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Mein letztes Mal in München


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 02.03.2022

BUNDESLIGA

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 9/2022

DER EM-D OPPELPACK Juni 1988, EM in Deutschland: Völler traf in der Gruppenphase doppelt gegen Spanien (2:0), machte Deutschland im Olympiastadion zum Gruppensieger. Im Halbfinale folgte dann durch ein 1:2 gegen die Niederlande das Aus

Manchmal braucht man als Journalist gar keine Frage, um ein Interview zu starten. Als SPORT BILD vergangene Woche Freitag Rudi Völler (61) trifft, um mit ihm über seine letzte Dienstreise als Sport-Boss von Bayer Leverkusen nach München zu sprechen, die an diesem Wochenende mit dem Spiel beim FC Bayern stattfindet, sprudelt es aus der Fußball-Legende nur so heraus ...

„Wenn ich in München in ein Taxi steige, sprechen mich die bayerischen Fahrer eigentlich immer direkt auf meine Sechziger-Vergangenheit an. Meine Antwort: ‚Einmal Löwe, immer Löwe, oder?‘ Das ist mein Spruch!“, sagt Völler. Mit seinem Wechsel im Sommer 1980 von Kickers Offenbach zu 1860 München begann seine spezielle München-Beziehung – es folgten unvergessene Momente.

★★★

SPORT BILD: Herr Völler, was ist Ihre schönste Erinnerung an 1860? RUDI VÖLLER: Das ist wohl mein erster Dreierpack in der Bundesliga gegen ...

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SPORT BILD: Herr Völler, was ist Ihre schönste Erinnerung an 1860? RUDI VÖLLER: Das ist wohl mein erster Dreierpack in der Bundesliga gegen Fortuna Düsseldorf mit Trainer Otto Rehhagel, der mich später zu Werder holte. Nach einem 0:3-Rückstand gewannen wir noch 4:3, und ich durfte abends zum ersten Mal ins „Aktuelle Sportstudio“ reisen. Eine nette Episode erlebte ich auch einige Monate zuvor, als ich als einer von vier neuen Spielern zunächst noch für ein paar Wochen im Hotel Wetterstein wohnte, das zwischen dem Trainingsplatz und dem Stadion an der Grünwalder Straße lag.

Schießen Sie los! Der Schauspieler Jürgen Prochnow wohnte mit Teilen der Crew für den Film „Das Boot“ im gleichen Hotel. Sie drehten damals in den Bavaria-Studios. Wir sahen uns öfter beim Frühstück. Vor ein paar Jahren saßen wir dann bei einer Gala zufällig am selben Tisch. Ich habe ihn natürlich sofort drauf angesprochen – auch er konnte sich noch ganz gut daran erinnern.

„Der Champions-League-Sieg mit Marseille war die schönste Dienstreise nach München“

Sie stiegen mit den Löwen ab. In der 2. Liga schafften Sie persönlich Ihren Durchbruch mit 37 Toren, nur ein Punkt fehlte zum Wiederaufstieg. 1860 bekam danach keine Lizenz und stieg in die Bayernliga ab. Wären Sie sonst nicht nach Bremen gewechselt?

Nein, der Wechsel zu Werder stand vorher fest, ich hatte mehrere Angebote aus der Bundesliga. Sportlich war es für mich eine sehr gute Zeit bei den Löwen. Hart war natürlich, dass ich damals meinen Grundwehrdienst als Pionier in der Funkkaserne in München leisten musste. Morgens um 5 Uhr ging es los, und um 15 Uhr stand ich auf dem Trainingsplatz.

Hatten die Bayern den aufstrebenden Stürmer Völler damals übersehen?

Das weiß ich nicht, es gab jedenfalls keinen Kontakt. Was auch nicht schlimm war.

Welche Dienstreise nach München war Ihre schönste? Der Gewinn der Champions League mit Olympique Marseille 1993 gegen den großen AC Milan. Das Olympiastadion war aufgeteilt in Blau und Weiß – also unsere Farben – sowie Rot und Schwarz. Das war wunderbar. Beide Mannschaften kamen unbesiegt ins Finale, es war also das verdiente Endspiel.Und wir gewannen 1:0 gegen den Favoriten.

Wie fühlte sich dieser Henkelpott an?

Vielleicht sogar ein bisschen besser als die Meisterschale (schmunzelt). Als Spieler habe ich sie bekanntlich nicht anfassen dürfen, aber als Bundestrainer zweimal überreicht. Ich sage ja immer scherzhaft, dass ich zwar nicht Deutscher Meister geworden bin, dafür aber als Spieler die wichtigen Titel ge-wonnen hab e: die WM und die Champions League. Bis heute ist Olym-pique Marseille der einzige französische Klub, der die Champions League gewonnen hat. Wenn ich nach Marseille komme, werde ich immer noch darauf angespro-chen.

In München machten Sie 1988 das wohl beste Ihrer 90 Länderspiele. Beim 2:0 gegen Spanien bei der EM trafen Sie doppelt ...

Es war sicher eines der wichtigsten Länderspiele für mich. Ich hatte sieben Partien zuvor nicht getroffen. Bei meinem Klub AS Rom lief es wegen Leistenproblemen nicht gut. Ich war nicht fit, habe zu früh angefangen. In Italien wurde in den Zeitungen schon hochgerechnet, wie viel ein Tor von mir kosten würde, weil ich so lange ausgefallen war. Ich stand also ein bisschen in der Kritik, aber Franz Beckenbauer hatte mir gesagt: ‚Lass die alle reden und schreiben, du spielst bei mir bei der EM.‘ Er war absolut überzeugt von mir und hat mir immer den Rücken gestärkt.

Und dann treffen Sie doppelt!

Das Vertrauen habe ich gegen Spanien zurückgezahlt, ja. Unter dem Eindruck des Spanien-Spiels hat Roma-Präsident Dino Viola dann auch klar gesagt: ‚Du bleibst auf jeden Fall.‘ Denn ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, Rom nach nur einer Saison zu verlassen. Ich hatte mehrere Angebote aus der Bundesliga, unter anderem von Eintracht Frankfurt. Aber das Spanien-Spiel war wie ein Knotenlöser, danach lief es super für mich in der Nationalelf und auch bei der Roma, wo ich mich zum Publikumsliebling entwickelte. Am Ende stand der WM-Sieg 1990 – ausgerechnet in Rom.

Wissen Sie, was Sie für eine Erfolgsquote bei den Bayern haben?

Die ist wahrscheinlich überschaubar …

Insgesamt nur zwei Siege als Spieler und Funktionär bei insgesamt 33 Partien.

Ich glaube, dass ich mich da grundsätzlich nicht von vielen Verantwortlichen in ihrer Bilanz unterscheide. Vielleicht fahre ich ab der nächsten Saison mit Bayer 04 nur noch zum

„Bei der Qualität der Mannschaften hätte es eigentlich einen Titel geben müssen“

DAS EMOTIONALSTE SPIEL

FC Augsburg, da haben wir meistens gewonnen und noch nie verloren (lacht).

In München gab es für Sie sehr bittere Momente. Am 23. November 1985 verloren Sie mit Werder 1:3, das Spiel im Olympiastadion wurde durch das böse Foul von Klaus Augenthaler an Ihnen überschattet. Sie erlitten einen Adduktoren-Abriss, haben Sie Augenthaler verziehen? Er wollte mich nicht verletzten. Ich war einfach zu schnell, er hatte natürlich Glück, dass es nur die Gelbe Karte gab. Zwischen Auge und mir gab es aber kein Problem. Wir sind ein halbes Jahr später in Mexiko zusammen Vize-Weltmeister und 1990 Weltmeister geworden. Die Gemengelage war deshalb kompliziert, weil zwischen Werder und Bayern eine große Rivalität herrschte.

Wussten Sie direkt bei dem Tritt, dass es Sie schlimm erwischt hatte?

Nein, ich dachte, dass ich nach fünf, sechs Wochen wieder spielen könnte. Der Fehler war, dass die Verletzung zunächst konservativ behandelt wurde. Erst nach einiger Zeit gab es die Operation bei einem Spezialisten in Belgien. Dadurch ging leider viel Zeit verloren. Zur OP hatte mir übrigens auch Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt geraten – und der war der Arzt der Bayern, aber auch der Nationalmannschaft. Ich hatte großes Vertrauen zu ihm. Kein Drehbuchautor hätte das dann besser schreiben können – exakt nach einer Halbserie stand ich am 33. Spieltag gegen die Bayern wieder auf dem Platz, hole den Elfmeter kurz vor Schluss raus. Und mein bester Kumpel Michael Kutzop schießt an den Pfosten. Am letzten Spieltag fingen uns die Bayern noch ab. Es gab leider kein Happy End.

War Unterhaching 2000, als Sie als junger Sportdirektor neben Reiner Calmund auf der Tribüne saßen, die schlimmste Niederlage? Leverkusen verlor mit 0:2 die sicher geglaubte Meisterschaft, und Bayern zog noch vorbei.

Es war ein ganz bitterer Moment. Wir waren so nah dran. Die Grundvoraussetzung war ja ideal, wir brauchten nur einen Punkt am letzten Spieltag. Wer konnte da ahnen, dass Leverkusen 2002 gleich dreimal Zweiter werden würde und die Nationalspieler von Bayer 04 mit mir als Teamchef dann auch noch WM-Zweiter? Ich muss heute ehrlich sagen – bei der Qualität der Bayer-Mannschaften in den Jahren 1998 bis 2002 hätte es eigentlich einen Titel geben müssen.

Sie erlebten als Teamchef der Nationalelf sportlich wie privat 2001 im Olympiastadion einen schweren Abend. Das 1:5 gegen England ist bis heute die höchste Heimniederlage in einem A-Länderspiel für Deutschland. Stört Sie das noch?

Nein, es gibt solche Spiele im Fußball. Wir hatten in Wembley 1:0 gewonnen und wären mit einem Sieg für die WM qualifiziert gewesen. Carsten Jancker brachte uns 1:0 in Führung, dann waren von sieben Schüssen der Engländer fünf drin. Schlimmer, viel schlimmer, wäre aber gewesen, in den Play-offs gegen die Ukraine zu scheitern.

„Ich bin mit meiner Frau zu Uli Hoeneß gefahren“

Ihr Vater Kurt erlitt während des Spiels gegen England auf der Haupttribüne einen Herzinfarkt. Wann erfuhren Sie davon?

Ein Mitarbeiter des DFB kam mit Abpfiff zu mir und sagte mir, was passiert war. Ich war gar nicht mehr in der Kabine, wurde sofort aus dem Stadion ins Krankenhaus nach Schwabing gefahren. Mein Vater war mit einigen Freunden aus Hanau zum Spiel gekommen.

Zum Glück erkannte der damalige Klub-Arzt von Mainz 05, Klaus Gerlach, auf der Tribüne, dass es sich nicht bloß um einen Schwächeanfall handelte. Er saß in der Nähe und reagierte sofort richtig, die Sanitäter kamen. Nach etwa zwei Tagen stand fest, dass es mein Vater schaffen würde. Er war damals fast 70 Jahre alt, rauchte jeden Tag seine Schachtel HB-Zigaretten, nach dem Herzinfarkt hatte er dann aber sofort mit dem Rauchen aufgehört. Er wurde dann noch stolze 91 Jahre alt.

2004 traten Sie nach dem EM-Aus in Portugal von Ihrem Job als DFB-Trainer zurück und formten Leverkusen als Sportdirektor zu einem Top-Klub. Auch deshalb wollten Sie die Bayern 2008 als Manager-Nachfolger von Uli Hoeneß verpflichten. Wie wurden Sie damals genau vom FC Bayern kontaktiert?

Das war der Uli selbst, der mich angerufen hat. Natürlich ist es schön, wenn es Interesse der Bayern gibt. Ich bin dann mit meiner Frau Sabrina zu Uli nach Hause gefahren. Wir haben bei ihm einen wunderbaren Nachmittag verbracht. Ich habe mich gefreut über die Wertschätzung – aber mich dann doch für Leverkusen entschieden

Warum? Sie hätten jahrelang Deutscher Meister sein können

Meine Beziehung zu Bayer 04 war damals schon so intensiv, der Klub war und ist mir ans Herz gewachsen. Deshalb weine ich auch der Chance nicht nach.

Wird Ihre letzte Reise nach München eine erfolgreiche – oder fährt man zu den Bayern immer mit dem Gefühl,dass man eher verliert?

Wir reisen mit der Hoffnung an, dort mit unserer Art Fußball zu spielen etwas mitnehmen zu können. Im Grunde hat man genau in diesem Spiel am wenigsten zu verlieren. Und dass man bei den Bayern im Verlauf von zehn Jahren mehr Spiele verliert als gewinnt, damit sollte man schon rechnen. Die Bayern haben nun mal nicht die Angewohnheit, viele Spiele zu verlieren – schon gar nicht ihre Heimspiele. Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf dieses Spiel. Wir werden ein Essen vorher haben, wie eigentlich immer. Mit den Verantwortlichen der Bayern hatte ich und habe ich auch heute noch ein gutes Verhältnis.

Wie denken Sie über Oliver Kahn als neuen Bayern-Vorstandschef?

Daran merke ich, wie alt und lange ich dabei bin (lacht). Oliver war mein Torwart und mein Kapitän in der Nationalelf. Es ist schön zu sehen, was aus meinen ehemaligen Nationalspielern geworden ist und welch wichtige Positionen sie im Fußball jetzt einnehmen. Sebastian Kehl ab der kommenden Saison in Dortmund, Fredi Bobic nun bei der Hertha, Frank Baumann bei Werder Bremen oder Oliver Bierhoff beim DFB. Simon Rolfes hatte sein erstes Tor für Bayer Leverkusen unter mir als Trainer geschossen, jetzt ist er Sportdirektor und wird hier mein Nachfolger.

Wird die Liga ohne Manager-Typen wie Uli Hoeneß oder Sie nicht bald langweilig?

Die Zeiten haben sich geändert, aber ich fände gut, würde der eine oder andere ähnlich wie der Uli seine Meinung auch künftig klar und deutlich kundtun. Ich jedenfalls werde das machen. Bei Themen wie der Super League, in Diskussionen über mögliche Play-offs oder über die Verkürzung der WM-Intervalle kann ich nicht schweigen. Wenn etwas dem Fußball schadet, dann werde ich das auch benennen.