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Meister der MELANCHOLIE: INSOMNIUM


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 16.10.2019

Nach dem epochalen Experiment WINTER’S GATE kehrt im Hause INSOMNIUM wieder die Normalität ein – sprich: Gewohnt ergreifendes Songwriting und bezaubernde Geschichten, aber im Format eines Standardalbums. Ihr Kernthema, die alles verschlingende nordische Melancholie, nehmen die Finnen diesmal als Ausgangspunkt für ein weiteres tiefgründiges Konzept.


Artikelbild für den Artikel "Meister der MELANCHOLIE: INSOMNIUM" aus der Ausgabe 11/2019 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 11/2019

Markus Vanhala hat keine leichte Aufgabe vor sich: Zum Zeitpunkt seines Anrufs befindet er sich in Atlanta, USA, und will seinen Pausentag zwischen Mexiko-Tournee und einem Auftritt beim ProgPower Festival am Hotel-Pool verbringen. Bei sonnigwarmen ...

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... Temperaturen soll er nun über finnische Melancholie und das Album HEART LIKE A GRAVE sprechen. „Hier gibt es kaum Elend. Doch Verzweiflung kommt von innen und hat nichts mit der Umgebung zu tun“, feixt der blonde Saitenhexer, und fügt hinzu: „Ich weiß ohnehin nicht, was wir auf dem ProgPower zu suchen haben, wir spielen schließlich weder Prognoch Power Metal. Trotzdem freuen wir uns auf den Auftritt.“

LUXUSPROBLEME

Nach jahrelangem Nischendasein sind die Finnen mittlerweile zu einer festen Größe herangewachsen – erst in Europa, später weltweit. Diese (längst überfällige) Entwicklung stellte die 1997 gegründete Gruppe vor eine schwere Entscheidung: Gitarrist, Klarsänger und Gründungsmitglied Ville Friman konnte bereits in den letzten Jahren lediglich ausgewählte, nahe Konzerte wahrnehmen, da er mit seinem Hauptberuf als Dozent an der Universität von York sehr eingespannt ist. Eine ungute Situation, die nun zur Beförderung von Live-Gitarrist Jani Liimatainen zum vollwertigen Mitglied führte. „Die letzten Jahre waren verrückt für die Band! Wir spielten schon mal drei Gigs hintereinander und hatten bei jedem einen anderen Gitarristen dabei – Nick Cordle in den Staaten, Jani in Europa und Ville in Finnland. Es war an der Zeit für eine stabilere Lösung!“, begründet Vanhala den Schritt. „Jani spielt seit 2015 mit uns und ist einer meiner besten Freunde. Momentan sehe ich ihn öfter als meine Frau! Diese Entscheidung war logisch, die Familie wird größer. Zum neuen Album hat Jani sogar mehr beigetragen als Ville, von dem nur ‘Valediction’ stammt. Ville wird weiterhin ausgewählte Gigs mit uns bestreiten. Dann stehen wir eben mit drei Gitarristen auf der Bühne, wie Iron Maiden!“

Aufgrund seines vollen Terminkalenders kam Vanhala diesmal eigenen Angaben zufolge kaum zum Komponieren. Daran sind selbstredend auch die Pflichten bei seiner (ebenfalls gedeihenden) Stammformation Omnium Gatherum Schuld. Seine beiden Bands grenzt der Musiker trotz ähnlichem Namen, Melodic Death-Beheimatung und steigenden personellen Verquickungen (aktuell auch Liimatainen betreffend) deutlich voneinander ab; beim Songwriting hilft nur ein strenger Zeitplan: Wenn Insomniums atmosphärische „Gloomy-Doomy-Songs“ dran sind, schweigen die erhebenderen, wenngleich technisch komplexeren Omnium Gatherum – und umgekehrt: „Andernfalls würde ich verrückt werden“, lacht Vanhala. Obwohl er auf Tour grundsätzlich nicht komponiert und sich kaum erklären kann, wie er all die Musik zustande bringt, trug der Gitarrist mehr als die Hälfte des Materials zu HEART LIKE A GRAVE bei. Dabei erfreuen sich die Finnen einer luxuriösen Ausgangslage und sind mit vier Songwritern sowie einem hervorragenden Geschichtenerzähler bestens ausgestattet. Dass auch das neue Werk typisch und rundherum stimmig klingt, begründet Vanhala mit der spezifischen DNS der Band, der er 2007 als Live-Musiker und 2011 als vollwertiges Mitglied beitrat: „Ich war immer Fan und liebe die frühen Alben, ABOVE THE WEEPING WORLD ist mein Liebling! Dank dieser Platte habe ich mich in die Band verliebt und ihre Wurzeln verinnerlicht. Wir haben einen einzigartigen Klang, daher empfinde ich es fast als leicht, Insomnium-Songs zu schreiben. Jani hat diese einzigartige Identität nun ebenso gut adaptiert wie ich damals.“

GEFÜHLSWELTEN

Nach ihrem selbst erklärten „kommerziellen Suizid“ – dem aus einem 40-minütigen Song bestehenden, musikalisch aus dem Rahmen fallenden sowie auf einer selbstgeschriebenen Kurzgeschichte basierenden WINTER’S GATE – kehren Insomnium auf ihrem achten Werk zur musikalischen Normalität und einer traditionellen Albumstruktur zurück. Dies stand nie zur Debatte, obgleich Vanhala das mutige Experiment als definitiv geglückt beschreibt: „Es gab uns den Glauben an die Musikindustrie zurück und war auch live eine magische Erfahrung – ich habe jede Sekunde davon genossen!“ Auch auf HEART LIKE A GRAVE lassen sich Insomnium von Gefühlen und absoluter Ehrlichkeit in ihren Empfindungen leiten. Die Band folgt ihren ureigenen Instinkten und hört nur auf die innere Stimme, anstatt ihre Musik kalkuliert am Reißbrett zu entwerfen: „Wir haben keine großen Marketing-Pläne im Kopf, sondern machen einfach, wonach uns ist“, erklärt der begnadete Gitarrist, der seine Hingabe auch live deutlich zur Schau stellt. „Ich würde niemals einer Band nur für das große Geld beitreten. Ich nenne keine Namen – doch selbst wenn mir jemand ein solches Angebot machen würde, müsste ich ablehnen. Musik kommt bei mir aus dem Herzen und der Seele – wenn das nicht mehr gegeben wäre, würde ich den Beruf wechseln.“


„MUSIK KOMMT BEI MIR AUS DEM HER ZEN UND DER SEELE – WENN DAS NICHT MEHR GEGEBEN WÄRE, WÜR DE ICH DEN BERUF WECHSELN.“
Markus Vanhala (r.)


Als Leitmotiv für HEART LIKE A GRAVE nennt der Komponist zwei Ansätze: Wie gewohnt stellten die Finnen ihr Album unter ein inoffizielles Motto, das diesmal das Älterwerden und diverse 40. Geburtstage im Band-Kreis umfasste. Wichtiger ist jedoch der Einfluss alter finnischer Poesie, deren tieftraurige, sehnsüchtige Gefühlswelten Vanhala als Inspiration für seine Kompositionen dienten. „Unsere Idee hinter dem Album ist, über die heutige typisch finnische Melancholie hinauszugehen: Suizidale Gedanken, Schwermut im Kopf, Dunkelheit – all das klammern wir aus“, überrascht der Kreativchef. „Stattdessen besinnen wir uns zurück auf Gedankenmodelle finnischer Folklore der Fünfziger und Sechziger Jahre. Dabei geht es um existenziellere Probleme: Der Winter zerstört die Ernte und man droht, im eigenen Haus zu erfrieren, Mitglieder der Familie verhungern. Ein Alltag voller Elend und Sorgen – doch man macht weiter und erträgt es.“ Passend zu diesem Grundgedanken adaptierte Texter und Growler Niilo Sevänen alte finnische Lieder und ließ sich von deren Stimmung zu trübsinnigen, doch poetischen Song-Texten inspirieren. „Ich halte diese Lyrics für seine beste Arbeit bisher“, lobt Vanhala. „Eigentlich ist auch HEART LIKE A GRAVE in gewisser Weise ein Konzeptalbum, wenn auch nicht so strikt wie WINTER’S GATE.“

Neben dem erwartbaren und damit gewohnt hohen Standard der neuen Stücke fallen vor allem die überraschend instrumentierten Bonustracks ins Auge beziehungsweise Ohr. Beide beziehen sich auf Stücke des regulären Albums: „Bei ‘Karelia 2049’ handelt es sich um einen Song von Niilo, der vom Film ‘Blade Runner 2049’ und dessen Musik dazu inspiriert ist. Er nahm ein elektronisches Demo auf und transferierte es für das Album in ein Metal-Stück. Der Bonustrack kommt der Urversion näher als das reguläre Lied!“, erklärt der Blonde. „Ganz ähnlich war es mit meinem Song ‘Pale Morning Star’. Auch hier ist eigentlich der Bonustrack(‘The True Morning Star’ – Anm.d.A.) das Original.“

ERFOLGSAUSSICHTEN

Selbst ohne allzu große Neuerungen im Kernmaterial sind Insomnium demnach noch immer für Überraschungen gut – das gilt nicht zuletzt auch für Vanhalas Entscheidung, sich nach jahrelanger vehementer Weigerung endlich einen Instagram-Account zuzulegen („Das macht das Tour-Leben aus einem: 500 Kilometer Langeweile sind nicht zu ertragen!“). Davon abgesehen bleiben die Finnen ihrer Linie treu und genießen den Aufschwung, den ihre Band in den letzten Jahren (zu Recht) erfährt. Gefühlvolle Musik scheint im Zeitalter mentaler Probleme und öffentlicher Depressionserklärungen wichtiger denn je zuvor, und Live-Konzerte ziehen als Erlebnis des geteilten Leids vieler gebeutelter Seelen offenbar immer mehr Menschen an. Dazu kommt, dass die Finnen zu den absoluten Meistern bei der Vermittlung glaubwürdiger Emotionen zählen und live regelmäßig Gänsehaut provozieren. Vanhala ist froh, den nicht immer leichten Weg bis zum heutigen Tag mitgegangen zu sein und den Aufwind endlich am eigenen Leib zu spüren: „Heutzutage können wir tatsächlich von unserer Musik leben. Doch das war lange Zeit nicht der Fall: Früher musste ich zwischen unseren Tourneen als Gitarrenlehrer arbeiten und versuchen, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, obwohl ich ständig unterwegs war. Das war hart, doch ich wollte nie etwas anderes als Musik machen – und habe nie aufgegeben. Jetzt zahlt es sich aus“, schwärmt der Vollblutkünstler zufrieden, und schließt das Gespräch über den Atlantik mit einem gar nicht mal so pessimistischen Ausblick: „Musik ist kein verlässliches Geschäft und man kann nicht vorhersagen, wie sich die nächsten Jahre entwickeln. Doch im Moment sieht es ziemlich gut für uns aus. Nordische Finsternis scheint weiterhin Finnlands bestes Exportgut zu sein!“


Foto: J. Ratilainen (PR)