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Meine 34 Jahre für SPORT BILD


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 13/2022 vom 30.03.2022

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Jochen Coenen (60) startete 1981 als Volontär in der BILD-Sportredaktion in Essen. Nach fünf Jahren als Polizei-Reporter wechselte er 1988 zur neuen Zeitschrift SPORT BILD

Feierabend! Nach 40 Jahren und sieben Monaten! Wie die Zeit vergeht ... Als Sportvolontär war ich am 1. September 1981 bei BILD NRW in Essen gestartet. Mein erstes Interview vier Tage später. Unter der Dusche! Beim Spiel Duisburg gegen Nürnberg. Club-Kapitän Reinhold Hintermaier war wütend, weil Trainer Heinz Elzner ihn ausgewechselt hatte. Ich flitzte im Wedaustadion von der Pressetribüne an den verdutzten Ordnern vorbei in die Katakomben. Hintermaier stand schon unter der Dusche und war sichtlich angefressen. Ziemlich nass kam ich bei herrlichstem Sonnenschein wieder auf die Tribüne ... Es folgten sieben lehrreiche Jahre bei BILD. Erst das Volontariat, dann als Polizeireporter. Danach begann das groß Abenteuer SPORT BILD ...

Mein erstes Interview hier war gleich mal mit dem Kaiser! Teamchef Franz Beckenbauer besuchte die Redaktion, ich durfte dabei sein. Welch ein Start!

Aus Costa Rica ...

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... gab ich den Text per Telefon nach Hamburg durch. Für 350 Dollar

Es sollten 34 Jahre bei SPORT BILD folgen. Eine unglaubliche Zeit, für die ich sehr dankbar bin, weil ich wahnsinnig viel erlebt habe. Welt-und Europameisterschaften, Olympische Spiele und abenteuerliche Dienstreisen. Ein kleiner Einblick von den Anfängen bis heute ...

Mein erstes großes Sport-Ereignis war das Pokalfinale 1988 zwischen Bochum und Frankfurt. Aus Hamburg mit Pan Am in die geteilte Stadt Berlin. Erstmals sah ich den Todesstreifen. Meine letzten drei Jahre bei SPORT BILD sollte ich dort in Berlin-Mitte eine Wohnung haben. Damals unvorstellbar ...

Frankfurt gewann 1:0. Das Tor hatte der ungarische Spielmacher Lajos Detari gemacht. Im selben Sommer wurde er für 15,5 Millionen Mark plus 2,17 Millionen Mark Mehrwertsteuer an Olympiakos Piräus verkauft. In Frankfurt wurde mir später der Ablöse-Vertrag mit allen Klauseln zugespielt. Von der Ablöse musste Eintracht 6,95 Millionen Mark an Detaris Ex-Klub Honved Budapest überweisen. Ein Jahr zuvor hatte Frankfurt an Honved für Detari 2,2 Mio. gezahlt und musste zusätzlich an die ungarische staatliche Behörde für Jugend und Sport 3,4 Millionen Mark zahlen.

Verträge, Transfervereinbarungen, Trainer-Zeugnisse, Prämienklauseln, Wechsel-Nachrichten, exklusive Interviews, große Reportagen! Das war meine Welt!

Im Dezember 1989 sagte mir Chefredakteur Gerhard „Max“ Pietsch: „Ich möchte eine Reportage aus einem Land, das 1990 erstmals an der WM teilnimmt. Such dir was aus!“ Ich entschied mich für Costa Rica. Über Miami ging es für drei Tage nach San José, Treffen mit Funktionären und Spielern. Die waren mächtig stolz, dass ein Reporter extra aus Deutschland kam. Von einem Kiosk aus habe ich den Report telefonisch durchgegeben. Damals gab es im Springer-Verlag noch eine Aufnahme. Die Kollegin spannte Papier in die Schreibmaschine, und los ging es. Der Spaß hat 350 Dollar gekostet ...

Nach dem Mauerfall 1989 hatte Leverkusens Manager Reiner Calmund Andreas Thom als ersten DDR-Spieler offiziell für die Bundesliga verpflichtet. Sofortiger Wechsel im Januar 1990. Bayer war im Trainingslager auf Gran Canaria. Mit Iberia für 2700 Mark von Hamburg über Madrid und Barcelona nach Gran Canaria. Ankunft nachts um zwei. Mittags um zwölf lern-te ich Calmund kennen. Ich be-kam grünes Licht für das Exklusiv-Interview mit Thom. Direkt am Nachmittag. Da gab es keine Wichtigtuer-Pressesprecher. Das wurde alles direkt geklärt! Andi Thom kam allein auf mein Zimmer. 90 Minuten unterhielten wir uns. So etwas ist heute unvorstellbar. Dann die Heimreise. Beim Zwischenstopp in Madrid schnell zum TraiReal. Glück ningsgelände von gehabt. Das Training war gerade vorbei, noch rasch ein Bernd Schuster und se.

Noch im Januar wieder nach Miami. Dort absolvierte Schalke sein Trainingslager. Vom Flughafen mit dem Leihwagen nach Miami Beach, plötzlich sah ich riesige Schalke-Fahnen an Hotels. Weltklasse. 250 Fans waren dabei, Trainer Peter Neururer machte mit ihnen am Strand Gymnastik-Übungen. Und Präsident Günter Eichberg versprach den Fans erstmals ein neues Stadion. Durch Miami Beach hallte: „Schaaalke, Schaaalke.“

Ein Leben auf der Überholspur ...

Die WM in Italien, mein erstes großes Turnier. Wir begleiteten die Nationalmannschaft bis zum Titel zwei Monate. Sportschule Malente, Sportschule Kaiserau in Kamen, das Hotel Seeleiten in Kaltern in Südtirol, schließlich das Hotel Castello di Casiglio in Erba. Wir wohnten nicht weit entfernt in der Villa Odescalchi in Alzate Brianza. Meine erste WM war gleichzeitig mein schönstes Turnier. Großartige Typen wie Rudi Völler, Andi Brehme, Lothar Matthäus, Frank Mill, Andi Köpke und, und, und. Dazu Teamchef Franz Beckenbauer. Jeden Tag fuhren wir ins Mannschaftshotel, führten Interviews, bereiteten unsere Berichte vor. Durch unseren Kolumnisten Udo Lattek, der zu vielen Spielern einen Super-Draht hatte, bekamen wir natürlich viele exklusive Infos. Legendär die Nächte nach den Sonntagsspielen. Denn SPORT BILD druckte damals am Montag an. Beispielhaft das 2:1 im Achtelfinale gegen Holland. Nach dem Abpfiff vereinbarten wir mit den Spielern, die für uns wichtig waren, wann wir sie im Hotel anrufen. Zur Erinnerung: Handys gab es damals nicht! Guido Buchwald wollte immer auf seinem Zimmer angerufen werden. Pierre „Litti“ Littbarski ließ sich nachts um drei beim Telefonieren massieren! Andi Brehme sagte mir: „Servus Jochen, fünf Uhr an der Bar, wie immer!“ Also morgens um fünf ... Dann quatschten wir über das Spiel, wie er gelernt hat, so zu schießen wie beim 2:0 und, und, und. Zwischendurch schreiben, es war immer der Kampf gegen die Zeit. Meinen besten Informanten rief ich während der WM immer montagmorgens um acht Uhr an. Dann verriet er mir noch die letzten Neuigkeiten. So erfuhr ich, dass der Spuckskandal ein Nachspiel in den Katakomben hatte. Hollands Frank Rijkaard hatte Rudi Völler zweimal bespuckt, beide flogen vom Platz. Unfassbar. In den Katakomben, so sagte mir mein Informant, hat der Rudi dem Rijkaard eine gescheuert, rannte dann mit Pressechef Wolfgang Niersbach in die Kabine und schloss von innen ab.

1990 riefen wir die Spieler nachts im Hotel an. Es gab noch keine Handys

Nach dem 1:0 im Finale gegen Argentinien rief doch tatsächlich Co-Trainer Holger Osieck nachts um drei im Springer-Büro des Pressezentrums in Rom an und fragte mich: „Braucht Ihr noch was?“

Ich bin sehr glücklich, dass ich zu einer Zeit Reporter war, als man noch nicht von Pressestellen ausgebremst wurde, als die Spieler und Trainer noch gerne den persönlichen Kontakt pflegten. Und schnell merkte ich, dass ein dickes Telefonbuch extrem wichtig ist. Mein Kollege Ulrich Kühne-Hellmessen sagte immer: „Ein Tag ohne neue Telefonnummer ist kein guter Tag.“

Wichtige Informanten sind bis heute Spielerberater. Wolfgang Vöge, ein ehemaliger Profi, ist seit Jahrzehnten im Geschäft, brachte damals unter anderem Thomas Doll nach und Köpke Marseille. Als er begann, rief er mich oft an und nach Telefon-nummern von Spielern, die er für sich gewinnen wollte. Ich gab sie ihm, dafür bekam ich von ihm Infos über mögliche Transfers. Ein Geben und Nehmen ...

Die Wendezeit brachte unglaublich viel Bewegung in die ganze gab es Osten für kleines Geld. Wolfgang Karnath war eigentlich Laborant bei Bayer und selbst dreimal chemisch gereinigt. Er machte sich schnell als Spielerberater selbstständig und hatte Profis wie Ulf Kirsten und Matthias Sammer. Wenn Transfer-Verhandlungen anstanden, gab er schon mal einen Tipp, wo diese sind, damit wir unseren Fotografen Abschuss entsprechend postieren konnten.

Fußballszene. Plötzlich Super-Spieler aus dem für einen sogenannten Irgendwann saßen wir in seinem Auto in Düsseldorf, und er sagte: „Sammer geht nach Mailand.“ Ich: „Glaube ich nicht.“ Er: „Warte, ich rufe Vinicio an.“ Vinicio Fioranelli, ebenfalls Spielerberater. Er hatte den Transfer mit eingefädelt. Karnath sagte mir, ich solle still sein. Dann rief er ihn vom Autotelefon aus an und meinte, er wolle noch einmal wissen, wie jetzt genau der Ablauf beim Sammer-Transfer sei. Fioranelli erzählte das Prozedere sehr detailreich. Unsere nächste Schlagzeile lautete: Sammer wird schon von Mailand bezahlt!

Das dicke Telefonbuch. Tatsächlich hatte ich von vielen Managern, Trainern und Spielern alle Telefonnummern. Juni 1991. Kaiserslautern hatte zu Hause gegen Gladbach 2:3 verloren, der Meistertitel wackelte wieder. Eine Woche zuvor war ich nach dem FCK-Sieg in Bremen und der überraschenden Niederlage von Bayern in Wattenscheid im Lauterer Mannschaftsbus mit zum Flughafen gefahren. Mit der Mannschaft flog ich nach Frankfurt, im Leihwagen nach Kaiserslautern, Stimmungsbericht, Sonntagfrüh um sieben nach Frankfurt und mit dem Flieger nach Hamburg. Bis nachts gearbeitet. Todmüde ins Bett. Jetzt das Drama für den FCK.

Warum Stefan Kuntz die Nummer von Christoph Daum haben wollte ...

Montagmorgen. Ich saß in meiner Küche, da klingelte das Telefon. Am anderen Ende Stefan Kuntz, Kapitän von Kaiserslautern. Wir kannten uns schon aus Bochum. Er fragte: „Hast du die Nummer von Christoph Daum?“ Ich konnte ihm mehrere geben, sogar die aus seiner Kabine. Beiläufig fragte ich: „Wieso?“ Seine Antwort: „Am letzten Spieltag müssen wir ja in Köln ran, Daum hat mit Stuttgart da gerade gewonnen, ich will seine Taktik, damit wir das auch schaffen und Meister werden.“ Ich sagte ihm: „Okay. Der Deal ist, dass ich die Geschichte exklusiv bekomme, wenn ihr es schafft.“ Abgemacht! Lautern gewann mit der Daum-Taktik 6:2! Kuntz schrieb bei uns die Meisterserie und verriet das Geheimnis zum Köln-Spiel.

Apropos Meisterserie. 1993 fing Bremen noch Bayern ab. Zwei Spieltage vor Schluss die Wende. Ich fragte Trainer Otto Rehhagel: „Können wir die Meisterserie machen?“ Seine Antwort: „Ja, aber da müssen Sie nach New York kommen. Denn nach der Saison besuche ich dort mit meiner Familie Klaus Matischak, den ehemaligen Werder-Stürmer.“ Ich ließ schon mal Flug und Hotel in New York buchen, und tatsächlich wurde Werder Meister! Nach dem 3:0 am letzten Spieltag in Stuttgart kam Otto lachend zu mir und sagte: „Jetzt haben wir den Salat.“ Im Plaza, wo wir in New York sehr edel wohnten, und im Rockefeller-Center besprachen wir unter anderem drei Tage lang die Serie!

Verträge sind die Königsdisziplin. Als Andreas Möller vor dem Wechsel von Frankfurt zu Juventus Turin stand, gab es ein kompliziertes Vertragswerk mit allen möglichen Zusatz-Vereinbarungen. Die wurden mir von einem Rechtsanwalt zugespielt. Möller ließ sich wiederum von einem Rechtsanwalt schriftlich Antworten für Fragen in der Öffentlichkeit vorschlagen. Wenn es ums Geld gehe, solle er sagen: „Entscheidend ist für mich die sportliche Fürsorge durch meinen Verein. Geld ist für mich nebensächlich.“ Herrlich, diese Ausreden-Fibel. Auch sie wurde mir zugespielt. Viele Jahre herrschte Funkstille zwischen uns. Irgendwann ließ er mir eine unterschriebene Autogrammkarte zukommen, auf der stand: „Für meinen größten Fan Jochen Coenen.“ Humor hatte er ja ...

Manchmal hast du einfach Reporter-Glück. Ich konnte Kopien von allen Trainer-Zeugnissen bis 1981 bei einem Informanten abholen, der Zugang zu den Unterlagen hatte. Ich weiß bis heute nicht, warum er mir die Sachen angeboten hat. Er sagte, er wolle sich damit für irgendwas rächen. Keine Ahnung. Egal. Fortan haben wir bei vielen Trainer-Storys einfach mal das Zeugnis gezeigt. Die ersten waren die von Kölns Christoph Daum und Bayerns Jupp Heynckes vor ihrem Meister-Duell.

Es kommt aber auch vor, dass es Jahre dauert, bis du etwas veröffentlichen darfst. Mit dem Weltklasse-Torwart Uli Stein hatte ich seit 1989 einen sehr intensiven Austausch. Irgendwann sagte er mir mal, dass er bestochen werden sollte. Aber ich könne dies nicht schreiben. Eigentlich wolle er nicht, dass es an die Öffentlichkeit kommt, andererseits fand er das auch mies!

1995 spielte er beim Zweitligisten Bielefeld, im Pokal traf er auf seinen Ex-Klub HSV. Den kritisierte er scharf. Ganz am Ende sprach ich mit ihm darüber, dass es wieder mal einen Bestechungsskandal im Ausland gegeben habe und fragte ihn noch einmal nach seinem Erlebnis. Er schilderte den Fall, nannte keine Namen oder Summen, aber gab grünes Licht zur Veröffentlichung.

Als SPORT BILD erschien, wurde Stein von allen möglichen Seiten durchbeleidigt. Es ging um das letzte Spiel aus dem Jahr 1987, das der HSV mit Stein in Kaiserslautern 4:0 gewonnen hatte. Der damalige FCK-Präsident Jürgen Friedrich sagte über die Stein-Vorwürfe: „Die Äußerungen sind absolut blödes, dummes Profilierungsgeschwätz. Wenn mit 40 Jahren trotz kürzerer Haare das Hirn immer noch nicht durchkommt, ist ihm nicht mehr zu helfen. Steins Klappe muss geschlossen werden. Er muss endgültig aus dem Verkehr gezogen werden.“

Horst Hilpert, der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, sagte: „Das ist der schlimmste Vorwurf gegen den deutschen Fußball seit dem Bundesligaskandal 1971.“ In den Tagesthemen war es das große Thema, selbst die „New York Times“ berichtete darüber.

Karlsruhes Trainer Winnie Schäfer schmuggelte mich zur Ersatzbank in Frankfurt

Und ja, ich hatte schlaflose Nächte nach der Veröffentlichung, weil ich Uli Stein ja ein Stück weit gedrängt hatte. Aber dann zeigte sich auch, dass Uli Stein ein echter Kerl ist. Ein Fels in der Brandung. Am Wochenende danach warf Stein dank super Paraden mit Bielefeld den HSV durch ein 2:1 aus dem Pokal. Er hielt sich aus der Öffentlichkeit zurück, vertraute der Strategie seines Anwalts Horst Kletke.

Auch Lauterns damaliger Trainer Hannes Bongartz hatte nach der Veröffentlichung über Stein gelästert: „Was alternde Torleute ansonsten manchmal für Gedanken im Kopf haben, weiß ich nicht.“ Aber genau um ihn ging es. Und um HSV das Spiel verlieren solle. Mark geben. Bongartz hatte Stein zufällig im Spielcasino in Hamburg getroffen. Stein wohnte ja dort, Bongartz war in der Stadt, weil er als Fahrer an den Meisterschaften im Trabrennen teilgenommen hat ...

Nach der ersten Veröffentlichung nächsten Heft die Schlagzeile: Stein & Bongartz: Die Nacht in der Spielbank!

Es kam zu Aussagen vor dem Kontrollausschuss, zu Gegenüberstellungen, es gab plötzlich eine wichtige Zeugenaussage und am Ende war Stein zu 100 Prozent rehabilitiert. Man glaubte seiner Version. Trotzdem wurde niemand bestraft, weil die Sache verjährt war.

Gute Kontakte zahlen sich den Vorwurf, dass der Dafür sollte es 25 000 ohne Namen folgte im immer aus. Als Karlsruhes Winnie Schäfer mir erklärte, dass er so viel an der Seitenlinie laufen muss, weil man es sonst nicht aushält, sagte ich ihm: „Das will ich mal erleben.“ Beim nächsten Spiel in Frankfurt saß und stand ich neben Schäfer an der Seitenlinie. Der DFB rüffelte ihn, weil er mich auf die Bank geschmuggelt hatte. Aber so bekam ich tatsächlich ein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn man in einem Hexelkessel an der Linie verantwortlich ist.

Klaus Toppmöller war ja schon als Spieler sehr selbstbewusst. Als er Trainer in Frankfurt war, saßen wir freitags vor einem Spiel in Leverkusen an der Bar im Mannschaftshotel, und er referierte über Kollegen. Ich sagte ihm, an der Theke kann man ja leicht lästern, ich würde das aber gerne schreiben. Er überlegte kurz: „Einverstanden!“ Wir vereinbarten, dass wir uns am nächsten Morgen nach der Mannschaftssitzung noch einmal in Ruhe treffen und er dann alle Kollegen beurteilt. Es gab lobende Worte, aber Trainer wie Daum bekamen ihr Fett weg. Der Deal war: Ich darf es nur veröffentlichen, wenn Tabellenführer Frankfurt in Leverkusen nicht verliert. Und dann führte Bayer nachmittags 2:1. Ich hätte kotzen können. Du hast eine super Geschichte, aber darfst sie nicht drucken. Toppmöller wechselte Jörn Andersen ein und der machte in der letzten Minute das 2:2. Tooooooor. Ich bin auf der Pressetribüne ausgeflippt. Die Kollegen schauten irritiert. Aber ich hatte meine Geschichte für den nächsten Mittwoch ... Es ist das Schicksal des Reporters, dass du immer wieder von Ergebnissen abhängig bist. Und manchmal landen deshalb tolle Geschichten in der Tonne ...

Außergewöhnlich war die Effenberg-Serie in SPORT BILD nach seinem Rausschmiss aus der Nationalmannschaft bei der WM 1994 in den USA. Er hatte nach dem 3:2 gegen Südkorea in Dallas deutschen Fans den Mittelfinger gezeigt, weil die ihn beleidigt hatten. Am nächsten Morgen musste er das Mannschaftsquartier verlassen und zog erst mal in das Apartment seiner Frau Martina.

Die große Frage: Wer bekommt Effenberg?

In solchen Fällen ist auch Geld im Spiel. Unsere Strategie: Wir bieten den Effenbergs eine Spende für ein Projekt, das sie unterstützen. Und außerdem hatten wir den Vorteil, dass mein Kollege Raimund Hinko die Effenbergs seit Jahren sehr gut kannte. Er führte die Verhandlungen, und tatsächlich erhielten wir den Zuschlag und fuhren mit unseren Fotografen Heiner Köpcke und Mathias Rogmans zum Effenberg-Apartment in Chicago. Die Anlage wurde von Fotografen und Journalisten belagert, aber nur wir durften ins Haus. Als wir schon bei der Recherche waren, klingelten immer noch Reporter vom Spiegel, Fokus oder der BILD bei den Effenbergs und überboten sich mit Geld. Aber Martina Effenberg wimmelte alle ab. Und so erhielten wir die Mega-Serie mit allen internen Details.

Raimund Hinko war zwischendurch sehr genervt, weil Effes Kinder die ganze Zeit in dem Apartment tobten. Irgendwann nahm ich sie zur Seite und zeigte ihnen mein Aufnahme-Gerät und sagte ihnen, dass sie mal etwas sagen sollen. Ich zeichnete das auf, spulte zurück und sie fanden es mega-cool, ihre eigenen Stimmen zu hören. Und irgendwann lachte Effe und sagte: „Singt mal euer Lieblings-Lied.“ Da sangen Nastassja und Noël-Etienne: „Berti Arschloch.“ Bundestrainer Vogts hatte Effenberg bei der WM 1994 suspendiert. Mehrere Tage waren wir bei den Effenbergs für die Serie. Manchmal fuhr ich mit Martina Effenberg zum Supermarkt, um etwas einzukaufen. Sie legte sich auf die Rückbank, damit sie nicht gesehen wurde und keine Fotos gemacht werden konnten.

Wir saßen in Chicago bei den Effenbergs, draußen lauerten die Fotografen

Die WM 1994 stand unter keinem guten Stern. Es war erbärmlich. Da wäre so viel mehr möglich gewesen. Nach dem 1:2 im Viertelfinale gegen Bulgarien schrieb ich die große Abrechnung: Die Schlagzeile lautete „Das traurige Ende einer Mogel-Truppe.“ Es ist die mit weit über einer Million Exemplaren meistverkaufte Ausgabe von SPORT BILD.

Zu der Zeit gab es häufig Ärger in der Nationalmannschaft. Im März 1995 interviewte ich Lothar Matthäus am Abend vor dem Bayern-Spiel in Freiburg. Wir saßen im Mannschaftshotel unten an einer Bar und Lothar war sauer über seinen Mitspieler Jürgen Klinsmann. Die beiden hatten öfter Zwist. Lothar war so wütend, dass er ein TV-Duell mit Jürgen Klinsmann vorschlug. Dann würden die Zuschauer schon sehen, wer die Wahrheit sagt. Das war unsere Schlagzeile, dazu kam es aber leider nie ...

1998 bin ich auf die Seite der Blattmacher gewechselt und seit 2002 Mitglied der Chefredaktion. Ein ganz anderes Arbeiten. Du bist verantwortlich für die Titel, redigierst, entwickelst neue Ideen für das Heft. In den vergangenen Jahren zum Beispiel die Serien, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Aus den letzten drei Serien Spiel des Lebens, die letzten Geheimnisse der Spieler-und Trainer-Legenden sind sogar Bücher entstanden.

Zwischendurch habe ich immer wieder gerne als Reporter gearbeitet. 2014 bin ich mit Stürmer-Legende Ulf Kirsten durch den Osten gefahren. Er ist Ehrenspielführer bei Bayer Leverkusen und Dynamo Dresden – einzigartig in Deutschland! Wir besuchten für eine Serie ehemalige Oberliga-Klubs der DDR und berichteten darüber, was aus ihnen geworden ist. Kirsten traf viele alte Wegbegleiter, für mich als Wessie ein besonderes Erlebnis, als sie über die alten Zeiten sprachen ...

Den Kontakt zu den Machern im Fußball habe ich natürlich über all die Jahre weiter gepflegt. Um aus erster Hand die Dinge zu erfahren. Und dann wird natürlich leidenschaftlich diskutiert. Auch in Sendungen wie dem Doppelpass, als zum Beispiel 2016 der damalige HSV-Manager Dietmar Beiersdorfer die Lage des Klubs rosarot beschrieb und ich ihm heftig widersprach. Ein Jahr später haben wir uns bei einem Fest von Spielerberater Volker Struth in Köln ausgesprochen.

So sollte es im besten Falle sein. Leidenschaftlich für seine Überzeugung kämpfen, aber am Ende muss man sich in die Augen sehen können.

Meine Zeit als Mitglied der Chefredaktion von SPORT BILD ist nun vorbei. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen. Ich wünsche Ihnen, liebe Leser, alles Gute.

Ihr Jochen Coenen