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Meister der Verwandlung


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 19.05.2022

Natur & Umwelt

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Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 3/2022

Einfach spitze! Die Flügel dieses Tagfalters erinnern an den Vogel, der ihm seinen Namen gab: Schwalbenschwanz

Im Hintergrund:Monarchfalter schwärmen in Mexiko aus, um Partner zu suchen

Es rauscht. Orange leuchtende Flecken tanzen überall durch die Luft. Doch der Tannenwald in Zentralmexiko steht nicht etwa in Flammen. Jeden März verwandelt sich das wenigeknistert, flirrt und Hektar große Areal in der Sierra Nevada in eine große Flatter, wenn das Frühlingsfest der Falter beginnt. Die Sonne ruft Millionen Monarchfalter zur Hochzeit, die zwischen hoch aufragenden Oyamel-Tannen umhertaumeln. „Normalerweise f liegen Schmetterlinge lautlos für menschliche Ohren“, sagt der Naturfotograf Ingo Arndt. „Doch wenn Hunderttausende Monarchfalter auf engstem Raum ausschwärmen, dann verstärkt die schiere Masse ihre Geräusche. Der vor Faltern knisternde Wald war ein unvergessliches Erlebnis.“

BOTEN DES FRÜHLINGS

Ingo Arndt, Jahrgang 1968, hat schon viele Tierarten meisterhaft ins Bild gesetzt, von wuseligen ...

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... Insektenvölkern bis zu mächtigen Einzelgängern im Pelz:Bienen und Bären, Pumas in Patagonien und dampf badende Schneeaffen in Japan. Mehrfach wurde er bei dem renommierten Wettbewerb „Wildlife Photographer of the Year“ ausgezeichnet, dem Oscar seiner Branche. Die Liebe zu den Schmetterlingen, diesen anmutigen Frühlingsboten, begleitet ihn schon ein Leben lang. Als 13-Jähriger streifte er durch die Wälder in der Nähe seines Heimatorts Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt. Er beobachtete Vögel, aber fotografierte auch gern Tagfalter.

„Als Fotograf lege ich sehr viel Wert auf Ästhetik und Schönheit, da bieten sich Schmetterlinge natürlich an“, sagt Arndt im Gespräch mit HÖRZU WISSEN. Die Tagfalter, rund 6000 Arten gibt es weltweit, sind von jeher die Lieblinge der Menschen. Schon die alten Griechen erlagen ihrem zarten Zauber. Psyche, das griechische Wort für Hauch und Seele, bedeutet zugleich Schmetterling. Die bunten Nektarsauger gaukeln als Feen durch Märchen und Sagen, sie bef lügeln unsere Fantasie, Verliebte haben sie im Bauch – und wer wäre nicht gern schön wie ein Schmetterling?

180.000 ARTEN Tag-und Nachtfalter gibt es im Reich der Insekten. Nur Käfer sind noch vielfältiger

Arndt hat Falter in aller Welt und in allen Lebensstadien ins Bild gesetzt – vom Ei über Raupe und Puppe bis hin zum fertigen Schmetterling, in Fachkreisen Imago genannt. Sein neues Buch „Überf lieger“ (siehe Tipp Seite 51), aus dem die Aufnahmen auf diesen Seiten stammen, versammelt Arbeiten aus rund 20 Jahren und verhilft heimischen Arten ebenso zum großen Auftritt wie Tropenbewohnern. Arndt hat Monarchfalter auf ihrer knapp 4000 Kilometer langen Wanderung von Nordamerika bis in ihr Winterquartier nach Mexiko begleitet. Nie zuvor wurde ihr Zug so eindrucksvoll dokumentiert. Die nicht einmal ein Gramm schweren Flugkünstler legen dabei rund 80 Kilometer pro Tag zurück.

Mit feinen Sensoren orientieren sie sich an der Sonne, dem Magnetfeld der Erde und großen Landmarken, etwa Gebirgszügen. „Es ist wie ein Wunder“, so Arndt. „Es sind tatsächlich die Urururenkel der Schmetterlinge aus Mexiko, die das kleine Winterquartier ihrer Vorfahren im nächsten Jahr wiederfinden.“

EINFALLSREICHE NATUR

Das opulent gestaltete Buch vervollständigen profunde, sehr lebendig geschriebene Texte von Veronika Straaß und Claus-Peter Lieckfeld. Es beleuchtet den jüngsten Stand der Forschung und behandelt alle vier Phasen im Leben eines Falters gleichberechtigt. „Wer nur auf die f liegenden Schmetterlinge schaut, verpasst viel“, betont Arndt.

GAUKLER &GIFTZWERGE

Vor allem Vögel fliegen auf Raupen. Doch die Eiweißhappen haben ein Arsenal an Tricks, um ihre Feinde zu verscheuchen. Sie arbeiten mit Gift, Stacheln, Brennhaaren, Maskerade und Drohgebärden. Einige imitieren eine Schlange oder irritieren mit großen Augenflecken. Oder der Leckerbissen verdirbt Angreifern optisch den Appetit: Die Raupe einer Schwalbenschwanzart in Costa Rica sieht Vogelkot zum Verwechseln ähnlich.

Schon bei den Eiern war die Natur überaus einfallsreich bei Gestalt und Struktur. Je nach Art können die fein ziselierten Eier geriffelt, gedellt, geschuppt oder auch glatt sein. Alle möglichen Formen sind vertreten: Bälle, Halbkugeln, Kegel, Zipfel, Linsen und sogar Schnüre. Die Schmetterlingsmutter heftet die Eier einzeln, paarweise oder in Gruppen an eine ganz bestimmte Pflanzenart. Das Landkärtchen etwa, ein Edelfalter mit Netzmuster an der Flügelunterseite, hängt Eischnüre an Brennnesseln. Der Schwalbenschwanz wiederum mag Doldengewächse. Und Monarchen f liegen auf Seidenpf lanzen.

Viel Zeit bleibt dem Weibchen nicht, um den perfekten Platz für die Eiablage auszusuchen, denn seine Lebensspanne als Fliegerin misst oft nur einige Wochen, auch wenn einige Arten als Imago überwintern, wie der Monarchfalter. Als Methusalem gilt hierzulande der Zitronenfalter mit bis zu elf Monaten. „Er lässt sich sogar einschneien“, so Arndt. Sein eiskalter Trick: Seine Körperf lüssigkeit enthält Glyzerin. Mit diesem Frostschutz trotzt er Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Doch lange bevor der hübsche Zitronenfalter aus der Puppe steigt, legt auch seine Mutter ihre Eier auf die individuelle Wirtspflanze, einen Faulbaum.

FEINE ANTENNEN

Doch wie finden die Weibchen nun die passende pflanzliche Kinderstube für den Nachwuchs? Sie erkennen die richtigen Blätter vor allem an ihrem Geruch. „Auch die Beschaffenheit muss passen“, betonen die Autoren in ihrem Buch. So testet das Weibchen die Futterpflanze mithilfe seiner Beine, Fühler und des Saugrüssels. Zu diesem Zweck hat es winzige Krallen an den Enden der Vorderbeine und kratzt damit die Pflanze an. Stimmt der Geschmack? Das Mikroklima? Erst wenn es zufrieden ist, legt es Eier. So kann es sein, dass ein Tagpfauenauge zwar eine große Brennnessel auf einem Komposthaufen ansteuert, aber kehrtmacht, weil die Pflanze überdüngt ist. Schmetterlinge sind Sensibelchen mit einer Hochleistungssensorik.

In der Regel schlüpfen die Raupen nach ein bis zwei Wochen. Einige Arten überwintern auch als Ei, andere als Raupe, Puppe oder Falter. Wenn die Raupe des Morphofalters schlüpft, schneidet sie ein kreisrundes Loch in ihr Ei und öffnet den Deckel. „Das Ei wird nicht etwa zerbrochen“, sagt Arndt. Raupen wollen nur fressen, und das möglichst schnell und möglichst viel. Die gelb-schwarz gestreifte Raupe des Monarchfalters futtert sich in drei Wochen auf das 2000-Fache ihres Startgewichts hoch, unterdessen häutet sie sich fünfmal, wenn ihr Chitinpanzer zu klein wird. Wie Raupen die Unmengen an Zellulose verdauen, gibt Forschern bis heute Rätsel auf.

Auch wenn die Fresswalzen sehr unterschiedlich sind: Ihr Appetit eint sie. So fressen 100 Raupen des Nachtpfauenauges in ihrer fünf Wochen dauernden Lebensphase einen drei Meter hohen Weidenbusch kahl. Das errechnete der Naturwissenschaftliche Verein Wuppertal anhand von Kotproben.

VOLLE ENTFALTUNG

Der Lebenslauf eines Monarchfalters in Bildern:Ei, Raupe, Puppe, Falter. Die Metamorphose des Schmetterlings in vier Stufen wirkt wie Zauberei, von der selbst ein Houdini noch einiges lernen könnte

EIN KESSEL BUNTES Auf den Flügeln liegen Hunderttausende winziger Schuppen wie Dachziegel übereinander. Die Farben entstehen durch Pigmente, Lichtbrechung und Reflexion

Schmetterlingsfotografie ist teilweise sehr, SEHR AUFWENDIG. Es ist einfacher, Löwen abzulichten.

Die meisten, aber nicht alle Raupen sind Vegetarier. Der Ameisenbläuling etwa hat eine wilde Jugend: Als Raupe ähnelt er der Larve einer Ameisenart. Die Ameisen nehmen die Raupe mit in den Bau, wo die dann Ameisenlarven frisst. Ein riskantes Manöver, nur eine von vier Ameisenarten fällt darauf herein. Doch diese Scharade ist die Ausnahme. Die meisten Raupen fressen ihre Wirtspflanze.

Gegen Feinde haben sie zudem allerlei Tricks auf Lager: Gift, Stacheln, Brennhaare, martialische Kostüme oder ausgefuchste Tarnkappen. Viele ahmen Pf lanzenteile wie Äste, Blätter oder Knospen nach. Aber auch hier gibt es Exzentriker: „Eine Schwalbenschwanzart in Costa Rica ahmt Vogelkot nach“, führt Ingo Arndt aus. „Aber es kommt noch besser: Wird diese Maskerade durch-schaut, fährt die Raupe als zweite Stufe hellrote Warnhörnchen aus und sondert ein stinkendes Sekret ab. Hilft auch das nichts, lässt sie sich vom Blatt fallen. Ein unglaubliches Verhalten.“ Andere senden mit schrillen Farben die Botschaft:

Vorsicht, Gift! Die Substanzen nehmen sie über die Wirtspflanze auf. „Ich habe einmal aus Versehen eine Pfauenspinnerraupe in Costa Rica berührt“, erinnert sich Arndt. „Das hat eine Woche lang gebrannt.“

ALLES MUSS NEU

Die Transformation vom Kriecher zum Flieger ist der wohl radikalste Umbau in der Natur. Alles muss neu – Größe, Form, Fortbewegungsart, Farbe und Nahrung des Insekts ändern sich vollständig. Zunächst verflüssigt sich ein Großteil der Raupe, vor allem der Verdauungstrakt.

In dem „Raupenbrei“ wachsen wie aus dem Nichts die Fortpf lanzungsorgane, Facettenaugen, Rüssel, Fühler, Beine und die Ansätze der gewaltigen Flügel.

Wie genau das genetische Programm dieses Umbaus aussieht, wird noch untersucht. Wissenschaftler vermuten, dass das Insekt zwei Baupläne in sich trägt, die es nacheinander aktiviert.

Arndt hat die Metamorphose eines Monarchfalters (Seite 49) festgehalten. „Man muss dranbleiben, denn der Schlupf geschieht am Ende sehr schnell.

Wenn der Wind Erschütterungen verursacht, verlangsamt sich der Prozess.“ Ein paar Stunden vor dem Schlupf wird die milchfarbene Puppe des Monarchen durchsichtig. Die gefalteten Flügel liegen eng am Körper. Die Hülle reißt unten auf.

Dort liegt wie bei allen Stürzpuppen der Kopf des Schmetterlings. Er arbeitet sich unten aus der Puppe heraus und pumpt seine noch schlaffen Flügel mit Körperf lüssigkeit auf, der Hämolymphe. Dann trocknet er die Flügel in der Sonne.

Arndt nimmt einige Mühen auf sich, um seine federleichten Models perfekt in Szene zu setzen. Auch im Freiland baut er filigrane Miniatur-Sets mit Stativen und Blitz auf. Nur mit dem richtigen Licht kommen die Farben zur Geltung, seine Makroaufnahmen offenbaren die Schuppenstruktur der prächtigen Flügel.

„Schmetterlingsfotografie ist teilweise sehr aufwendig. Es ist viel einfacher, mit einer langen Brennweite Löwen abzulichten“, sagt Arndt. Viele seiner sorgfältig komponierten Aufnahmen wirken wie Gemälde. Wer sich davon überzeugen möchte, hat im Palmengarten Frankfurt die Gelegenheit dazu. Dort werden ab Ende Mai knapp 50 von Arndts Bildern ausgestellt, Titel der Schau: „Hochstapler – Schnüffler – Trunkenbolde“.

Schwingt sich der fertige Falter endlich in den Himmel, hat er nur noch eines im Sinn: die Fortpflanzung. Manche Arten nehmen in dieser Phase gar keine Nahrung zu sich. Sie leben tatsächlich nur von Luft und Liebe. Männliche Schwalbenschwänze in Hochzeitslaune fliegen warme Hügelkuppen an, flattern forsch hin und her und präsentieren sich den Weibchen so von ihrer besten Seite.

BUNTE GIPFELSTÜRMER

Die Partnerbörse mit taumelnden Tänzern wird „Hilltopping“ genannt und zählt zu den schönsten Naturbeobachtungen. Das Ergebnis einer solchen Begegnung entdeckte Ingo Arndt jüngst vor seiner Haustür. Er lebt mit seiner Frau im ländlichen Hessen. Dort hatte sich ein Schwalbenschwanz (zu sehen auf Seite 51) verpuppt. Der Edelfalter gehörte zu den „üblichen Verdächtigen“ der Exkursionen seiner Kindheit, neben Tagpfauenauge, Kleinem Fuchs und Segelfalter. „Der Schwalbenschwanz ist für mich bis heute einer der schönsten Schmetterlinge überhaupt.“ Leider ist die Zahl der Schmetterlinge in den vergangenen 30

Jahren immer weiter geschrumpft. Das Insektensterben trifft auch ihre schönsten Vertreter. Vor allem Pestizide, Überdüngung und der Verlust von Lebensräumen setzen den schwerelosen Schmuckstücken zu.

Umso schöner, wenn dann mal wieder eine wahrhaft prächtige Jugendliebe vor der Haustür abhängt.

DAGO WEYCHARDT