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MEIN LEBEN ALS SELBSTOPTIMIERERIN: … und täglich 100 Sit-ups


Happy Way - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 06.12.2018

Schon als Kind wusste ich: Ich bin nicht perfekt – und dass sich das ändern muss, damit andere mich mögen. Ich gab mir so viel Mühe, dass später meine Ehe scheiterte und ich lernte: Liebe kommt, wenn wir loslassen


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Bildquelle: Happy Way, Ausgabe 1/2019

Neulich beim Ausmisten fiel mir mein altes Tagebuch in die Hände. Mit bunter Hülle und aufgebrochenem Schloss. Dort hatte ich alle Geheimnisse aufgeschrieben, die mich als 13- bis 15-Jährige beschäftigten und die schließlich kontrolliert werden würden. Halb verzückt, halb entsetzt blätterte ich darin. War ich damals wirklich so verknallt in diesen Toni? Und wie viele Gedanken kann man sich ...

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... eigentlich über die Meinung anderer Leute machen?

Alles, nur um gemocht zu werden

Dass es für Teenager kaum etwas Wichtigeres gibt, als von Gleichaltrigen angenommen zu werden – geschenkt. Mit welchem Elan ich jedoch versuchte, die Gunst anderer zu erwerben, war bemerkenswert. „Armes Mädchen“, dachte ich, während ich zu den Tabellen blätterte, die ich in meinem Tagebuch angelegt hatte. Dort hatte ich systematisch alles vermessen, was damals neu war: Häufigkeit und Dauer meiner Menstruation, die Veränderung meines Körpers gemessen an Brust-Taille-Hüfte. 90-60-90, so sehr ich mich anstrengte, dieses Ziel erreichte ich nicht, obwohl es doch den perfekten Frauenkörper auszeichnen sollte. Also sprang ich auf dem Mini-Trampolin in meinem Kinderzimmer auf und ab, stundenlang, fuhr täglich 30 Kilometer mit dem Fahrrad und machte morgens nach dem Aufstehen erst einmal 100 Sit-ups. Das hat durchaus auch Gutes. Meine muskuläre Mitte habe ich damals so gestärkt, dass sie mich auch heute noch aufrecht hält, wenn ich mal wieder einen ganzen Tag am Schreibtisch verbringe. Ich katalogisierte aber nicht nur mich selbst, sondern auch die Reaktionen der anderen Jugendlichen auf mich. Ob aus der Schule oder Nachbarschaft: In wöchentlichen Abständen kreuzte ich an, wie nett sie mich wohl gerade fanden. Dann ersann ich Maßnahmen, um die Werte in dieser Tabelle gegebenenfalls wieder zu verbessern. Ob ich damals krampfig rübergekommen bin? Vermutlich. Gerne würde ich glauben, dass Lichtjahre zwischen diesem beinahe panischen jungen Mädchen und mir als erwachsener Frau liegen. Heute bin ich doch souverän, locker, mache mein eigenes Ding und die Meinung anderer Leute ist mir weitgehend egal. Ist das wirklich so?


Das muss alles besser laufen!


Nichts erkennt man so schwer wie sich selbst, weil man einfach zu nah dran ist. Tabellen und Listen begleiten mich weiter durch mein Leben, so teile ich meine Zeit ein. Im Job hat mir meine durchorganisierte Art viel gebracht. Ich gelte als verlässlich, akribisch, korrekt. Das ist gut und das soll so bleiben. Aber was im Job eine Tugend ist, kann privat zum Hindernis werden. Denn ein echter Feierabend fällt mir schwer.
Immerhin schon leichter als mit Anfang 20. Damals fing mein Gehirn erst recht an zu rasen, wenn ich meine Sachen auf dem Schreibtisch zusammenpackte. „Brauche Input, brauche Input“, schrie es dann und wollte sich doch nur selbst nicht fühlen. Ich verschlang hunderte Ratgeber in meiner Freizeit. Thema: Wie werde ich schöner, klüger, lustiger, annehmbarer?
Zu dieser Zeit lernte ich meinen späteren Ehemann kennen. In meinem Tagebuch legte ich neue Listen an, Überschrift: „Wie werde ich eine bessere Ehefrau?“ Ich nahm mir vor, fleißiger zu sein, ordentlicher und besser zuzuhören. Zwei Jahre später wurde unser Baby geboren. Wenn ich es stillte, führte ich gleichzeitig Interviews für meine journalistischen Reportagen am Telefon. Mein Kind war dabei planbar eine halbe Stunde lang zufrieden und ruhig. Am anderen Ende der Leitung hat es tatsächlich nie jemand gemerkt. Ich war effizient. Aber nur selten nahm ich mir die Zeit, diese wunderbaren Mutter-Kind-Momente einfach zu genießen. Sie bewusst aufzusaugen und abzuspeichern, zumal sie zu den kostbarsten Erinnerungen meines Lebens gehören würden.

Lieber vorsichtig als spontan

Mein Mann mochte es gerne sauber. Ich strengte mich an, kroch schließlich bis zu sieben Mal am Tag auf Knien mit einem Schwamm über den Fußboden unserer Wohnung, weil das gründlicher war, als den Wischmopp zu benutzen. „Du musst mehr schrubben“, das hatte mir schon als Kind mein Vater in der Küche eingebläut. Doch egal, wie sehr ich es versuchte, das Ergebnis war nie gut genug. Immer fand sich noch ein Krümel, ein Staubkorn. Es kam der Tag, an dem ich, damals 26 Jahre alt, vor der Waschmaschine zusammenbrach und nicht mehr aufstehen konnte.
Ich war ausgemergelt, hatte abgenommen, weil ich vor Stress nicht mehr essen konnte. Mit 48 Kilo auf 168 cm, leistungsorientiert und gefallsüchtig hatte ich den Karren an die Wand gefahren – und musste mir selbst eingestehen: Trotz Druck von außen war ich es letztlich höchstpersönlich selbst gewesen. Selten hatte ich eigene Bedürfnisse angemeldet oder im Umgang mit anderen einfach mal spontan statt übervorsichtig reagiert. Zum Teil lag das daran, dass ich von meinen Gefühlen abgeschnitten war, während ich die der anderen ins Zentrum meines Lebens gerückt hatte. Zum anderen hatte ich Angst vor Konsequenzen. Wenn ich nicht perfekt bin und das tue, was von mir verlangt wird, dann wird mich niemand lieben. Alle werden sich von mir abwenden, so meine Fantasie. Sie hätte nicht ferner von der Wahrheit liegen können.


Lauter gute Vorsätze


Der Leitsatz war: „Nimm dich zurück“

Dass ich perfekt sein müsste, um geliebt zu werden, schien mir die Lebenserfahrung zu bestätigen. Nachdem meine streng gläubigen Eltern das eingangs erwähnte Teenie-Tagebuch geknackt hatten, hatten sie mich nämlich fortgeschickt. Angesichts meiner sündigen Gedanken bezüglich meines Schwarms erschien ihnen ein Mädcheninternat in England der richtige Ort für mich. Es war eine kalte Atmosphäre, in der ich die letzten drei Jahre meiner Schulzeit verbrachte. Durchgetaktet und blutarm, mit einer sogenannten Hausmutter für 150 Kinder. Die Socken der Uniform mussten stets exakt bis zu den Knien hochgezogen sein, Emotionen jeglicher Art waren unerwünscht. Sogar fürs fröhliche Summen wurde ich einmal abgemahnt. Man lernte, sich zurückzunehmen.

Innen drin wohnt eine freie Frau

Wie soll man wissen, wer man ist, wenn man nie sein darf, wie man ist? Zum Glück haben wir spätestens als Erwachsene die Möglichkeit, uns selbst zu entdecken, auch wenn es Mut erfordert, die Mauern im Herzen umzustoßen und Gefühle, die jahrelang gedeckelt waren, erst einmal zu fühlen. Das ist nicht ohne – und doch so lohnenswert.
Mein Mann und ich hatten uns in unseren Rollen verrannt und so gaben wir die Ehe wieder auf. Ich war nicht traurig, auch wenn ich natürlich geweint habe. Doch an dem Tag, an dem ich auszog, hüpfte ich auf dem Bett in meiner neuen Wohnung auf und ab vor Freude. Endlich würde ich „ich selbst“ sein! Tatsächlich waren mir inmitten meiner Ratgeber-Literatur zwei Werke in die Hände gefallen, die mein Leben verändern sollten. Mit „Unvollkommen glücklich und frei: Die Kraft des Selbstbewusstseins“ pflanzte mir Autor Christophe André erstmals den Gedanken der Nachsicht in mein gestresstes Gehirn. Nachsicht mit mir selbst, getragen von Selbstachtung. Der Wunsch, von anderen Nachsicht zu erfahren. Und die Erkenntnis, mich mehr mit Menschen zu umgeben, denen ein solcher Umgang einigermaßen leichtfällt.
Hinzu kam ein Standardwerk der Frauenpower-Literatur: „Die Wolfsfrau: die Kraft der weiblichen Urinstinkte.“ Anhand der verborgenen Aussagen von Mythen und Märchen zeigt die Autorin Carola Pinkola Estés, wie wir Kontakt mit der starken, freien Wölfin in uns aufnehmen und ihrer Weisheit folgen. Es geht darum, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, spielerisch Dinge auszuprobieren und zu unserer wilden Seele zurückzukehren. „Man selbst zu sein führt oft dazu, dass wir ins Exil geschickt werden. Doch nach den Vorstellungen anderer zu leben, hat zur Folge, dass wir uns selbst ins Exil schicken“, schreibt die kluge Psychoanalytikerin. Wie wahr.
Ein kleiner Rückzug auf Zeit barg für mich unerwartete Geschenke. Ich begann, wieder meine innere Stimme zu hören und sah die Dinge klarer. Bis hierhin war alles hart gewesen: das Leben, die anderen, ich selbst. Doch nun keimte ein Samen der Weichheit und Hingabe in mir.
Mein Kind zu erfahren, half dabei. Bei jeder süßen Tollpatschigkeit ging mir das Herz auf und ich liebte es bis auf den Grund meiner Seele und weit darüber hinaus. Ich begriff, dass ich es liebte, obwohl es bei aller ihm eigenen Perfektion unperfekt war. Meine Schale knackte, auch anderen gegenüber. Ich entspannte mich.

Unperfekt lebt es sich lustiger

Heute umgebe ich mich mit friedlichen, freundlichen Menschen, wann immer ich kann. Lache über meine Fehler. Bin durchschnittlich in meiner Erscheinung, Haushaltsführung und als Partnerin. Schaff e einiges, lasse vieles liegen und esse für mein Leben gern. Mein Sohn ist schon recht groß, aber mit seiner unbeschwerten Art immer wieder ein großer Quell der Freude. Das junge Mädchen, das noch in meinem Inneren wohnt, nehme ich immer mal wieder gedanklich in den Arm. „Du bist genug“, flüstere ich ihr dann zu – und wir beide beginnen, es immer mehr zu glauben.


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