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MENSCH UND HUND: Ein Tierschutzhund zieht ein


Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 05.01.2021

Immer mehr Hundefreunde entscheiden sich dafür, einen Hund aus dem Tierschutz, sehr oft auch aus dem Ausland, zu adoptieren. Doch beim Einzug ins neue Zuhause kann vieles schiefgehen. Hundetrainerin Perdita Lübbe-Scheuermann verrät, worauf es ankommt


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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 2/2021

Viele Tierschutzhunde müssen erst lernen, Menschen zu vertrauen


Weshalb überhaupt schaff en wir uns in der Regel einen Hund an? Weil wir Freude mit und an ihm haben möchten, weil wir Nähe, tüddeln und kuscheln mögen, weil wir nicht alleine sein wollen, weil wir einen Zuhörer brauchen, weil wir gemeinsame Aktivitäten genießen wollen, weil … Weshalb überhaupt ...

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... schaff en wir uns einen Tierschutz-Hund aus dem Ausland an? Weil die Auswahl riesengroß ist, weil die Hunde es dort off ensichtlich bitter nötig haben, weil die deutschen Tierheime voll sind mit Hunden, die beißvorfällig waren, weil wir etwas Gutes tun wollen, weil wir retten möchten, weil … es gibt so viele „Weils“. Fakt ist, dass die meisten Menschen, die einen Hund aus dem Tierschutz übernehmen, möchten, dass es dem Tier ab sofort besser geht als in der vorherigen Situation, oder?

Das neue Zuhause bedeutet erst mal Stress

Was viele Hunde, gerade aus den Ostblockländern, jedoch nicht kennen, sind extreme Menschenkontakte, wie es bei uns üblich ist. Und hier genau beißt sich manchmal die Katz in den Schwanz, denn etliche dieser Hunde haben bislang kaum Menschenkontakt kennengelernt, geschweige denn Wohnungen von innen. Sie haben auf der Straße gelebt oder wurden im Tierheim geboren. Sie sind oftmals höchst verunsichert, was glatte Untergründe und Treppen betriff t und das Gehen an der Leine ist ihnen völlig fremd. Sie müssen all dies erst einmal lernen, damit es ein „Ab sofort wird für dich alles besser“ wird, und das bedeutet für viele, auch Südländer, erst einmal Stress.

Nun zieht er ein – der off ensichtlich Hilfebedürftige, der Geschundene, der Vergessene, der Arme, der im Animal-Shelter vor sich hinvegetierte – ja, war es denn wirklich so? Womöglich. Wer einmal in der Smeura, in Europas größtem Tierheim mit knapp 6.000 Hunden war, der weiß, dass das Leben dort gewiss kein Zuckerschlecken ist. Aber auch andere ausländische Tierheime sind kein Spaß, wenn zwei Bezugspersonen um die 150 Hunde zu versorgen haben. Da willst du nichts anderes mehr, als nur einer dieser Seelen ein Fürimmerzuhause zu bieten.

Kann der Hund den Menschen vertrauen?

In unserer Welt ist für den Hund erst einmal alles neu. Es muss sich neu sortiert werden, die Lage sondiert, die Menschen gecheckt. Sind sie vertrauenswürdig, können sie Hund, geben sie Halt und Sicherheit oder tüddeln sie mitleidig an ihm rum? Diese Hunde wissen, was „Dreck fressen“ bedeutet – sie kennen die Gesetze der Straße. Sie sind ernst zu nehmende Individuen, beschriebene Blätter, mit einem ganz eigenen Wesen, keine charakterlosen, dankbaren Plüschis. Das muss der Mensch wissen – dann kann alles gut werden. Urs von der Straße ist so einer. Er wurde mit der Fangstange von Hundefängern eingefangen, lebte drei Jahre lang im Tierheim mit zig Artgenossen auf engem Raum. Sein „Steckbrief“ auf der Vermittlungsplattform klang einladend: „Aufgeschlossener ER sucht SIE, die Familie fürs Leben. Urs knuddelt gerne und ist HD-frei. Aber er leidet hier im Tierheim, weil er einer von vielen ist und dringend seine eigenen Menschen braucht, die das aus ihm rausholen, was in ihm steckt – ein fröhlicher Charakter, der das Spielen noch lernen muss, ansonsten zu allen Schandtaten bereit ist, wenn man nur liebevoll und geduldig mit ihm umgeht.“

Vor allem beim Fressen brauchen Tierschutzhunde Ruhe und sollten nicht gestört werden


Eine Leine sehen viele dieser Hunde zum ersten Mal. So nah mit Menschen verbunden zu sein, kann sie verunsichern


Wer möchte nicht „liebevoll und geduldig“ sein und einem armen Hund, der seinen eigenen Menschen braucht und zudem im Tierheim leidet, ein Zuhause bieten? Gewiss, da springen wir Menschen drauf an – ist ja nur menschlich. HD-frei klingt gut. Urs ist hübsch und er findet seine Menschen, denn das Profil klingt einfach nur fantastisch. Im neuen Zuhause angekommen, zeigt sich, dass der hübsche Urs völlig verwurmt und verfloht ist. Das stand nicht im Profil. Er kennt weder Halsband noch Leine, geknuddelt hat er fünf Minuten am Tag mit den zwei Bezugspersonen, die er seit drei Jahren kennt, und das Wort „stubenrein“ ist ihm fremd. Alles, was dazu dient, um eine Duftmarke zu setzen, wird angepinkelt – auch der geerbte Eichenstuhl des Großvaters. Tische sind nichts anderes als zu erklimmende Aussichtsplattformen, Mülleimer ein gefundenes Fressen und fremde Menschen, zu denen auch seine neue Familie gehört … ja, von denen hält man sich lieber erst einmal fern. Nach ein paar Wochen Eingewöhnungszeit zeigt sich Urs in der Tat aufgeschlossener, man tut auch alles dafür, dass er sich wohlfühlt, sogar aufs Sofa darf er. Sein Basischarakter ist sehr stabil, er weiß, was er will, und das zeigt er auch seiner „Familie fürs Leben“, als der älteste Sprössling ihm den gestohlenen Schlappen enteignen möchte. Urs findet das nicht witzig und erspart dem Sohn die Diskussion mit den Eltern über das verbotene Tattoo, indem er ihm einen flotten Zacken in den Arm ritzt. Von Dankbarkeit ist da nicht viel zu sehen, und so sind Hunde auch nicht. Hunde sind Hunde, sind Hunde. Sie gehen ihren Weg, gut geführt MIT uns, nicht optimal geführt neben oder ohne uns. Nicht gegen uns, aber für sich!

Nicht bemitleiden, sondern behutsam fordern

Urs und Co. gibt es einige, viel mehr aber noch die anfänglich Sanften, die Leisen, die erst einmal am liebsten hinter der Eckbank verschwinden ob der großen Aufmerksamkeit, die sie anfangs kaum aushalten können. Hände von oben – das verheißt nichts Gutes. Gassigehen – was ist das? Besucher … schrecklich. Wenn sie könnten, wie sie wollten – ob wohl der eine oder andere das Ticket zurück in Anspruch nehmen wollen würde? Zurück zu der ursprünglichen Sicherheit – auch wenn sie aus unserer Sicht eine Qual war – so war es doch IHR Zuhause, wo sie sich auskannten und wussten, wie der Laden läuft. Sie sind selten „Angsthunde“, wie sie oftmals pauschal genannt werden. Ja, sie scheuen den Menschen, aber das Leben draußen, das kennen sie. Nun heißt es das Mittelmaß zu finden – nicht ein „schöner Retten“, sondern „ran an die Graupen – aber mit Gefühl“. Diese Hunde brauchen kein Mitleid, sie benötigen Unterstützung, um in diesem Leben an- und zurechtzukommen.

Nun heißt es das Mittelmaß zu finden – nicht ein „schöner Retten“, sondern „ran an die Graupen – aber mit Gefühl“. Diese Hunde brauchen kein Mitleid, sie benötigen Unterstützung, um in diesem Leben an- und zurechtzukommen.

Vergangenes ist vorbei

Wühlen Sie nicht in der Vergangenheit, sondern lassen Sie diese ruhen. Hunde haben die große Gabe, weitestgehend im Hier und Jetzt zu leben. Es bringt dem Miteinander nichts, wenn man voller Sorge ist, was der Hund wohl mal erlebt hat. Verwöhnaroma ist fehl am Platz. Leider verstehen viele Menschen Freiheiten als Kriterium für ein „Sich-Wohlfühlen“. Aus Hundesicht hingegen ist ein klarer Rahmen wünschenswert. Es braucht Zeit, Geduld, Ruhe und Frustrationstoleranz, um sich dieser Hunde anzunehmen. Sie wollen sachlich und nicht mitleidig gehändelt werden. Diese Hunde benötigen Ruhe und Raum, Regelmäßigkeit, Routine, Regeln und Strukturen, die Sicherheit geben. Sie benötigen erst einmal, weil jegliche Kondition fehlt, kurze Spaziergänge ohne hohes Menschenaufkommen, erst einmal eine Absicherung an der langen Leine mit ausbruchsicheren Halsbändern/Geschirren – und auch im Garten sollte man sich nicht darauf verlassen, dass sie nicht klettern können. Ein Zaun mit 2,20 Meter Höhe könnte ein Kinderspiel für einen Hund sein, der weg möchte. Auch im Auto gilt es, den Vierbeiner gut abzusichern, denn er könnte schneller entfleuchen, als einem lieb ist.

Zur Stressreduktion empfehle ich explizit die Nutzung von Halsbändern oder Sprays mit Pheromonen. Diesen besonderen chemischen Botenstoff gibt zum Beispiel eine Hundemutter ab, um ihre Welpen zu beruhigen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Pheromone vielen unserer Hunde aus dem Tierheim das Eingewöhnen massiv erleichtert haben, da sie behilflich sind, den Hund gelassener werden zu lassen.

Schrauben Sie Ihre Erwartungen zurück

Auch muss der Neuankömmling nicht gleich in die Wanne, nur weil er aus unserer Sicht ungut riecht. Er braucht Ruhe beim Fressen und keine Dauerobservation, schon gar nicht den „obligatorischen“ Test, ob er sich das Futter wegnehmen lässt. Auch das Alleinebleiben will möglichst bald geübt werden, denn in der Vergangenheit war es egal, ob er laut war oder nicht – er bellte einfach, wenn ihm danach war. Der Hund braucht abends seine Ruhe und ein allmähliches Gewöhnen an unseren Alltag. Entspanntheit und Gelassenheit sind dafür von Vorteil. Wer unaufgeregt mit den Neuerungen, den Eigenheiten und Besonderheiten umgeht, der hilft sich und dem Hund am Allerbesten durch das Kennenlernen hindurch.

Kommt Zeit, kommt Vertrauen … Das Allerletzte, was diese Hunde brauchen, sind an sie gestellte Erwartungen. Wenn man „rettet“, dann um des Hundes und nicht um seiner selbst Willen.

Das Vertrauen von ehemaligen Streunern muss man sich erst verdienen


„ Diese Hunde brauchen kein Mitleid“

Perdita Lübbe-Scheuermann

gehört zu den bekanntesten Hundetrainerinnen Deutschlands und engagiert sich stark für Tierschutzhunde, die eine zweite Chance brauchen. Ihr aktuelles Buch ist im Kosmos Verlag erschienen und kostet 18 €

Verhaltenstipps für die ersten Wochen:

1 Seien Sie geduldig mit Ihrem Vierbeiner, die Umstellung auf ein neues Zuhause ist für ihn nicht einfach
2 Je weniger Erwartungen Sie haben, umso besser kann Ihr neues Familienmitglied ankommen und entspannen
3 Setzen Sie von Anfang an Grenzen und legen Sie wohlwollend Regeln fest
4 Erwarten Sie nicht, dass er Sie liebt. Vertrauen und Zuneigung brauchen Zeit
5 Lassen Sie ihn in Ruhe fressen, manche Hunde fressen sogar nur, wenn sie alleine sind
6 Schaff en Sie klare Strukturen, Rituale und Regelmäßigkeiten, das gibt Sicherheit
7 Machen Sie zunächst kurze Gassiwege ohne viele Menschen, damit der Hund nicht überfordert wird
8 Sichern Sie ihn beim Gassi am besten zweifach durch Halsband und Sicherheitsgeschirr
9 Lassen Sie den Hund zu Anfang nicht alleine (auch nicht in den gesicherten Garten), sondern gehen Sie mit und sichern Sie ihn zusätzlich mit einer Schleppleine
10 Auch eine sogenannte Hausleine (ca. 1,50 m ohne Ringe) kann das Handling im Haus vereinfachen

Einen Leitfaden zum Einzug kann man unter info@hundeakademie.de bestellen.


FOTOS: SHUTTERSTOCK (5), SILKE GIESING (1)