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Mein Innenleben – dein Problem


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 09.03.2022

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 4/2022

Der Chef einer Abteilung in einer Firma hat ein wichtiges Meeting einberufen. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind pünktlich da, nur der Vorgesetzte nicht. Erst als ihn eine Kollegin anruft, erinnert er sich an das Treffen und er trifft mit deutlicher Verspätung ein. In einem Nebensatz entschuldigt er sich und eröffnet die Sitzung. In den nächsten Minuten kritisiert er plötzlich vor versammelter Mannschaft einen einzelnen Mitarbeiter ungewöhnlich scharf für dessen Arbeitsleistung und Versäumnisse, bis dieser sich ganz klein und bloßgestellt fühlt.

Was ist hier passiert? Etwas an der Reaktion des Vorgesetzten auf sein eigenes Zuspätkommen, an der knappen Entschuldigung und der unerwarteten Kritik an einem Einzelnen vor dem ganzen Team wirkt unangemessen. Das Verhalten deutet darauf hin, dass hier Projektion am Werk ist: der psychische Mechanismus, der die Schablone vieler ...

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... Wahrnehmungsverzerrungen bildet.

Projektionen gehören zu den alltäglichen psychischen Vorgängen und sind ein beliebtes Mittel in unserer psychischen Hausapotheke. Kein Mensch kommt ohne sie aus – der eine mehr, die andere weniger –, mit meist harmlosen Konsequenzen. Doch Projektionen sind nicht selten die Quelle von Konf likten. Und in bestimmten Machtverhältnissen oder gesellschaftlichen Krisen werden sie zum gefährlichen Vehikel von Frustration und Aggression, am bekanntesten wohl in der Gestalt des Sündenbocks.

Doch was sind Projektionen überhaupt? Warum projizieren Menschen? Und geht von Projektionen wirklich nur ein destruktives Potenzial aus?

Die Heftigkeit verrät den projektiven Charakter

Gemeinhin beschreibt der Begriff einen psychischen Vorgang, bei dem etwas Inneres – etwa eigene Gefühle, Wünsche, Gedanken – nach außen gebracht und zum Beispiel einer anderen Person zugeschrieben wird. Es funktioniert wie bei einem Projektor, der einen Film abspielt: der in den Projektor eingelegte Film wäre das innere Bild oder Gefühl, das nach außen auf eine Leinwand, sprich auf eine andere Person projiziert wird. Etwas, das eigentlich im eigenen Inneren seinen Ursprung hat, wird so behandelt, als sei es die Eigenschaft eines oder einer anderen. Man könnte auch sagen: Ein Stück psychisches Innenleben wird zu einem Stück äußerer Realität gemacht. Zunächst nur in der eigenen Wahrnehmung, oftmals aber begleitet von dem Versuch, andere Menschen zu zwingen, sich entsprechend der eigenen Wahrnehmung zu verhalten.

Wie reagiert der Mitarbeiter?

Der Chef kommt als Einziger zu spät zu dem Treffen. Eine Kollegin muss ihn an den Termin erinnern, und so wird er vor der Gruppe als jemand bloßgestellt, der nicht ganz zuverlässig ist und ein selbst anberaumtes Treffen vergisst. Eigentlich eine peinliche Situation, die dem Chef unangenehm ist. Worin besteht nun die Projektion? Der Chef lastet seine unangenehmen Gefühle – unzuverlässig zu sein, vor anderen dumm dazustehen – einem anderen, dem Mitarbeiter an: Dieser Kollege, nicht der Chef, wird nun zu demjenigen gemacht, der etwas versäumt hat, der jetzt vor allen dumm dasteht. Vielleicht gibt es auch ein Stück Realität, an dem sich die Projektion festmacht, etwa weil der Mitarbeiter wirklich etwas nicht gut gemacht hat. Doch die Heftigkeit des Ärgers und die Situation der Bloßstellung verraten den projektiven Charakter: Der Chef bekämpft ein Stück unerwünschtes Selbst, indem er den Mitarbeiter angreift, und bringt es dadurch beim anderen unter: Der Vorgesetzte muss sich nun nicht mehr unzuverlässig fühlen, weil er den anderen für seine Versäumnisse angreifen kann. Die unbewusste Botschaft in der Situation lautet: „Du bist hier der Unzuverlässige, nicht ich!“

Projektionen haben also zum einen eine Entlastungsfunktion für die Person, die projiziert: Ein unangenehmes, beschämendes, unerträgliches Gefühl wird mit ihrer Hilfe beseitigt, nach „draußen geschafft“. In klassisch psychoanalytischer Auffassung würde man sagen: Projektionen dienen der psychischen Abwehr, sind einer der wesentlichen Abwehrmechanismen. Je weniger ein Mensch Gefühle von Unzulänglichkeit oder Schwäche, die ja eigentlich zum normalen Leben gehören, ertragen kann, desto stärker neigt er zur Abwehr dieser Gefühle – weshalb Menschen mit einer narzisstischen (also meist einer stark selbstunsicheren) Persönlichkeitsstruktur häufig eine starke Tendenz zur Projektion haben: dem anderen nahezu alles anzulasten, wofür man sich geradewegs an die eigene Nase fassen könnte.

Zugleich zeigt das Beispiel auch, dass sich im Zuge der Projektion eine ganz bestimmte Beziehungssituation hergestellt hat. Der Chef und der Träger oder das Opfer der Projektion treten in einen ganz bestimmten Kontakt, den man vielleicht als ein Macht-Ohnmacht-Verhältnis bezeichnen könnte. Vielleicht hat der Chef sich selbst zunächst als sehr ohnmächtig empfunden, sich aufgrund seines Versäumnisses ausgeliefert gefühlt. Nun aber stellt er eine Situation her, in welcher der andere ohnmächtig und er mächtig ist. Er macht der anderen Person Angst, um selbst keine Angst fühlen zu müssen, er macht die andere Person klein, um sich selbst nicht klein zu fühlen.

Wie geht es weiter? Entscheidend ist, wie der Mitarbeiter mit der Projektion umgeht. Es könnte sein, dass er sich wehrt, vielleicht weil die Kolleginnen und Kollegen solidarisch miteinander sind. Oder er wird – etwa wenn er sich nicht sehr vor dem Chef fürchtet – ärgerlich und attackiert nun seinerseits den Vorgesetzten. Vielleicht kommt es zu einem ausgeprägten Konflikt. Bis der Chef vielleicht abermals aus einer überlegenen Position heraus konstatiert: „Ich weiß gar nicht, warum Sie sich so aufregen.“

Eine andere Möglichkeit: Der Mitarbeiter schluckt den Ärger hinunter, weil er sich ausgeliefert fühlt. Erst nach dem Meeting lästert er mit den Kolleginnen und Kollegen über den Vorfall. Gerade wenn solche Situationen immer wieder geschehen, könnte es aber auch sein, dass er die Projektion tiefer in sich eindringen lässt. Vielleicht merkt er gar nicht, wie ihm geschieht. Der Angriff des Chefs kommt wie eine Gewalt über ihn: Er fühlt sich tatsächlich ganz klein, schwach, unzulänglich. Womöglich entschuldigt er sich sogar beim Vorgesetzten.

Ist das der Fall, spricht man in der Psychoanalyse von einer „projektiven Identifikation“: das Objekt der Projektion identifiziert sich mit dieser. Der Mitarbeiter fühlt und verhält sich tatsächlich so, als hätte der Chef mit dem Gesagten recht. Vielleicht ist er so verunsichert, dass er wirklich einen konfusen Vortrag hält, der seine Arbeit in einem schlechten Licht erscheinen lässt. Erst dann ist die Projektion des Chefs voll-ständig gelungen. Jetzt hat er das, was er selbst fühlt, vollständig im anderen untergebracht.

Der Chef bekämpft ein Stück unerwünschtes Selbst

Psychoanalytiker nutzen diesen Mechanismus, um auf einer nichtsprachlichen Ebene zu verstehen, wie das Gegenüber sich fühlt. Das Ohnmachtsgefühl, Gefühle von Kleinheit, Wut, Angst, in denen Psychoanalytiker sich in manchen Behandlungssituationen wiederfinden, können einen Hinweis geben, wie ein Analysand sich eigentlich fühlt, was er in sich nicht ertragen kann und deshalb versucht loszuwerden. Es ist im Übrigen aussichtslos, das Gegenüber an solchen Stellen damit zu konfrontieren: „Das, was du mir anlastest, das bist du doch eigentlich selbst“ – denn genau diese Erkenntnis, dieses Gefühl soll durch die Projektion ja verhindert werden, und noch die überzeugendste Argumentation wird zunächst gegen eine Wand laufen.

Man kann aus einer Projektion nicht spiegelbildlich ablesen, welches Gefühl die Person ursprünglich loswerden wollte, dass etwa eine ausgeprägte und unbegründete Eifersucht immer für eigene Fremdgehwünsche steht. Die psychischen Bearbeitungsprozesse, die einer Projektion zugrunde liegen, sind deutlich komplexer und bei jedem Menschen individuell unterschiedlich. Dennoch gibt es kollektive Projektionen, die gewisse psychische Grundthemen zum Gegenstand haben, einen kleinsten gemeinsamen Nenner an unangenehmen Eigenschaften, die gerne anderen angelastet werden: Macht, Gier, Geltungsdrang, Aggression, Neid, sexuelle Frustration. Diese sind der Kern vieler kollektiver Vorurteile, paradigmatisch etwa des Rassismus oder Antisemitismus, wo ganzen Gruppen diese schlechten Eigenschaften angelastet werden. Sie sind manchmal fast in grotesker Banalität gezeichnet, aber gerade das macht ihren Erfolg aus: eine Art Trash-Kino psychischer Konf likte.

Der böse Mann, die dumme Puppe

Wichtig für ein Verständnis projektiver Mechanismen ist ihr entwicklungspsychologischer Hintergrund. Projektionen verweisen auf eine Denkwelt, in der Innen und Außen noch nicht klar voneinander getrennt sind. Eine innere Angelegenheit wird so behandelt, als sei sie eine äußere. Aus der Entwicklungspsychologie, etwa den Arbeiten des berühmten Entwicklungspsychologen Jean Piaget, ist bekannt, dass die Trennung zwischen innerem Erleben und äußerer Wahrnehmung nichts Selbstverständliches ist. Es handelt sich um eine psychische Leistung, die Kinder erst mühsam erwerben müssen.

In der sogenannten Mentalisierungstheorie, einem der zentralen Konzepte der modernen Psychoanalyse, spricht man auch vom „psychischen Äquivalenzmodus“, der für Kinder bis etwa zum fünften Lebensjahr charakteristisch ist: Inneres psychisches Erleben und äußere Wirklichkeit werden nicht unterschieden, sie sind gleich (äquivalent), das innere Erleben erhält fortlaufend seinen Auftritt im wahrgenommenen Außen. Die Wut im Bauch wird zum bösen Mann, der unter dem Bett liegt; die Angst vor dem Alleinsein zum Geist, der ans Fenster klopft; das unangenehme Gefühl, dass einem etwas nicht gelungen ist, zur dummen Puppe, die ausgeschimpft wird. Es ist eine Zeit, in der die Dinge, die physikalische Welt, belebt sind: nämlich mit den eigenen Projektionen, dem, was das Kind eigentlich innerlich beschäftigt. Nur dass Projektionen hier nicht allein der Abwehr in einer psychischen Notsituation dienen, sondern gewissermaßen ein normales Weltverhältnis in diesem Alter beschreiben. Deshalb muss man Kindern, beispielsweise in Kindertherapien, nur beim Spielen zuschauen, um eine Idee zu bekommen, was sie im Augenblick beschäftigt – und mitspielen, um mit dem Kind in Kontakt zu kommen.

▶ Attribution Der Begriff Attribution stammt aus der Sozial-und der Motivationspsychologie und bedeutet „Ursachenzuschreibung“: Wir versuchen häufig, unser eigenes und das Verhalten anderer zu erklären. So glauben wir vielleicht, dass wir uns nicht genug angestrengt hätten – oder vermuten, dass ein Erfolg auf eigene Leistung zurückzuführen ist. Sehen wir Fehler der anderen, kann es sein, dass die Zuschreibung auf einer Projektion beruht, weil wir eigenes Misslingen nicht aushalten können

Im Verlauf der Entwicklung tritt dieser Denkmodus meist in den Hintergrund, ohne je ganz zu verschwinden. Letzteres ist auch gut so, denn eine Welt, in welche die Menschen keinerlei Projektion legen, ist eine entzauberte, kalte und seelenlose Welt – und auch eine Welt, die man nach Belieben formen und ausnutzen kann: Ein Wald, der nicht auch ein wenig „beseelt“ ist, ist dann vielleicht nur eine Ansammlung von Holz mit einem bestimmten ökonomischen Nutzwert. Psychoanalytiker sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer „benignen“, also gutartigen Projektion: Etwas von sich im anderen wiederzuerkennen ist allemal die Basis von Empathie. Dies ist auch der Fall, wenn Eltern ein Stück der eigenen unerfüllten Träume in ihren Kindern erfüllt sehen, ohne auf sie neidisch zu werden.

Entscheidend in der Kindesentwicklung ist, dass die Rücknahme von Projektionen, das Wachsen einer abgegrenzten psychischen Innenwelt (in der Mentalisierungstheorie spricht man auch von einem „ref lexiven Denkmodus“) nicht einfach ein automatisch ablaufender Prozess ist, sondern auf bestimmten Beziehungserfahrungen beruht. Je mehr Kinder Sicherheit in Bezug auf ihr eigenes Selbst gewinnen, ein Gefühl dafür, wer sie sind und was sie können, desto stabiler werden auch die Grenzen des eigenen Selbst. Projektionen werden entzaubert, weil die unaushaltbaren Gefühle irgendwann als die eigenen erkannt und ausgehalten werden, denn sie bedrohen das eigene Selbst nicht mehr fundamental. Aus „Der böse Mann ist unterm Bett“ wird irgendwann: „Ich bin furchtbar ärgerlich.“

Unerträgliche Gefühle nach außen schaffen

Dazu müssen Kinder die Sicherheit entwickeln, dass in ihnen genügend Gutes, Liebenswertes ist, sie deshalb auch negativen Gefühlen Raum geben können, diese nicht vom eigenen Erleben abspalten und nach außen verlagern müssen. Diese Sicherheit entsteht durch die Erfahrung, von den anderen, meist zunächst den Eltern gesehen, geliebt und in dem, was das ganz eigene Wesen ist, anerkannt zu sein. Die eigene Ich-Stärke, das Ich-Gefühl beruht letztlich auf zwischenmenschlichen Resonanzerfahrungen.

Je brüchiger diese Erfahrungen sind, je mehr Kinder (oder später Jugendliche) in ihrer Entwicklung das Gefühl gewinnen, nicht gut zu sein, wie sie sind, bestimmte Gefühle nicht haben zu dürfen, ohne die Ablehnung oder Missachtung der anderen auf sich zu ziehen, desto fragiler wird dieses Selbstgefühl, desto anfälliger für Krisen. Das Ich ist leicht verunsicherbar, kann – wie im Beispiel des Chefs – negative Erlebnisse und Gefühle kaum aushalten. Der Vorgesetzte fühlt sich in unserer Beispielsituation vielleicht nicht nur beschämt oder in einer peinlichen Lage, sondern in seinem Selbstgefühl existenziell bedroht. Etwas, das für jemanden mit einem stabilen Selbstgefühl unangenehm ist, wird für jemanden mit einem sehr fragilen Selbstgefühl unaushaltbar.

Von inkompetenten Menschen verfolgt

Nicht immer muss diese Verunsicherung ihre Wurzeln allein in der Kindheit haben. Gesellschaftliche Krisen und sozialer Wandel haben das Potenzial, diffuse Ängste freizusetzen. Kann ich mich wirklich auf andere verlassen? Wollen mir andere wirklich etwas Gutes? Sind staatliche Organe, Polizei, Medien mir wirklich freundlich gesonnen, ehrlich in ihren Absichten, oder droht gerade hier die Gefahr? Manchmal rühren solche Verunsicherungen an durchaus reale Erfahrungen, an Wunden, die ihren Ort in der eigenen Geschichte oder der Geschichte der Familie haben. Gesellschaftliche Krisen können einen neuralgischen Punkt aus der Vergangenheit tangieren und vermögen es, traumatische Angst aufzuwühlen.

Projektionen sind in diesem Zusammenhang ein Weg, das eigene Ich-Gefühl wieder zu stärken, indem eine recht grobe Grenze gezogen wird: Innen ist das Gute, außen ist das Schlechte. Projektionen schaffen innerlich Ordnung, vermitteln zumindest kurzweilig die Gewissheit, gut zu sein, indem man das Schlechte, Bedrohliche, Böse anderen anlastet. Eine gespaltene Welt, aber immerhin eine, die eine klare Struktur hat. Dabei kann der Mechanismus der Projektion von unterschiedlichen Quellen in Anspruch genommen werden, je nachdem mit welchem Thema eine Person ringt: Die Projektion kann der Stabilisierung des Selbstwertes dienen, der Vermeidung von Neidgefühlen, der Abwendung einer tiefen Frustration, der Kanalisierung von Wut, dem Umgang mit traumatischer Angst.

Stets bezeichnen Projektionen aber einen psychischen Regulationsversuch in einer (zumindest gefühlt) bedrohlichen Lage für das Selbst, sind manchmal geradewegs ein Überlebensversuch: Unerträgliche Gefühle nach außen schaffen, wie ein Ertrinkender versucht, Wasser auszuspucken.

Ein Rettungsversuch, der allerdings auf Kosten der anderen geht. Ohne dieses seelische Drama ist die Hartnäckigkeit und Vehemenz, mit der manche Menschen anderen negative Eigenschaften zuschreiben, kaum zu verstehen. Projektionen haben häufig aber auch einen heimlichen Lustcharakter, haben etwas mit Sehnsüchten und Begierden zu tun. Menschen, die stark projizieren, hängen mit einer manchmal obsessiven Leidenschaft an den Personen und ihren vermeintlich bösen Machenschaften, die sie angeblich so verachten.

Das Problem dabei: Es sind eben doch die eigenen Gefühle. „Der böse Mann“ unter dem Bett (oder wo immer man ihn sehen mag) ist letztlich auch ein Selbstanteil. Eine Projektion kann ein Gefühl eben nicht verschwinden lassen, sondern nur zeitweilig nach draußen abschieben. Das, was man aus der eigenen Seele ausgeschafft hat, begleitet einen mitunter wie ein böser Spuk. Immer wieder etwa begegnen dem Vorgesetzten aus unserem Beispiel Menschen, die vermeintlich unzulänglich sind, immer wieder gerät er in denselben Konflikt, so dass er sich schon von lauter inkompetenten Leuten verfolgt wähnt. Tatsächlich: Wie in einem Verfolgungstraum kann man sich nicht von dem Verfolger lösen, da man es selbst ist; zugleich kann man sich nicht von der Projektion lösen, da man es selbst nicht sein will.

So wie ein Ertrinkender versucht, Wasser auszuspucken

Menschen, die viel projizieren, ziehen viel Ärger auf sich. Die Opfer der Projektion wehren sich meist zu Recht, lassen sich aber auch oft von den verschobenen Gefühlen anstecken; werden etwa selbst wütend, aggressiv, beleidigend und entwertend. So verständlich ärgerliche Reaktionen auch sind – sie verstärken letztlich einen Teufelskreis, denn gerade der Unmut der anderen treibt das verunsicherte Selbst noch stärker in die projektive Abwehr.

Eine Diskussion über den Wahrheitsgehalt von Projektionen ist meistens sinnlos, führt in Scheindebatten. Es geht eigentlich um etwas anderes. Für einen Umgang mit Projektionen kann ein Prinzip psychoanalytischer Therapien durchaus eine hilfreiche Orientierung sein: Versuchen, einen Gesprächsraum zu öffnen, in dem über die wahren Erfahrungen und Gefühle gesprochen werden kann. In therapeutischen Prozessen gilt: Projektionen werden zurückgenommen, wenn sich Menschen verstanden fühlen, echte Selbstsicherheit gewinnen und das Gefühl, vom Therapeuten gesehen und anerkannt zu sein. Oftmals kann erst dann über schmerzhafte, beschämende und schwer erträgliche Seiten des eigenen Erlebens gesprochen werden.

Auch in alltäglichen Gesprächen und Auseinandersetzungen ist es häufig hilfreich, über die eigene Erfahrung zu sprechen, uns unsere Geschichte zu erzählen und einander wirklich zuzuhören. Oftmals werden dadurch viele Dinge verständlicher: warum jemand so empfindet, wie er empfindet. Auch wenn es nur manchmal gelingt: Wir sollten nicht aufhören zu versuchen, uns gegenseitig zu verständigen. Ob die sozialen Medien dafür den richtigen Rahmen bieten, ist allerdings eine andere Frage.

Jakob Müller ist Psychologe, Psychoanalytiker und Psychotherapeut am Universitätsklinikum Heidelberg und dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden. Gemeinsam mit Cécile Loetz betreibt er den Podcast „Rätsel des Unbewußten“ (psy-cast.de), der 2018 den Förderpreis der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung gewonnen hat