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Mein AUFSTIEGS-Tagebuch


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 20/2022 vom 18.05.2022

2./3.LIGA

7. MAI

Artikelbild für den Artikel "Mein AUFSTIEGS-Tagebuch" aus der Ausgabe 20/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

24. APRIL

A-U-F-S-T-I-E-G! Acht Buchstaben und ein Gefühl, auf das man beim Hamburger SV vor der Relegation gegen Hertha BSC jetzt schon sei vier Jahren wartet. Ich, der SPORT BILD-Reporter, habe ihn gleich viermal in nur 21 Tagen erlebt: mit Magdeburg und Braunschweig in die 2. Liga, mit Schalke und Werder in die Bundesliga. Vier Traditions-Klubs, vier Stadien, vier Platz-stürme – vier Reisen, die ich nie vergesse.

★★★

DER PLANBARE 24. April: 1. FC Magdeburg – FSV Zwickau 3:0

Spannung und Nervenkitzel? Die Anhänger des einzigen Europapokalsiegers der DDR-Ge- schichte fühlten sich diese Saison eher wie Bayern-Fans vor dem zehnten Titel. Weil der FCM die ganze Saison mit Riesen-Vorsprung dominiert, ist der Aufstieg vergleichbar mit einer Silvester-Nacht: Man weiß, was kommt, und zählt den Countdown runter. Drei Spieltage vor Saisonende hätte vor 26 340 Fans schon ein Unentschieden zur ...

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... Zweitliga-Rückkehr gereicht. Passend zum Silvester-Vergleich fackeln die Ultras im Block U auf der Nordtribüne permanent Bengalos ab. Wie aufgeregte Jugendliche, die schon vor dem eigentlichen Highlight losknallen.

15. MAI

14. MAI

Um 15.49 Uhr ist es endlich „Neujahr“. Heißt: Aufstieg perfekt!

Für die Spieler stehen neben vollen Gläsern auch volle Bier-Eimer (!) für die Erfolgsdusche bereit. Für einen geregelten Platzsturm werden alle Sicherheitstore direkt geöffnet. „Nie mehr 3. Liga“ und „Der FCM ist wieder da“, hallt es durchs Stadion. Keine Emotions-Explosion, aber immerhin mehr Stimmung als bei der Silvester-Par- ty vom ZDF am Brandenburger Tor.

Richtig laut wird es, als Edeljoker Kai Brünker auf dem Zaun „FCM, du bist mein Verein, wir folgen dir durch Deutschland, Europa, die ganze Welt“ anstimmt.

Die After-Show-Party steigt mit 5000 Fans auf einer extra aufgebauten Bühne hinterm Stadion. Ein Fan mit Wodka-Flasche in der Hand lacht mir zu: „Der erste Aufstieg 2018 war einfach geiler. Aber, egal: Prost!“ Der Wodka schmeckt auch ohne Zusatz-Verdünnung pur aus der Flasche.

★★★

DER GIGANTISCHE 7. Mai: Schalke 04 – FC St. Pauli 3:2

„Glück AUS“, hat SPORT BILD vor einem Jahr beim Abstieg über Schalke getitelt. Damals wurden die Spieler von „Fan“-Idioten ums Stadion gejagt. Jetzt gibt es ein ganz neues GE-fühl in Gelsenkirchen. Schon eine Stunde vor dem Anpfiff um 20.30 Uhr ist die Nordkurve rappelvoll. 62 271 Fans sorgen für den lautesten Support, den ich je gehört habe. Beim Steiger-Lied denke ich: „Glück AUF, der Auf-Steiger kommt...“

Was mich wundert: Vorm Anpfiff wird noch das Stadiondach geöffnet. Warum, wird schnell klar: Blaue Nebeltöpfe und rote Bengalos qualmen beim Einlaufen der Teams die Zuschauer ein. Dieser Aufguss wäre in der Sauna mit verschlossenem Dach kaum abgezogen.

Beeindruckend: Auch nach 0:2-Rückstand bleiben alle cool. Zur Pause ist die Überzeugung am Bratwurststand (Preis 2,90 Euro, Geschmack: erstklassig) noch immer bei 100 Prozent. Ein Fan sagt in der Schlange zu mir: „Ein frühes Tor, und wir drehen dat Ding gleich!“

24 Sekunden nach Wiederanpfiff fällt Simon Terodde im Strafraum. Elfmeter. Tor. Fan-Wahnsinn pur!

„Blau und weiß, ein Leben lang“, grölen die Fans, als die Tor-Musik längst aufgehört hat. Schalke stürmt los: 2:2 Terodde, 3:2 Zalazar – kaltes Veltins in meinem Nacken. Bei gefühlt 30 Grad aber eine nette Abkühlung!

Kurz vor Abpfiff erscheint auf dem Videowürfel die Warnung: „Bitte versucht nicht, aufs Spielfeld zu sprin- gen.“ Von der Nordkurve über den Graben zum Rasen – das hält viele trotzdem nicht auf. Wer es nicht schafft, bereut es bitter. Es gibt 18 Verletzte, neun davon sogar schwer.

Ich komme über die Haupttribüne auf den Rasen. Spieler sind da schwerer zu finden als „Wo ist Walter?“ in dem Kinderbuch. Einige Fans laufen oben – und ein ganz motivierter sogar unten (!) ohne an mir vorbei.

„Wir sind Schalker, asoziale Schalker“, schreit die freudetrunkene Masse, und ich denke nur: Ja, passt ...

Um 23.08 Uhr klettert Terodde auf den Zaun, im Innenraum wird Pogo wie bei einem Rockfestival getanzt. Ich stehe mittendrin und gehe mit königsblauen Flecken nach Hause – mein persönliches Aufstiegs-Andenken. Was nicht festgeschraubt ist, wird als Souvenir mitgenommen: Tornetze, Aufstiegs-Rasen, Werbebanden, sogar die Moderations-Karten von Sport1-Reporterin Ruth Hofmann sichert sich ein Fan.

Um Punkt 00.04 Uhr betritt der 04-Aufstiegstrainer noch mal den Platz: Mike „Buyo“ Büskens stimmt: „Wer nicht hüpft, der ist Borusse“ an. Man merkt jetzt schon: Die Derbys gegen den BVB werden die größte Aufstiegs-Belohnung für alle. Aber: Geiler als heute kann es kaum noch werden!

★★★

DER FREUNDSCHAFT-LICHE 14. Mai: Eintracht Braunschweig – Viktoria Köln 0:1

Dass ich am 7. Mai vergeblich 1200 Kilometer für eine 2:3-Pleite von Braunschweig nach Meppen angereist bin – GESCHENKT! Weil Lautern am Tag danach mit 0:2 bei Viktoria Köln patzt, steigt die Eintracht statt im Stadion auf dem Sofa auf. Zur Drittliga-Abschieds- Party die Woche drauf bin ich natürlich vor Ort. Die Choreo vorm Spiel „Eintracht-Stadion – unser aller Zuhause seit 1923. Dein Name für jetzt und immer“ – großer Sport. Im Gegensatz zum Spiel. GELB schießt heute keine Tore!

Ein Fan-Dialog in der Klo-Schlange zur Pause: „Und, wie findest du das Spiel?“ Antwort: „Stinklangweilig, aber scheißegal: Aufstieg!“

Das Aufstiegsshirt (Hurra, hurra, die Braunschweiger sind wieder da) gibt es als „Fan-Artikel des Tages“ für 18,95 Euro. Als die Ultras zehn Minuten vor Schluss ihre Banner einpacken, ist klar, was folgt: Platzsturm – noch während des Spiels!

„Bitte bleibt hinter der Bande, bis das Spiel vorbei ist“, fleht der Stadionsprecher. Kurz danach hat Schiri Eric Müller seinen stärksten Moment: Er pfeift ab und damit die Party richtig an.

Der Weg auf den Rasen ist diesmal ein Spaziergang. Als ein Fan mit einem Schlüssel die Tornetze abtrennen will, rammt er mir versehentlich einen drei Zentimeter langen Cut in den Unterarm. Als wenige Sekunden darauf die Latte nur knapp neben mir zusammenbricht, ziehe ich mich blutend zurück und lasse mich kurz verarzten. Soll ja noch ein Aufstieg folgen ...

Erkenntnis des Tages: Die Idee mit dem Stadionbier für ein Euro hätten auch andere Klubs übernehmen sollen!

★★★

DER SPANNENDE 15. Mai: Werder Bremen – Jahn Regensburg 2:0

Das erste echte Alles-odernichts-Spiel meiner Aufstiegstournee. Holt Werder einen Punkt, geht’s hoch. Bei einer Niederlage droht sogar Platz 4. Anpfiff ist bundesliga-like um 15.30 Uhr. Schon um 14.45 Uhr ist die Ostkurve rappelvoll. Stark: Um 15 Uhr klatschen die 40 999 Fans eine Minute in Gedenken an die Kriegs-Opfer in der Ukraine.

Danach zählt nur noch Werder. Klub-Legenden wie Diego, Nelson Valdez, Per Mertesacker und Ailton heizen mit Videobotschaften allen Grün-Weißen ein. Die beste Botschaft kommt von Max Kruse: „Werder Bremen und die 2. Liga – das passt absolut nicht!“

Nicht mal Dauerkarten-Inhaber, die die deutsche Meisterschaft 2004 live erlebt haben, haben das Stadion je so laut erlebt wie jetzt bei der Hymne „Werder Bremen, leb enslang grün-weiß.“

Niclas Füllkrug zum 1:0. Neben mir jubelt Ole Werner, besser gesagt: ein Fan, der eine Maske mit dem Gesicht des Trainers trägt. Ein Auge blickt aufs Spielfeld, das andere aufs Handy. Liveticker-Alarm. Das Inter- Nach zehn Minuten trifft net ist stabil – die Mannschaft auch.

Um 16.39 Uhr trifft Marvin Ducksch zum 2:0. „Nie mehr 2. Liga“ singen die Fans. Ein Rentner nimmt sein Hörgerät raus: „Ist das nicht schön?!“ Der beste Song für mich: „Ducksch is on fire. Your defence is terrified“, abgeleitet von „Freed from Desire“.

Beim Abpfiff mal nichts Neues – Platzsturm, der vierte! „Vorbereitung ist alles“, ruft eine blonde Dame auf dem Rasen neben mir und schneidet das Tor-Netz mit ihrer ins Stadion geschmuggelten Nagelschere in kleine Stücke. Ich bekomme zwei Schnüre ab. Der Rasen wehrt sich dagegen, und ist deutlich schwieriger auszubuddeln als bei den anderen Aufstiegen. Das Schöne: Man hilft sich. Werder ist wie eine große Familie. Beim Gang übers Gras steigt mir ein süßlicher Geruch in die Nase. Aufstiegsrasen haben die da aber nicht geraucht …