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MEIN TAG MIT SPIDER-MAN


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 08.03.2022

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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 4/2022

DER PROFI Jason Paul ist einer von 100 Parkour-Läufern in Frankfurt. Ein be liebter Spot für sie: U-Bahn-Eingänge.

DER RED BULLETIN SELBSTVERSUCH

Der Satz, den ich an diesem Tag in Frankfurt am häufigsten sage: „Bitte tu dir nicht weh!“ Gefolgt von: „Bist du sicher, dass das klappt?“ So geht es einem also, wenn man mit Jason Paul durch Frankfurt läuft – man ist ständig besorgt um ihn.

Sein Beruf ist es, an schwindelerregenden Abgründen entlangzubalancieren oder mit Anlauf auf ein dünnes Brückengeländer zu springen, hinter dem es viel zu tief runtergeht. Ein falscher Schritt und – vorbei. Jason ist ein supernetter Typ, außerdem Vater eines kleinen Kindes. Wäre also echt schön, wenn er noch ein paar Jahre älter werden würde. Solche Gedanken hat man.

Ursprünglich dachte ich, bei einem Parkour-Selbstversuch geht es um Beweglichkeit und Sprungkraft, aber am Ende lerne ich eine Menge über die eigene Ängstlichkeit. Und über die Frage, welche Risiken man im Leben eigentlich eingehen sollte. Als ich frühmorgens in ...

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... München aufbreche, sagt meine Freundin zweimal „Pass auf dich auf“ und schreibt es noch einmal als WhatsApp hinterher. In meiner Reisetasche sind ein Rückenprotektor und Knieschützer und Handgelenkschoner – alles, was ich im Keller bei den alten Skateboardsachen so finden konnte. Keine Ahnung, was man für Parkour anzieht, ich kannte diese Sportart vorher kaum, aber sie sah nach Abschürfungen und Sprunggelenksverletzungen aus. All die Sprünge von hohen Mauern, das Abrollen am Boden, das Wändehochgehen. Frage: Wo kriege ich Montagmorgen auf die Schnelle eine radioaktive Spinne her, die mich beißt – oder kann man auch ohne Spider-Man-Kräfte die Schwerkraft besiegen lernen?

Kurze ehrliche Selbsteinschätzung: Ich bin zu dick und zu ungelenk für so was. 1,90 Meter groß und zu nah an 100 Kilo. Ich spiele öfter Fußball, fahre etwas Rennrad, manchmal Skateboard, gehe surfen, wenn ich ein Meer mit Wellen finde. Am schlimmsten war für mich früher Boden- und Geräteturnen in der Schule – und Parkour wirkt wie eine Mischung daraus. Bin ich nicht der denkbar ungeeignetste Mensch für diesen Selbstversuch? „Parkour ist in unseren Genen, wir sind alle mal als Affen auf die Bäume geklettert“, sagt Jason Paul. Okay, aber sein Affe war ein junger Schimpanse und meiner einer dieser dicken Orang-Utans, die im Zoo immer nur an eine Scheibe gelehnt rumsitzen. Unser Aufwärmen hat auch was von Urmensch: Jason lässt seine Arme baumeln, dann schwingt er sie in Kreisen, knetet seine Hände. Meine Knöchel knacken, seine nicht. Überhaupt: diese Hände! Auf den ersten Blick sieht man Jason seinen Parkour-Weltmeistertitel gar nicht an – er kommt im Boss-Herrenhemd mit Schnürschuhen. Aber beim Umziehen (Pulli, Baggyhose, Turnschuhe, Mütze) erahnt man die Kraft im Oberkörper und dann eben: die Hände!

„AM SCHLIMMSTEN WAR FÜR MICH FRÜHER BODEN- UND GERÄTETURNEN. PARKOUR WIRKT WIE EINE MISCHUNG DARAUS.“

Etwa doppelt so dick wie meine, voller Hornhaut und Schwielen. Wenn man je an der Fassade eines Hochhauses in tödlicher Höhe hängen möchte – dann bitte mit diesen Fingern.

Rauf auf die Mauer

Wir gehen vom Skatepark zu einem Fußballhartplatz. Der Zaun außenrum ist etwa fünf Meter hoch. „Kommst du da rauf?“, fragt der Fotograf. Zack, und schon ist Jason oben. Ich schaffe zwei Meter fünfzig, dann tun mir die Finger zu sehr weh vom Drahtzaun. Er balanciert oben und springt dann auf einen nahen zweiten Zaun und lässt sich heruntergleiten. Das ist also Aufwärmen.

Meine erste Übung: eine kaum hüfthohe Mauer hoch- und dann wieder runterspringen, Parkour-Style, also etwas schneller, eleganter und besser abfedern, als man das sonst machen würde. Kriegt man so halbwegs hin. Dann weiter …

„BEI DEM SPORT GEHT ES UM DIE FRAGE: WELCHE RISIKEN SOLLTE MAN IM LEBEN EINGEHEN?“

Moment, drei Jungs aus dem Skatepark wollen noch ein Selfie. Es bleibt nicht die einzige „Äh, Entschuldigung, sind Sie der Red Bull-Parkour-Mann?“-Frage mit anschließender Fotobitte an diesem Tag.

Jason hat 2004 mit dem Sport angefangen, da war er dreizehn. Auf das große Talent deutete damals nichts hin. „Ich habe nie geturnt oder so. Nur Handball gespielt, und da meistens im Tor“, sagt er. Aber er mochte Jackie-Chan-Filme.

Was in ihm schließlich die Leidenschaft entzündete, war eine vierminütige Dokumentation über Jugendliche in einem Pariser Vorort, die Parkour machten. Ihr Anführer war David Belle, dessen Vater Feuerwehrmann und Soldat war. Der wiederum nutzte seine Turnübungen zuerst im Krieg, dann bei der Rettung von Menschen aus brennenden Häusern. Der Sohn machte daraus einen Sport. Die Inspirationsquelle von Davids Vaters reicht hingegen weit zurück: bis zur „Méthode naturelle“ des Marineoffiziers Georges Hébert um das Jahr 1900 herum.

Im ursprünglichen Parkour gibt nur eine echte Regel: Keine Hilfsmittel – allein der Körper bezwingt die Hindernisse.

Eleganz? Na ja …

Ohne Hilfsmittel zur nächsten Übung, „Lazy Vault“ genannt. Die Mauer ist diesmal bauchnabelhoch. Das Ganze geht ungefähr so: schräg anlaufen, eine Hand abstützen, mit Schwungbein und Standbein über das Hindernis, die zweite Hand auf der Mauer absetzen, leicht abstoßen und dann direkt weiterlaufen. Eine flüssige, schnelle Bewegung. Bei ihm. Bei mir versucht der Fotograf, vorteilhafte Fotowinkel zu finden. Wie doof stelle ich mich gerade an? „Ich habe sechs Monate gebraucht, um auf Beton richtig abrollen zu können“, sagt Jason. Beim ersten Mal von einem Meter Höhe habe er sich den Kopf dermaßen angeschlagen, dass er Sternchen gesehen habe.

„MIR FEHLEN SCHWUNG, DREHUNG, ELEGANZ. JASON ZEIGT INZWISCHEN EINEN RÜCKWÄRTSSALTO.“

Ortswechsel. Eine stark befahrene Brücke über den Main. Neben einer Unter führung eine abfallende Mauer. Darüber macht Jason einen „Reverse Vault“, also eine Art 360-Grad-Drehung. Man läuft mit Schwung an, setzt beide Hände gleichzeitig auf und schwingt dann Rücken nach unten – mit einer ganzen Körperdrehung drüber. Wichtig: beide Füße hoch genug in die Luft kriegen, sonst bleibt man hängen und knallt mit dem Rücken auf den Boden. Mit Hilfestellung geht es so halbwegs. Dann noch mal ohne. Das lassen wir zählen.

Die Sache mit der Biene

Weiter zum Brückenpfeiler neben der Fahrbahn, dort jetzt bitte einen „Wall Spin“ an der schräg aufragenden Brückenwand. Was das genau ist, kann ich nicht erklären, weil ich den ganzen Trick nicht verstanden habe – beziehungsweise mein Körper nicht. Alles fehlt: Schwung, Drehung, Eleganz sowieso. Als es grad so ein Hängen und Würgen wird, nutzt Jason eine Diskussionspause zwischen mir und dem Fotografen, nimmt vier Schritte Anlauf und springt von der schrägen Wand bestimmt vier Meter weit auf das Brückengeländer. Dahinter geht es gut fünfzehn Meter runter auf den Beton.

Das Geländer ist handbreit. Der Fotograf will den Sprung noch mal. Wieder Anlauf, Sprung, millimetergenaues Landen und zack – ausbalanciert. Dann versuche ich es – und sterbe. Nein, ich probiere es natürlich nicht. Ich will nicht mal, dass Jason es noch öfter macht.

„Was, wenn du ausrutscht?“, frage ich. „Ich rutsche nicht aus“, sagt Jason. Überzeugt mich nicht. „Und wenn doch?“ – „In dem Sprung stecken 18 Jahre Parkour-Erfahrung, deshalb habe ich nicht dasselbe Risiko wie du“, sagt er. So wie ich mir sicher sei, sagt er, dass ich auf einen Bordstein springen kann und dabei nicht hinfalle, so sicher sei er, dass er auf das Geländer springt und nicht ausrutscht. Zu 100 Prozent.

Gut, bis auf die Sache mit der Biene. Einmal wurde Jason im Sprung von einer Biene gestochen. Die Konzentration war weg, die Landung ging daneben. Zum Glück war es nichts richtig Riskantes. Und, okay, einmal hatte er einen Ast x-mal auf Stabilität geprüft – beim eigentlichen Trick brach der dann ab. „Das war ein Reminder für mich: Du kannst das Risiko nicht ganz ausschalten.“

Etwa 100 Parkour-Sportler sind in Frankfurt in einer WhatsApp-Gruppe, vom Anfänger bis zum Profi. Mit denen verabredet er sich. „Am liebsten mit einer kleinen Gruppe von Freunden, die mitdenken. Nicht die Dudes, die sagen: ‚Los mach das!‘ Die kennen mich gar nicht, die wissen gar nicht, wo die Grenzen meines Körpers liegen.“ Die neue, junge Generation riskiere für Social­ Media-Likes Dinge, die außerhalb ihres sicheren Bereichs lägen. Auf Instagram überbiete man sich täglich mit noch ärgeren Sprüngen. Jason geht es inzwischen mehr um den Rhythmus von aufeinanderfolgenden Übungen, um das Ineinanderfließen. Er hat in der Pandemie das Breaking für sich entdeckt, er verbindet jetzt das Tanzen mit Parkour.

Ein Spiel gegen sich selbst

Wir brauchen noch ein paar schöne Motive, sagt der Fotograf, die Sonne geht allmählich unter. Jason macht einen Backflip, einen Rückwärtssalto, an einer kunstvoll besprühten Hauswand. Dass ich längst raus bin, finden alle unausgesprochen okay. Noch ein Salto von einem Fahrkartenautomaten in einer U‐Bahn-Station – bis ein netter Handwerker meint: „Äh, Jungs, Folgendes: Ich muss jetzt echt mein Ticket kaufen, die Bahn kommt in einer Minute.“ Wir gehen weiter zum Hochhaus der Europäischen Zentralbank, davor liegt eine Brücke. Jason klettert hoch und läuft auf dem Brückensims entlang. Fallhöhe zehn Meter. „Jetzt sprinte ich mal, okay?“, ruft er. Jason läuft los. Parkour ist ein Spiel, in dem man gegen sich selbst kämpft: Was traust du dich? Was kannst du kontrollieren? Und wie schaffst du den einen Meter mehr, weiter oder höher? „In jeder Session probiere ich eine Sache, die mir Angst macht“, sagt Paul. „Das Schwierige ist, zu unterscheiden, wovor habe ich Angst – aber kann es. Und wovor habe ich Angst – und kann es nicht.“ Er sei „verdammt vorsichtig“, findet er. Also auf die Art, auf die vorsichtige Menschen in Actionsportarten dreimal Weltmeister werden können. Seine Arztbesuche sprechen aber für ihn: bisher nur ein gebrochener Arm und drei Bänderrisse in 18 Jahren.

Und mit der zweijährigen Tochter hat er ein neues wichtiges Argument gegen Verletzungen: „Sonst könnte ich sie nicht mehr hochheben beim Spielen.“

Als es zu dunkel wird, verabschieden wir uns. Und wie ich so am Mainufer entlanggehe, merke ich, wie sich mein Blick verändert hat. Wie man die Balkone der Neubauwohnungen abcheckt. Ob man da nicht bis aufs Hausdach hochklettern könnte? Locker. Die Stadt kriegt eine Dimension mehr, man denkt nicht mehr nur in Länge und Breite, sondern auch in Höhe und Tiefe. Being Spider-Man. Ich kriege Lust, eine Fußgängerabsperrung mit einem Lazy Vault zu überqueren.

Humpelnd steige ich in den ICE.

Folge Jason Paul auf Instagram: @thejasonpaul

Action-Achterbahn

So macht’s der Meister: Jason Pauls jüngstes Videoprojekt.

Für seinen neuen Parkour-Film war Jason Paul mit zwei Freunden im Freizeitpark Trips drill – er hat kurzerhand die Achterbahn „Mammut“ in ein Klettergerüst verwandelt. Dabei stellen sich die drei völlig verrückte Challenges. Das ganze Video gibt’s ab Mitte März zu sehen – auf Red Bull TV.