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Meine Kraftquelle: Wasser


Frau im Leben Happy - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 14.07.2021

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Bildquelle: Frau im Leben Happy, Ausgabe 3/2021

Alexandra Hector ist Pastorin auf der Nordseeinsel Pellworm. Beim Spaziergang am Meer mit ihrem Jack Russell Terrier Gustav tankt sie neue Kraft (siehe Seite 12)

Als ich klein war, feierten wir den Geburtstag meiner Oma immer mitten im Wald. Dort gab es auf einer Lichtung eine primitive Hütte, von Pfadfindern in den 1920er-Jahren erbaut, Feuerstelle und Schlafpritsche – mehr nicht. Was diesen Ort einzigartig machte, war eine Quelle, die dort aus dem Berg entsprang. Ihr Wasser war eiskalt und schmeckte köstlich.

Noch nie seit Menschengedenken soll die Quelle in diesem Odenwälder Tal versiegt sein, sagt man, auch in den heißesten Sommern nicht. Jahrein, jahraus sprudelt kristallklares Wasser aus dem Hang, sammelt sich in kleinen Becken, die es in den Sandstein gegraben hat, und windet sich, stellenweise überwuchert von Farnen und Brombeeren, ins Tal. Stunden habe ich barfuß an diesem Bach verbracht, Staudämme gebaut und Feuersalamander, Kröten und Libellen beobachtet. Das Gurgeln, Plätschern, Glucksen und Rauschen eines Baches ist bis heute Musik in meinen ...

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... Ohren. Die Odenwälder Quelle ist für mich ein paradiesischer Ort.

Wasser, Quell des Lebens: In allen Religionen wird es verehrt. Ohne Wasser gäbe es kein Leben auf der Erde, die ersten Zellen entstanden im Meer. Aus den Einzellern entwickelten sich rund 30 Millionen Arten von Organismen, die alle zu einem Großteil aus Wasser bestehen. Auch der Mensch besteht zu drei Vierteln daraus, wenn er das Licht der Welt erblickt, nachdem er neun Monate lang in Fruchtwasser geschaukelt wurde. Ist es ein Wunder, dass Wasser uns von Anfang an fasziniert? Eine kleine Pfütze reicht schon aus, um ein Kleinkind zu begeistern.

Meine Oma wohnte in Heidelberg, nahe dem Neckar, der die Stadt durchfließt. Die Ferien verbrachte ich oft bei ihr. Wenn sie mich auf den Arm nahm, konnte ich vom Küchenfenster aus einen Blick auf den Fluss erhaschen. Von daheim kannte ich nur Felder und Wald und so wurde „Schiffe gucken“ mein Lieblingsvergnügen. Tagein, tagaus konnte man auf dem Neckar die Binnenschiffe vorbeiziehen sehen. Manchmal lagen sie tief im Wasser, weil sie bergeweise Sand, Kohlen oder Metallschrott geladen hatten. Manchmal fuhren sie leer und erschienen mir riesig. Ich sah auf den Kähnen Wäsche an der Leine flattern und Kinder in meinem Alter auf Dreirädern und Rollern fahren. Die Fenster waren hübsch mit Blumen geschmückt. Wie es wohl war, auf so einem Schiff aufzuwachsen? Jeden Tag woanders anzulegen? Dem Fluss zu folgen? Schiffen hinterherzugucken verleitet einfach zum Träumen.

seit Jahrtausenden haben Menschen die Nähe des Wassers gesucht. Siedlungen wurden bevorzugt an Küsten und Ufern gegründet. Oft waren es „Wasserstraßen“, die Menschen, Länder und Kontinente verbanden. Bis heute gelten Städte am Wasser als attraktiv und Immobilien in entsprechender Lage erzielen Höchstpreise.

Wer sich beim Wohnen den Blick aufs Wasser nicht leisten kann, sucht ihn im Urlaub: Zwei von drei Urlaubern weltweit wählen für die schönste Zeit des Jahres einen Strand. Auch meine Familie fuhr in den Sommerferien ans Meer. Während wir Kinder in der Brandung tobten, Sandburgen bauten und Gräben aushoben, ließen sich die Erwachsenen die Sonne auf den Bauch scheinen, dösten beim Rauschen der Brandung ein oder schauten verträumt den Wellen zu. Langweilig wurde ihnen das anscheinend nie.

„Als Kind erschienen mir die Binnenschiffe riesig. Wie es wohl war, auf so einem Schiffaufzuwachsen? Jeden Tag woanders anzulegen? Dem Fluss immer weiter zu folgen?"

Antje Brunnabend schaute gern den Schiffen auf dem Neckar nach

Vermutlich spürten sie auch, wie gut ihnen die Seeluft tat. Wenn Wasser durch die Luft spritzt, entstehen negativ geladene Sauerstoffteilchen – ein natürliches Glückselixier, wie Wissenschaftler herausgefunden haben. Heute kann auch ich viel Zeit damit vertrödeln, aufs Wasser zu schauen. Wasser bedeutet Bewegung, selbst wenn es nur der Wind ist, der die Oberfläche kräuselt. Weil es das Licht spiegelt, sieht Wasser immer wieder anders aus. Statt farblos und durchsichtig kann es auch tiefblau, smaragdgrün oder leuchtend türkis erscheinen, silbrig oder dunkelgrau.

Als Erwachsene hat es mich dann von Süddeutschland nach Hamburg verschlagen, in einem Winter, in dem die Alster zufror. Diese stille weite Fläche in der Stadt löste kollektive Verzückung aus, zusammen mit Tausenden anderen Menschen spazierte ich über das Eis. Im Frühjahr nahm ich das Schiffegucken wieder auf, ging ans Elbufer, wo die großen Pötte vorbeiziehen, oder an die Alster, die an schönen Tagen weiß gesprenkelt ist von Segeln. Auf den Kanälen der Stadt tummelten sich Kanu- und Kajakfahrer, Stehpaddler und Ruderer. Leiser Neid erfüllte mich – als Landratte war ich zuvor noch nicht mal Tretboot gefahren. Schließlich trat ich in einen Ruderverein ein.

Rudern ist ein Sport, den man auch im fortgeschrittenen Alter noch lernen kann. Es braucht Geduld. Doch manchmal, wenn alle Ruderer ihre Blätter im Takt ins Wasser tauchen und das Boot richtig Fahrt aufnimmt, hebt unter dem Bug ein munteres Gurgeln, Gluckern und Glucksen an. Ich liebe dieses Geräusch. Es klingt fast so schön wie damals die Quelle bei meiner Oma im Wald.

Ich habe mein Hobby zu meinem Beruf gemacht

Renate Schweiger (58) ist Kapitänin der MS Renate. Seit rund 30 Jahren steuert sie das Schiff, das bis zu 600 Passagieren Platz bietet, auf der Donau zwischen Weltenburg und Kelheim. Der Beruf war ihr in die Wiege gelegt: „Ich bin auf der Donau aufgewachsen, meine Eltern kommen aus Fischer-, Flößer-und Kahnfahrer-Familien. Als Kind war ich in jeder freien Minute auf dem Schiff, habe dort meine Schulaufgaben erledigt, alle Ferien verbracht ‒ es war mein Zuhause. Und wer erst mal auf einem Schiff lebt, will da nicht mehr weg. Mit 21 Jahren habe ich mein Patent zur Kapitänin und damit mein Hobby zum Beruf gemacht.

Egal, wie viel Stress ich vorher habe, sobald ich auf dem Schiff bin und mit meinen Gästen losfahre, ist da ein Gefühl von Freiheit. Es gibt so einen Spruch: ‚Schifffahrt ist die Entdeckung der Langsamkeit.‘ Das stimmt. Die Donau ist wunderschön ‒ und zwar zu jeder Jahres- und Tageszeit. Wenn ich mit dem Schiff abends in die Dämmerung hineinfahre, ist das entspannend. Oder in den Morgen hinein, das hat so was Erfrischendes. Ach, ich genieße jeden Tag und jede Stunde auf der Donau! Ich ziehe meine Kraft daraus.“

Es war immer mein Traum, auf dem Wasser zu leben

An der Elbe, im Hafen von Oortkaten bei Hamburg, liegt das Hausboot von Nicola Eisenschink (59). Die Trauerrednerin hat sich damit einen Traum erfüllt: „Ich bin früher viel gesegelt und habe gemerkt, dass ich auf dem Wasser besser entspanne als an Land. Es lässt mich ruhig werden. Als ich mich von meinem Mann trennte, wollte ich wieder aufs Wasser. Da war die Sehnsucht nach diesem Blick aufs Wasser, auf diese Weite und das sich verändernde Licht. Nach langer Suche habe ich 2014 mein Hausboot ‚Lotte‘ gefunden. Der Blick vom Schiff aus ist herrlich. Mal liegt die Elbe ganz glatt da, mal hat sie Wellen, bei Gewitter auch

Schaumkronen‒ ich werde nie müde, das anzuschauen. Sogar Sturmfluten sind toll, das Wasser steigt und steigt und meine ‚Lotte‘ steigt mit. Und ich sitze drinnen ganz geschützt und gemütlich, beobachte das Tosen durchs Fenster und fühle mich geborgen. Meist ist es hier wunderbar still, wenn ich abends nach Hause in den Hafen komme. Dann lausche ich den Wasservögeln und Gänsen. An Bord schlafe ich besser. Ich bin dort ein anderer Mensch als in der Stadt: entspannter, zufriedener, fröhlicher.“

„Heute kämpfe ich für die Elbe und versuche, etwas Gutes für den Fluss zu tun, der so viel für meine Gesundheit getan hat"

Lothar Buckow klagte mit zwei Umweltschutzverbänden gegen die Elbvertiefung und das damit verbundene Aussterben der Stinte und Seeschwalben

Mein Beruf auf dem Wasser hält mich fit

Lothar Buckow (64) ist einer der letzten Elbfischer. Bei jedem Wetter ist er mit seinem Kutter zwischen Hamburg und Cuxhaven unterwegs, um vor allem Aale zu fangen: „Die Fischerei war meine Rettung. Während meines Informatik-Studiums meinte mein Arzt, ich würde wegen meiner Muskelatrophie, die durch eine Stoffwechselstörung ausgelöst ist, mit 50 Jahren im Rollstuhl landen, sollte ich wirklich den ganzen Tag am Computer sitzen. Deshalb habe ich das Studium abgebrochen und bin in die Fischerei meines Vaters gegangen.

Der Arzt schlug damals die Hände über dem Kopf zusammen, als er das hörte, und warnte mich: Kälte und Nässe seien das Schlimmste für meine Krankheit. Ein Jahr später stellte er dann erstaunt fest, dass die Krankheit langsamer fortschreitet als zuvor – also war ich auf dem richtigen Weg. Die Gesundheit war zwar der Grund, warum ich diesen Beruf gewählt habe, aber das Fischen war wohl schon immer meine Berufung. Ich habe es lieben gelernt. Auch wenn die Arbeit schwer ist ‒ die Bewegung hält mich fit.“

Mit der Ebbe verschwindet Ärger, mit der Flut kommt neue Energie zurück

Wenn Pastorin Alexandra Hector (52) an einer Predigt arbeitet, geht sie oft ans Meer. Vor fünf Jahren kam sie vom Festland nach Pellworm, weil sie schon immer auf einer Insel wohnen wollte: „Pellworm ist von einem Deich umschlossen. Das gibt ein schönes Gefühl der Geborgenheit, hat aber zugleich auch etwas sehr Begrenzendes. Manchmal ist es wichtig, die Grenzen hinter sich zu lassen. Dann steige ich auf den Deich, und wenn ich auf die andere Seite komme, liegt da das Meer. Der Blick hilft mir, die Idee für meine Predigt zu überdenken. An der Nordsee kann ich freier atmen, weil ich so eine Weite vor mir habe. Die Gezeiten sind wunderbar: Wenn mich etwas nervt oder aufbringt, dann schreie ich manchmal meinen Ärger in die Ebbe hinaus. Ich habe das Gefühl, dass das Meer damit umgehen und ihn verwandeln kann. Das habe ich von den älteren Frauen der Insel gelernt. Sie gaben mir den Rat: ,Geh einfach mal an den Deich und schreie Angst und Ärger raus. Die Ebbe nimmt die Emotionen mit und mit der Flut kommt die neue Energie zu dir.‘ So ist das Meer für mich wie eine Freundin, die Gott mir zur Seite gestellt hat.“