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MENSCH IM MITTELPUNKT


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 26/2022 vom 30.06.2022
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Die Vision meiner Autokorrektur ist eine kinderfreundliche, barrierearme und entschleunigte Stadt. Sie hat sich den Stadtraum, den sie zuvor kostenlos oder viel zu billig an geparktes Blech vergeben hat, zurückerobert. Autokorrektur beginnt in der Stadt. Hier ist es am leichtesten, weil in den Innenstadtkernen Alternativen bestehen und genutzt werden können. Danach bringt Autokorrektur die Alternativen in die Stadtrandlagen und immer weiter in die Region. Da müssen wir auch gar nicht so viel anders denken. Denn der ländliche Raum mit seiner zumeist schlechten Versorgung kann in der Gestaltung richtig Freude bereiten! ...

Meine Stadt ist befreit vom privaten Pkw. Autoplätze wurden wieder zu Parkflächen gemacht, die zugleich dabei helfen, die im Sommer überhitzte Stadt abzukühlen. Der Raum zwischen den Häusern ist lebendig, Nachbarn kennen sich und können einander im Alltag helfen. Meine Städte sind ...

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... befreit von Verkehrslärm, Emissionen und dem Kampf um Stadtraum. Die Straßen gehören gewerblich genutzten Pkw, Einsatzfahrzeugen, Fahrrädern und Scootern, Rollern. Breite Gehwege laden zum Flanieren ein.

Alle Verkehrsteilnehmer sind überall sicher unterwegs. Rückgrat des Verkehrssystems ist der Nahverkehr, mit einer digitalen Plattform, die alle Angebote auch von privaten Mobilitätsunternehmen auffindbar macht und miteinander verknüpft. Kunden entscheiden, mit welchen Verkehrsmitteln sie schnell, ökolo- gisch oder günstig unterwegs von A nach B sein möchten. Der Mensch steht wieder im Mittelpunkt der Stadtplanung, die daher auch beim Fußverkehr beginnt.

Belohnt wird lokal emissionsfreie Mobilität wie der Fußweg und die Radfahrt. Bepreist werden Mobilitätsformen nach ihrem CO₂-Abdruck. Durch Ausschluss der privaten Pkw entstand viel Raum für inklusive und fair bepreiste Mobilität und für Grünflächen, Parkbänke, Platz für lokale Händler ...

Gutes Leben braucht Platz. Gutes Leben entsteht nicht zwischen Autos oder anderen uns einengenden Dingen. Gutes Leben entsteht in ruhiger, grüner, gesunder, zum Flanieren einladender Umgebung. Wir haben es dem Auto sehr leicht gemacht, uns das alles zu rauben. Schon erstaunlich, oder?

Öffentlicher Raum in der Stadt sieht mittlerweile aus wie ein riesiges Open-Air-Autohaus. Weil der städtische Raum oftmals kostenfrei zu haben ist, werden alle Fahrzeuge in diesem abgestellt. Das sorgt für eine weitere Verknappung eines wertvollen Gutes: gesunde öffentliche Räume, in denen sich Menschen gern aufhalten.

Lebenswerte Räume sind sehr viel schwieriger zu gestalten als Autobahnen, aber daran sollte es nicht scheitern, oder? Wir sind fantasievolle Wesen – in der Lage, unsere Bedürfnisse unter all der Hektik und den Zwängen, die wir empfinden, wiederzuentdecken. Mir ist es viel wert, dass meine Stadt ruhiger, lebenswerter, gesünder wird. Oftmals erhalte ich auf meinen geäußerten Wunsch den Hinweis, dass ich doch auf das Land ziehen soll. Es wird als anmaßend und naiv empfunden, dass ich mir eine Stadt wünsche, die es mir ermöglicht, dass Urlaubsgefühl vor der eigenen Haustür beginnt. Träume ich zu groß oder träumen die anderen zu klein?

Nach meiner Vision befragt, könnte ich sehr lange begeistert über das Bild sprechen, das ich sehe: spielende Kinder mitten auf der Straße, Radfahrer:innen, Spaziergänger:innen, Rollstuhlfahrende und Menschen mit Rollatoren, die mal für einen Schwatz stehen bleiben, bevor sie ihr Gemüse kaufen, Brot besorgen, in die Kita rollern oder ins Atelier gehen. Eine bunte Tüte Leben, die Lust macht auf das Bleiben ...

„Gutes Leben braucht Platz. Es entsteht in ruhiger, grüner und gesunder Umgebung.“

Eine Stadt der kurzen Wege würde diese Lebensqualität wiederherstellen. Das gilt nicht nur für Großstädte. Auch Kleinstädte und Dörfer gewinnen durch Bildung, ärztliche Versorgung, Dinge des täglichen Bedarfs in fuß- oder radweiter Entfernung an Wert – ein wichtiger Schritt zurück zur Menschlichkeit von Räumen.

Sollten wir weiterhin um Auto-Parkplätze mehr kämpfen als um Platz für Menschen? Sind gesperrte Straßen nicht befreite Straßen? Warum mögen wir Straßenfeste so gern? Wir verteidigen den Raum für das Auto so, als wäre es unser eigener. Wie kommt es zu dieser Personalisierung? Wieso schauen wir auf Raum als etwas, das möglichst einfach für das Auto zu nutzen sein muss, obwohl dieses, wenn wir es verlassen, überhaupt keinen Nutzen mehr für uns hat? Im Gegenteil.

Geparkte Autos zerstören räumliche Strukturen, heizen Räume auf, versiegeln sie, weil sie nur auf befestigtem Grund stehen können.

Mehr Raum für Menschen

Immer mehr Raum haben wir in Auto-Raum verwandelt. Teilweise sogar in exklusiven Auto-Raum, wie Autobahnen, de facto aber auch Landstraßen und städtische Straßen, an denen es keine Radwege gibt. Wir müssen zurück in unsere eigenen Köpfe, das Auto muss raus aus unserer Denke. Wie eine falsche Brille, deren Mangel wir erst bemerken, wenn die Optikerin uns eine mit den richtigen Werten gibt.

Vielleicht ein guter Vergleich. Denn wirklich „blind“« sind wir in Bezug auf das Wahrnehmen von unwirtlichen Räumen nicht, aber wir schieben dieses Gefühl beiseite, weil den Missstand zu beseitigen nur über das Abbauen von Privilegien des Autos geht. Wenn wir das Auto hinterfragen, hinterfragen wir auch uns und unseren Beitrag an der Zerstörung von Räumen ...

Wir nutzen als Autofahrende eine Infrastruktur, die darauf aufbaut, dass wir den öffentlichen Raum autokonform gestaltet haben. Dass das nicht immer menschenkonform sein kann, ahnen wir. Oder?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich konnte nie etwas mit architektonisch „weit“ gestalteten Plätzen anfangen. Sie lösen in mir immer ein Gefühl von Kälte aus. Am wohlsten fühle ich mich in Räumen, die nach dem menschlichen Maß gestaltet worden sind – also dem Fußverkehr, der menschlichen Geschwindigkeit, die uns von der Natur gegeben wurde. Wenn wir Räume von dieser Geschwindigkeit und vom Menschen aus denken, verdichten sie sich automatisch, das fußläufige Erreichen von Zielen und das Miteinander unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer rückt in den Vordergrund. Es wird in diesen Räumen gearbeitet, konsumiert, gespielt, gelernt, gelacht, gegessen und geruht.

Ich schaue, während ich schreibe, auf drei große alte Bäume. Ein für mich sehr beruhigender Anblick, den eigentlich jeder Mensch in der Stadt haben sollte. Denn Begrünung, Schatten und Kühle sollten dringlich Teil von städtischen Räumen sein. In einer sich aufheizenden Welt hilft nur die Gegenwehr der uns schützenden Natur, die wir zerstören. Bäume sind Schattenspender, Wasserspeicher und Filteranlage in einem. Viele von ihnen haben wir geopfert, um Abstellflächen für Autos zu schaffen.

Bei aller Schwere, die die Corona-Pandemie hat: Erinnern Sie sich an den ersten Lockdown? An die natürlichen Geräusche, die die Stadt plötzlich hatte? Sind Sie vielleicht auch mal auf autoleeren Straßen mit dem Rad gefahren? Haben auch Sie gerätselt, was da für ein Vogel auf dem Balkongitter sitzt? Viele schrieben mir nach dem Ende dieser gewaltvoll eingeläuteten, aber dann auch von einigen als entlastend empfundenen Ruhepause, dass der Verkehrslärm auf einmal „dröhnt“.

Ruhe zu finden. Das ist in der Stadt von heute nicht immer leicht. Wären wir sonst so urlaubsreif? Wäre es für alle, die gut zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein können, nicht fantastisch, wenn diese Mobilität Alltag und nicht Urlaub wäre? Denn ich bin mir sicher: Viele meiden diese für Mensch und Natur gleichermaßen gute Mobilität nicht, weil sie darauf keine Lust haben, sondern weil sie den Raum als zu gefährlich erachten. Eine Stadt sollte keine Maschine sein, die möglichst effizient die Funktionen erfüllt, die wir an sie stellen. Sie sollte wieder ein Organismus sein dürfen. Als solcher hat sie auch begonnen, ihr Herz schlagen zu lassen.

Arbeitsplatz in Gehweite

Wie also den Raum gestalten, dass die Freude, sich in ihm aufzuhalten, zurückkehrt und ihn wieder sicherer macht? Ganz sicher nicht durch Wolkenkratzer und für das menschliche Auge nicht mehr zu erfassende weite leere Plätze. Diese beiden Extreme sind die Pole der Gestaltung, die es zu vermeiden gilt.

Mein Haus hat fünf Stockwerke, und das entspricht in etwa meinem Ideal. Denn auch vom fünften Stock aus können Menschen die Straße beobachten und mit etwas Anstrengung sich sogar noch mit Menschen auf der Straße unterhalten. Alles Weitere verlässt das menschliche Maß. Zudem sind wir auf Gehgeschwindigkeit ausgerichtet. Das menschliche Maß hat eine Geschwindigkeitskomponente, die wir mit dem Auto nicht nur ignorieren, sondern in die Unmenschlichkeit führen.

Bei Geschwindigkeiten von über 50 km/h ist es uns nicht mehr möglich, Details zu erkennen. Plus der Tatsache, dass unsere Automobilität geführt wird – wir verbleiben auf den breiten Wegen, die für uns angelegt wurden. Vielleicht haben Sie selbst schon einmal gestaunt, wie anders eine Stadt wirken kann, wenn Sie von Ihnen zu Fuß oder mit dem Rad erobert wird. Beide Formen der Mobilität bieten zudem die Möglichkeit, spontan mal anzuhalten und einem Sinneseindruck, einer Entdeckung vertiefend zu folgen. Das geht im Auto nicht.

„Sollten wir weiter um Auto-Parkplätze mehr kämpfen als um Platz für Menschen?“

Denn die Bequemlichkeit der Autobahnen durch die Stadt hat ihren Preis: Es gilt, den anderen Menschen im Auto nicht im Weg zu sein, sich zu konzentrieren und den Fluss nicht zu unterbrechen. Und ich wette mit Ihnen: Zu Fuß und auf dem Rad sind wir nicht in autogerechten Bereichen unterwegs. Denn das ist öde, langweilig und gefährlich.

Eine Vision, die immer wieder anklingt, ist die Stadt der kurzen Wege. Alle Ziele des täglichen Bedarfs nur 15 Minuten Fuß-, Rad- oder ÖPNV-Weg entfernt. Das Privileg, auf ein eigenes Auto verzichten zu können. Es dennoch mieten zu können, wenn ich es mal brauche.

Diese Stadt trennt Viertel nicht mehr nach Nutzen, sondern weist in jedem Viertel die notwendige Versorgung auf. Was heißt: Lange Pendlerwege sollten der Vergangenheit angehören. Ziel ist die Rückkehr zu einem Zustand, der existierte, bevor das Auto alles auseinanderzog: Schule der Kinder, Arbeitsplatz, Einkaufen und Hobbys in Gehweite.

Mobilität ist etwas enorm Essenzielles, Begegnung mit anderen Menschen, andere Orte kennenlernen, den eigenen Horizont im wahrsten Sinne erweitern. Erstaunlich nur, dass wir – obwohl wir doch aus diesen Gründen unterwegs sind – viel im Auto sitzen. Denn dort findet all das ja nicht statt. Es braucht beides: Alternativen, die so komfortabel sind wie ein eigenes Auto. Dabei müssen diese nicht eins zu eins das Auto imitieren, sondern andere Vorteile bieten, wie Zeitgewinn, weniger Stress, weniger Kosten. Es braucht aber auch Maßnahmen, die Automobilität in ein gleichberechtigtes Kosten- und Privilegienniveau zurückführen. Ohne diese werden die Alternativen nicht gewinnen können.

Für ihren Bestseller „Autokorrektur. Mobilität für eine lebenswerte Welt“ hat Katja Diehl Interviews mit über 60 Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen geführt. Erschienen ist das Buch im S. Fischer-Verlag. 18 Euro