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MEHR LESEN: SPUR DER VERWÜSTUNG


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 28.01.2019

In Italien reißt eine Lawine ein Hotel mit und verwandelt es in einen Trümmerhaufen. Die Suche nach Überlebenden beginnt


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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 2/2019

Zerbrochene Koffer und gesplittertes Holz sind über den Unglücksort verstreut


DUNKELHEIT umhüllte ihn. Das Gewicht von Balken und Wänden, Eis- und Erdmassen drückte ihn zu Boden. Sein Herz raste, er fühlte Todesangst. Was war passiert? Wo war er?

Er lag auf dem Bauch und versuchte sich zu orientieren: Sein linkes Bein war seltsam verbogen, der Fuß lag nahe der Wange. Den linken Arm konnte er bewegen, aber sein rechter Arm und auch das rechte Bein lagen eingequetscht unter einer enormen ...

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... Last. Entsetzt wurde ihm klar, dass sein Kinn auf dem Knie eines Toten lag. Er versuchte die Panik abzuwehren, sich an die Augenblicke zu erinnern, bevor alles dunkel wurde.

Er hatte mit seiner Frau gesprochen. Sie standen in einem Türrahmen. Und dann: die heulende Windböe, das Gefühl, durch den Raum gewirbelt zu werden, Husten, Stöhnen, dann unheimliche Stille. War es ein Erdbeben gewesen? Er rief nach seiner Frau. Keine Antwort. Er dachte an seine fünfjährige Tochter in Rom. Da hörte er Stimmen, schwach zuerst, dann deutlicher.

Eine Frau rief: „Giampaolo? Giampaolo?“ Sie war ganz in der Nähe. Gefangen wie er. „Lebst du?“

„Ich lebe“, rief er. „Ich lebe!“

EINSAMES TRAUMHOTEL

An einem Steilhang des Gran-Sasso-Massivs in den Apenninen in Italien hoch über der mittelalterlichen Stadt Farindola lag das HotelRigopiano . Es war immer schon schwer zu erreichen gewesen, doch seine Abgelegenheit trug eher zu seiner Beliebtheit bei.

Ein weiterer Grund für seine Attraktivität war das Wellnessbad, ein Spa mit römischen Fresken, glänzenden Marmorböden und sprudelnden Brunnen. Italienische Popstars und Prominente zählten zu den Gästen. Selbst George Clooney hatte 2009 dort übernachtet. Gut betuchte Urlaubsgäste zahlten bis zu 1000 Euro pro Nacht für das Gefühl, dass ihnen die Berge ganz allein gehörten.

Und imRigopiano konnte man das wirklich glauben. Die nächsten Häuser lagen kilometerweit entfernt. Die Hotelanlage stand im Nationalpark Gran Sasso, umgeben von Sandsteingipfeln, die in Millionen Jahren von vulkanischen Kräften emporgehoben worden waren.

Im Januar 2017 begann es im Gran-Sasso-Massiv endlos zu schneien. Die Schneewehen um dasRigopiano wurden stündlich höher.

Etwa 200 Kilometer entfernt, in einem Vorort von Rom, hörte sich Giampaolo Matrone zunehmend besorgt den Wetterbericht an. Mit dem geplanten Kurztrip zum Hotel wollte er seiner Frau Valentina Cicioni eine Freude machen. Aber jetzt überlegte er, ob sie überhaupt fahren sollten und ob die Bergstraße zum Hotel befahrbar sein würde.

Matrone rief imRigopiano an. Der Besitzer Roberto Del Rosso sagte ihm, wenn er Schneeketten hätte, sei alles kein Problem: „Tranquilo – seien Sie unbesorgt.“

AUS:GQ MAGAZINE (AUGUST 2017), © JOSHUA HAMMER, GQ.COM

Das Hotel Rigopiano vor der Katastrophe, im Vordergrund das Wellnessbad


Was er nicht sagte: Die Situation im Hotel wurde langsam schwierig. Nahrungsmittel und Vorräte gingen zur Neige, und die Stadtverwaltung hatte mit nur einem Schneepflug Mühe, die Straßen frei zu halten.

NICHTS ALS SCHNEE

Man kann nur darüber spekulieren, warum Del Rosso weitere Gäste zur Anreise ermutigte. Vielleicht hoffte er auf eine Wetterbesserung oder auf weitere Schneepflüge. Tatsache ist, dass die Lage nicht besser wurde, und als Matrone und seine Frau in Farindola eintrafen, hatten sie große Schwierigkeiten, sich in dieser weißgrauen Welt zu orientieren.

Unten am Berg schlossen sie sich einer Autokolonne an, die im Schneckentempo hinter einem kleinen Schneepflug herfuhr. Ein Polizist riet Matrone dringend umzukehren, aber ein Wenden auf der engen Straße war fast unmöglich – zudem hatte er viel Geld für das Hotelzimmer bezahlt.

Als die Gäste endlich im Konvoi am Hotel ankamen, waren sie erschöpft und froren. Im schlicht-rustikalen Empfangsbereich loderten Feuer in den Kaminen, es brannten rote Kerzen. Aber es war nicht so recht gemütlich. Man konnte hören, wie der Sturm draußen in der Dunkelheit immer stärker wurde.

„Ärgern Sie sich nicht – genießen Sie lieber Ihren Aufenthalt“, empfahl Del Rosso und kündigte an, dass der Spa-Bereich eine Stunde länger geöffnet sei, damit die Neuankömmlinge sich entspannen konnten.

Giampaolo Matrone und seine Frau Valentina ließen sich in den Thermalwasserpool gleiten und versuchten, die lange Autofahrt zu vergessen. Aber der Wind heulte unerbittlich, und immer weiter fiel der schwere nasse Schnee. Bald kehrten sie ins Hotelinnere zurück, wo die Gespräche beim Abendessen Anlass zur Besorgnis gaben. „Ich habe mehr Angst als Sie“, gestand ein Kellner. „Seit sechs Tagen sitze ich hier schon fest.“

Mittlerweile waren die Panoramafenster des Restaurants zugeschneit. Nichts deutete darauf hin, dass der Sturm abklingen würde. Bevor sie in ihrem Zimmer mit der Nummer 103 das Licht ausschalteten, sagte Matrone im Scherz zu seiner Frau: „Jetzt fehlt uns nur noch ein Erdbeben.“

VERDACHT AUF KORRUPTION

In jener Nacht waren nur 28 Gäste im Hotel. Im Winter war das Geschäft immer schon hart gewesen. DasRigopiano war 1958 als Wanderhütte gebaut worden und schloss in den Wintermonaten, auch dann noch, als aus der Hütte 1967 ein Hotel wurde. Denn es gab keine Skipisten in der Nähe, die Touristen angezogen hätten.

In den 1990er-Jahren lief das Hotel so schlecht, dass es aufgegeben wurde und verfiel. So war man überrascht, als Del Rosso, der Neffe des ursprünglichen Eigentümers, es 2007 wiedereröffnete, nachdem er Millionen Euro in einen spektakulären Ausbau gesteckt hatte – mit einem luxuriö sen Wellnessbad, das die Gäste ganzjährig auf den Berg locken sollte.

Doch auf dem Bau lastete lange der Ruch der Korruption. 2012 wurden ortsansässige Beamte und Bauunternehmer wegen Bestechung im Zusammenhang mit dem Projekt angeklagt. Nach einem langwierigen Prozess wurde das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt. Dennoch blieb die Frage, wie Del Rosso in so kurzer Zeit für ein kommerzielles Projekt die Genehmigung zu einer Abweichung vom Flächennutzungsplan im Nationalpark erhalten konnte.


Giampaolo Matrone hat nun genug. „Wir packen, und dann nichts wie raus hier“, sagt er zu seiner Frau


Neben dem Verdacht auf zwielichtige

Finanztransaktionen gab es Sicherheitsbedenken. Pasquale Iannetti, Bergführer und Mitglied der Lawinenkommission von Farindola, warnte die städtischen Behörden bereits 1999: Das Gebiet sei lawinenund erdrutschgefährdet, es liege in einer der tektonisch aktivsten Zonen Europas.

Auch Geologen meldeten sich zu Wort und gaben zu bedenken, dass der Gebäudekomplex am Fuß einer Schlucht mitten auf einer natürlichen Bahn für Lawinen liege, die vom Monte Siella abgingen. Tatsächlich zeigten Luftaufnahmen, dass bereits 1936 eine Lawine die Stelle passiert hatte, an der das Hotel jetzt stand.

IN DER FALLE

Als die Gäste am Mittwoch, dem 18. Januar, aufwachten, stellten sie fest, dass sich die Situation verschlimmert hatte. Die Autos lagen unter einer dicken Schneedecke, Telefon und Strom waren ausgefallen. Der Mobilfunkempfang war noch schlechter geworden, die einzig sichere Möglichkeit der Kommunikation war per WLAN über eine Satellitenantenne auf dem Dach.

Faye Dame, ein 42jähriger Senegalese, der Del Rosso bei den Instandhaltungsarbeiten half, gab sein Bestes, um die Zufahrt freizuschaufeln. Das Küchenpersonal bemühte sich, mit den verbliebenen Vorräten ein Frühstück zuzubereiten: Croissants aus der Mikrowelle, Konfitüre, Schokocreme.

Nach dem Frühstück gingen Matrone und seine Frau wieder ins Spa und stiegen in den Whirlpool. Plötzlich wackelte das Gebäude. Die Fenster klapperten und das Wasser schwappte über den Rand.

Das Ehepaar sprang aus dem Becken. Sie wussten nicht genau, was passiert war – dass ein Erdbeben der Stärke 5,7 auf der Richterskala den Berg erschüttert hatte –, aber Matrone hatte nun genug. „Wir packen, und dann raus hier“, sagte er zu seiner Frau. Andere folgten ihm auf den Parkplatz, und sie begannen die Autos freizuschaufeln. 15 Minuten nach dem ersten Beben gab es eine zweite Erschütterung, dieses Mal der Stärke 5,6.

Nachdem sie ein Dutzend Fahrzeuge freigelegt hatten, fuhren einige Gäste die Zufahrt hinunter. Als sie jedoch an der Hauptstraße ankamen, versperrte ihnen eine zwei Meter hohe Schneewand den Weg. Matrone stieg aus und kletterte hinauf. Es gab keine Straße mehr, nur noch eine weiße Schneefläche. Er drehte sich um und rief seiner Frau zu: „Wir sitzen fest!“

VERZWEIFELTER HILFERUF

Sie fuhren wieder zurück zum Hotel, wo Del Rosso seinen frustrierten Gästen versicherte, dass die Straße bald geräumt würde. Gegen 13.30 Uhr, sie saßen beim Mittagessen, begannen die Teller auf den Tischen zu klappern – wieder ein Erdstoß. Zwei Stunden später das vierte Beben. Del Rosso sagte, es sei nichts zu befürchten. Die Stadt treffe Maßnahmen, um sie alle vom Berg herunterzuholen.

In Wirklichkeit war er sich keineswegs sicher und äußerte seine Befürchtungen in einer Textnachricht an einen Neffen in Pescara. Dieser, selbst Hotelangestellter, schickte um 15.30 Uhr eine E-Mail an den Provinzpräsidenten in Pescara und an den Bürgermeister von Farindola: Den verzweifelten Hilferuf nach einem Schneepflug. „Die Gäste sind wegen der Erdbeben extrem verängstigt.“

Kurze Zeit später erhielt Del Rosso die entmutigende Antwort seines Neffen: Der einzige Schneepflug in Farindola, der stark genug gewesen wäre, um die Straße zu räumen, war nicht funktionsfähig. Mit einem Ersatz war vor dem Abend nicht zu rechnen.


Die Schneemassen und alles, was sie mit sich gerissen haben, stoßen das Gebäude von seinen Fundamenten


Als die Abenddämmerung einsetzte, suchten Gäste und Personal nach Ablenkung. Adriana Vranceanu und ihr Sohn saßen im Spielzimmer im Erdgeschoss bei einem Brettspiel. Sie hatte Kopfschmerzen und schickte ihren Mann Giampiero Parete zum Auto, um Tabletten zu holen. Ihre Tochter spielte mit zwei anderen Kindern in einem anderen Raum Billard.

Einige Gäste hatten sich in den weißen Polstersesseln und auf den Sofas niedergelassen. Matrone wanderte im Eingangsbereich auf und ab und besprach besorgt mit seiner Frau, was sie tun könnten. Del Rosso war nebenan in der Bibliotheksnische. Sechs Angestellte arbeiteten in der Küche, als die Schneemassen am Monte Siella in Bewegung gerieten.

SPUR DER VERWÜSTUNG

Sie hörten die Lawine, bevor sie da war. Auf ihrem Weg in die Tiefe komprimierte die gewaltige Masse aus Schnee und Eis die Luft zu einem grauenvollen Pfeifen. Immer schneller und größer wurde sie, riss auf ihrem Weg in die Tiefe alles mit.

Mit der Wucht von 4000 voll beladenen Lastwagen und einer Geschwindigkeit von 100 km/h prallte die Lawine auf das Hotel. Wände knickten ein. Die Schnee- und Eismassen brachen durch die Küche und töteten dort alle Mitarbeiter, darunter auch Faye Dame. Sie zertrümmerten die Büchernische, in der Del Rosso stand, rasten weiter durch die beiden Räume, in denen die Gäste vor ihren warmen Getränken saßen.

Stefano Feniello, der seinen 28. Geburtstag feierte, war auf der Stelle tot. Seine Freundin Francesca Bronzi überlebte – ebenso wie Vincenzo Forti und Giorgia Galassi, ein anderes junges Paar auf einem Kurzurlaub.

Die Schneemassen und alles, was sie mit sich gerissen hatten, stießen das Hotelgebäude von den Fundamenten und schlugen es in Trümmer. Einzelne Teile flogen mehr als 100 Meter weit. Danach lagen die Menschen unter einem eisigen Schuttberg begraben. Alles war still und dunkel geworden.

„WIR KOMMEN!“

Fabio Salzetta, der Hausmeister der Hotelanlage, arbeitete im kleinen Kesselhaus etwa 30 Meter vom Hauptgebäude, als es nach einem Donnern unheimlich still wurde. Er wollte nachschauen, doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Das Häuschen war im Schnee versunken.

Er hebelte den Fensterrahmen aus und zwängte sich nach draußen. Dort starrte er auf eine Spur der Verwüstung – als sei eine riesige Harke den Berg hinuntergezogen worden und hätte Bäume umgemäht, Autos zertrümmert und alles auf ihrem Weg zermalmt. Salzetta war wie betäubt. Er machte einige Schritte im Schnee und sank bis zu den Knien ein. Moment, wo war denn das Hotel?

Dann sah er die Spitze desRigopiano - Dachs aus einer Pyramide aus Schutt und Eis ragen. Das ganze Gebäude war wie mit einer Planierraupe den Abhang hinabgeschoben worden.

Nun erkannte er eine große Gestalt, die durch den Schnee taumelte. Es war Giampiero Parete, ein Koch von der Adria. Kurz vor dem Aufprall der Lawine war er zum Auto gegangen, um für seine Frau Tabletten zu holen.

„Sind Sie in Ordnung?“, rief Salzetta.

Parete wirkte orientierungslos, verstört. „Meine Familie ist da drinnen“, jammerte er.

Salzetta bewahrte die Ruhe, fegte den Auspuff von Paretes Wagen frei, und die beiden setzten sich hinein. Es dauerte ewig, bis sie ein Funksignal auf Paretes Handy hatten. Mindestens 30-mal wählten sie den Notruf, doch die Verbindung brach immer wieder ab. Schließlich kamen sie durch, und Paretes Worte überschlugen sich bei der Schilderung des Ereignisses.

„Das kann nicht sein“, sagte die Frau am anderen Ende.

„Meine Familie ist im Hotel!“, schrie Parete. „Ich schwöre beim Leben meines Sohnes, es war eine Lawine.“ Doch die Mitarbeiterin war überzeugt, dass er übertrieb – vielleicht verwechselte sie Paretes Meldung mit einem früheren Anruf über einen möglichen Hauseinsturz. Verzweifelt legte Parete auf.

Zwei Stunden lang versuchten sie vergebens, eine bessere Verbindung zu bekommen. Gegen 19 Uhr schließlich erreichte Parete den Besitzer des Restaurants, in dem er arbeitete. Wieder schilderte er, was passiert war. „Wählen Sie den Notruf“, bat er seinen Chef. „Helfen Sie uns.“

Sein Chef handelte sofort. Nur Minuten später klingelte Paretes Handy. Es war Antonio Crocetta, der Leiter der regionalen Bergwacht.

„Wir kommen“, versprach Crocetta.

„Wie lange wird es dauern?“

„Fünf oder sechs Stunden.“

Mittlerweile war es dunkel geworden. Bangend saßen Parete und Salzetta mit laufendem Motor und eingeschalteter Heizung im Auto.

Teile des Hotels stehen noch. Die Retter suchen zwischen herabhängenden Betonteilen


IN DEN STURM

Am Stützpunkt im Bergdorf Penne alarmierte Crocetta die Militärpolizei und rief seine Mannschaft zusammen – 14 Bergwachtleute, die alle für Rettungseinsätze ausgebildet waren. Bis zum Hotel war ein Aufstieg von zehn Kilometern zu bewältigen.

Um 21 Uhr hatte sich der Suchtrupp am Ortsausgang von Farindola versammelt. Mit dabei waren ein Arzt, ein Anästhesist, ein Hundeführer, ein Suchhund und zwei erfahrene Bergführer. Jeder Mann war mit einer Schaufel und einer Lawinensonde ausgerüstet, einem faltbaren Stab, der bei der Suche nach Verschütteten in den Schnee oder das Geröll gesteckt wird. Sie schnallten ihre Langlaufskier an, zogen die Schneemasken über und schalteten ihre Stirnlampen an. Dann begannen sie in einer langen Reihe den Aufstieg.

Bei dem heftigen Schneefall und dem starken Wind betrug die Sicht nur wenige Meter. Umgestürzte Bäume lagen quer über dem Weg. Wenn möglich, kletterten die Helfer darüber, oft mussten sie sich aber mit Sägen und Äxten einen Durchgang freischlagen.

Sechs Stunden, nachdem der Trupp Farindola verlassen hatte, stießen die Männer auf die ersten Anzeichen der Katastrophe: ein weites Schneefeld mit umgeknickten Bäumen. Sie hörten das Summen eines Generators und erkannten in der Ferne die Lichter des Spas. Beim Näherkommen sahen sie die funkelnden elektrischen Kerzen eines Weihnachtsbaums. Nichts bewegte sich, vor ihnen aufgetürmt nur Schutt und Geröll.

Ein Teil der Mannschaft ging um das zerstörte Hotel herum, die anderen Rettungshelfer sahen in etwa 200 Meter Entfernung die Scheinwerfer des Autos, in dem Salzetta und Parete saßen. Die Retter rannten darauf zu.

„Wie viele Menschen sind im Hotel?“, fragte einer.

„Etwa 40“, antwortete Salzetta.

„Können Sie uns ungefähr sagen, wo sie sein könnten?“


Beim Näherkommen entdecken die Männer die Lichter eines Weihnachtsbaums. Kein Laut ist zu hören


Salzetta antwortete, so gut er konnte. Einige Männer wickelten Parete in eine Wärmedecke und trugen ihn nach unten, während andere den Schnee mit ihren Sonden absuchten. Nach etwa einer Stunde fanden sie die erste Leiche unter einer anderthalb Meter dicken Schneedecke. Es war Gabriele D’Angelo, Salzettas Kollege. Nicht weit entfernt lag Alessandro Giancaterino, der Oberkellner des Hotelrestaurants. Später wurde auch Del Rossos Leiche gefunden, begraben unter den Trümmern seines Hotels.

GRAUSAME REALITÄT

Während das Rettungsteam nach Opfern suchte, lag Giampaolo Matrone in einer sarggroßen Lufttasche unter einer zehn Meter dicken Schicht aus Schnee, Eis und Schutt.

Von dem, was sich draußen abspielte, konnte er nichts hören. Er stand unter Schock und spürte weder Schmerzen noch Hunger oder Kälte. Obwohl Minusgrade herrschten, hatte er den starken Drang, sich auszuziehen. Unter unglaublichen Verrenkungen gelang es ihm, die Jacke und den rechten Schuh loszuwerden, sein nackter Fuß lag nun direkt im Schnee.

Wiederholt verlor er das Bewusstsein. Surreale Szenen liefen vor ihm ab. So ging er neben seiner Frau durch Monterotondo zu der Bäckerei, die seine Familie betrieb. Er sah Rettungskräfte, die auf fliegenden Teppichen heranschwebten und wie Aladin aus Tausendundeiner Nacht gekleidet waren. Sein bester Freund, ein Bodybuilder, stand auf dem Berg, hob Tonnen von Beton hoch und befreite Matrone.

Jedes Mal, wenn Giampaolo Matrone das Bewusstsein wiedererlangte, begriff er die grausame Realität: Er war lebendig begraben. Die Verzweiflung überwältigte ihn. „Wer kann uns hier finden?“, fragte er sich.

HILFERUF

Lorenzo Botti, Rettungsspezialist und professioneller Hundetrainer, traf am Donnerstagmorgen, einen Tag nach dem Lawinenunglück, mit seinen klei-Hunden auf dem Berg ein. Nach einer schnellen Einschätzung der Lage konnte er sich nicht vorstellen, hier noch Überlebende zu finden.

Inzwischen flogen Hubschrauber auch Feuerwehrleute ein, die wie Botti mit den Sonden nach Opfern suchten. Techniker der Polizei hatten Antennen aufgebaut, über die sie verschüttete Handys orten konnten. Wo Handys waren, waren auch Menschen – oder Leichen.


Die Helfer lassen sich durch die Öffnungen, die sie ausgesägt haben, hinab. Stundenlang rufen sie nach Überlebenden


Botti begann seine Suche im Spa. Das Gebäude schien relativ unversehrt. Vorsichtig bewegte er sich zwischen herabhängenden Betonteilen und Armierungen. An der Rezeption blätterte er durch die Reservierungen – für den Mittwochnachmittag gab es keine Eintragungen. Dies bestätigte seine Vermutung, dass es hier leer war, als die Lawine kam.

Nun blickte er auf den zehn Meter hohen Schneehügel – das, was vom Hauptgebäude des Hotels übrig geblieben war. Nach einem groben Grundriss, den Salzetta anfertigte, stiegen Botti und seine Männer auf die Trümmer, schaufelten vier Meter Schnee weg, bis sie auf das Dach stießen, und setzten dann die Sägen ein.

Jeweils in Gruppen zu dritt oder viert ließen sich die Feuerwehrleute und Rettungshelfer durch die Öffnungen hinunter. Ihre Stirnlampen beleuchteten die Trümmer. Es war so eng, dass sie kriechen mussten. Stundenlang riefen sie nach Überlebenden.

Am Freitag um 11 Uhr, 30 Stunden nach Beginn der Suche, dann die Überraschung: der Hilferuf einer Frau.

„Wir sind Feuerwehrleute“, rief einer der Männer zurück. „Wer sind Sie?“

„Ich bin Adriana.“

„Wie viele sind Sie?“

„Ich bin in einem Zimmer mit meinem Sohn. Meine Tochter ist im Nebenraum.“

Die Frau blutete aus einer Kopfwunde, als die Rettungsleute sie und ihren Sohn fanden. Sie saßen eng aneinandergedrückt in einem kleinen Hohlraum.

Während sie in Sicherheit gebracht wurden, erfuhr Adriana, dass man ihren Mann auf dem Parkplatz gefunden hatte. Er hatte einen Schock erlitten, war aber unverletzt und befand sich in einem nahe gelegenen Krankenhaus.

Dass es Überlebende gab, ermutigte die Retter, doch was Adriana sagte, spornte sie noch mehr an: „Es sind noch viele Leute im Hotel.“ Eilig gruben die Männer einen Tunnel zum nahen Billardraum, sägten ein kleines Loch ins Dach, befestigten einen Suchscheinwerfer darauf und ließen eine Videosonde hinab. Auf einem Bildschirm sahen sie, wie zwei kleine Kinder, eines davon Adrianas Tochter, hinter einem Sofa hervorkamen. Sie hatten das Licht in der Dachöffnung gesehen. Der Raum schien unversehrt.

30 Stunden nach Beginn der Suche hören die Rettungsleute den Hilferuf einer Frau


Durch ein Loch in der Wand entdeckten die Retter noch drei Kinder. „Bleibt ganz ruhig“, sagte einer der Retter. „Legt euch auf den Bauch und krabbelt wie ein Tausendfüßler.“ Vorsichtig holten die Männer die Kinder aus den Trümmern heraus.

Währenddessen hatte eine andere Gruppe ein Handysignal empfangen, es kam aus einem Hohlraum. Sie hörten Stimmen, die um Hilfe riefen. Bald stießen sie auf das junge Paar Galassi und Forti sowie auf Bronzi, Stefano Feniellos Freundin, und zogen sie ins Freie.

„Wer ist noch da unten?“

„Giampaolo Matrone.“

BARMHERZIGER ENGEL

Es war Samstag, der 21. Januar, kurz nach Mitternacht, 55 Stunden nach dem Lawinenunglück. Die Retter waren seit mehr als zwei Tagen ununterbrochen im Einsatz. Der Trümmerhaufen war bedrohlich instabil. Die Männer wussten, dass durch ihr Graben und Sägen – oder durch ein weiteres Erdbeben – jederzeit alles über ihnen einstürzen konnte.

Paolo Di Quinzio machte mit drei Helfern weiter, Sägeblätter zerbrachen, doch sie kämpften sich vor in Richtung eines schwachen Handysignals in den Ruinen. Dann hörten sie eine Stimme. Sie stellten die Kreissägen ab, lauschten: Es war Matrone.

Noch 40 Tage nach dem Lawinenunglück liegt Giampaolo Matrone in einem Krankenhaus in Rom


Er verlor immer wieder das Bewusstsein und sah dann seine Frau Valentina, die wie ein Engel der Barmherzigkeit über ihm schwebte. Sie versicherte ihm immer wieder, dass er bald gerettet würde.

Di Quinzios Team richtete Heizstrahler auf den Spalt, in dem Matrone lag, um ihn vor Unterkühlung zu schützen. „Giampaolo, wir sind da!“, rief Di Quinzio drei Meter über dem Verschütteten. „Sind Sie verletzt? Bluten Sie?“

Als die Stimmen und das Kreischen der Sägen lauter wurden, warnte Matrone besorgt die Retter: „Vorsicht mit den Sägen. Meine Frau und meine Tochter sind auch hier.“ In seiner Verwirrung hatte er vergessen, dass seine Tochter in Rom geblieben war.

„Wir haben sie ins Auto gesetzt, weil es so kalt ist“, log Di Quinzio. Er hielt das Gespräch in Gang, damit Matrone wach blieb.

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich bin Bäcker.“

„Was ist Ihr Lieblingssportverein?“

„Lazio Rom.“

Gegen sechs Uhr morgens durchbrach Di Quinzios Säge endlich eine letzte dicke Dämmschicht. Er richtete das Licht auf die Öffnung und sah Matrones Rücken. Durch die Winkelform der Betonbalken war ein kleiner Schutzraum entstanden, der Matrone gerettet hatte. Die Menschen in seiner Nähe hatten dieses Glück nicht gehabt: Zusammen mit ihm eingequetscht lagen die Leichen zweier Frauen – eine unter seinem Kopf, die andere unter seinem linken Bein.

Endlich war Di Quinzio bei Matrone. Er wickelte ihm ein Tuch um den Kopf, damit er die Leichen nicht sah. „Wegen des Staubs“, sagte Di Quinzio.

Matrone machte das Spiel mit, er wusste, dass neben ihm mindestens eine Leiche lag. Rettungshelfer legten die beiden toten Frauen in Leichensäcke und zogen sie heraus.

Als sich Matrone an das künstliche Licht gewöhnt hatte, betrachtete er entsetzt den Arm, der eingeklemmt gewesen war. Das Handgelenk war auf das Vierfache angeschwollen und fast der ganze Arm schwarz angelaufen. Mit einer hydraulischen Winde hoben die Retter die Betonpfeiler an und befreiten Matrones Gliedmaßen.

„Sie sind ein tapferer Kerl“, sagte Di Quinzio. Er packte ihn unter den Armen und zog ihn vorsichtig aus dem Loch, das fast sein Grab geworden wäre. Sie legten ihn auf eine Matte. Matrone blickte in ein Dutzend vom Licht der Stirnlampen umgrenzten Gesichter. Ein lautes „Bravo!“ ertönte.

Zum ersten Mal nach der Lawine fror Matrone. In eine Wärmedecke gehüllt, wurde er im Hubschrauber nach Pescara ins Krankenhaus geflogen. Das Gewebe seines rechten Arms war fast ganz abgestorben, die Nerven im rechten Fußgelenk nahezu zerstört. Nach der ersten von mehreren Operationen hörte Matrone, dass er seinen Arm verloren hätte, wäre er nur zwei Stunden später gefunden worden.

Fünf Tage nach seiner Rettung erfuhr er, dass seine Frau nicht überlebt hatte – sie gehörte zu den 29 Menschen, die bei dem Lawinen unglück ums Leben kamen. Valentinas von den Trümmern erschlagene Leiche wurde unweit von Giampaolo Matrone geborgen. Der Engel, der ihm in seinen unruhigen Träumen erschienen war, war die ganze Zeit an seiner Seite gewesen.

Insgesamt elf Menschen überlebten das Unglück von Rigopiano. Der Staatsanwalt von Pescara ermittelt weiter wegen fahrlässiger Tötung. Die Familien der Opfer drängen auf eine erneute Untersuchung der Abweichung vom Flächennutzungsplan für die Erweiterung des Hotels im Jahr 2007 und verlangen Aufklärung darüber, warum die Behörden die Straße nicht räumten.

NATURGEWALT

Die Natur ist unerbittlich und unveränderlich, und es ist ihr gleichgültig, ob die verborgenen Gründe und Arten ihres Handelns dem Menschen verständlich sind oder nicht.

GALILEO GALILEI, ital. Naturwissenschaftler (1564-1642)


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