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Meine kleine Farm


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 80/2022 vom 18.07.2022
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Cassidy, das Pferd, das Cathrine Dufour in die Weltspitze getragen hat, ist mittlerweile 19 Jahre alt und top fit.

Das Paradies liegt etwas abseits inmitten dänischer Bilderbuchlandschaft, 40 Kilometer nördlich von Kopenhagen. Silbern glitzern die Ähren der Gräser am Wegrand wenn der frische Wind übers Land weht und eine Welle durch die hohen Halme an den Holzzäunen schickt.

Die Oststee ist nicht weit. Grønholt heißt das kleine Dorf in der Nähe, durch das eine kurvige Straße vorbei an einer weißgetünchten Kirche mit rotem Klinkerturm führt. Grøn, grün, ist hier alles. Die Kraft der Natur ist hier allgegenwärtig.

Der Hof, auf dem Cathrine Dufour und ihre Frau Rasmine Laudrup gemeinsam mit zwei Pflegerinnen und eine Reiterin 22 Pferde trainieren, ist überschaubar und praktisch angelegt. Um zwei große Sandpaddocks gruppieren sich Reithalle, Stallungen und etwas höher gelegen das Wohnhaus. Von der Stallgasse, an deren Eingang zur Linken zwei Putzstände und rechts die Sattelkammer ist, bis in die Reithalle sind es ...

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... 20 Meter, von der Reithalle zum gerade fertiggestellten Dressurplatz draußen 50 Meter.

Geritten wird vormittags und noch ein, zwei Pferde am Nachmittag. Ab 15 Uhr stehen dann Büroarbeit und Social Media an. „Außerdem setzen wir uns jeden Tag einmal zusammen, um Dinge zu besprechen.“ Und das Training von Reiterinnen. Viele ihrer Schülerinnen hat sich vom Pony- bis ins Seniorenlager gecoacht. Was es braucht, um in den Genuss von Trainingseinheiten bei Cathrine Dufour zu kommen? „Sie sollen neugierig sein und sie müssen arbeiten wollen. Mein Herz ist bei den Ponys“, verrät sie.

Der frühe Vogel

Cathrine Dufour, Topfavoritin auf den Einzeltitel bei den Weltmeisterschaften in der Dressur, hat gerade fünf Siege aus Aachen mit nach Hause gebracht. Heute haben „Vamos“, der Weltcup-Zweite Vamos Amigos, und „Bobi“, Bohemian v. Bordeaux, Vize-Europameister 2021 und Olympia-Vierter, das erste Mal seit ihren Auftritten in der Soers wieder einen Sattel auf dem Rücken. „Zwei Tage arbeiten, einen Tag herumspielen“, fasst Cathrine ihr Trainingskonzept zusammen. Das für die Pferde. Denn für sich selbst hat sie ein härteres Programm.

Cathrine Laudrup-Dufour

Jahrgang 1992, hat mit fünf Jahren zu reiten begonnen. Mit zwölf ritt sie erstmals im dänischen Ponyteam. 2010 erwarben ihre Eltern den Wallach Atterupgaards Cassidy. Mit dem Caprimond-Sohn gewann sie diverse Medaillen bis hin zu vier Europameistertiteln als Junge Reiterin. Zudem schaffte sie mit Cassidy den Sprung ins Seniorenlager, gewann Einzelbronze bei den Europameisterschaften 2017 und 2019 und nahm 2016 an den Olympischen Spielen in Rio teil.

Mit Bohemian wurde sie Vierte in der Kür bei Olympia in Tokio und gewann Kür-Silber bei der EM in Hagen 2021.

Mit ihrer Ehefrau, Rasmine Laudrup, lebt sie in Grønholt, nördlich von Kopenhagen.

INSTAGRAM @cathrinedufour

Jeden Tag geht es ins Gym für eine Stunde. Das sieht man der 30-Jährigen an, vor allem ihrer Rumpfstabilität im Sattel, ihrem ruhigen, kontrollierten Sitz.

Geritten wird dann nach dem Sport ab sieben Uhr. Momentan stehen etwas weniger Pferde auf ihrem eigenen Trainingsplan, damit sie sich auf ihre beiden potenziellen Weltmeisterschaftspferde

. konzentrieren kann. Wer letztendlich nach Herning geht, entscheidet der dänische Verband kurz vor Nennungsschluss am 25. Juli. Die Weltmeisterschaft beginnt mit dem Grand Prix am 6. August.

Die Pferde in den geräumigen Boxen können alle in die Stallgasse schauen. Einer tut das nicht, ein Fuchs in der ersten Box rechts, Cassidy, Cathrines Allzeit-Nummer-Eins. Mit dem Fuchs begann ihre Karriere, nein, das Märchen, das mit dem WM-Titel seinen vorläufigen Höhepunkt finden könnte. „Cassy“ war sieben Jahre jung als Cathrines Eltern ihn bei Andreas Helgstrand kauften. Zwölf Jahre ist das her.

Helgstrand sagte, Dänische Meisterin könnte sie bei den Jungen Reitern werden, mehr aber ganz sicher nicht. „Ein Grand Prix Pferd wird der nicht.“ 16 Medaillen bei Championaten später, fünf davon bei den Senioren, sprich auf Grand Prix-Niveau, ist klar: Helgstrand lag falsch mit seiner Einschätzung.

Das Märchen von Cassidy

„Mein eigentlich für die Europameisterschaften 2010 geplantes Pferd fiel aus, da haben wir Cassidy, den wir gerade 30 Tage hatten, mitgenommen, ich wurde Vize-Europameisterin und das dänische Team gewann Bronze. Das hatte es noch nie gegeben.“

Es war der Anfang von Cassys und Cathrines gemeinsamen Sportweg, der sie bis zu den Olympischen Spielen von Rio führte. Der Fuchs sei so besonders, „weil er immer mehr gibt als er eigentlich kann“, sagt Cathrine, entschuldigt sich und wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Ich werde da immer schnell emotional. Er ist fantastisch!“ Bei den Europameisterschaften in Rotterdam 2019 im Grand Prix Special unter Flutlicht habe sie bei der letzten Diagonale gedacht, wenn es etwas mit einer Medaille werden sollte, dann „muss ich jetzt noch einmal mehr drücken“. Cassidy riss die Füße so hoch wie nie. Das war die Bronzemedaille, mit der Cathrine so gar nicht gerechnet hatte. Als sie zu Siegerehrung gerufen wurde, ritt sie mit einem halb ausgeflochtenen Cassidy ins Stadion.

Cassidy ist heute etwas ungehalten. Es ist viertel vor neun und Cathrine putzt ihn über. „Das ist normalerweise meine Zeit der Entspannung und geschieht erst gegen Mittag. Unsere gemeinsame Zeit am Tag.“ Sein Heu kauend, versucht der Wallach das Putzen weitestgehend zu ignorieren.

Janni Dietz, Cathrines Reiterin, reitet Cassidy noch ein paarmal in der Woche.

Ansonsten läuft er auch schon mal im Garten und grast dort. Besonders wach wird Cassy, wenn er mitbekommt, dass der LKW vorbereitet wird. „Dann wiehert er und trabt in der Box im Kreis, weil er mit möchte.“

Cassidy und Cathrine wäre nicht denkbar gewesen ohne Rune Willum. 15 Jahre war der Däne an Cathrines Seite. Er habe zur Familie gehört, sagt die 30-Jährige. Als Cathrine zwölf Jahre alt war, begann der gemeinsame Weg. „Ihm verdanke ich die Basis meiner Arbeit mit Pferden, nicht mehr als zwei Tage am Stück trainieren, ausreiten, sie happy halten. Als Willum die Zusammenarbeit aufkündigte, war Cathrine erstmal durcheinander. Sie rief Nathalie zu Sayn-Wittgenstein an, damals dänische Bundestrainerin. „Soll ich einfach mal zu dir auf den Hof kommen?“, fragte die. „Ja, ja, ja. Bitte komm!“

Seitdem trainiert Dänemarks Nummer eins mit ihr und auch mit Kyra Kyrklund. Mit der Finnin hatte sie auch schon ein paar Trainingseinheiten gemeinsam mit Rune Willum absolviert.

Kyrklund war es, die den Knopf fand, wie man Cassidy zum Piaffieren bekam.

Cathrine schwärmt vom Training mit den beiden Frauen. Jedes Mal gäbe es etwas Neues. „Ah, warum hast du mir das nicht schon viel früher gesagt?“ – diese Frage stelle sie am häufigsten. „Und dann sage ich, diesmal fährst du nicht vom Hof bevor du mir alles gesagt hast, alles!“

Es ist ein munteres Treiben an einem normalen Arbeitstag. Bandagen werden aufgewickelt, Trensen geputzt, Pferde fertig gemacht. Effizient aber unaufgeregt, das ist Cathrine wichtig. „Ich mach das nicht für Turniere, ich liebe das tägliche Training, meine täglichen Abläufe mit den Pferden, wenn Kyra und Nathalie zum Training kommen.“ Tatsächlich hat die Dänin auch deutlich weniger Turnierstarts als andere auf der Agenda. „Wenn ich die Weltrangliste angucke, denke ich, Platz zwei? Ich bin doch nicht fast die beste Reiterin der Welt. Es ist mehr die Liebe zum Reiten, zu den Tieren.“ Tiere – ja! Hunde laufen jede Menge herum. Kleine Wollknäule, wenn man „Skinke“, Schinken, ruft, spitzt einer die Ohren ganz besonders.

Das Training ist abwechslungsreich.

Ein sechsjähriger Donkey Boy-Sohn beginnt mit der Handarbeit. Nur mit Trense und Strick ausgestattet, lernt er bei leichter Berührung das jeweilige

Bein zu heben. Und plötzlich versteht er, dass er auch diagonal fußen kann, der erste Schritt in Richtung Piaffe in der Halle, an deren kurzer Seite sich über die gesamte Breite ein Spiegel erstreckt.

Darüber thronen die Olympischen Ringe und die Jahreszahlen 2016 und 2021.

Als nächstes ist Vividus dran. Sieben Jahre alt ist der Fuchs mit dem hellen Schweif, Erbteil seines Vaters Zaladin v.

Zack. Er gehört einer Firma, die Cathrine gemeinsam mit Familie Zinglersen, den Besitzern von Bohemian, gegründet hat. Der großrahmige Fuchs bringt viel Talent für Piaffe und Passage mit. Für Cathrines Geschmack sei er etwas zu wenig „an“. Eher ein Trecker. Den Eindruck macht er aber nicht. Er galoppiert über vier Stangen auf dem Zirkel, weiter geht’s über ein Cavaletti. Abwechslung ist Trumpf und Springmaterial ausreichend vorhanden, schließlich reitet Cathrines Ehefrau Rasmine Laudrup ja Springen. Dass sie in Leipzig beim Weltcup-Finale auch in der Amateur Tour reiten und ein Springen gewinnen konnte, war die Krönung des Wochenendes in Leipzig, sagt Cathrine.

Auch Vamos wird heute das erste Mal nach Aachen wieder geritten. Fürs Foto muss er einmal Piaffieren, ansonsten ist Entspannung angesagt. Ein frischer Galopp um das Dressurviereck, anschließend ausgiebig im Schritt um ein frisch gemähtes Feld.

Athletik

Seit 2015 macht Cathrine Dufour selbst Sport. Weil sie „eine bessere Reiterin“ werden wollte, aber auch weil sie Rückenprobleme bekommen hatte. Sie sagt, seitdem würde sie auch das Training der Pferde mit anderen Augen sehen.

Für den Athlet Pferd sei eine Piaffe oder Pirouette so etwas wie Liegestütze oder Gewichtheben. „Das braucht Kraft, deswegen gebe den Pferden mehr Pausen.

Ich denke ja morgens auch manchmal, ,oh, nee, jetzt ins Gym!‘ Und die Pferde sind da bestimmt nicht anders, da muss ich die Motivation erhalten.“

Neben der Athletik fällt auf, wie fokussiert die Dänin reitet. Mentaltraining gehört zur Trainingswoche, seitdem sie zwölf Jahre alt ist. „Ich visualisiere meine Prüfung vorher, Und ich habe meinen großen Glücksteddybär mit auf Turnieren“, erklärt sie ihr Erfolgsrezept augenzwinkernd.

Nichts geschenkt bekommen

Man sollte meinen, sie habe eine lange Liste von Pferdebesitzern, die unbedingt ihr Pferd von Dufour trainiert haben wollten. Dem ist aber nicht so. „Ich habe gelernt, aus dem vorhandenen Material etwas zu machen, zum Beispiel Bohemian. Der war wild. Er kam am 2. Januar zu uns, fünfjährig. Ich sollte ihn ein bisschen reiten, dann sollte er verkauft werden.“ Die ersten Wochen wurde er nur Schritt mit Reiter geführt.

Nach einigen Monaten habe sie ihn Nathalie gezeigt, „ich weiß, er ist noch grün und ein bisschen hin und her, aber er gibt mir ein super Gefühl, habe ich ihr gesagt.“ „OK“, hat Nathalie geantwortet, „ich sehe das noch nicht, aber wenn du sagst, du fühlst da etwas, dann bin ich hier, dich zu unterstützen.“

„Bei mir gibt es auch Regentage auf Instagram“

Das war der Beginn des gemeinsamen Weges, der bislang in Platz vier in der olympischen Kür und der Silbermedaille der Europameisterschaften gemündet ist. Nicht immer war dieser Weg einfach. „Bohemian ist clever, er möchte Dinge für sich entscheiden und wir gestehen ihm das zu.“ Sie stelle ihm die Frage, „weißt du, wir tanzen heute ein bisschen, ok?“. Nie dürfe sie zu viel Druck machen. Alles Versammelnde fiele ihm so leicht, da braucht es nicht viel Überredung. „Bohemian kann mal gucken, neue Blume, ohhhh“, aber Atmosphäre stört ihn gar nicht. Vamos ist da etwas anders geschnitzt. Gucken würde er selten, aber Angst habe er manchmal schon. Doch das vertrauensvolle Verhältnis der beiden helfe über knifflige Situationen hinweg. Ein Beispiel: In Aachen zuckte der Westfale in der Kür nach einer Passage zusammen, ging aber sofort danach guten, taktreinen Schritt.

Leistungsbereitschaft, „Trainability“, sei das wichtigste für sie und „sie sollten heiß sein, ich mag es wenn sie vorwärts gehen“ und einen guten Schritt, den brauche es auch. „Lieber weniger Qualität, aber nicht faul“, so Cathrines Fazit zum Thema Pferdetyp.

Social Media

Neben Büroarbeit ist Social Media fester Bestandteil eines jeden (Arbeits-)Tages von Cathrine Dufour. Früher habe sie das als junger Mensch einfach super cool gefunden. „Aber es hat mir gefehlt, dass tolle Reiter nicht ein paar Einblicke gezeigt haben, wie sie was machen. Jeder macht Fehler und vielleicht kann man ja weniger machen, wenn die Superreiter erklären, wie sie sich vermeiden lassen.“ Eine Zeitlang habe sie jemanden für Social Media angestellt, „aber das war dann nicht mehr ich, sondern eine künstliche Cathrine.“ Nun postet sie wieder selbst.

Wer in Dänemark über Dressur spricht, kommt am Namen Andreas Helgstrand nicht vorbei. Drei bis vier junge Pferde hat Cathrine mitunter von ihm zur Ausbildung im Stall. Teil des „Teams Helgstrand“ sei sie aber nicht. „Er ist ein Kunde wie jeder andere, der am Ende des Monats eine Rechnung mit Mehrwertsteuer bekommt.“ Verkaufen würde sie die Helgstrand Pferde nicht. „Ich habe Andreas klar gesagt, wenn sie mal zur Seite springen, dann sage ich das. Wenn du sie verkaufen möchtest, dann tue das.

Aber auf deinem Hof.“

Autor

Jan Tönjes

Der Termin in dem dänischen Idyll war ein Highlight im Jahr 2022 für St.GEORG-Chefredakteur Jan Tönjes. Schönes Reiten, „happy Horses“, dafür fährt man auch gerne mal 5,5 Stunden Auto.