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MEIN THEATER-TAGEBUCH


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 01.09.2021

THEATERTAGEBUCH

Artikelbild für den Artikel "MEIN THEATER-TAGEBUCH" aus der Ausgabe 9/2021 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 9/2021

1. 7. 2021

Corona geht – und die Dauerthemen der Theaterszene kommen zurück. Zum Beispiel das Gezerre um die Kölner Schauspielintendanz. Stefan Bachmann, geboren 1966 in Zürich und seit 2013 in Köln künstlerisch jetzt nicht gerade sensationell erfolgreich, aber doch mit achtbaren Ergebnissen am Werk, hatte ursprünglich aus eigenem Antrieb verkündet, dass er Köln 2021 verlassen wolle, nach dem Motto: … denn alle Kunst will Endlichkeit. Nicht so die Sanierungsbauarbeiten an den Kölner Theaterbauten am Offenbachplatz, die Bachmann und sein Ensemble seit einer gefühlten Ewigkeit ins Ausweichquartier Depot in Köln-Mülheim verbannen. Was für Bachmanns Entscheidung insofern Relevanz hat, als sein ursprünglicher Vertrag ihm drei Spielzeiten im sanierten Haus garantierte. Auf diese Unendlichkeitsoption also gedachte Bachmann zu verzichten. Die Stadt bestellte einen Nachfolger, der aber von ...

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... der stets zur Selbstbeduselung neigenden kölschen öffentlichen Meinung für nicht standesgemäß befunden wurde und nach wenigen Tagen das Handtuch warf. Und siehe da: Bachmann verhandelte wieder mit der Stadt. Heute zitiert ihn der Kölner Stadtanzeiger mit den Worten: „Wir sind in konstruktiven Gesprächen.“ Das kann man nur hoffen. Denn angesichts der Sanierungssituation dürfte Bachmanns Bleiben die bei Weitem beste Lösung sein. Zumal er mit einem sinnvollen Strukturangebot aufwartet: die Erhaltung der Spielstätten im Mülheimer Depot auch nach Wiedereröffnung des Theaterkomplexes am Offenbachplatz. Das Schauspiel hat dem Stadtteil auf der „Schäl Sick“ kei-neswegs scheele, sondern sehr vitale Impulse gegeben. Die sollte man in der Tat nicht einfach so wieder kappen. Und das sind dann doch mal ziemlich gute Nachrichten aus Köln.

1. 7. 2021

Heute stehen die Premierenrezensionen zur „Tristan“-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper in den Zeitungen, noch einmal mit dem musikalischen Dreamteam Anja Harteros/Jonas Kaufmann/Kirill Petrenko. Sie geben Anlass, Nikolaus Bachlers endende Intendanz Revue passieren zu lassen. Bachler ist ja nicht gerade ein begnadeter Protagonist des sympathischen öffentlichen Auftretens. Die Battaglien, die er sich mit einigen meiner Kritikerkollegen geliefert hat, entbehrten nicht einer gewissen Komik, dafür aber durchaus der Eleganz. Aber eines, und zwar das Wichtigste, muss man ihm hoch anrechnen: In der Phalanx der deutschen Big- Five-Opernhäuser – also Semperoper, Lindenoper, Deutsche Oper, Hamburgische Staatsoper und eben München – steht das Nationaltheater nicht schlecht da. Es hat sich zu einem spannenden Ort zeitgenössischen Musiktheaters entwickelt, szenisch mit Höhen und Tiefen, aber immer wieder mit mutigen Experimenten und musikalisch dank des genialen Musikchefs Kirill Petrenko wohl doch das erste Haus im Lande. Das muss man anerkennen.

1. 7. 2021

Das ist doch mal ein Statement: Für das Festival Theaterformen, das in wenigen Tagen unter der neuen Leiterin Anna Mülter beginnt, sperrt die Stadt Hannover die Raschplatz-Hochstraße, die einen wichtigen Teil des City-Rings bildet, nun aber dem Theater exklusiv zur Verfügung steht. Unter anderem wird eine Fläche für Performances eingerichtet, Räume für Workshops, ein gastronomischer Bereich, gar ein Labor für Klimagerechtigkeit sollen auf der Verkehrspiste entstehen. Die dadurch verursachten Behinderungen bringen Hannovers Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Lobby mächtig auf die Palme. CDU-Landtags-Fraktionschef Dirk Toepffer wirft dem grünen OB Belit Onay schlampige Vorbereitung vor und spielt gar mit Gedanken an eine Rücktrittsforderung, Hannovers CDU-Chef Maximilian Oppelt fordert, der „verkehrspolitische Irrsinn“ müsse sofort gestoppt werden. Die entscheidende Frage aber hat BILD Hannover gestellt: „Muss das wirklich sein?“ Nein, liebe BILD, das muss wirklich nicht sein. Dass es aber trotzdem geschieht – genau das ist das Tolle daran!

2. 7. 2021

Und noch ein Statement: Im Interview mit dem Weser-Kurier verkündet Bremens Kultursenatorin Carmen Emigholz, dass der Kulturetat der Hansestadt angesichts der Coronakrise nicht etwa, wie allgemein befürchtet (siehe auch Seite 92), sinken, sondern steigen werde. Unter anderem sollen so die Mindereinnahmen ausgeglichen werden, die den Kultureinrichtungen durch das Spielen vor nur zum Teil nutzbaren Platzangeboten erwachsen.

2. 7. 2021

Die VR-Brille als Theatermedium ist eigentlich ein Markenzeichen des Staatstheaters Augsburg. Jetzt aber hat das Schauspiel in Essen ganz gezielt getestet, ob man auf diese Weise tatsächlich neue, jün-gere Zuschauer ansprechen und für Theaterstoffe begeistern kann. Mit Unterstützung der gemeinnützigen Essener Brost-Stiftung schaffte das Theater 50 VR-Brillen eigens für Schulen an, die unter anderem Schülerinnen und Schülern der B.M.V.-Schule in Holsterhausen angeboten wurden, um eine speziell für das VR-Raumerlebnis konzipierte Inszenierung von Annalena und Konstantin Küsperts Theaterstück „Der Reichsbürger“ zu erleben. Offenbar mit Erfolg. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung zitiert beispielsweise die 17-jährige Nadine mit den Worten, sie habe den Reichsbürger Wilhelm als „sehr aggressiv, laut und wütend“ erlebt: „Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas gegen seine Aussagen sagen muss.“ Das virtuelle Stück sei eine „total interessante Erfahrung“ gewesen, die sie einem normalen Theaterbesuch vorziehe.

2. 7. 2021

Alle reden vom Wetter, seit die Klimakrise sich in Sturzwettern katastrophenartig niederschlägt und ganze Straßenzüge mit sich reißt. In Stuttgart aber hatte der Sturmeswind, der das Dach des sanierungsbedürftigen Opernhauses zusammengefaltet hat, auch sein Gutes. Offenbar hat er jenes unschlagbare letzte Argument geliefert, das der Stadt nun einen breiten Konsens pro Sanierung beschert. Heute zitieren die Stuttgarter Nachrichten den Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks mit den Worten: „Welche Zeichen braucht es noch, damit klar wird, dass ein akuter Handlungsbedarf besteht?!“ Und da die Zeichen so unwiderleglich sind, wird nun allgemein damit gerechnet, dass sowohl der Verwaltungsrat wie auch der Stuttgarter Stadtrat, die beide noch im Juli zu diesem Thema tagen, grünes Licht für die Opernsanierung geben.

6. 7. 2021

„Wir schneiden dir die Eier ab!“ Okay, der Adressat dieser vorgeblichen Telefondrohung, der ehemalige Konstanzer Intendant Christoph Nix, hat ein gewisses Talent zur Skandalnudel. Aber dass er als neuer Leiter der Tiroler Volksschauspiele Telfs mit Anwürfen, wie er sie heute Wiener Standard zitiert, begrüßt wird, dürfte selbst für ihn neu sein. Eigentlich geht es in Telfs erst in ein paar Tagen los. Aber hoch her geht es jetzt schon. Er beschäftige zu wenige Tiroler in Telfs, die Unterstützung solle gekürzt werden, dazu der Rückzug im Zorn von Telfs-Veteran Felix Mitterer – als Troublemaker ist Verlass auf Nix, obwohl der keineswegs direkt für alles verantwortlich sein dürfte, was ihm vorgeworfen wird. Sein Programm liest sich ungewöhnlich, aber auch spannend. Er will mit Neil LaBute kooperieren, mit dem er seit Jahren eine feste Arbeitsbeziehung hat, mit dem aus Togo stammenden Regisseur, Schauspieler und Autor Ramsès Alfa, mit der Puppenspielabteilung der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ … Nix will das Genre Volksschauspiel in Telfs zeitgenössisch neu definieren. Das ruft einerseits die Traditionalisten auf den Plan, kann aber andererseits durchaus spannend werden. In jeder Hinsicht offenbar.

7. 7. 2021

Auch in Salzburg stehen die Festspiele unter besonderen Vorzeichen. Hier soll der 100. Geburtstag nachgefeiert werden, der im vergangenen Jahr nur vor halb besetzten Rängen stattfinden konnte. Das hat in diesem Jahr zur Folge, dass ungewöhnlich viele Stücke wiederkehren, vor allem in der Oper, die mit Mozarts „Don Giovanni“ und Nonos „Intolleranza“ nur zwei Neuinszenierungen bringt, die nun allerdings, anders als in Deutschland und damit auch in Bayreuth, vor voll besetzten Sälen und ohne Maskenzwang gezeigt werden sollen. Wer reinwill, muss allerdings negativ getestet, doppelt geimpft oder nachweislich genesen sein – was unter dem Kürzel 3-G-Regel firmiert und ein mulmiges Gefühl hinterlässt, weil das Vertrauen in die bekanntermaßen unzuverlässigen Schnelltests schon ein ziemlich großer ungedeckter Scheck ist. Apropos mulmig: Helga Rabl-Stadler, die für die Festspiele etwa das ist, was Angela Merkel für die Bundesrepublik verkörpert, nur schon viel länger, nämlich seit 1995 – sie wird ihr Amt als Präsidentin endgültig aufgeben. Die Mutter der Festspiele geht; das ist wahrlich ein tiefer Einschnitt.

„Die Art, wie wir hier leben, hat es unvermeidlich gemacht, dass sich so ein Virus irgendwann in kürzester Zeit über den ganzen Planeten ausbreitet. Alle Experten sagen, dass dies nicht die letzte Pandemie sein wird. Dennoch scheint es so, als gäbe es für die Politik keine Motivation, an diesem Lebensstil etwas zu ändern.“

Amir Reza Koohestani im Interview mit der Badischen Zeitung über seine Freiburger Inszenierung von „Die Seuche“ nach Albert Camus

8. 7. 2021

Heute beginnt unter dem Motto „Alles endet“ an der Oper Halle ein viertägiges überwiegend digitales Abschiedsfestival des künstlerischen Leitungsteams um den Intendanten Florian Lutz und seinen Chefdramaturgen Michael v. zur Mühlen. Zu sehen sind Aufzeichnungen von Inszenierungen aus fünf Intendanzjahren, Filme, Blicke hinter die Kulissen ebenso wie Gespräche über die Zukunft des Musiktheaters. Damit passiert eine turbulente Zeit Revue, in der Halle zu einem von den überregionalen Feuilletons (auch von mir) gefeierten Hotspot des zeitgenössischen Musiktheaters wurde – und zu einer Schlangengrube der Intrigen, denen Lutz trotz bemerkenswerter Erfolge zum Opfer fiel. Er wird es verschmerzen, schließlich tritt er im September die Generalintendanz am Staatstheater Kassel an, wo er weit bessere Bedingungen vorfinden dürfte. Die Stadt Halle aber, die sich so gerne als offene Kunststadt auf der Höhe der Zeit sähe, hat diesem Image mit dem Ausbremsen des Opernneustarts einen Bärendienst erwiesen.

9. 7. 2021

Bremen ist leider nicht überall. Gestern hat Barbara Mundel ihre Pläne für die neue Saison der Münchner Kammerspiele präsentiert – und aus gegebenem Anlass keineswegs nur über Kunst geredet, sondern auch über Kürzungen. Da die Stadt München nicht mehr vollständig für den Tarifausgleich im Theateretat aufkommen will, zitiert die AZ München Mundel, dass an der vollständigen Übernahme der Kostensteigerung durch tarifliche Lohn-und Gehaltserhöhungen durch die Kommune nicht zu rütteln sei.

Dieser „Paradigmenwechsel“ in der Münchner Politik sei „in Hinterzimmern ausgekaspert“ worden, ohne dass jemand mit ihr gesprochen habe. Als „Schulterschluss“ gegen drohende Sparmaßnahmen rufen die Kammerspiele zum Aktionsbündnis Kultur Bildung und Soziales auf – ein Bündnis, das möglicherweise auch andernorts Zulauf finden wird. Denn angesichts der postpandemischen Finanzlage der öffentlichen Haushalte ist zu befüchten, dass München nur der Anfang ist.

13. 7. 2021

Apropos Dauerthema: Bayreuths administrative Strukturen sollen wieder mal entflochten werden. In der AZ München gibt heute Staatsministerin Monika Grütters zu Protokoll: „Mir geht es darum, dass es in Bayreuth vernünftige und wirksame Strukturen gibt.“ In der Tat: Das Webmuster, das hinter dem Ineinander von Stiftung, Festspiel-GmbH, Freistaat und Bund steckt, erschließt sich allenfalls fortgeschrittenen Studenten des Wirtschafts-und Verwaltungsrechts. Was möglicherweise ja auch ein Grund für die Resistenz gegen Reformversuche ist. Allein die Tatsache, dass es bereits seit 2007 eine entsprechende Arbeitsgruppe gibt, ist – sagen wir: bemerkenswert. Ebenso wie die Tatsache, dass das Bemühen um Effizienzverbesserung zusammenfällt mit einem coronabedingten Mehrbedarf der Festspiele, die auch in diesem Jahr nur die Hälfte der Karten verkaufen können. Oft sagt man ja Reform und meint Kürzung – das wäre aber in dieser Situation fatal.

13. 7. 2021

Ralf Waldschmidt war als Intendant des Theaters Osnabrück seit 2011 einer der Stillen im Lande. Aber wer sich mal genauer mit Spielplänen, Kommunikationen und Aufführungen des kleinen Hauses an der Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen befasste, der stieß auf eine ausgesprochen ambitionierte Programmatik mit überwiegend guten Bühnenergebnissen. So jedenfalls erging es meinen Jurykollegen und mir und -kolleginnen 2015 bei der Vergabe des Bundestheaterpreises – mit der Folge, dass unter anderem Osnabrück mit einem solchen bedacht wurde. Unverkennbar war, dass hinter alledem ein kluger dramaturgischer Kopf steckte. Und so hat es durchaus seine Logik, dass Waldschmidt nun wieder in die Dramaturgie wechselt: Er wird Chefdramaturg an der Staatsoper Hamburg, die, mit Verlaub, nach den bisherigen Eindrücken der an Highlights nicht armen, im Ideenreichtum aber gelegentlich orientierungslos wirkenden Intendanz von Georges Delnon einen solchen Kopf durchaus vertragen könnte.

16. 7. 2021

Apropos: Mit einer wunderbaren Eloge auf Frank Castorfs nimmermüde Klugheit geht heute der kluge Dramaturg Carl Hegemann aus Anlass von dessen 70. Geburtstag vor seinem einstigen Chef in die Knie. In seinem absolut lesenswerten Beitrag in der Berliner Zeitung findet sich auch dieser wunderbare Satz: „Das konservative Theater Castorfs, das Brechts Realismuskritik ernst nimmt und überbietet, ist eine Lebensform, in der die Freiheit sonst konditionierter Rollenträger nahezu unbegrenzte Entfaltungsmöglichkeiten bekommen kann.“ So viel zum Klischee des alten, weißen, männlichen Regiedespoten, das ja gelegentlich auch Castorf schon untergejubelt wurde.

17. 7. 2021

Apropos: Auch Jürgen Flimm kann einen runden Geburtstag feiern, den 80. sogar. Ihm hat die Schauspielerin Katharina Thalbach in der Süddeutschen Zeitung die Eloge geschrieben, die sie mit diesen Worten beschließt: „Ich hab das Gefühl, Jürgen ist schon seit 150 Jahren auf der Welt, weil er so viel gemacht und bewegt hat, als Intendant und Regisseur landauf, landab und überall. Zuletzt habe ich ihn 2017 bei der Verabschiedung von Claus Peymann am Berliner Ensemble gesehen. Alt ist er geworden. ,Ach Kathi‘, hat er gesagt und mich ganz süß angelächelt. Ein ehrliches Lächeln. Was wünscht man so jemandem zum 80. Geburtstag? Dass er 100 wird? Ach Jürgen, die Hauptsache ist eine gute Prostata.“ Dem Wunsch schließen wir uns an.

19. 7. 2021

Jetzt ist es passiert: Die Salzburger Festspiele geben bekannt, eine Person sei positiv auf das Coronavirus getestet worden, die die Premiere des „Jedermann“ besucht hatte. Die Person sei komplett geimpft gewesen, die Gesundheitsbehörde identifizierte 44 Kontaktperso nen. Nun gilt in Salzburg wieder die FFP2-Masken-Pflicht, das Präventionskonzept soll weiterhin „den Entwicklungen der Pandemie angepasst werden“. Vielleicht wäre das Schachbrett doch die bessere Lösung gewesen?

21. 7. 2017

Es ist amtlich: Stefan Bachmanns Vertrag als Intendant des Kölner Schauspiels wird bis August 2026 verlängert. Oberbürgermeisterin Henriette Reker sagte zur Begründung, Bachmann habe in Köln Großartiges geleistet und es geschafft, „das Schauspiel Köln in der Coronazeit über Streamingangebote glänzen zu lassen“. Glänzen kann Köln mit dieser Entscheidung eher nicht, überzeugen aber schon. Bachmann hat nun die Möglichkeit, das Depot in Mülheim als Spielstätte von Tanz und Schauspiel zu erhalten und ab 2024 (wirklich? 2024??) am Offenbachplatz vielleicht doch auch – für Glanz zu sorgen?

21. 7. 2021

Heute avisiert der Theater-der- Zeit-Verlag ein neues Buch des Dramaturgen und Theaterwissenschaftlers Bernd Stegemann, der sich zuletzt ziemlich kritisch mit der Etikette der politischen Korrektheit auseinandergesetzt hatte und dafür eine Menge Prügel eingesteckt hat. Ich fand seine Argumentation nicht immer geschickt, viele seiner Standpunkte aber und nicht zuletzt auch die Unerschrockenheit, mit der er sie vertritt, anerkennenswert. Den neuen Essay „Wutkultur“ werde ich aber auch deshalb mit großer Neugier lesen, weil er auf ein ebenso spannendes wie beunruhigendes Phänomen abhebt, das auch ein Sonderforschungsbereich an der Uni Dresden untersucht. Es geht dabei um „Invektivität“, um „Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“, die die Forscher in ganz unterschiedlichen Textsorten gefunden haben: antiken Schriften, Gedichten der frühen Neuzeit, aber auch in den Kommunikationsstrategien rechter Demagogen bis hin zur AfD – und in linken Erregungspamphleten der sozialen Medien. Auf ihrem historischen „Umweg“ haben die Dresdner Forscher Methoden gefunden, invektive Strategien zu beschreiben und damit auch zu entlarven. Ich bin mal gespannt, ob und wie Stegemann sich da verorten lässt.

28. 7. 2021

Heute breitet die Süddeutsche Zeitung noch einmal das Sanierungsvorhaben an der Oper Stuttgart vor ihren Lesern aus, und nach der ausführlichen Lektüre muss ich sagen: Das Unternehmen macht in all seiner Umfänglichkeit Sinn und hat Zukunftspotenzial. Anders sieht es der Bund der Steuerzahler. Die Rhein-Neckar-Zeitung zitiert den Landesvorsitzenden Zenon Bilaniuk mit den Worten: „Wir befinden uns derzeit in einer finanziell äußerst angespannten Situation. Da können wir nicht so tun, als sei nichts geschehen.“ Deshalb müsse das Vorhaben „abgespeckt“ werden. Es sei keine Frage, dass die Oper saniert werden müsse. „Wir haben aber den Eindruck, dass Alternativen zu den favorisierten Plänen nicht ausreichend geprüft wurden.“ Angesichts der endlosen Stuttgarter Sanierungsdiskussion ist das eine kühne Behauptung. Vor allem aber: Dass der Steuerzahlerbund den fahrlässigen Umgang mit Geld anprangert, ist sein gutes Recht. Woher aber nimmt er eigentlich das Mandat, Pläne zu öffentlichen Projekten in der Sache selbst zu kritisieren? Welche Art Oper Stuttgart braucht: Das zu entscheiden, sollte doch dem Souverän und dessen Vertretern vorbehalten sein. Und was das „Abspecken“ angeht: Bei vielen Sanierungsvorhaben haben sich die kurzfristig billigeren Varianten mangels Nachhaltigkeit auf lange Sicht als die teureren erwiesen. Insofern war es gut und richtig, dass Stadt und Land inzwischen für die Sanierung gestimmt haben!

28. 7. 2021

Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele hat nun auch stattgefunden, und die erste Frau war da. Oder eigentlich gleich zwei erste Frauen: Nach 145 Jahren Festspielgeschichte steht erstmals eine Frau als Dirigentin am „mystischen Abgrund“ des Orchestergrabens: die 43 Jahre junge Ukrainerin Oksana Lyniv. Und ja, Corona hin und Schachbrett her: Unter den nur 911 Gästen war auch die (noch) erste Frau im Staate: Angela Merkel, den Festspielen über die Jahre ihrer Kanzlerschaft stets treu verbunden und stets sympathisch bescheiden auftretend. An Dmitri Tcherniakovs freudianisch psychologisierender Deutung des „Holländer“-Schicksals scheiden sich die Geister (ich persönlich fand’s eher platt), Oksana Lyniv und der Senta-Sängerin Asmik Grigorian aber fliegen die Herzen zu. Es ist vieles anders, viel Kon trolle, viel Reglement – aber wenn man die Berichte der Eröffnungspremiere liest, bleibt der Eindruck, dass schließlich alles gut wurde. Hoffentlich bleibt es so.

29. 7. 2021

Erneut ein Sexskandal in Theaterkreisen – wobei das Theater diesmal allerdings nur Ort der vermeintlichen Verfehlung, aber nicht deren institutioneller Kontext war. Thomas Pekny, Intendant der Komödie im Bayerischen Hof, musste vor dem Landgericht München zu Vorwürfen Stellung nehmen, er habe betrunkene Frauen auf der Oktoberfest-Wiesn angesprochen, in den Probenräumen seines Theaters missbraucht und intime Fotos von ihnen gemacht. Er wurde freigesprochen. Allerdings hatten sich während des Prozesses weitere vorgeblich Betroffene gemeldet, sodass möglicherweise weiter ermittelt werden muss. Wie auch immer – dem Münchner Merkur entnehmen wir, dass eines der inkriminierten Fotos im Hintergrund ein Theaterplakat mit der Schauspielerin Therese Giehse zeigt. Was der Achtung des Täters vor der Theaterkunst nun wirklich ein deplorables Zeugnis ausstellt. Allein dafür möge ihn die Giehse in Gestalt der Claire Zachanassian heimsuchen in seinen schwülen Träumen!