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MEIN THEATER- TAGEBUCH


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 03.01.2022

THEATERTAGEBUCH

Artikelbild für den Artikel "MEIN THEATER- TAGEBUCH" aus der Ausgabe 1/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 1/2022

1. 11. 2021 ENDLICH WIEDER BEISAMMEN!

Gerade komme ich von der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins in Hamburg. Und – ich sag’s mal ganz persönlich: Am schönsten war für mich die abendliche Feier im eindrucksvollen Fundus der Hamburgischen Staatsoper. Ich habe mich so gefreut, all die Theaterleute wiederzusehen, live und in 2G, mit hochfliegenden Plänen, die der beginnenden Saison entgegenfiebern … Wenn da bloß nicht diese nagenden Zweifel wären. Auf meinem Handy trage ich einen Christian-Drosten-Podcast vom vergangenen Januar mit mir herum. Dort entwirft der Virologe ein Schreckensszenario: dreistellige Inzidenzen, Nichtgeimpfte überlasten die Intensivstationen, viele Tote – so werde es im Herbst kommen, wenn wir nicht durch die Impfung Herdenimmunität erlangen. Klar ist: Wir sind im beginnenden November weit entfernt von der Herdenimmunität.

1. 11. 2021 AUCH WIEDER ...

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... BEISAMMEN!

Apropos Bühnenverein: Das Volkstheater Rostock ist auch wieder dabei. Das Stadttheater war 2013, unter der Ägide des meinungsstarken Oberbürgermeisters Roland Methling, des konfliktstarken Geschäftsführers Stefan Rosinski und des stark unbequemen Generalintendanten Sewan Latchinian, wegen des neu verhandelten Flächentarifvertrags für die Orchester aus der Arbeitnehmerorganisation der Theater ausgetreten. Nun sind sie wieder drin, und die Orchestermusiker haben Tarifsicherheit.

2. 11. 2021 RASSISMUS ODER RANKÜNE?

Ein Artikel in der Berliner Zeitung wirft ein unerwartetes Licht auf den Fall der schwarzen Tänzerin Chloé Lopes Gomes, die behaup- tet hatte, am Staatsballett Berlin rassistisch diskriminiert worden zu sein. Sie löste damit einen Sturm der Empörung gegen das Staatsballett aus. Die Verhandlung vor dem Bühnenschiedsgericht aber, so stellt es Birgit Walter dar, hat nun Erkenntnisse zutage gefördert, die Zweifel an der Darstellung der Tänzerin erwecken. Jedenfalls ist die Sachlage offenbar so kompliziert, dass es für Außenstehende schwer möglich ist, zum Kern der Wahrheit durchzudringen. Das aber ist genau der Hintergrund, vor dem sich die zerstörerischen Reflexe eines medial-kommunikativen Klimas entfalten, in dem es nur eines Schlagwortes bedarf (Rassismus, Sexismus, Kolonialismus), und schon glauben alle, die Schuldigen zu kennen. Solche präfaktischen Wahrheiten sind keinen Deut besser als die kontrafaktischen Wahrheiten der Rechten.

3. 11. 2021 DIE SORGEN DER INTENDANTEN

Ich nehme heute an einer Zoom- Konferenz der Intendant*innengruppe im Bühnenverein teil, die meine Hochstimmung von vorgestern dämpft. Mehrere Teilnehmer berichten über eine Zurückhaltung des Publikums beim Kartenkauf, das offenbar der hygienischen Sicherheit im Theater nicht bedingungslos traut. Auch von Sparattacken infolge der coronabedingt einbrechenden Steuereinnahmen wird berichtet. Eine der dreistesten davon hat man sich in Hannover ausgedacht. Dort plant die niedersächsische Landesregierung, die Tariferhöhungen nicht mehr durch eine entsprechende Anhebung der Zuschüsse auszugleichen, nach dem Motto: Wir haben die Tarifverträge zwar unterschrieben, aber jetzt seht mal selbst zu, wo ihr das Geld dafür hernehmt. Das gilt zwar nicht für alle Bühnen des Landes, aber, wie das Aktions- bündnis #rettedeintheater mitteilt, für das Staatstheater Hannover sowie die Theater und Orchester in kommunaler Trägerschaft (Celle, Göttingen, Hildesheim, Lüneburg, Osnabrück, Wilhelmshaven) und auch für freie Theater und Spielstätten.

4. 11. 2021 SELIG IN BONN

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Die Stadtspitze in Bonn will den bis 2023 laufenden Vertrag mit ihrem Generalintendanten Bernhard Helmich um fünf Jahre verlängern. Zugleich sollen die Zuschüsse bis 2028 auf über 35 Millionen Euro im Jahr ansteigen. Im Gegenzug sollen die städtischen Bühnen mit dem angesehenen Jungen Theater Bonn kooperieren und damit das Angebot für junge Zuschauer in der Stadt sichern.

9. 11. 2021 CORONA-BREAK AM MÜNCH- NER NATIONALTHEATER

Auch hinter dem eisernen Vorhang schafft das Virus Probleme. Jetzt muss die Bayerische Staatsoper pausieren, weil mehrere Coronafälle bekannt wurden. In den kommenden vier Tagen sind alle Vorstellungen abgesagt, die Wiederaufnahme von Frank Castorfs „Die Vögel“ muss komplett entfallen. Manchmal fühlt sich Corona an wie eine Schlinge um den Hals, die sich ganz langsam zuzieht.

10. 11. 2021 IN BAYERN GILT 2G

Und gleich wieder ein kleiner Zug an der Schlinge: Angesichts rapide steigender Coronazahlen gilt für die Kultur in Bayern ab heute 2G. Ausfälle wegen Corona backstage melden jetzt auch die Nürnberger Symphoniker und der Windsbacher Knabenchor.

10. 11. 2021 RETTET DAS THEATER IN HANNOVER!

Heute wird in Hannover gegen die als „Nichtausgleich der Tariferhöhungen“ getarnten Kürzungen am Staatstheater demonstriert. Das Bündnis #rettedeintheater sowie die Künstlergewerkschaften Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Deutsche Orchestervereinigung und Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer sowie Ver.di hatten mit bundesweiter Resonanz zum Protest aufgerufen.

11. 11. 2021 ROSTOCK RETTET SEIN THEATER

In der anschwellenden Corona- Kakophonie geht eine wunderbare Nachricht aus Rostock fast unter: Der Zeitplan für den Neubau des Volkstheaters steht, 2023 soll es losgehen. Erinnert sich noch jemand an den endlosen Rostocker Theaterskandal (siehe 1. 11.), der das Volkstheater in eine Existenzkrise brachte? Mit dem Neubau dürfte dieses auch künstlerisch wahrlich traditionsreiche Haus endgültig gerettet sein.

15. 11. 2021 KRISE UND KEIN ENDE

Heute habe ich nach längerer Zeit wieder ein Krisentagebuch geschrieben und auf unsere Home page gestellt. Das Format hatten wir im Frühjahr 2020 als Reflexionsforum der Coronakrise erfunden – dass ich anderthalb Jahre danach die 36. Ausgabe schreiben würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Überschrift: „Nur noch deprimierend“.

15. 11. 2021 TANZ AUF DEM VULKAN

Ist das noch Schachbrett oder schon Zuschauereinbruch? Während viele Theater ihre Zuschauer aus eigener Initiative auf Abstand setzen, wird immer klarer, dass die Kartennachfrage unter dem Eindruck steigender Inzidenzen vielerorts einbricht. Andererseits: Die Zeitungen sind an diesem Montag prallvoll mit Premierenrezensionen: Herheims „Ring“ ist mit der „Siegfried“-Premiere an der Deutschen Oper Berlin komplett, in Nürnberg kommt Konwitschnys „Troubadour“ heraus, Modezar Christian Lacroix hat in Rouen das komplette Offenbach’sche „Pariser Leben“ inszeniert, Pollesch macht an der Volksbühne „Puntila“ und Castorf am Deutschen Schauspielhaus Hamburg „Der Geheimagent“ von Joseph Conrad, in Düsseldorf erblickt eine Theaterfassung von Mithu Sanyals Roman „Identitti“ das Licht der Bühne, an den Münchner Kammerspielen kommt Thomas Köcks Uraufführung „Eure Paläste sind leer“ heraus (der Bezug auf allfällige Zuschauerlücken ist rein zufällig). Es ist wie der Tanz auf dem Vulkan.

16. 11. 2021 EIN KONWITSCHNY- SKANDÄLCHEN

Und wieder eines dieser Skandälchen, die im politisch korrekten Klima dieser Tage jederzeit zerstörerisch eskalieren können. Peter Konwitschny, dessen Rhetorik auf Proben keineswegs immer friedensnobelpreisverdächtig ist, hatte einer schwarzen Choristin am Staatstheater Nürnberg eine Situation, die sie schauspielerisch umsetzen sollte, mit dem Satz erläutert: „Das ist wie in Afrika, wenn Ihnen ein Löwe entgegenkommt, dann können Sie auch nicht weggucken.“ So stellt er selbst es auf 3sat Kulturzeit dar. Und ja: Diese Bemerkung ist taktlos. Gegenüber der SZ allerdings erklärte die Opernleitung, sie sei von Beteiligten „als diskriminierend wahrgenommen“ worden. Nach Gesprächen mit mehreren beteiligten Personen sei man zu derselben Einschät- zung gekommen. Die Zusammenarbeit war damit zwei Wochen vor der Premiere perdu, eine Regieassistentin übernahm, sodass der „Troubadour“ am vergangenen Wochenende dennoch herauskommen konnte.

17. 11. 2021 FAUST OHNE PARTY

Es fühlt sich an, als wäre die eingangs erwähnte Jahreshauptversammlung schon 100 Jahre her. Umso mehr hatte ich mich auf die für Sonnabend geplante Verleihung des Deutschen Theaterpreises DER FAUST gefreut. Es sollte eine Gala mit vielen Gästen werden, die Aftershowparty wäre eine weitere wunderbare Gelegenheit zum Austausch mit lange vermissten Partnern gewesen. Aber – am heutigen Mittwoch steht die Pressemeldung des Deutschen Bühnenvereins in allen Zeitungen: Mit Rücksicht auf die Coronalage wird das Bühnenprogramm zwar im Staatstheater Hannover stattfinden, aber ohne Zuschauer. Dabeisein ist nur per Stream möglich.

18. 11. 2021 DAS MEISTGESPIELTE FOR- MAT IM NOVEMBER: ABSAGE

Mit der Absage an eine FAUST- Verleihung mit Publikum liegt der Bühnenverein im traurigen Trend: Der Tanz auf dem Vulkan gerät ins Stocken, es häufen sich Ausfälle wegen Coronaerkrankungen in den Ensembles: in Görlitz, Dresden, Leipzig, München, Nürnberg, Frankfurt, Düsseldorf, Stendal …In Österreich ist der Kulturlockdown bereits traurige Realität, Sachsen schließt einen solchen nicht mehr aus, Bayern überlegt. Die Schlinge zieht sich zu, die länderspezifischen Pandemiemaßnahmen addieren sich zu einem bizarren Flickenteppich, und der Sonderstatus der Kultur wird erneut ignoriert. Erinnern Sie sich noch an die „Extrawurst“-Debatte, als eine dieser politischen Coronakonferenzen bei Frau Merkel die Kultur umstandslos den „weiteren Freizeitveranstaltungen“ zuordnete und dichtmachte? Das, so beschworen es damals (es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her) etliche Kulturpolitiker, dürfe nie wieder vorkommen. Nun – wir sind wieder auf dem besten Weg dorthin.

18. 11. 2021 UND NOCH EIN SKANDÄLCHEN

Ein Interview von Sonja Anders, Schauspielintendantin am Staatstheater Hannover, schlägt Wellen. Die Intendantin hatte gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen das Theater als „rassistischen Betrieb“ bezeichnet (siehe Zitat des Monats) und ihm attestiert, es fixiere sich „seit Jahrhunderten um die Erfahrungen, Bedürfnisse, Sehgewohnheiten“ des alten weißen Mannes. Dazu gibt es in den Leserbriefspalten der Zeitung Aufregung und meist Widerspruch. Und es ist es ja schon seltsam, wenn die viel beschworene Diversity durch Exklusion definiert wird: durch den Ausschluss eben jener alten weißen Männer. Damit kehrt sich die Intendantin unter Berufung auf altersdiskriminierende, rassistische (weiß) und sexistische (Mann) Kriterien gegen einen nicht ganz kleinen Teil ihres Publikums.

19. 11. 2021 IN SACHSEN UND BAYERN WIRD’S ERNST

Das Staatsschauspiel Dresden und die Semperoper Dresden mit all ihren Spielstätten schließen wegen der angespannten Gesundheitssituation in der Bevölkerung, Bayern kündigt die Reduzierung der zulässigen Zuschauerzahl in den Theatern auf 25 Prozent an. Letzteres bedeutet für viele, vor allem kleinere und freie Bühnen einen De-facto-Lockdown, weil damit ein auskömmlicher Spielbetrieb unmöglich ist. Entsprechende Meldungen erreichen in den folgenden Tagen immer wieder die Redaktion, aus manchen spricht pure Verzweiflung.

22. 11. 2021 KULTUR UND FREIZEIT IN SACHSEN

Es ist die Zeit der Déjà-vus: In Sachsen wird der nächste Kulturlockdown in Deutschland traurige Realität, und wieder ist pauschal von den „Kultur- und Freizeiteinrichtungen“ die Rede. Die Stadt Leipzig verlängert die Schließung für Oper, Gewandhaus und Schauspielhaus freiwillig sogar bis zum 9. Januar 2022 statt bis zum 12. Dezember. Derweil kündigen erste Theater einen digitalen Spielplan an, das in Graz unter anderem eine VR- Brillen-Produktion unter dem absolut zeitgemäßen Titel „Krasnojarsk. Eine Endzeitreise in 360°“.

23. 11. 2021 DER INKRIMINIERTE „NUSSKNACKER“

Die Durchforstung des Repertoires auf politisch nicht korrekte Elemente zeigt Wirkung: Am Berliner Staatsballett wurden die Vorweihnachtsvorstellungen der von den Choreographen Vasily Medvedev und Yuri Burlaka 2013 für das Staatsballett Berlin entwickelten Fassung von Tschaikowskis „Nussknacker“ abgesetzt, die auf der Überlieferung des Pepita- Originals von 1892 beruht. Sie war ein richtiger Publikumsrenner, enthält aber Elemente, die nach heutigem Verständnis unter das Kolonialismus- und Rassismusverdikt fallen: im zweiten Akt beispielsweise ein arabischer Tanz (mit Haremsdamen) und ein chinesischer Tanz, auch andere Passagen bedienen ethnische Stereotypen des für das späte 19. Jahrhundert typischen Exotismus. Dass dieser aus heutiger Sicht inkriminiert wird, zeigt ein naives ahistorisches Denken, das kategorisch auf Schlüsselreize reagiert, statt diese im historischen Kontext zu dechiffrieren. Und es zeigt zudem eine Geringschätzung des Publikums, dem die Leitung des Staatsballetts offenbar unterstellt, dass es diese Schlüsselreize kritiklos rassistisch interpretiert, wenn es die Aufführung schätzt. Auch hier fragt man sich, ob die Theater derzeit nicht ohnedies genug Probleme mit ihrem Publikum haben.

24. 11. 2021 DER FLICKENTEPPICH DES WAHNSINNS

Mich erreicht ein Hilferuf aus einem immer wieder übersehenen Bereich der Theaterszene: INTHEGA-Präsidentin Dorothee Starke weist auf die „wahnsinnigen“ Folgen der Pandemie für ihre Klientel hin. Die INTHEGA ist der Fachverband für die Gastspielbranche unter den Theatern, sie vertritt rund 400 Mitgliedsstädte. Völlig nachvollziehbar beklagt Starke den Flickenteppich kurzfristig wechselnder Regelungen der Bundesländer, der die verlässliche Planung von Tourneen unmöglich mache und die Menschen verunsichere. Ein Flächenlockdown sei die „klarere und ehrlichere Variante“, denn: „Im Falle einer behördlich angeordneten Schließung können Veranstalter:innen wenigstens Ausfallhonorare zahlen bzw. genehmigte Hilfen aus Förderprogrammen für die Künstler:innen und Rückzahlungen einsetzen.“

„Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken, und man kann in einem rassistischen Betrieb nicht antirassistische Kunst machen. Ich behaupte, dass wir das lange Zeit gemacht haben. Jetzt fragen wir uns, ob wir vielleicht rassistische Stereotype auf der Bühne wiedergeben, und wir fragen uns auch, wie wir auf und hinter der Bühne miteinander umgehen.“

24. 11. 2021 STAATSZIEL – UND DANN?

Die Ampelkoalition will die Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz schreiben. Was das konkret bringt, ist eine Frage der Ausgestaltung – wie sehr, das könnte ein Blick auf das Staatsziel Tierschutz auf durchaus deprimierende Weise belegen. Denn mit dem Staats- ziel sind keine festen Regelungen verbunden. Schaut man den druckfrischen Koalitionsvertrag der Ampelparteien an, erkennt man zwei Tendenzen: Zum einen eine Erweiterung des Kulturbegriffs „von Klassik bis Comic, von Plattdeutsch bis Plattenladen“; zum anderen das Bemühen, die durch die Pandemie aufgerissenen Gräben zwischen Kultur und Politik wieder zu schließen, durch eine bessere soziale Absicherung der freien Kulturschaffenden, daneben durch einen engeren Dialog. Die Themen, die der Kultur da ins Pflichtenheft geschrieben werden, sind „Barrierefreiheit, Diversität, Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit“ – angesagte Trends des politischen Diskurses also. Das aber kollidiert tendenziell mit der in Artikel 5 garantierten Kunstfreiheit, die auch darin besteht, sich außerhalb des politisch Angesagten zu bewegen. Man muss jetzt nicht gleich das Gespenst einer dirigistischen Kulturpolitik heraufbeschwören, dürfte aber doch etwas mehr Sinn für den inkommensurablen Eigensinn der Kunst erwarten, wie ihn Richter in ihren Urteilen zur Kunstfreiheit immer wieder bewiesen haben.

25. 11. 2021 BROSDA BLEIBT, UND ROTH WIRD’S

Nachdem Carsten Brosda wochenlang als designierter Kulturstaatsminister des designierten Kanzlers Olaf Scholz gehandelt worden war, wird heute bekannt, dass der Posten an die Grünen- Politikerin Claudia Roth geht. Brosda gab dem NDR umgehend zu Protokoll, wie sehr er sich freue, weil er ja nun den tollen Job als Hamburger Kultursenator weitermachen könne. Was soll er auch sonst sagen? Die Hansestadt jedenfalls und auch der Deutsche Bühnenverein, dessen Präsident Brosda ist, haben tatsächlich Anlass zur Freude. Denn der intellektuelle Hanseat aus dem Ruhrpott ist einer der scharfsinnigsten kulturpolitischen Denker des Landes. Womit gleich formuliert wäre, was dem Bund durch dieses Postengeschachere entgeht. Brosda hinterlässt, ohne je im Amt gewesen zu sein, der grünen Nachfolgerin von Monika Grütters große Fußstapfen. Hoffentlich hält Claudia Roth Schritt.