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MEHR LABEL – MEHR SICHT- BARKEIT!


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 29.10.2021

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Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 6/2021

Identitäten: Wofür brauchen wir sie? Warum werden es immer mehr? Und wie bezeichnen wir uns selbst? L-MAG erkundet die Chancen und Risiken der Label-Explosion

Manchmal, so scheint es, ist man nur kurz aus dem Raum gegangen, um sich einen Kaffee zu machen, kommt zurück, schaut in die sozialen Medien – und schon hat die Buchstabenkette des LGBTIQ* wieder einen neuen Buchstaben dazubekommen. Manchmal sogar zwei Mal denselben: das Q für Queer und Questioning, zwei T für Transgender und Transsexuelle, oder gleich drei Möglichkeiten für das A: Asexuell, Agender, Ally. Der internationale Kampagnen- und Gedenktag am 17. Mai startete als IDAHO, wurde zum IDAHOT, dann zum IDAHO- BIT und nennt sich aktuell vielerorts, je nach Region und Konsens des Organisationsteams, IDAHOBITA*.

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Aus Frauen werden FLINT oder auch FLINTA mit und ohne Sternchen. Oder sie bekommen einfach ein Sternchen, dann sind sie eigentlich FLINTAs, also Frauen, Lesben, intergeschlechtlich, nicht-binär, trans und/oder agender, aber nicht sichtbar divers ausgeschrieben. Trotz dieser Fülle an neuen Codes, Eigenbezeichnungen und Repräsentationsmöglichkeiten gibt es immer noch mehr Personen, von denen die Mehrheit der traditionellen Community bisher noch nie gehört hat. Sie fühlen sich „unsichtbar“ und fordern eine Zugehörigkeit zum Spektrum „Queer“ ein. Das LGBTIQ* wächst, differenziert sich aus und versammelt immer mehr Perspektiven und Lebensformen außerhalb der cis-geschlechtlichen, heterosexuellen Norm. Hinzu kommen sexuelle Orientierungen, die so eng spezialisiert sind, dass jedes bisher existierende Minderheitengefühl noch übertroffen wird. Die Folgen: Ein neuer Streifen auf der Regenbogenflagge und eine weitere Ankreuzmöglichkeit in der Shopping-Liste eines Dating-Profils. Es knirscht also gewaltig im Gebälk des bekannten Geschlechtergefüges. Und das ist auch gut so!

Ein Zeichen der Verwandtschaft

Risse in den beiden großen Zweiteilungen – Mann/Frau und Hetero-/Homosexualität – sind keine Neuigkeit. Sie sind Folge von Transformationsprozessen und zugleich neue Ausdrücke für immer schon existente Unterschiedlichkeiten.

Dies ist nicht notwendigerweise trennend, sondern kann auch eine Form der sichtbaren Anerkennung sein. Zum Beispiel das mittlerweile fast weltweit gebräuchliche LG(BT)-Akronym: Es entstand um 1990 in den USA, als schwule Männer aus Dankbarkeit und Anerkennung für die Solidarität der Lesben während der Aids-Pandemie aus dem gebräuchlichen und für beide homosexuelle Geschlechter geltenden „gay“ ein „lesbian and gay“ formulierten – und das „L“ bewusst an den Anfang stellten. Das war ein Zeichen der Verwandtschaft und nicht der Abtrennung. Folgerichtig kamen bald das B für bisexuelle Menschen und T für trans Personen hinzu, später dann das I für intergeschlechtliche Menschen und das Q für Personen, die sich nicht eindeutig dem LGBTI zuordneten. Sie verwendeten das „Queer“ allein oder als Zusatz, um beispielsweise eine nicht-weiße gesellschaftliche Positionierung sichtbar zu machen. Die „Buchstabensuppe“ kann also auch als ein sich stetig vergrößerndes Familienbild mit unterschiedlichen Verwandtschaftsgraden und Mehrfachzugehörigkeiten verstanden werden.

Doch leider geraten einzelne Gruppen immer wieder in Konflikte und Konkurrenz, zum Beispiel, wenn es um materielle Ressourcen geht wie finanzielle Förderungen oder auch immaterielle wie beispielsweise Respekt und Anerkennung. Denn auch das LGBTIQ* ist kein machtfreier Raum und existiert nicht außerhalb von Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ableismus, Antisemitismus und anderen Ordnungssystemen, die Menschen in „unten“ und „oben“ einteilen. Diese Hierarchien können jedoch nicht in den Buchstaben abgebildet werden. Will heißen: Privilegierungen können nicht einfach von einem Individuum zurückgewiesen werden, da stößt die selbstgewählte Identität mit dem gesellschaftlichen Positioniertwerden an ihre Grenzen. Diese Intersektionalitäten verunmöglichen das utopische „Wir“ außerhalb der heterosexuellen Norm – und nicht die Anzahl der Buchstaben.

Kein Manifest des Misstrauens

Es ist tragisch, dass die Angst vor der Fragmentierung „der Community“ nicht wenige blind macht gegenüber der Chance, die Pluralität und Unterschiedlichkeit bringen. Aber auch verständlich. Denn schließlich gründete sich das, was heute LGBTIQ*-Community genannt wird, aus dem Begehren nach einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten heraus, um der Isolation in einer übermächtigen hetero sexuellen und zum Teil gewalttätigen Umgebung zu entkommen. Das Ich allein war verletzlich, das Wir bedeutete Überleben und letztlich auch Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Gesellschaft. Doch diese Angst vor Veränderungen des Bekannten und Bewährten darf sich nicht in Feindlichkeiten und Misstrauen manifestieren.

Wie kann das gelingen? Beispielsweise wohlwollend zugewandt bleiben, die unterschiedlichen Verletzlichkeiten anerkennen, Neuem neugierig begegnen – und nicht gleich in Panik verfallen, wenn wieder ein zusätzlicher Buchstabe auftaucht. Der könnte auch ein Teil des eigenen Selbst sein, den man nur noch nicht kennt! Und das hat für queere Menschen in ihrer Selbstfindung ohne heteronormatives Geländer im unbekannten Terrain immer gegolten: Weniger Anpassung wagen!

Stephanie Kuhnen