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„Mein Ziel ist die totale Transformation des Repertoires“


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 03.01.2022

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "„Mein Ziel ist die totale Transformation des Repertoires“" aus der Ausgabe 1/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Martin G. Berger gönnt sich eine kreative Pause beim Titelshooting in Schwerin mit unserem Fotografen Tobias Kruse von der Agentur Ostkreuz/Berlin

Herr Berger, schon dem flüchtigen Blick fällt die außergewöhnliche Vielseitigkeit Ihres künstlerischen Treibens auf: Sie arbeiten in allen Musiktheatergenres zwischen den Polen E wie experimentell und U wie urkomisch.

MARTIN G. BERGER: Das hat auch mit meiner Biographie zu tun. Ich bin über das Musical ins Musiktheater reingerutscht, über die Musical-AG in der Schule. Was ich aus diesem biographischen Hintergrund mitgenommen habe, ist, dass ich unterhaltsam sein möchte in dem Sinne, dass ich die Unterhaltung mit den Zuschauern suche. Das heißt aber nicht, dass man nur flache Witze macht oder Erwartungen befriedigt. Ich habe viel darüber nachgedacht, was Theater für mich zur Kunst macht. Wenn Unterhaltung lediglich zur Reproduktion ohnehin präsenter Klischees wird, dann wird es für mich flach. Ich möchte, dass jeder reinkommt in das Stück. Aber dann möchte ich die Menschen mit dem ganzen ...

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... Besteck der theatralen Mittel – Humor, Empathie, direkte Ansprache, technische Verwandlungen, Bühne, Licht – dahin führen, wo sie nie dachten, dass sie da mal landen.

Jetzt haben Sie das Unterhaltsame verteidigt. Und wie verteidigen Sie die dekonstruktiven und performativen Elemente in Ihren Arbeiten?

MARTIN G. BERGER: Das ist so ein Lebensthema von mir, denn es betrifft das Verhältnis zwischen dem tradierten Werk und der aktuellen Bühnengestalt, in der es präsentiert wird. Ich möchte eigentlich diesen Gegensatz auflösen. Auf der einen Seite ist in der Oper das musikalische Werk unantastbar. Aber wenn dann Figuren beispielsweise in der „Zauberflöte“ etwas singen, was wir inzwischen als sexistisch oder rassistisch empfinden, dann stellt sich die Inszenierung mit einem großen Schild daneben, das signalisiert: „Achtung, das meinen wir ja gar nicht so!“ Dabei sehen wir doch heute immer deutlicher, dass Rassismus oder Sexismus keine Phänomene einzelner Momente sind, sondern dass sie in die Struktur der Werke, auch in die Musik, eingeschrieben sind. Zugleich sind in diesen großen Opernwerken aber auch zeitlose Elemente drin, die uns absolut etwas angehen. Und da finde ich es besser, wenn ich das Werk mir meiner Absicht entsprechend anverwandle. Ich möchte Fragen provozieren, eine Beschäftigung mit bestimmten Themen, Neugier. Wenn ich mit performativen Elementen umgehe oder Fassungen schreibe, dann dekonstruiere ich nicht einfach, sondern ich versuche fast immer, ein neues Narrativ aufzuziehen. Ich möchte, dass Menschen ins Theater gehen können, ohne Vorbildung zu haben, ohne Wikipedia gelesen zu haben, und trotzdem einen guten Abend erleben können. Und dafür tue ich Dinge, die für jemanden, der sehr eng am Werk hängt, ein absoluter Affront sind.

Im Opernhaus sitzen aber doch noch ziemlich viele Leute, die eng am Werk hängen. Die stoßen Sie vor den Kopf.

MARTIN G. BERGER: Da mir das Publikum sehr wichtig ist, ist es mir auch sehr wichtig, dieses Publikum zu halten. Allerdings wird dieses Publikum auch weniger. Und das bedeutet, dass wir vor der Aufgabe eines Transformationsprozesses stehen. Die Tradition muss fortgesetzt werden, aber sie darf nicht stehenbleiben. Und das ist im Moment leider das, was ich beobachte: Wir spielen das Destillat der immer gleichen Stücke. Mein Ziel ist aber die totale Transformation des Repertoires bis 2050. Dann sollten nur noch zehn Prozent der Produktionen aus dem heutigen Kernrepertoire kommen, alles andere sollte nicht älter als 100 Jahre sein. Wenn ich das erreichen will – ja, dann muss ich vielleicht doch manchmal auch vor den Kopf stoßen. Dann muss ich mich aber auch von der Idee verabschieden, dass jede Uraufführung Bestand für die Ewigkeit hat. Nein – Leute, wir machen Theater! Wir machen Kunst für den Augenblick! Und das kann – im besten Sinne – auch einfach mal sehr gut gemachte Gebrauchskunst sein. Nicht jede Uraufführung muss extrem schwer zu rezipieren sein. Lasst uns auch mal handwerklich denken und den Geniekult abstellen! Die Aufgabe von Theater ist für mich, neue Zusammenhänge herzustellen; die Synapsen neu zu verknüpfen; das Abstraktionsvermögen fernab realer Konventionen zu schärfen; und das alles als Gemeinschaftserlebnis! Nirgendwo kann sich Gesellschaftlichkeit so verhandeln wie im Theater. Dadurch sind wir ein extremer Treiber für den mündigen Menschen. Und das können wir zwar auch mit tradierten Meisterwerken, vor allem aber mit zeitgenössischen Stoffen erreichen.

„Ich möchte die Menschen mit dem ganzen Besteck der theatralen Mittel dahin führen, wo sie nie dachten, dass sie da mal landen.“

Martin G. Berger

„Musiktheater“ ist dennoch ein komplexer Vorgang, der vom Publikum verlangt, sich auf eine polyperspektivische Kunstform einzulassen. Kann man damit ein Publikum, das einfach nur einen netten Abend haben will, wirklich erreichen?

MARTIN G. BERGER: Ich würde frech behaupten: Kein Genre kann unmittelbarer, berührender sein als Musiktheater. Wenn man aber diesen Bildungsgraben zwischen Theaterereignis und Publikum legt, dann wird das eher geschwächt. Deshalb müssen wir Theater machen mit dem ehrlichen Willen, das Publikum zu begeistern. Und deshalb muss ich auch darauf reagieren, was die Menschen heute als Gesellschaft umtreibt. Da stelle ich fest, dass das Repertoire in den letzten zehn Jahren schlechter gealtert ist als in den 60 Jahren zuvor. Ich merke heute, dass Mimì die Männerphantasie eines Komponisten ist. Verdis „Otello“ ist eine geniale Studie über Rassismus. Aber ich merke, dass in der musikalischen Dauererregtheit von Verdis Otello-Musik auch ein rassistisches Moment steckt. Das ist von Verdi nicht böse gemeint, er steht ja auf der Seite seines Helden. Aber er bedient dennoch ein rassistisches Klischee. Und damit umzugehen ist kompliziert. Da würde ich mir mehr neue Stücke abseits des Kernrepertoires wünschen, in denen wir uns nicht mit solchen überkommenen Klischees herumschlagen müssen. Damit will ich überhaupt nicht sagen, dass Menschen, die „Otello“ schätzen, etwas Böses damit meinen und rassistische Arschlöcher sind. Auf der anderen Seite stimmt aber auch: Strukturell sind wir alle „rassistische Arschlöcher“. Aber Menschen, die diese Strukturproblematik nicht nachvollziehen und sich dann natürlich auch diese Zuschreibung nicht gefallen lassen wollen, die will ich trotzdem nicht ausschließen. Denn da liegt ein Spaltungsmoment in dieser Gesellschaft. Ich will aber nicht spalten, im Gegenteil: Ich will in einen Austausch kommen. Das ist unsere Aufgabe als Theater.

Also: Neue Werke braucht das Land! Welche Art von Werken?

MARTIN G. BERGER: Werke, die nicht zwangsläufig die ganze Musikgeschichte umkrempeln, sondern auch mit traditionellen Mitteln aktuelle Themen behandeln. Das meinte ich vorhin mit dem Anspruch an Uraufführungen und Gebrauchskunst: Unsere Aufgabe muss sein, spannende Sachen zu machen, emanzipatorische Geschichten zu erzählen, Diversität auf die Bühne zu bringen und zeitgenössische Themen zu behandeln.

Viele Intendanten gerade auch der größten Opernhäuser – die Mailänder Scala, Covent Garden in London, die Met in New York, die Wiener Staatsoper, die großen Opernhäuser in Berlin, Hamburg, München – sehen das offenbar anders. Sie stellen genau die Repertoireopern in den Mittelpunkt ihrer Programmdramaturgie, denen Sie strukturellen Rassismus oder Sexismus unterstellen. Und das Publikum kommt.

MARTIN G. BERGER: Ich habe auch selbst schon überlegt, ob ich einmal im Jahr so was machen sollte unter dem Label Oper wie früher, und da macht man’s dann mal wirklich 100-prozentig so, wie sich das gehört. Wenn sich unsere Opernlandschaft diversifiziert, dann gehört die Auseinandersetzung mit dem traditionellen Repertoire natürlich weiterhin dazu. Vielleicht spezialisieren sich dann bestimmte Player in diesem diversen Feld genau darauf. Eine gewisse Zweiteilung im Opernbetrieb gibt es ja sowieso schon: Die Met, die Wiener Staatsoper, die Scala, die funktionieren nach völlig anderen Parametern als ein Theater wie wir. Da wird ein Produkt hergestellt für ein zu einem großen Teil aus Touristen bestehendes Publikum. Ein 4000-Leute-Haus, das sich selber finanziert, das kann doch auch gar nicht anders arbeiten. Die sind der kapitalistischen Marktlogik unterworfen und müssen das bringen, was ihr Publikum erwartet. Aber unsere deutsche Tradition unterscheidet sich von diesem internationalen Betrieb. Wir am Stadttheater laden die Leute ein, hinzugehen, auch wenn sie gar nicht wissen, was sie bekommen. Wir bieten das Überraschungsei, das ist natürlich viel, viel schwerer. Genau deshalb ist das Überraschungsei auch das Förderungswürdige und nicht dasjenige, mit dem man sowieso ganz gut Geld verdienen kann. Unser Überraschungsei ist das, was Synapsen neu verknüpft, was zu Abstraktionen verführt und wo man als Zuschauer mündig ist, weil man den Sinn, der in diesem Ei steckt, als Interpret selbst hervorbringt.

Ist das der Grund, warum der aufstrebende Opernregisseur Martin G. Berger jetzt nicht, wie es sich gehört, so nach und nach an die immer größeren Häuser durchmarschiert ist, sondern die Abzweigung nach Schwerin genommen hat?

MARTIN G. BERGER: Ja – ich bin wirklich ein Kind dieses Theatersystems. Ich habe ja nix zu Ende studiert, sondern bin schon mit 21 Jahren ans Theater gegangen. Ich habe mich hier immer heimisch gefühlt, aber auch vieles kritisch gesehen. Mich hat das System immer auch als System interessiert. Und als dann der neue Schweriner Intendant Hans-Georg Wegner mich gefragt hat, den ich sehr schätze, dessen Führungsqualität und Menschenfreundlichkeit ich kenne, der an seinem Haus etwas zulassen und fördern will – da dachte ich: Ja! Das ist die Gelegenheit, nicht nur drüber nachzudenken, sondern das jetzt mal zu machen. Ich habe die Chance, mein eigenes Ensemble zusammenzustellen! Und die Chance, etwas kontinuierlich und langfristig umzusetzen, zu versuchen, mit der Oper, mit dem Opernhaus woanders hinzukommen. Ich werde auch weiter an anderen Häusern inszenieren, das ist auch mit Hans-Georg Wegner so besprochen. Aber ich habe gemerkt: Um in der Grundsätzlichkeit, in der mir die Oper am Herzen liegt, weiterzukommen, brauche ich auch eine Art von Gestaltungsmacht.

Ich führe Ihnen jetzt mal die Dimension Ihrer Aufgabe vor Augen. Wir betreuen in der Redaktion der DEUTSCHEN BÜHNE auch die Werkstatistik „Wer spielte was?“. Schon vor der Coronakrise konnten wir feststellen, dass die Oper seit 30 Jahren kontinuierlich an Reichweite in der Bevölkerung verliert.

Das kann nicht ewig so weitergehen. MARTIN G. BERGER: Na, das ist aber doch eine Bestätigung meiner These: Wir brauchen eine Transformation, und da ist Corona noch mal ein Brandbeschleuniger. Wir merken an jeder Ecke und an jedem Ende: Das System der immer gleichen Werke für die immer gleichen Abonnenten – das wird sich nicht mehr halten können. Wir müssen die Menschen viel individueller überzeugen mit einer Vielzahl von einzelnen Angeboten. Im Moment ist das Abonnement schon noch ein wichtiger Faktor, und wir können glücklich sein, dass wir diese aus Tradition treuen Zuschauer haben. Aber wir werden sie nicht mehr lange haben.

Das führt an den Anfang unseres Gesprächs zurück: Die Oper braucht eine Vielfalt von Formen für eine Vielfalt der Zuschauer. Sind Sie der diverse Regisseur für eine diverse Gesellschaft?

MARTIN G. BERGER: Ja – vielleicht. Die Oper ist in den letzten drei Jahrzehnten im interpretativen Regietheater steckengeblieben. Und jetzt ist es dringend an der Zeit, die Menschen damit anzusprechen, dass wir neue Formen und Werke, auch Werke mit traditionellen Mitteln, aber mit neuen Themen, anbieten und diesen Widerspruch von bestehendem Werk und relativierender Interpretation auflösen. Das können wir nur schaffen, wenn wir in die Bewegung kommen. Wir müssen relativ schnell herausfinden, wie wir die Mittel, die wir haben, so einsetzen, dass es für junge und mittelalte Menschen überzeugend ist. Es wird so viel davon geredet, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete in die Oper bringen müssen. Ja – aber genau dafür müsste ich doch ein völlig anderes, viel weniger tradiertes und codiertes Programm machen! Der große Indikator für unseren allgemeinen Publikumsverlust ist aber doch, dass ich auf dem Spielplatz einen Chefarzt kennenlerne, und der hat kein Abo. Da frage ich mich: Haben wir mit dem bisherigen Programm nicht nur keine neuen Gruppen erschlossen, sondern auch unser Stammpublikum verloren?

Das immer weiter ansteigende Durchschnittsalter der Opernbesucher könnte dafür sprechen.

MARTIN G. BERGER: Aber das heißt dann doch: Wenn wir uns auf keine sichere Publikumsgruppe mehr stützen können, ist das Problem und Chance zugleich. Die Lösung wird nicht sein, dass wir das tradierte Repertoire immer weiter spielen. Im Gegenteil: Genau das hat erst zur Entstehung dieses Problems geführt. Wir müssen Menschen aller Altersstufen und aller Hintergründe begeistern, und das können wir zwar teilweise mit tradierten Mitteln und mit unserem in sich funktionablen System, aber künstlerisch nur mit zeitgenössischen Erzählungen tun.

„2050 sollten nur noch zehn Prozent der Produktionen aus dem heutigen Kernrepertoire kommen, alles andere sollte nicht älter als 100 Jahre sein.“

Martin G. Berger

Kann das Theater alle erreichen?

MARTIN G. BERGER: Fakt ist, dass wir niemals eine Reichweite haben werden wie ein Kino-Blockbuster oder Netflix. Das ist auch gar nicht unsere Aufgabe. Theater in Deutschland funktioniert extrem lokal und regional. Das gilt auch für die öffentliche Resonanz. Wenn wir Operette spielen, dann ist es viel wichtiger, dass sie „Conny und das Gespenst im Schweriner Schloss“ heißt, als dass wir damit einen tollen überregionalen Hype landen. Wenn wir beides schaffen: umso besser. Aber der Hype ist nicht unsere Aufgabe. Ein Theater wie unseres bezieht seine Kraft daraus, dass es die Menschen hier vor Ort mit Theater von überregionaler Qualität begeistert und die Menschen mit hoher Qualität direkt anspricht. Und dass die, wenn sie aus Versehen doch mal nach Berlin fahren, hinterher sagen: „Och, da isses aber auch nicht besser als bei uns.“

Hat das deutsche Theater nicht auch ein Problem mit Führungsund Machtstrukturen?

MARTIN G. BERGER: Das ist das große Thema meiner Generation: Wir wollen bestimmte überholte Führungsstrukturen nicht mehr reproduzieren. Mir ist es zum Beispiel extrem wichtig, Sänger und Sängerinnen zu empowern. Das sind intelligente Menschen, tolle Künstler, die kann ich nicht einfach irgendwo hinstellen und sagen: „Jetzt mach doch mal so und sing schön dazu!“ Aber die Fragen nach Machtmissbrauch und Ausbeutung am Theater führen in einen Spagat. Wir dürfen das Theater nicht völlig bürokratisieren. Ich finde auch, dass wir uns Gedanken machen müssen, wie wir zum Beispiel für intensive Arbeitsprozesse einen Freizeitausgleich schaffen. Aber wir müssen dennoch eine Vertragsform finden, in der Endproben mit sehr vielen Überstunden möglich sind. Wir müssen dafür sorgen, dass Arbeit und Freizeit sich die Waage halten, und trotzdem die Realitäten des Theaterbetriebs respektieren. Wenn Theaterkünstler keine Lust haben – nicht jeden Tag, aber auch mal –, ins Extrem zu gehen, dann muss ich sagen: Ja, Leute, dann macht doch lieber was anderes. Ich glaube auch nicht, dass alle Hierarchiestrukturen falsch sind. Wir dürfen Hierarchiestrukturen aber nicht als Machtstrukturen, wir müssen sie als Verantwortungsstrukturen interpretieren, darauf kommt es an! Das gilt auch für den Umgang mit den Künstler-Tarifverträgen. Ich möchte den Normalvertrag Bühne nicht abschaffen. Wir müssen verantwortungsvoll mit ihm umgehen. Aber zu meiner Verantwortung gehört es auch, an diesem Haus die größtmögliche künstlerische Qualität zu erreichen. Ein Instrument dazu ist nun mal gerade in einem künstlerischen Betrieb die Personalauswahl. Wenn dann Leute gehen müssen – so schmerzhaft für jeden Einzelnen das auch jedes Mal ist –, dann wird immer so getan, als würden da Massenentlassungen vorgenommen. Das stimmt aber doch nicht. Für die, die gehen, kommen ja andere. Das ist etwas völlig anderes, als wenn BMW ein Werk dichtmacht. Worum es geht, ist, dass man auch am Theater Leute qualifiziert, Menschen zu führen, dass man Strukturen modernisiert und dass man am Theater wirklich allen, von der Reinigungskraft bis zum Startenor, mit Empathie und Respekt begegnet.

UNSER INTERVIEWPARTNER

MARTIN G. BERGER ist seit Beginn der Saison Operndirektor am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin.

» Geboren 1987 in Berlin, wuchs in Berlin, Istanbul und München auf.

» Inszenierungen in Oper, Operette, Musical, Schauspiel und Performanceformaten

» 2016 Deutscher Musical-Theater- Preis für Beste Regie

» 2018 nominiert für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Beste Regie Musiktheater

» 2018 UA des Musicals „Aus Tradition anders“ am Staatstheater Darmstadt

» 2018 Orpheus für besondere Verdienste um die Operette

» 2019 UA der Kammeroper „Elfie“ in der Neuköllner Oper

» 2020 Deutscher Theaterpreis DER FAUST für seine Inszenierung „Ariadne auf Naxos“