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Meine Großmutter ist ein VORBILD für mich“


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 41/2022 vom 07.10.2022

REPORT

Artikelbild für den Artikel "Meine Großmutter ist ein VORBILD für mich“" aus der Ausgabe 41/2022 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 41/2022

EXKLUSIV INTERVIEW MIT LUISA NEUBAUER

Meine Großmutter schätzt meinen Einsatz für den Klimaschutz sehr und ist froh, dass ich das mache.“

Luisa Neubauer, Fridays-for-Future-Aktivistin

Die Großmutter erzählt. Die Enkeltochter fragt, zeichnet auf, schreibt mit. Die Großmutter zeigt Zeitungsausrisse, Briefe, E-Mails, Fotos, Flyer – sie hat ihre Erinnerungen. Die Enkelin hat den Part, diese zu sortieren, zu strukturieren, auszuwerten. „Ein Großelternprojekt wird gern romantisiert“, sagt Autorin und Klimaaktivistin Luisa Neubauer schmunzelnd im HÖRZU-Interview. „Nach endlosen Gesprächen hatten wir einen großen Berg an Stoff – und es stellte sich die Frage, wie wir das verarbeiten.“ Entstanden ist ein gemeinsamer Band, der am 19. Oktober erscheint (siehe Buchtipp). „Gegen die Ohnmacht“ lautet der Titel, denn „ohne Macht“ zu sein ist im Leben der beiden Frauen keine Option.

Zwischen ihnen liegen 63 ...

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... Jahre. Dagmar Reemtsma, 89, lebt in Hamburg, begann vor über 40 Jahren, sich politisch zu engagieren, und ist bis heute unermüdliche Aktivistin. Enkelin Luisa, 26, lebt in Berlin und zählt seit 2018 zu den Hauptorganisatoren von Fridays for Future. Zwei Tage vor dem Interview forderte die Studentin die Bundesregierung auf, ein Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro für Klimaschutz bereitzustellen, und rief zum globalen Klimastreik im September auf.

HÖRZU: Was hält Ihre Großmutter von Ihrem politischen Engagement?

LUISA NEUBAUER: Sie schätzt meinen Einsatz für den Klimaschutz sehr und ist froh, dass ich das mache. Es sei so hoffnungsvoll, dass wir jungen Menschen uns empören, findet sie.

Sieht sie, dass Sie ihren Weg fortsetzen?

Das weiß ich nicht, aber sie freut sich darüber, dass ich inzwischen mit vielen von ihren Wegbegleitern zu tun habe, also Menschen, mit denen sie früher oft diskutierte, etwa Klimaforschern.

Was sagt sie zu Ihren Auftritten in Talkshows?

Sie ruft mich danach an und spricht mit mir darüber. Dann regt sie sich ab und zu über die Mitdiskutanten auf oder findet, dass ich langsamer sprechen könnte und mir doch wenigstens fürs Fernsehen meine Schuhe putzen sollte.

BUCHTIPP

Luisa Neubauer, Dagmar Reemtsma Gegen die Ohnmacht Tropen 240 S., 24 €

Vorbildhaft ist die Haltung, mit der meine Oma in die Welt guckt und sich dabei immer wieder empört.“

Luisa Neubauer

Wie sehr ist Ihre Großmutter an Ihrem öffentlichen Leben interessiert?

Wenn ich sie besuche, liegen manchmal Zeitungsartikel über mich auf dem Tisch – und natürlich auch andere Berichte mit markierten Stellen, über die sie mit mir reden will. Das war schon immer so.

In ihren letzten beiden Schuljahren ging Luisa Neubauer jeden Freitag nach dem Unterricht zur Großmutter – das beschreibt sie im neuen Buch. Neben der Haustür stand stets der Besen. Wer Dagmar Reemtsma besuchte, fegte kurz die Treppenstufen, damit die alte Dame nicht auf dem Laub ausrutschte. Noch heute ist das so. Drinnen zog Luisa sich die bereitgestellten Hausschuhe an und ließ sich auf die Küchenbank fallen. Die Großmutter stellte das Essen auf den Tisch.

Was war Ihr Lieblingsessen zu der Zeit, als Sie nach der Schule zur Großmutter gingen?

Das waren früher gekochte Kartoffeln mit Béchamelsauce, ganz viel Petersilie und kleinen Stücken Würstchen obendrauf.

Wer kocht, wenn Sie heute bei ihr sind?

Immer noch meine Großmutter. Wir haben kein altenpflegerisches Miteinander, was man vielleicht erwarten würde. Sie begegnet mir als unfassbar energiegeladen und kraftvoll.

Worüber reden Sie mit Ihrer Großmutter?

Wir haben immer aktuelle Themen, die uns bewegen. Sie kann zu allem etwas sagen. Ich höre ihr auch gern zu, wenn sie über ihre Vergangenheit redet, etwa über die 80er- und 90er-Jahre.

Wie erlebte Ihre Großmutter die Geburtsjahre der Umweltbewegung in den 1970er-Jahren?

Sie unterstützte das, vor allem ab den 1980ern. Es gibt ein Foto von ihr auf einer Demonstration: eine feine Dame Anfang 40 mit langem Mantel und Hut. Auf dem Rücken ein großes Plakat: „Wir haben keine drei Planeten im Kofferraum“.

Wann wurde sie zur Aktivistin?

Als die Familie mit vier Kindern und einem Pflegesohn sie immer weniger in Anspruch nahm. 1986 trat sie einer Umweltgruppe bei – kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

In den 1990er- und Nullerjahren sei ihre Großmutter fast täglich auf Veranstaltungen gewesen – schreibt Luisa Neubauer. Dagmar Reemtsma organisierte Proteste, sprach auf Aktionärsversammlungen, erstellte Flyer. Sie beschäftigte sich mit den Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Bangladesch, reiste nach Ostafrika und Indien, um Solarprojekte und Entwicklungszusammenarbeit zu unterstützen, und arbeitete jahrelang im Verwaltungsrat der Kindernothilfe. Gelegentlich traf sie Politiker – darunter auch einen jungen aufstrebenden Hamburger: Olaf Scholz, dem sie mit einem „Aus dir wird noch mal was“ auf die Schulter klopfte.

Enkeltochter Luisa Neubauer

1996 in Hamburg geboren und dort aufgewachsen. Luisa Neubauer hat drei ältere Geschwister. Ihre Mutter ist Krankenschwester, ihr Vater, ein Soziologe, starb 2016. Sie lebt in Berlin, studiert seit 2015 Geografie an der Georg-August-Universität Göttingen und ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen

Als Ihre Großmutter Sie erstmals zu einer Veranstaltung mitnahm, waren Sie noch ein Kind.

Ich habe nichts verstanden, aber meine Großmutter erlebt: Wenn sie etwas sagen kann, sagt sie etwas klar und deutlich. Sie bewegt etwas und regt etwas an.

Wie betrachten Sie das rückblickend?

Als ich begann, mich politisch zu agieren, wurde ich oft angesprochen: „Wie du mit Ministern redest!“ Das verstand ich nicht: Wie sollte ich denn sonst mit ihnen reden? Heute frage ich mich, ob meine Großmutter mir das gezeigt hat: dass man niemandem einen Gefallen damit tut, um den heißen Brei herumzureden.

Was ist das Besondere an Ihrer Beziehung?

Meine Großmutter ist ein Vorbild für mich. Wobei ein Vorbild für mich nicht jemand ist, der etwas getan hat, was ich nachmachen möchte. Vorbildhaft ist die Haltung, mit der sie in die Welt guckt und hineinläuft und sich dort immer wieder unendlich empören kann, und dass sie aus dieser Empörung eben dann viel zieht: Kraft, Energie, Unnachgiebigkeit.

Streiten Sie sich manchmal?

Aber hallo! Sie findet zum Beispiel auch, dass meine

Hosen zu eng sind und meine Kleidung zu dunkel ist.

In ihren Gesprächen denken die beiden Frauen auch oft über Privilegien nach. Zeit für Aktivismus zu haben sei so ein Privileg, sagt Luisa Neubauer. Nach der Erziehung ihrer Kinder und der Scheidung von ihrem Mann Feiko, einem Enkel des Gründers des bekannten Hamburger Zigarettenkonzerns Reemtsma, musste ihre Großmutter nicht berufstätig sein. Sie hatte vielmehr die Möglichkeit, sich „Vollzeit“ ehrenamtlich zu engagieren.

Großmutter Dagmar Reemtsma

1933 als Dagmar von Hänisch in Ragnit an der Memel im damaligen Ostpreußen geboren. 1944 flieht sie mit ihrer Mutter und Geschwistern. Ihr Vater kommt im Alter von 46 Jahren im KZ ums Leben. Sie heiratet Feiko Reemtsma mit 21, bekommt vier Kinder. Als Aktivistin engagiert sie sich in etlichen Organisationen

„Reflektiere deine Privilegien“, lautet heute häufig der Appell. Was heißt das für Sie?

Privilegien sind etwas Vielschichtiges. In gewisser Weise bin ich sehr privilegiert. In anderer nicht, ich denke etwa an Menschen, deren Vater noch da ist. Meiner lebt nicht mehr. Es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen: Was machen wir aus unseren Privilegien? Wie finden wir aus ihrer Komfortzone und ihrem Schatten heraus?

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die politischen Verstrickungen des Tabakkonzerns der Familie Reemtsma mit NS-Verbrechern.

Der Konzern hat das Naziregime kontinuierlich mit Zuwendungen unterstützt. Meine Großmutter schaudert es heute bei dem Gedanken, und sie sagt, sie sei so blauäugig gewesen – und habe sich lange nicht gefragt, in was für eine Familie sie mit 21 Jahren eingeheiratet habe.

Später erfuhr Ihre Großmutter sogar von einer bizarren politischen Verbindung ihres eigenen Vaters zu ihrem Schwiegervater.

Keine direkte Verbindung: Weil ihr Vater, Jo von Hänisch, sich lautstark über die akute Situation empörte und gegen anredete, kam er im Jahr 1944 unter Führung von Gauleiter Erich Koch in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig, wo er etwas später, ein kerngesunder Mann, angeblich an einer Lungenentzündung starb. Gleichzeitig war ihr Schwiegervater in Geschäfte mit genau diesem Naziverbrecher verwickelt.

Dagmar Reemtsmas Leben begann in einem Krieg. Nun neigt es sich dem Ende zu – und es ist wieder Krieg in Europa. Doch sie sei nicht mitleidig mit sich selbst oder ihrer Generation, schreibt Luisa Neubauer. Sie sorge sich um die jungen Menschen. Geht sie heute noch mit Ihnen auf Demos? Sie demonstriert mit uns, weil sie weiß, dass es nicht reicht, nur eine Haltung zu haben, sondern dass man auch für sie einstehen muss.

Was lernen Sie von Ihrer Großmutter?

Sehr viel. Da ist beispielsweise ihre ausgesprochene Gelassenheit, wenn es um den Wandel geht.Sie hat erkannt: Wenn manfeststellt, dass unsere Lebensweise ökologisch schlicht nicht aufgeht, dann muss man es eben anders machen. Es kommt mir total befreiend vor, so auf die Dinge zu blicken.

INTERVIEW: ANJA MATTHIES

DI 18.10. TV-TIPP

22.45ZDF

MARKUS LANZ

TALK Zu Gast: Luisa Neubauer. Änderungen aus Aktualitätsgründen möglich!