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Meine Finger sind taub!


plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

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Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 8/2021

Die Ursache eines Karpaltunnel- Syndroms wird manchmal auch mit Ultraschall geklärt

Karpaltunnel- Syndrom: die Warnsignale

SCHLECHTER TASTSINN Es fällt schwer, Kleidungsstücke zuzuknöpfen oder kleine Gegenstände aufzuheben. Auch Lähmungserscheinungen können später auftreten

KRIBBELN IN DER HANDFLÄCHE Ist die Krankheit fortgeschritten, sind oft auch Teile der Finger betroffen (vor allem Daumen, Zeige-und Mittelfinger) und der Muskel des Daumens kann sich zurückbilden (Daumenballen- Atrophie)

EINSCHLAFEN DER HÄNDE Meist nachts, im späteren Stadium kommt es zu Schmerzen, die bis in Arm und Schulter aus-strahlen

UNSERE EXPERTEN

Dr. Andrea Jaspert-Grehl, Neurologin aus Essen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Dr. Werner Brosch, Handchirurg aus Starnberg, Klaus Lebmeier, Physiotherapeut aus Krailling bei München

Abtasten des Handgelenks: Erste Maßnahme zur Diagnose eines Karpaltunnel-Syndroms Anfangs war es nur ein leichtes Kribbeln in meinen Fingern, dann ...

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... schlief mir immer mal wieder die Hand ein. Nicht nur beim Tippen am Computer, sondern auch mal beim Fahrradfahren und in der Nacht, während ich schlief. Mit der Zeit wurde es schlimmer. Zu Beginn hatte ein paar Mal kräftiges Schütteln gereicht, um Finger und Hände wieder zum Leben zu erwecken. Doch immer öfter blieb das pelzige Gefühl stundenlang da.

„Alles typische Anzeichen für ein Karpaltunnel-Syndrom“, erklärte mir der Starnberger Handchirurg Dr. Werner Brosch, als ich ihn im Spätsommer 2020 aufsuchte. „Schuld ist ein abgedrückter Nerv, der Nervus medianus. Dieser Mittelnerv liegt im Karpaltunnel, einer Art Röhre, die vom Unterarm zum Handgelenk verläuft (s. Grafik). Wird es dort zu eng, steigt der Druck auf den Mittelnerv und die kleinen Gefäße, die ihn mit Blut versorgen. Diese liefern dann dem Nerv nicht mehr genügend Sauerstoff und Nährstoffe, was ihn in seiner Funktion beeinträchtigt und langfristig schädigt. Das Kribbeln und Taubheitsgefühl im Bereich des Daumens, Zeigeund Mittelfingers sind typische Symptome für ein Karpaltunnel- Syndrom. Weitere häufige Beschwerden:

• Morgens fühlen sich die Finger steif und geschwollen an.

• Missempfindungen, ungefähr so, als ob man einen kleinen elektrischen Schlag bekommt.

„Wenn ich gewusst hätte, wie unkompliziert und schmerzfrei der Eingriff ist, hätte ich ihn viel früher gemacht“

Yvonne Walbrun (57) ließ sich wegen ihres Karpaltunnel-Syndroms operieren

Frauen häufiger betroffen

Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit, also wenn der Nerv monatelang unter Druck steht, können sich die Muskeln im Bereich des Daumenballens, die der Mittelnerv steuert, sogar ganz abbauen.

Rund eine Million Menschen leiden in Deutschland unter dem Karpaltunnel-Syndrom. Frauen sogar drei- bis viermal häufiger als Männer. „Generell ist der Kanal bei Frauen anatomisch bedingt enger und kleiner, da ihre Handgelenke schmaler sind“, sagt Dr. Brosch von der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie. „Zudem haben Frauen stärkere hormonelle Schwankungen als Männer, besonders nach der Menopause.“ Weitere Ursachen können auch ein vererbter anatomischer Engpass sein, sprich eine bestimmte Verformung des Handwurzelknochens, oder eine Sehnenscheidenentzündung. Weitere mögliche Auslöser für ein Karpaltunnel- Syndrom:

• Wassereinlagerungen

• Rheumatische Erkrankungen

• Stoffwechsel-Störungen wie Diabetes

• Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse

• Vorangegangene Brüche oder Verletzungen

• Arthrose.

Für eine sichere Diagnose sollte man zu einem Neurologen gehen. „Er führt Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit durch, indem er den Mittelnerv im Handgelenk mit Strom reizt. Anhand bestimmter Veränderungen der Messwerte lässt sich erkennen, ob und wie stark der Nerv am Handgelenk geschädigt ist“, erklärt Dr. Andrea Jaspert- Grehl von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Was gegen das Kribbeln und Taubheitsgefühl helfen kann? „Im Frühstadium einfache Maßnahmen wie eine Handgelenks- Schiene für die Nacht sowie entzündungshemmende Medikamente“, sagt Dr. Brosch. „Bei akutem Karpaltunnel-Syndrom kann auch Kortison gespritzt werden. Diese Therapie sollte jedoch nur kurzzeitig erfolgen. Im späteren Stadium ist eine Operation unumgänglich.“

Übungen können helfen

Nach den vielen Informationen der Experten steht für mich fest: Ich schöpfe erst mal alle anderen Optionen aus, bevor ich mich operieren lasse. Also gehe ich zu einem Neurologen, der mir rät, es mit einer Schiene für die Nacht zu versuchen, die verhindert, dass die Hand im Schlaf zu sehr abgeknickt wird und der Nerv in Bedrängnis gerät.

Ein halbes Jahr lang lege ich die Schiene also vor dem Zubettgehen an und lasse zudem regelmäßig die Leitfähigkeit des Nervs beim Neurologen kontrollieren. Zusätzlich besorge ich mir eine sogenannte Curpal- Manschette, die unter Einsatz von Luftdruck den Karpaltunnel weiten soll, und mache jeden Tag Übungen, um die Hand zu dehnen (s. unten). Das hilft ein bisschen. Dennoch wird der Zustand meiner Hand schlechter und der Daumenmuskel bildet sich langsam zurück. Es fällt mir immer schwerer, Schraubgläser zu öffnen oder ein Buch länger zu halten. Als ich kaum mehr eine Nacht durchschlafe, weil mich meine taube Hand ständig aufweckt, entschließe ich mich zu einer Operation – gerade noch rechtzeitig, wie ich erfahre: „Wartet man damit zu lange, kann es zu einem dauerhaften Gefühlsverlust kommen, weil sich der Nerv nicht mehr regeneriert“, so Dr. Andrea Jaspert-Grehl.

Schon vor der OP daran denken:

• Eispacks zur Kühlung vorbereiten

• Schmerzmittel besorgen

• Flaschen und Einweggläser nur leicht zuschrauben

• Zusatzkissen ins Bett legen, um den Arm nachts höher zu lagern

• Am OP-Tag selbst und danach weite Oberteile mit elastischen Ärmeln anziehen sowie Rock oder Hose mit Gummizug statt mit Reißverschluss oder Knöpfen

• Schuhe zum Reinschlüpfen raussuchen

EXTRA-TIPP

Vor der OP früh-zeitig um ambulante Physiotherapie kümmern (manu elle Therapie und Ergotherapie)

„Nach der OP die Hand gleich wieder bewegen – das hilft der Motorik“

Dr. Werner Brosch, Handchirurg aus Starnberg

Der Handchirurg Dr. Brosch nahm mir zum Glück meine Bedenken und erklärte mir, dass die operative Entlastung des Karpaltunnels mit rund 300 000 Eingriffen pro Jahr zu den häufigsten Operationen in Deutschland gehört. Der Eingriff erfolgt in der Regel ambulant und unter örtlicher Betäubung, gelegentlich kann auch ein leichter Dämmerschlaf erforderlich sein. Der Chirurg setzt einen kleinen, etwa 1,5 bis 2 Zentimeter langen Schnitt zwischen Handwurzel und Finger, um dort das Band, das den Karpalkanal nach oben abschließt, zu durchtrennen und so dem Nerv mehr Raum zu verschaffen.

Dieser Routine-Eingriff war in meinem Fall nach nur 20 Minuten beendet. „Eigentlich nicht schlimmer als ein Besuch beim Zahnarzt“, dachte ich mir. Von der technisch aufwendigeren endoskopischen OP-Methode riet mir Dr. Brosch ab. Diese wird über ein oder zwei kleine Schnitte mit einer speziellen Sonde und unter Sicht auf einem Bildschirm durchgeführt. „Das Risiko, dabei einen Nerv oder ein Gefäß zu schädigen, ist sehr viel höher als bei dem offenen direkten Eingriff“, sagt der Experte.

Fotos: Alamy Stock Photo/Phanie, Getty Images/LittleBee80/Gennaro Leonardi, DGN, privat (3); Illustrationen: Science Photo Library/QA International/Spencer Sutton, Shutterstock.com (2)

Die ersten zwölf Stunden nach der OP verbrachte ich mit Eisbeuteln auf der Hand. Meine Finger konnte ich aber direkt danach bewegen und begann schon am nächsten Tag mit kleinen Übungen. „Das ist sehr wichtig“, sagt Dr. Brosch. „Denn nur so lassen sich Vernarbungen und Verwachsungen verhindern und der Lymphfluss wird nicht gestört. Generell sollten alle normalen Tätigkeiten wie Besteck halten, Haare kämmen oder Zähne putzen, sofort wieder ausgeführt werden.“

Schnell zurück zum Alltag

Die Devise lautet also: Alles machen, was geht, aber bitte nichts machen, was wehtut! Wichtig ist zudem, ein Abstützen auf das Handgelenk während der Wundheilungsphase von circa vier bis sechs Wochen zu vermeiden.

Bei mir sind nun mittlerweile drei Monate seit der OP vergangen. Brav massiere ich noch täglich die Handwurzel und den Bereich der Narbe mit einer Narbensalbe. Der Schnitt ist kaum mehr zu sehen und auch die Daumen-Muskulatur erholt sich langsam. Inzwischen schaffe ich es wieder, Schraubverschlüsse mühelos aufzudrehen, und auch mein geliebtes Yoga ist größtenteils möglich. Im Nachhinein frage ich mich, wieso ich so lange mit dem Eingriff gewartet habe. Es ist doch am besten, sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes selbst in die Hand zu nehmen.

Yvonne Walbrun

Das zahlt die Kasse

Die Kosten für eine Handgelenks- Schiene und auch für eine Operation übernimmt die Kasse. Eine ambulante Physiotherapie schließt sich in der Regel an die OP an. Wie lange sie dauert, entscheidet der behandelnde Arzt. Gesetzlich Versicherte zahlen 10 Prozent der Kosten für die Physiotherapie zuzüglich 10 Euro je Heilmittelverordnung. In der Regel erfolgt eine Krankschreibung (ca. 14 Tage lang) bis zum Ziehen der Fäden.