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Meine Sex-Biografie


myself - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 15.07.2020

Erst lahm, dann wild, dann überraschend: Autorin Mirna Funk über die Bettgeschichten ihres Lebens


Artikelbild für den Artikel "Meine Sex-Biografie" aus der Ausgabe 8/2020 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 8/2020

Mit dem Sex ist es ja ein bisschen wie in den Dünen: Es gibt Hochs und Tiefs.


Heute Nachmittag hole ich wie jeden Tag meine vierjährige Tochter vom Kindergarten ab. Bis dahin muss ich drei Pornos der schwedischen Produzentin Erika Lust gucken, ein Auftrag für ein Online-Magazin. Ich weiß noch nicht, ob ich dazu masturbieren werde. Kommt drauf an, wie gut mir die Filme gefallen. Sex werde ich jedenfalls keinen haben. Denn ich bin eine alleinerziehende Mutter, ohne Zeit und mit sehr hohen Ansprüchen. Das macht ...

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... es nicht gerade leichter. Dafür habe ich in den letzten 23 Jahren alles erlebt, was man erleben kann. Das hat mich nicht nur ruhiger gemacht, sondern mir ein Verständnis dafür geschenkt, dass nichts für immer ist. Nicht einmal die Lust auf Sex.

Das erste Mal

Ich sage es so, wie es ist: Mein erstes Mal war scheiße. Es war unromantisch und unbefriedigend. Aber ich musste es hinter mich bringen, um endlich loslegen zu können. Frei und selbstbestimmt. Der Großteil meiner Freundinnen hatte sich dafür extra einen richtigen Freund zugelegt. Einen im gleichen Alter. Einen, der niedlich war und ungefährlich. Sie machten stundenlang Petting bei Kerzenlicht. Ich dagegen suchte mir einen elf Jahre älteren Mann und ließ mich auf seinem Balkon entjungfern. Das war der 10.5.1997. Das Datum werde ich nie vergessen. Es tat weh und dauerte maximal fünf Minuten. Direkt danach zog ich mich an und stand schon im Türrahmen. Er hielt mich auf, griff meine Hand und ging mit mir spazieren. Dabei schoss er einen ganzen Schwarz-Weiß-Film leer. Die Bilder habe ich immer noch. Manchmal krame ich sie raus, schaue in die Augen dieses 16-jährigen Mädchens und sehe den unbedingten Willen darin, mehr vom Leben zu bekommen.

Wilde Jahre

Nur einen Monat nach meiner Entjungferung verbrachte ich zwei Wochen in London mit meinen Freundinnen. Gleich am ersten Abend landeten wir in einem furchtbar schlechten Club, den ich in den frühen Morgenstunden mit zwei Männern, deren Namen ich nicht mal kannte, verließ. Ein (sexueller) Vorgeschmack auf die kommenden elf Jahre: das wilde Leben der Mirna F. Ich schlief mit Frauen, Männern, Männern und Frauen gleich- zeitig, mehreren Männern sowie mehreren Frauen auf einmal. Ich probierte alles aus: Bondage, Natursekt, anal, draußen, in Clubs. You name it!

Da war so eine ungestillte Sehnsucht in mir, die unentwegt „Mehr!“ schrie. Mehr Menschen, mehr Erfahrungen, mehr Intensität. Wenn ich auf ein Dinner eingeladen war, nahm ich im Anschluss immer irgendjemanden mit nach Hause. Wenn ich in Clubs ging, hatte ich Sex auf der Toilette. An Möglichkeiten mangelte es nie. Dabei war der Sex nur ganz selten gut. Aber das spielte für mich keine Rolle. Hauptsache, krass.

In den letzten Jahren habe ich oft überlegt, ob das hätte sein müssen. So viele Männer und so viele Frauen? So viel Sex? So viele extreme Sachen? Offensichtlich hatte es sein müssen. Ich empfinde meine Erfahrungen heute als große Freiheit, denn da ist nichts mehr, was noch fehlt. Keine unausgelebte Fantasie. Keine unbeantwortete Frage.

Die große Liebe

Elf wilde Jahre kannte ich nur Sex ohne Liebe. In keinen Mann verknallte ich mich. Mit keiner Frau wollte ich zusammenkommen. Bis zum Mai 2008. Da traf ich ihn und wollte alles anders machen. Nicht sofort Sex haben, dafür sich wirklich einlassen. Beziehungsfähig werden. Ankommen. Lie ben. So was eben. Nach den vielen kalten Jahren voller Hardcore-Sex mit Fremden war ich emotional ausgehungert. Ich wollte, was ich davor immer sentimental und kitschig fand: Sinnlichkeit, Nähe, Verschmelzung. Ich verliebte mich wie noch niemals zuvor. Und vielleicht ist auch das der Grund, warum ich bis heute sagen kann, dass es der letzte wirklich gute Sex war, den ich hatte. Unsere Körper passten einfach zusammen. Wenn wir nicht gerade miteinander schliefen, lagen wir nackt aufeinander und philosophierten über Gott und die Welt. Er machte mich zu einer Frau, die ein Haus, einen Mann, ein Kind, einen Hund, ein Boot wollte. Am besten sofort. Aber er war jung. So viel jünger als ich, und neben seiner Liebe zu mir war da noch die Liebe zu Drogen. Viele Monate glaubte ich, ihn ändern zu können, ihn vom Ankommen zu überzeugen. Aber es klappte nicht. Ich trennte mich und lag danach ein Jahr weinend im Bett.

Sex und Mutterschaft

Fünf Jahre später verliebte ich mich erneut. Diesmal mit mehr Klarheit und weniger Pathos, aber mit ähnlich großen Plänen. Ich war 33 Jahre alt und lebte in Tel Aviv. Den Vater meiner Tochter traf ich in einem Café. Nur vier Wochen später wollten wir heiraten. Er war (genauso wie ich) an einer Familie interessiert. Der erste Mann nach Jahren, der auch nicht mehr suchen wollte. Wann findet man so was schon? Er war für mich die buchstäbliche Stecknadel im Heuhaufen, in den ich kopfüber sprang, um ihn mir zu schnappen. Er war heiß und klug, aber auch ganz anders als ich. Das war von Anfang an klar. Unser Sex war nie gut. Mir fehlten die Leidenschaft, rohe Begierde, schwitzende Körper. Er war so zurückgenommen. Träge. Trotzdem wurde ich schwanger, nur sechs Monate nachdem wir uns kennengelernt hatten. Meine Tochter brachte ich in Berlin zur Welt. Kurz darauf trennte ich mich.

Mein Leben als alleinerziehende Mutter: Ich war müde, müder, am müdesten. Der tollste Typ mit den unglaublichsten Fähigkeiten zwischen den Laken hätte vor mir knien können, ich wäre beim Cunnilingus einfach weggenickt. Deswegen konzentrierte ich mich auf uns. Auf meine Tochter und mich. Auf mein neues Leben, das ich erst ordnen musste. Auf meine Karriere. Erst dreieinhalb Jahre später hatte ich wieder Sex. Ich fand ihn auf Tinder. Wieder in Tel Aviv. Ich schrieb gerade an meinem neuen Roman. Meine Tochter war mit meiner Mutter an der Ostsee. Diesmal konnte ich loslassen. Er war 25 Jahre alt und der heißeste Typ der Welt. Diese Haut, dach- te ich, so jung. Diese Augen, dachte ich, so neugierig. Vor allem hatte er, was ich nicht mehr hatte: noch so viel vor sich. Das zog mich an. Befriedigen konnte er mich aber nicht.

Acht Monate ist das nun her. Klar denke ich häufig an Sex. An guten Sex. Aber wann hat man den schon? Und wie viele Männer jagt man aus der Wohnung, bis der richtige neben einem liegt? Es gibt wohl wenige, die das so gut wissen wie ich. Und wenn ich wieder kurz vor dem Eisprung bin und denke, ich halte das nicht mehr aus vor Lust, dann erinnere ich mich an all den wilden Sex, den ich hatte – und schlafe seelenruhig ein.


FOTOS: Emily Winiker

FOTOS: EMILY WINIKER/ART PARTNER LICENSING