 35-jährige Nadal nach seinem Halbfinalsieg gegen Matteo Berrettini fast prosaisch. Was er meinte, war die turnierlose Zeit, in der er zuhause in seiner Akademie auf Mallorca weilte. Zuvor hatte er bei den French Open in Paris sein letztes ernstzunehmendes Turnier gespielt – es scheint gerade in diesen zähen Zeiten Lichtjahre her zu sein. Nadal hatte im Halbfinale gegen Djokovic verloren. Anschließend pausierte er, bis er im August in Washington einen zaghaften Comeback-Versuch unternahm, der mit einer Niederlage im zweiten Match gegen den Südafrikaner Lloyd Harris, die Nummer 50 der Welt, kläglich endete.

Was Nadal schon seit rund 15 Jahren plagt, ist das sogenannte „Müller-Weiss- Syndrom“. Dabei handelt es sich um eine seltene degenerative Knochenkrankheit, bei der sich das Kahnbein im Fuß im Laufe der Zeit deformiert beziehungsweise zurückbildet. Mithilfe von Einlagen und einer Umstellung seines Bewegungsablaufes lernte Nadal, mit der Krankheit zu leben. Doch in den vergangenen Monaten wurden die Schmerzen manchmal unerträglich. „Der Fuß ist praktisch in zwei Hälften gespalten“, sagt Nadal. „Es ist ein Problem ohne Lösung.“

Die Folge: Er war nicht in der Lage, länger zu trainieren. „Ich ging auf den Court, manchmal ging es 20 Minuten, manchmal 45 und manchmal auch gar nicht. Es war für mich nur schwer vor stellbar, wieder ein Best-offive-Match bei ei nem Grand Slam-Turnier zu bestreiten“, sagt Nadal.

Es war die Phase, in der er stundenlang mit seinem Team und seiner Familie diskutierte. Ein Karriereende stand im Raum. Nach mehr als 20 Jahren auf der Tour, rund 90 Einzeltiteln, mehr als 1.200 Matches und nach einer Flut von Verletzungen, die für zehn Karrieren gereicht hätte: Ermüdungsbruch im Fuß (2004), Knieverletzung (2005), Sehnenentzündungen in beiden Knien und Flüssigkeit in den Gelenken, Verletzung des Bauchmuskels (2009), Knieverletzung (2010), Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel (2011), Sehnenbeschwerden im Knie (2012), Verletzung im rechten Handgelenk, Blinddarm-Operation (2014), chronische Schmerzen am Ellenbogen und an der Schulter (2016). Die Liste ließe sich weiter fortsetzen.

Wie hält ein Mensch das aus? Die Antwort im Nadalschen Sinne kann nur heißen: Weil die Liebe zum Sport größer als alles andere ist.

Nach vier eher einfachen Runden in Melbourne (gegen Giron, Hanfmann, Khachanov und Mannarino) setzten der Nummer sechs der Setzliste im Viertelfinale vergleichsweise schnöde Magenschmerzen zu.

Im Match gegen den Zverev-Bezwinger Denis Shapovalov sah es nicht so aus, als würde Nadal als Sieger vom Platz gehen. Die ersten beiden Durchgänge gewann der Spanier, doch dann kippte die Partie und Nadal wankte wie selten in seiner Karriere. In den Pausen hielt er, schwer gezeichnet auf seiner Bank sitzend, sein Gesicht in einen Schlauch, aus dem eiskalte Luft strömte.

Am Ende lag es an der Unerfahrenheit des 22-jährigen Kanadiers, dass Nadal – pardon – überlebte. Anstatt den Ball im Spiel zu halten, ging „Shapo“, Linkshänder wie Nadal, volles Risiko. Anstatt seine körperliche Überlegenheit zu diesem Zeitpunkt auszuspielen, haderte er damit, wie viel Zeit sich Nadal vor seinen Aufschlägen nahm.

Fünf Tage später, beim Happy End in der mittlerweile zu 80 Prozent ausgelasteten Arena (gefühlt war es komplett voll), war Nadals Mission vollbracht. „Ich begreife immer noch nicht, wie ich das durchgehalten habe. Das war eines meiner emotionalsten Matches“, sagte ein „zerstörter“ Sieger bei der Zeremonie und es klang angesichts der Qualen auf dem Court wie die Untertreibung des Jahrhunderts.

Und Medvedev? Der Russe hätte ein Kunststück vollbringen können, das es so in der Open Era noch nicht gab. Seit 1968 hatte es noch nie ein Spieler geschafft, nach dem ersten Majortitel beim darauffolgenden Grand Slam-Turnier den zweiten zu gewinnen. Mehr noch: Medvedev wäre erneut der „Spielverderber“ gewesen. In New York verhinderte er den Rekord von Djokovic, in Melbourne fehlte nicht viel, dass auch Nadal an der 21 gescheitert wäre.

Nähert man sich dem 25-Jährigen mit Wohnsitz Monte Carlo, dann gibt es zwei Ebenen. Als Spieler ist er genial. Physis, Psyche, Taktik, Schläge – es ist ein Genuss, ihm zuzusehen, weil er das Spiel wie nur Wenige lesen kann. Weil er in der Regel alles richtig macht. Melbourne 2022 war Medvedevs viertes Grand Slam-Finale. Es werden, so viel ist sicher, noch viele folgen.

Die zweite Ebene ist der Mensch Medvedev. Seine Rolle ist mittlerweile die des „Bad Guys“ – in diesem Fall im Gegensatz zum Liebling Nadal. Medvedev provoziert die Zuschauer, bepöbelt Offizielle. Im Prestigeduell der Kronprinzen im Halbfinale gegen Stefanos Tsitsipas bezeichnete er Schiedsrichter Jaume Campistol als „inkompetenten Idioten“ (wofür er später 10.000 Australische Dollar Strafe zahlen musste).

Medvedev provoziert das Publikum

Im Finale gegen Nadal schien es, als brandete der Applaus für „Rafa“ umso lauter auf je häufiger sich der Russe mit dem Publikum anlegte. Fakt ist, dass es natürlich unfair ist, dass bei Fehlern von Medvedev geklatscht wurde. Fakt ist aber auch, dass es dumm ist, sich mit 12.000 Menschen anzulegen. Oder braucht Medvedev den Kampf gegen alle als Benzin für sein Spiel? Schlägt er dann, wie früher John McEnroe, noch präziser zu?

Die Schlusspointe dieser Australian Open gehörte nicht Nadal, sondern Medvedev, der sich zum einen als fairer Verlierer erwies, zum anderen aber auch tief getroffen war.

RAFAEL NADAL

BEI GRAND SLAM-TURNIEREN

Gesamtbilanz: 298:41 (21 Titel)

Australian Open: 76:15 (2 Titel)

French Open: 105:3 (13 Titel)

Wimbledon: 53:12 (2 Titel)

US Open: 64:11 (4 Titel)

In der finalen Pressekonferenz erzählte er von einem „Kind, das aufgehört hat zu träumen“. Das Kind ist er. Medvedev sprach von den Anfängen seiner Karriere. Von seiner Begeisterung für die große, weite Tenniswelt. Es war ein minutenlanger Monolog, in dem er sein Innerstes preisgab. Die Quintessenz: Der Russe ist schwer enttäuscht vom Verhalten des Publikums, nicht nur in Melbourne, sondern auch in Paris oder New York.

„Es wird schwieriger, mit dem Tennissport weiterzumachen, wenn es so ist“, sagte Medvedev. Er werde von nun an mehr für sich, seine Familie und seine Freunde spielen. Und für seine russischen Fans. „Wenn es einmal ein Hartplatz-Turnier in Moskau gibt, vor Roland Garros oder Wimbledon, dann spiele ich dort, selbst wenn ich deswegen Wimbledon oder Roland Garros verpasse“, sagte er. Es klingt einerseits trotzig und unreif, andererseits verständlich angesichts der Tatsache, dass die Sympathien in diesem Finale so ungleich verteilt waren.

Bleibt zu hoffen, dass sich Medvedev beruhigt. Er und seine Generation mit Tsitsipas, Berrettini, Shapovalov, Auger-Aliassime, Sinner, Alcaraz und anderen werden ihre Zeit bekommen.

Medvedevs Schlusspointe in Down Under

Und hoffentlich auch Alexander Zverev, der erneut bei einem Grand Slam unter den Erwartungen blieb (siehe Story Seite 28). Die viel zitierte Wachablösung, sie muss weiter verschoben werden. Seit 2003 ist das Trio Federer, Djokovic und Nadal am Ruder und ist es noch, auch wenn der aktuelle Champion mit immer weniger Haaren und immer mehr Gebrechen inzwischen wie der alternde John Wayne in einem Spätwestern wirkt. „Ich werde mein Bestes geben, um im nächsten Jahr wieder zu kommen“, sagte Nadal. Nichts ist unmöglich.