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Mein Auto!


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 11.04.2018

Das Auto ist eines der wichtigsten Kulturgüter der Deutschen: Wir lieben und bewundern unsere Fahrzeuge. Wie sehr sie unsere Gesellschaft prägen, ist den meisten nicht bewusst. Was macht uns so abhängig?


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 5/2018

ILLUSTRATIONEN: MARIO WAGNER

Die folgenden drei Vorschläge dienen einem besseren Verkehr und beruhen alle auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Beobachten Sie sich: Was macht es mit Ihnen, wenn Sie sie lesen?

1. Tempo 30 in Städten, 80 auf Landstraßen und 130 auf Autobahnen, zur Verhinderung Tausender tödlicher Unfälle;
2. ein Verbot von ineffizienten Geländeund Sportwagen zum Schutz der Umwelt;
3. eine ...

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1. Tempo 30 in Städten, 80 auf Landstraßen und 130 auf Autobahnen, zur Verhinderung Tausender tödlicher Unfälle;
2. ein Verbot von ineffizienten Geländeund Sportwagen zum Schutz der Umwelt;
3. eine Umwidmung innerstädtischer Straßen zugunsten des Fahrradverkehrs, für mehr urbane Lebensqualität.

Protestiert Ihr Bauchgefühl bei diesen Ideen, oder reagieren Sie sogar stark verärgert? Dann sollten Sie mehr über unsere Bindung ans Auto erfahren.

Schon seit der Erfindung der ersten Fahrzeuge ist diese Beziehung eine besondere, und sie wird mit Fortschreiten der Geschichte mehr und mehr emotional aufgeladen (siehe Kasten auf Seite 68). Heute ist das Auto für viele Menschen Teil ihrer Identität – man geht mit ihm auf Partnersuche oder misst sich mit Rivalen. Mit dem Auto kann man rebellieren gegen gesellschaftliche Konventionen oder den starken Staat, Gemeinschaft finden oder Herausforderungen suchen.

Viele der symbolischen und affektiven Funktionen des Autos sind biologisch motiviert. In einer Welt, in der wir uns in vielen Situationen nur im Wagen begegnen, wird das Fahrzeug zum Spiegel des Fahrers. In einem massigen Bentley mit breiter Front vermuten wir einen wohlsituierten, schon etwas älteren, kultivierten männlichen Fahrer. Mit diesen Eigenschaften könnte er ein guter Familienvater sein. Der männliche Fahrer eines roten Sportwagens wird dagegen als jemand verstanden, der eher an kurzfristigen sexuellen Beziehungen interessiert ist. Eine Frau im Sportwagen dagegen repräsentiert Durchsetzungsvermögen in einer männerdominierten Welt. Es gibt viele Möglichkeiten der Interpretation. Fest steht, dass wir Autofronten als Gesichter begreifen, in denen Scheinwerfer Augen darstellen, Kühlergrille Münder und Spiegel Ohren. Es fällt nicht schwer, defensive (Polo Lupo) und aggressive (BMW 8) Automodelle zu unterscheiden. Nicht immer klar ist, ob diese mit der Persönlichkeit des Fahrers übereinstimmen. Ein aggressives Auto beherbergt wahrscheinlich einen eher impulsiven, schnell reizbaren Fahrer; möglicherweise aber auch einen besonders ängstlichen Menschen, der durch eine Form von Mimikry „Geh mir aus dem Weg“ sagen möchte. Wer Autos aus den 1970er Jahren mit heutigen Modellen vergleicht, der wird auch feststellen, dass viele ‚Gesichter‘ aggressiver geworden sind. Ein Ausdruck des gesellschaftlichen Gemütszustands?

Schutz und Verteidigung

Wir kommunizieren im Verkehr über die Semiotik des Autos, aber der metallene Kokon ist auch ein physischer Schutz des Fahrers. Vor ein paar Jahren machten republikanische Kandidaten im US-Wahlkampf Schlagzeilen, weil sie Elektroautos beschimpften. Der Volt – ein Modell des Autobauers General Motors – sei „unsicher“, klagten sie, und er sei auch so klein, dass keingun rack , also eine Vorrichtung für den Transport von Gewehren über die Rückbank passe. Aus europäischer Perspektive klingt das absurd. Die Diskussion lässt aber Rückschlüsse auf die Seelenlage vieler Amerikaner zu, die die Welt „da draußen“ offenbar als gefährlich und unberechenbar wahrnehmen. Das Auto schützt nicht nur vor dieser gefährlichen Welt; wer Feuerwaffen herumfährt, kann sich im Notfall auch aktiv verteidigen.

Der Soziologe Zygmunt Bauman glaubte, dass die große Vorliebe der Amerikaner für SUVs ein Spiegel gesellschaftlicher Ängste sei. Diese Ängste beziehen sich nicht nur auf die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Angriffs zu werden, sondern sind vor allem auch Ausdruck gesellschaftlicher Verwerfungen. In den USA arbeiten bereits mehr Frauen als Männer, Frauen machen deutlich mehr Universitätsabschlüsse als Männer; das traditionelle Rollenmodell ändert sich und stürzt Männer in die Identitätskrise. Ein massiges Auto mit entsprechender Motorisierung suggeriert Normalität, eine Welt, die „in Ordnung“ ist. Zum Teil wird das durch Autonamen noch unterstrichen. Dodge nannte erfolgreiche Modelle „Ram“ (Ramme) und „Challenger“ (Herausforderer); das neueste Ford-Truckmodell heißt „Raptor“ (Räuber).


Das Auto ist ein intimer Rückzugsort.
Es hat Bedeutungen weit über seine Transportfunktion hinaus


Wenn der Kauf von besonders großen Autos ein Ausdruck von Ängsten ist, dann sind die daraus resultierenden Implikationen in vieler Hinsicht relevant. Trends zum SUV-Kauf sollten uns vor gesellschaftlichen Brüchen warnen. In Deutschland werden diese Autos immer populärer. Ängste können gemeinschaftliche Ziele wie den Klimaschutz in Gefahr bringen. So könnten zum Beispiel Appelle, kleine, umweltfreundliche Autos zu fahren, Konflikte auslösen. Soll ich mich und meine Familie schützen oder mein spritschluckendes Fahrzeug aufgeben? Diese Frage wird immer zugunsten der eigenen Familie entschieden werden. Schlimmer noch: Die Besitzer von SUVs werden ihr Verhalten rationalisieren, indem sie den Klimawandel relativieren. Im ungünstigsten Fall können also Interventionen, die bestimmte Autotypen infrage stellen, die Bindung an diese Autos sogar erhöhen.

Schon jetzt haben viele Fahrer eine enge Beziehung zu ihrem Auto. Da gibt es natürlich die „Freiheit“, jederzeit so weit fahren zu können, wie es noch Straßen gibt, also in Mitteleuropa fast überallhin. Aus dem Cockpit heraus kontrolliert der Fahrer die Welt: audiovisuell durch die Windschutzscheibe und das Navigationsgerät; haptisch durch Lenkrad, Pedale, Tasten und Knöpfe; akustisch durch das Soundsystem; olfaktorisch durch den Wunderbaum. Das Auto hilft beim Einparken, beim Finden der schnellsten Route oder der nächsten Tankstelle. Schon bald wird es selbständig fahren können, und Anwendungen der artifiziellen Intelligenz werden es ermöglichen, noch im Auto das Abendessen zu bestellen, das dann per Lieferservice gebracht wird. Es ist nicht verwunderlich, dass wir das Auto als Partner begreifen, mit dem wir mehr erreichen können, effizienter werden.

Symbol für Freiheit

Spannend wird die Entwicklung, wenn Autos wirklich „autonom“ werden, ohne unser Zutun parken, fahren, tanken. Man könnte argumentieren, dass das Fahrzeug sich dadurch vom Objekt zum Subjekt entwickelt, da es „eigenen“ Handlungsentscheidungen folgt. Wohlgemerkt wird das autonome Auto schneller und rationaler abwägen als der Mensch, es könnte also in naher Zukunft im Verkehr der Souverän werden. Gerade daher sollte vielleicht auch der Begriff „Freiheit“, mit dem wir im Zusammenhang mit dem Auto so viel verbinden, noch einmal genau durchdacht werden.

Zunächst einmal könnte man fragen, warum der Freiheitsbegriff noch immer eine so große Bedeutung hat, denn wenige Menschen sind so frei und ungebunden wie die Bewohner Mitteleuropas. Wir können wählen, wer uns regiert; wir haben die Möglichkeit, in fast alle Erdteile zu reisen; wir müssen uns weder um unsere Nahrung noch um Wohnraum oder Gesundheit Gedanken machen. Trotzdem existiert ein diffuses Gefühl, eingeschränkt und eingeengt zu sein. Erklärungsansätze werden individuell variieren.

Ein junger Erwachsener mag beispielsweise Einschränkungen durch die Eltern oder gesellschaftliche Konventionen als beengend empfinden. Das Auto funktioniert in solchen Fällen auch als Mittel der Rebellion. „Poser“ fahren mit röhrenden Motoren durch die Stadt und machen Lärm, den niemand ignorieren kann. Ein Schrei nach Aufmerksamkeit, aber auch ein Ausdruck von Verachtung des allgemeinen Wunsches nach mehr Ruhe. In den USA manipulierencoal roller ihre Motoren, um das eingespritzte Benzin möglichst unvollständig zu verbrennen. Der Effekt sind schwarze Rußwolken, die besonders gern gegen Radfahrer, Fußgänger oder die Fahrer kleiner japanischer Autos eingesetzt werden.

Bestimmte Fahrweisen, zum Beispiel das Ignorieren von Geschwindigkeitsbegrenzungen, können aber auch ein Ausdruck von Persönlichkeitsmerkmalen sein. Der Manager, der mit Tempo 220 auf der Autobahn unterwegs ist, hat vielleicht einen eiligen Termin. Er könnte aber auch die Vorstellung haben, außerhalb allgemeiner Regeln zu existieren. Wer die Risiken seines Verhaltens für andere Verkehrsteilnehmer ignoriert, nimmt sich als wichtiger wahr. Der Sprecher eines Werbefilms für ein Jaguar-SUV suggeriert genau das: „Haben Sie schon einmal bemerkt, wie manche Leute immer ungestraft davonkommen? Tut uns leid. Wir leben unsere Leben aus einer erhöhten Position heraus.“ Es gibt genug Beispiele von Automarken, die in ihrer Werbung an spezifische Persönlichkeitsstrukturen appellieren: Maserati ist „das absolute Gegenteil von ordinär“, Bentley weist darauf hin, dass „Geld genau genommen auch Klasse kaufen kann“.

Automobile Sozialisierung

Abhängigkeiten ans Auto entstehen aber nicht über Nacht, sondern sind das Resultat eines automobilen Sozialisierungsprozesses. So ist es in Industrieländern in vielen Familien üblich, Kleinkinder mit dem Auto in den Schlaf zu wiegen. Die frühkindliche Bindung an den Wagen beginnt also sensorisch, noch bevor ein Mensch das Auto überhaupt als solches erkennen kann. Es folgen viele Schritte und Entwicklungen, die je nach Kindheit unterschiedlich sein mögen. Eltern, die ihren Nachwuchs morgens zum Kindergarten fahren, später zur Schule; das kostenlose Kinderheftchen aus der Apotheke, das monatlich einen neuen Sportwagen vorstellt; Matchbox-Autos, Carrera-Bahnen und elektrische Plastikautos für Kleinkinder; das erste Auto zum 18. Geburtstag, der eigentliche Rite de Passage ins Erwachsenenalter. Und: Das Auto ist auch ein intimer Rückzugsort.

Eine Studie unter US-Studierenden ergab beispielsweise, dass rund 60 Prozent aller weiblichen und männlichen Befragten schon einmal Sex im Auto hatten. Für die meisten jungen Erwachsenen in Industrieländern hat das Auto also Bedeutungen, die weit über seine Transportfunktion hinausgehen.

Das Auto ist auch in verschiedene gesellschaftliche Diskurse eingebunden. Hartnäckig hält sich beispielsweise das Gerücht, die Automobilindustrie schaffe einen Großteil der Arbeitsplätze in Deutschland. Interessenorganisationen und politische Parteien haben vielfältige Diskurse über den Nutzen des Autos ins Leben gerufen, von der „freien Fahrt für freie Bürger“ bis zum aktuellen Diskurs über die „Industriegesellschaft“, in der fossile Energieträger und Verbrennungsmotoren als entscheidend für die ökonomische Zukunft des Landes dargestellt werden. Gerade in Deutschland sind spezielle Praktiken des Autofahrens auch Teil einer diskursiven nationalen Kultur: In keinem anderen Flächenland gibt es kein Tempolimit auf Autobahnen, gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung.

Automobile Wahrnehmungen sind aber auch stark durch die mediale Kultur geprägt. In den USA gibt es denGangsta-Rap , eine Verherrlichung krimineller Lebensstile, in denen Autos eine zentrale Rolle spielen. Noch viel größere Bedeutung für die Populärkultur habencar movies , also Kinofilme, deren Handlungen um das Auto kreisen. Ende der 1960er Jahre war das der sympathische (autonome) Käfer Herbie. James Bond lieferte sich jahrzehntelang Rennen mit den Schergen der Superbösewichte und verhinderte auch aus dem Auto heraus den Untergang der Welt. DisneysCars porträtiert Fahrzeuge als Menschen in Autogestalt. Die größten Filmerfolge feierte allerdings die amerikanischeThe Fast and the Furious -Serie, deren Teil 7 (2015) und Teil 8 (2017) zu den elf erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gehören. Der Facebook-Auftritt der Reihe hat mehr als 60 Millionen Follower, das Musikvideo des siebten Teils,See You Againx , wurde mehr als 3,3 Milliarden Mal angesehen und ist damit wohl der erfolgreichste Videoclip aller Zeiten. Wer sich auf Autokultur einlässt, das belegen diese Zahlen, der ist automatisch Teil einer Gemeinschaft.

Bindeglied und Fluchtmittel

Auf vielfältige Art und Weise ist automobile Abhängigkeit also ein soziales Konstrukt, in dem die Wahl oder Nichtwahl des Autofahrens schon gar nicht mehr frei gegeben ist. Warum bestimmte Aspekte automobiler Kultur auf so große Resonanz stoßen, bedarf aber trotzdem einer weiteren Erklärung. Der Erfolg derThe Fast and the Furious -Filme kann beispielsweise nicht nur mit einer spannenden Handlung erklärt werden. Eine genauere Analyse der Filmcharaktere belegt, dass es sich um traumatisierte Menschen handelt, die schon früh wichtige Bezugspersonen wie Vater oder Mutter verloren haben oder deren Eltern sich nicht für die Kinder interessierten. Das Auto ist nur das Bindeglied der Gruppe, die eigentlich auf der Suche nach Nähe und Gemeinschaft ist.

„Ich habe keine Freunde. Ich habe Familie“, erklärt Protagonist Dominic Toretto. Im Gegensatz zur Freundschaft ist die Familie eine genetische Bindung: Familie ist unauflöslich. Die Suche nach Vertrauen und engen Kontakten ist also das eigentliche Thema der Filme, das so viel Anklang bei einem weltweiten Publikum findet. Diesen Effekt kann es aber nur geben, wenn sich Zuschauer in den Darstellern wiederfinden, entweder weil auch sie Bezugspersonen vermissen oder aus anderen Gründen auf der Suche nach engen sozialen Bindungen sind. Weil die Kinovorbilder ihre Probleme mit dem Auto „lösen“, wird dies auch für ein weltweites Kinopublikum zu einer plausiblen Strategie. Mit dem Auto lässt sich die Vergangenheit überwinden, man ist in Bewegung in Richtung einer anderen, besseren Zukunft. Das Auto ist immer auch ein Mittel der Flucht – vor der Vergangenheit, vor Einsamkeit, vor Hoffnungslosigkeit. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in den USA die Menschen besonders mobil sind.

Auch wenn sich sehr relevante Verbindungen zwischen frühkindlichen Traumata und dem Automobil andeuten, sind diese noch unzureichend verstanden. Auch die Verbindung von Persönlichkeitsmerkmalen, Phobien und Mobilitätsverhalten ist noch in vielen Bereichen ungeklärt. Es ist bekannt, dass aggressive Fahrstile ein Resultat eines hohen Grades an Ärgerneigung sein können, aber auch Ausdruck einer emotional instabilen beziehungsweise narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Das Fahren ohne Ziel, mangelnde Konzentrationsfähigkeit oder Sorgfaltspflicht im Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern kann auf Depressionen oder bipolare Störungen hinweisen.

Schon längst nutzt die Automobilbranche sehr systematisch Ängste, um Fahrzeuge zu vermarkten. Mit dem Auto, so suggeriert die Werbung, können wir konkurrieren und unseren Sozialstatus verbessern, wir werden attraktiver und erreichen unsere Ziele. Ohne Auto zu sein ist dagegen ein Risiko: zu langsam, zu unwichtig, zu alt; die Werbebotschaften füttern eine lange Reihe potenzieller Ängste.

Das Auto, so könnte man zusammenfassen, bietet immer Lösungen, mit ihm sind wir vollkommenere Menschen. Das erklärt auch die eingangs angesprochenen intuitiven Abneigungen gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen, das Verbot großer Wagen oder den Vorrang für Fahrradfahrer. Für viele Menschen ist das Auto identitätsstiftend, eine Erweiterung unserer Persönlichkeit, unserer Möglichkeiten. Daraus entsteht Abhängigkeit. Und diese Abhängigkeit ist nicht intrinsisch. Sie entsteht durch komplexe soziale und psychologische Prozesse. Mit anderen Worten: Wir werden vom Auto abhängig gemacht.
PH

Stefan Gössling ist Professor am Institut für Service-Management der Universität Lund und an derSchool of Business and Economics der Linnaeus-Universität in Kalmar. Seine Forschungsschwerpunkte sind Tourismus und Transport. 2017 ist sein BuchThe Psychology of the Car bei Elsevier erschienen