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Mein Leben mit Bayern


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 34/2022 vom 24.08.2022

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 34/2022

Am 1. Mai 1979 wurde Hoeneß mit 27 Jahren beim FC Bayern der jüngste Manager der Bundesliga-Geschichte. Zuvor wollte der Klub eigentlich Rudi Assauer verpflichten

„Am Anfang verdiente ich 10 000 Mark im Monat und sollte 50 Prozent aller Geschäftsabschlüsse bekommen“

„Ich habe versucht, die Jungs nach meiner Fassung zu erziehen. So wie ein Vater“

Fast drei Jahre befindet sich der „Mister FC Bayern“ jetzt im Ruhestand. Kein Stürmer mehr (1970 bis 1979), kein Manager mehr (1979 bis 2009), kein Präsident mehr (2009 bis 2014 und 2016 bis 2019). So richtig Ruhe hat Uli Hoeneß (70) dennoch nicht gefunden in seinem Landhaus mit traumhaftem Blick auf den Tegernsee, wo es so nach Urlaub riecht. An was denkt dieser Mann im Unruhestand gerne zurück? Was bewegt ihn nach wie vor als Ehrenpräsident, als Aufsichtsrat? Als Erfinder seiner Nachfolger Herbert Hainer (68/Präsident), Oliver Kahn (53/Vorstandsvorsitzender) und Hasan „Brazzo“ Salihamidzic (45/Sportvorstand)? Im Interview mit SPORT BILD streift er die wichtigsten Punkte einer Laufbahn, die viele Bücher füllen ...

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... würden. Und gibt erstmals Einblicke, was so alles hinter den Kulissen lief.

60 Jahre Bundesliga Unglaubliche Geschichten

TEIL 8

SPORT BILD: Herr Hoeneß, hinter dem FC Bayern liegen trotz der zehnten Meisterschaft in Folge unruhige Monate und Jahre. Sie sehen dennoch glücklich aus.

„Ich sagte zu Hasan Salihamidzic: ‚Wenn wir Mané kriegen, könnt Ihr ihn ohne Erlaubnis kaufen!‘“

ULI HOENESS: Als ich während der Pandemie die Eltern mit ihren Kindern, mit Rucksäcken bepackt, zu Tausenden habe vorbeiwandern sehen, als die „Schickeria“ (einflussreiche Ultra-Gruppierung des FC Bayern; d. Red.) und viele andere Angst hatten, weil es kein Wochenendspiel mehr gab, weil der Lebensinhalt weg war, weil sich die Fans umorientierten zur Familie und zu Freunden, da habe ich bezweifelt, ob sie mit Knopfdruck alle wieder zurückkommen. Und jetzt ist das Gegenteil der Fall. Die Begeisterung ist noch größer geworden. Das ist verrückt. Die Hölle ist los. Im Moment sind alle Befürchtungen weg. Und immer noch neigen wir dazu, alles schlechtzumachen. Vor allem in manchen Medien kommt es so rüber. Das kotzt mich richtig an. Weil ich der Meinung bin, dass es unsere Regierung unter den gegebenen Voraussetzungen sehr gut macht.

Es hat Sie auch angekotzt, dass Ihre Nachfolger schlechtgemacht wurden. Vor allem „Brazzo“ Salihamidzic.

Bei unserem 6:1 in Frankfurt habe ich mich wahnsinnig gefreut. Wie wenn ich noch unten sitzen würde. Ein Traum, wenn du siehst, dass es wieder weitergeht mit dem FC Bayern. Ich bin nicht derjenige, der aufhört und sagt: „Du warst gut. Alles andere ist Scheiße.“ Im Gegenteil: Ich war und bin sehr interessiert, dass es die Nachfolger gut machen.

Der große Spielmacher und Denker Günter Netzer sagt: „Uli Hoeneß hätte auch jeden anderen Verein nach oben geführt.“ Hat er recht?

Um einen Verein so erfolgreich zu führen, gehört eine unglaubliche Leidenschaft dazu. Ob ich diese Leidenschaft, die ich für den FC Bayern hatte, der mir schon als Spieler alle Möglichkeiten gegeben hat, auch anderswo entwickelt hätte, das weiß ich nicht.

Auch nicht für so einen kultigen Klub wie Union Berlin?

Union? Sehr erfolgreich, sehr sympathisch. Mir gefällt das. Die machen einen Superjob. Das ist jedoch ein anderes Konzept. Damit kann man nicht die Champions League gewinnen.

Die Nähe zu den Fans, wie sie Union Berlin praktiziert, brach zum Saisonstart auch im Bayern-Block in Frankfurt durch.

Als ich das Bild von Sadio Mané mit dem Megafon sah, konnte ich es nicht glauben. Wie meine Freunde von der „Schickeria“ damit umgehen, ob sie die Nähe der Spieler zulassen, da bin ich gespannt. Ich kenne da ein paar starke Ultras, die sagen „Ja, WIR sind der Verein.“ Der Sadio ist sowieso der Hammer. Als Hasan den Transfer im Aufsichtsrat erwähnt hat, habe ich gesagt: „Wenn wir den kriegen, könnt ihr ihn ohne unsere Erlaubnis kaufen!“ Dass der Hasan das geschafft hat, ist ein Meisterwerk. Mané trinkt keinen Alkohol, sein ganzes Leben besteht aus Fußball. Das ist ein Traum für die Mannschaft und für unsere Außendarstellung.

Bis die Ultras doch noch dazwischenfunken?

Wenn es Mané gelingt, die Verbindung zu den Ultras herzustellen, dass die gar nicht mehr anders können, kommt mir das vor wie einst in der österreichischen Monarchie, als es hieß: “Bella gerant alii, tu felix Austria nube.“ Lass die anderen Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate. Mit dieser Politik des Heiratens wurde Österreich ein Weltreich.

Als Sie Präsident Wilhelm Neudecker 1979 fragte, ob Sie Manager werden wollen – denn der Spieler Hoeneß musste mit Knieproblemen aufhören, war nur noch ein paar Monate zum 1. FC Nürnberg ausgeliehen –, haben Sie den verschuldeten FC Bayern auch zu einer Art Weltreich gemacht. Wie haben Sie das geschafft?

Wir alle, nicht der Hoeneß alleine. Ich verdiente damals 10 000 Mark im Monat und hätte 50 Prozent von allen Geschäftsabschlüssen bekommen. Ich habe einen Werbevertrag nach dem anderen angeschleppt. Nach einem Jahr bin ich zum Präsidenten gegangen und habe gesagt: „Herr Neudecker, können wir das nicht ändern? Der Verein geht ja sonst pleite.“ Normal wären zehn oder 15 Prozent Beteiligung gewesen. Ich hatte dann ab sofort gar keine Beteiligung mehr.

Also auf Millionen verzichtet. Was verdienten Sie dann?

Weiß ich nicht mehr. Wir nahmen von unseren Sponsoren jedenfalls viel Geld ein. 750 000 von Iveco, 1,5 Millionen von Commodore, 4,5 Millionen von Opel, alles meine Handschrift, ehe ich mit Karl-Heinz Rummenigge bei der Telekom sehr aktiv wurde. Die sind mehr als glücklich, der FC Bayern auch. Eine Win-win-Situation. Das ist das Ziel.

Bayern hat mit der Telekom gerade bis 2027 verlängert. Angeblich von 45 auf 50 Millionen jährlich. 1989 dagegen tobte ein erbitterter Streit. Schatzmeister Kurt Hegerich wollte die Münchner Paulaner-Brauerei auf der Bayern-Brust sehen, Sie die Amerikaner von Opel, die viel mehr zahlten.

Deshalb schrieb ich meine Kündigung. Weil ich mit Opel schon klar war und General Motors, die Mutterfirma, darauf bestand.

„Es gehörte zu meiner Linie, nach außen lieber die anzugreifen, die glauben, oben zu sein“

Kündigung? Interessant. Sie setzten sich damals durch. Mittlerweile hält Audi 8,33 Prozent der Bayern-Anteile. Hat es Ihnen missfallen, dass nicht alle Spieler im Audi-Dienstwagen zum Training vorfuhren? Robert Lewandowski kam oft im noblen Bentley. Kingsley Coman bevorzugte den sportlichen Lamborghini

Nein. Audi hat damit kein Problem. Denn Bentley gehört zum Konzern, Lamborghini ebenfalls. Da ist keiner stocksauer, wenn ein Spieler mit einem anderen Auto kommt.

Früher hatten Sie Probleme damit, wenn z. B. Bastian Schweinsteiger mit gefärbten Haaren ankam. Oder mit schwarz gefärbten Fingernägeln. Franz Beckenbauer meinte sogar, man solle ihm die mit der Beißzange runterziehen.

„Bei Deisler haben wir bis zum letzten Moment menschlich gehandelt“

„Es gibt fast keinen Verein in der Bundesliga, dem von uns nicht geholfen wurde“

„Trapattoni fühlte sich bei uns seiner größten Waffe beraubt – der Sprache“

Ich habe versucht, das zu regeln, die Jungs nach meiner Fassung zu erziehen. So wie ein Vater. Manchmal hat es geholfen, manchmal nicht.

Sie haben dem FC Bayern bei allem Größenwahn im Fußball seine menschliche Note bewahrt. Superstars wie Xabi Alonso betonen das immer wieder.

Ich war immer Teil der Mannschaft. Wenn Schnee fiel und es noch keine Rasenheizung gab, habe ich beim Freischaufeln mitgeholfen, geschwitzt wie ein Schwein, da habe ich bis heute noch Kreuzschmerzen. Ich habe mit den Spielern Schafkopf gespielt, ihre Stollen angeschraubt, mit ihnen vor dem Spiel in der Kabine den Ball hochgehalten, zur Halbzeit war ich immer ganz nah dran. Das wäre schwierig heute, weil darüber in epischer Breite berichtet würde.

Sie boten Spielern in Lebenskrisen aktive Hilfe an, Mehmet Scholl z. B., bei Ihnen als Pflegesohn einzuziehen. Wem halfen Sie noch?

Sebastian Deisler (von 2002 bis 2007 bei Bayern; d. Red.) brauchte Hilfe. Als er an Depressionen erkrankt war, haben wir bis zum letzten Moment menschlich gehandelt. Obwohl wir viel Geld verloren, haben wir ihn und seinen Berater auch die letzten drei Jahre weiterbezahlt, obwohl wir vor Gericht hätten streiten können. Menschlichkeit heißt, auch mal großzügig sein, Schwächen zu tolerieren, was zunächst nicht zum Vorteil des Klubs war. Zu zeigen, dass Bayern München eben kein Söldnerverein ist. So was spricht sich rum.

Was jetzt auch Salihamidzic zugutekam?

Die Spieler unterhalten sich. Matthijs de Ligt hat mit Arjen Robben und Søren Lerby gesprochen, ehe er von Juventus zu uns kam. Ein Sadio Mané weiß, wie ein FC Bayern tickt. Die Franzosen unterhalten sich untereinander. Als wir Franck Ribéry holten, sagte ich Bixente Lizarazu und Willy Sagnol, sie sollten ihn mal anrufen. Dass wir ein familiärer Klub sind, dass es bei uns menschlich zugeht, weiß mittlerweile ganz Europa. Mit Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic hat es eine Zeit lang gedauert, doch jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass auch bei den beiden Bayern kein Söldnerverein ist, wo die Spieler nur des Geldes wegen spielen. Wobei München natürlich auch einen großen Vorteil hat als Stadt. Davon könnte die Liga auch in den nächsten Jahren profitieren.

Sieht aus, als wäre das Ihr Lebenswerk?

Das sollen andere beurteilen. Es war mein Ziel, dass aus einem Fußballverein ein großer Klub geworden ist, bei dem es den Leuten Spaß macht zu arbeiten. Nicht nur den Spielern, auch den Masseuren, den Angestellten. Es gehörte zu meiner Linie, nach außen lieber die anzugreifen, die glauben, oben zu sein. Denjenigen dagegen, die schwach sind und am Boden liegen, zu helfen.

So wie einst Dortmund, St. Pauli, Schalke?

Es gibt fast keinen Verein in der Bundesliga, dem von uns nicht geholfen wurde. Rostock, Cottbus, Magdeburg. Allein die Tatsache, wie populär der FC Bayern in St. Pauli ist, da kann er stolz drauf sein. Dass es uns mit dieser Maßnahme, denen in größter Not zu helfen, gelungen ist, die Meinung über den ganzen Klub entscheidend zu verändern. Ich freue mich auch wahnsinnig über den Erfolg des 1. FC Kaiserslautern. Ich kann mich entsinnen, dass sie dort vor drei Jahren am Saisonende 700 000 Euro eingenommen haben, weil ich mich unglaublich dafür eingesetzt habe, dass wir dort fast komplett noch mal angetreten sind, was nicht alle Spieler verstanden haben.

Es gab auch dunkle Stunden in Ihrer Laufbahn, wie z. B. Ihren Flugzeugabsturz am 17. Februar 1982 in Hannover, den Sie mit Lungenverletzungen als einziger der vier Passagiere überlebten. Haben Sie das wirklich so weggesteckt, wie es rüberkam, als Sie einige Tage später nach München zurückkamen? Im Flieger!

Das war ein Test: Wie ist es, wenn ich in einen Flieger steige? Wie sollte ich den Job weitermachen, ohne zu fliegen? Ich hätte alles aufgeben müssen. Nach ein paar Wochen war ich dann in der Tretmühle wieder drin. Habe jedoch die Konsequenz gezogen, dass ich nicht mehr in kleinen Maschinen fliege.

Ist die Angst völlig weg?

Bei Wacklern habe ich kein Problem. Doch wenn es im Anflug auf München fünf Minuten Verwirbelungen gibt, habe ich natürlich mehr Angst als früher.

Trainer haben gemeinhin Angst vor ihrem Präsidenten, dass sie gefeuert werden. Bei Ihnen mussten sie damit rechnen, dass sie noch mal kommen müssen: Giovanni Trapattoni und Ottmar Hitzfeld waren zweimal da, Jupp Heynckes sogar viermal.

Es war damals nicht so wie heute, dass man einen Trainer nach zwei Niederlagen gleich rausschmeißt. Damals hat man versucht, Menschen, die man mag und von denen man überzeugt war, dass sie gute Arbeit leisten, zu halten. Deshalb war ich immer wild entschlossen, den Giovanni (Trapattoni; d. Red.) so lange wie möglich an uns zu binden.

„Unvergessen bleibt, wie mich Mannschaft und Fans 2013 beim Champions-League-Sieg gefeiert haben“

Trapattoni war in der Saison 1994/95 zunächst ein Jahr da, dann zwei Jahre von 1996 bis 1998. Mit seiner Wutrede – „Was erlaube Struuunz?“ – hatte er sein Ende selbst eingeläutet.

Weil er attackiert wurde, und jeder, der ihn kennt, weiß, dass seine größte Waffe die Sprache ist, mit der er in Italien die Leute wunderbar an die Wand geredet hat. Jetzt in Deutschland ist was Feines, Lustiges dabei herausgekommen. Ich fand das sehr sympathisch. Doch Kritiker haben ihm unterstellt, dass er mit diesen Sprachkenntnissen den Trainerposten nicht richtig ausfüllen kann. Das fand ich nie so. Giovanni ist ein Supermensch, ein Superkerl mit gutem Charakter. Er fühlte sich seiner größten Waffe beraubt.

„Nachts um drei beschloss ich mit meiner Familie, ohne Berufung ins Gefängnis zu gehen“

Hat er deshalb auch 1995 Schluss gemacht?

Er kam in mein Büro, legte ein braunes Kuvert auf den Tisch. „Uli, es geht nicht, es geht nicht. Zerreiße meinen Vertrag.“ Ich sagte ihm: „Hier hast du ihn zurück. Geh rüber zum Karl Hopfner (Finanzvorstand; d. Red.). Er soll ihn in den Safe legen, und am Ende der Saison bekommst du ihn wieder. Jetzt geh runter und mache weiter mit dem Training.“ Er fühlte sich geehrt, hatte in seinem Innersten sicherlich gehofft, dass ich den Rücktritt nicht annehme.

„Alle im Vorstand haben sich in den letzten Monaten stark entwickelt“

Warum holten Sie ihn, Hitzfeld und Heynckes immer wieder zurück?

Wenn du ein großes Problem hast, hast du nicht die Zeit, mit einem neuen Trainer zu experimentieren, der den Verein nicht kennt. Trapattoni, Hitzfeld, Heynckes waren Trainer, mit denen wir befreundet waren, ein Superverhältnis hatten. Deshalb ging es immer ganz schnell.

Der bitterste Einschnitt in ihrem Leben war 2014 ihre Verurteilung wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft, die wegen guter Führung halbiert wurde. Welche Erinnerung hat sich am tiefsten eingeprägt?

Dass ich nachts um drei mit meiner Familie die Entscheidung getroffen habe, ohne Berufung ins Gefängnis zu gehen. Darüber bin ich sehr froh. Unvergessen bleibt, wie mich die Mannschaft und die Fans 2013 im Wembley-Stadion beim Champions-League-Sieg über Dortmund gefeiert haben. Unvergessen die Jahreshauptversammlung, als ich mein Präsidentenamt an Karl Hopfner, diesen tollen Kerl, übergab. Da standen 5000, 6000 Menschen auf und klatschten zehn Minuten lang. Ich habe geweint wie ein Schlosshund. Das hat meine Meinung, ganz aufzuhören, verändert und mich zu dem Spruch animiert: „Das war’s noch nicht.“

Sind Sie 2019 nicht vielleicht doch zu früh zurückgetreten?

Überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, wenn du jetzt noch mal drei Jahre weitermachst, steht Herbert Hainer nicht mehr zur Verfügung, weil er sich dann zu alt fühlt. Und Oliver Kahn hätte sich auch anders orientiert.

Haben Sie denn nie an Ihrem Zögling Salihamidzic gezweifelt?

Ich stand immer hundertprozentig hinter ihm, in guten wie in schlechten Zeiten. Alle im Vorstand haben sich in den letzten Monaten stark entwickelt. Und eins ist ja klar. Für mich war 1979 das „learning by doing“ mit zehn Millionen Mark Umsatz leichter als das „learning by doing“ heute mit 700 Millionen Euro Umsatz. Der Druck ist größer. Keine Frage.

Oliver Kahn ist bekannt dafür, sich mit Betriebswirtschaftlern und Unternehmensberatern zu umgeben.

Die können nur bedingt helfen. Ich hatte immer genügend Freunde in der Wirtschaft. Wenn ich heute etwas nicht wusste, war ich am nächsten Morgen schlauer. Dank der Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis, in meinem Netzwerk, was meine größte Stärke ist. Menschen, die einem Ratschläge geben, ohne eigene Interessen zu verfolgen. Alle brauchen das: Politiker, Wirtschaftsleute, Sportgrößen, Leute aus sozialen Bereichen.

Sie haben immer propagiert, dass der FC Bayern bis auf wenige Ausnahmen die deutsche Nationalelf stellen soll. Nun laufen immer mehr Ausländer auf bevorzugt Franzosen, Holländer.

Mein Ausspruch war auf die WM 2006 gemünzt. Heute musst du „Global Player“ sein, musst versuchen, die besten Spieler der Welt zu bekommen. Das Kriterium heißt nur „gut“oder „schlecht“. Nicht „alt“ oder „jung“. Nicht „schwarz“ oder „weiß“. Nicht Holland oder Deutschland.

Es besteht das Vorurteil, dass die Premier League in England mit ihren Global Playern angeblich die beste Liga der Welt ist

Die sind nicht besser als wir, die haben nur mehr Geld zur Verfügung. Der sportliche Vorteil der Premier League ist mit fremdem Geld erkauft. Unser großer Vorteil ist die Unabhängigkeit von Oligarchen, von ganzen Staaten. Das wird sich mittelfristig irgendwann zugunsten der Bundesliga auswirken.

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„Der Mann, der die Bundesliga rettete“