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MENSCHEN: LEWIS HAMILTON: „Ich liebe den Geruch von alten Autos”


Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 17/2019 vom 25.04.2019

AUTO BILD nahm neben Mercedes-SuperstarLewis Hamilton im 300 SL „Gullwing” Platz


Artikelbild für den Artikel "MENSCHEN: LEWIS HAMILTON: „Ich liebe den Geruch von alten Autos”" aus der Ausgabe 17/2019 von Auto Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 17/2019

LEWIS HAMILTON (34) ist gut gelaunt. Der fünfmalige Formel-1- Weltmeister steigt in den legendären Flügeltürer 300 SL und lacht zu mir rüber. Ich muss an die goldenen Fünfziger denken. An Sonnenschein. An die Côte d’Azur. An tolle Autos wie dieses, das genau aus dieser Zeit gespült wurde. So muss die Leichtigkeit des Seins gewesen sein. Weil dieses Auto einem das Gefühl gibt. Jetzt gleiten wir aber nicht hoch oben auf der Küsten straße Richtung Monaco dahin wie einst Cary Grant und Grace Kelly, sondern im grauen England auf dem rauen ...

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LEWIS HAMILTON (34) ist gut gelaunt. Der fünfmalige Formel-1- Weltmeister steigt in den legendären Flügeltürer 300 SL und lacht zu mir rüber. Ich muss an die goldenen Fünfziger denken. An Sonnenschein. An die Côte d’Azur. An tolle Autos wie dieses, das genau aus dieser Zeit gespült wurde. So muss die Leichtigkeit des Seins gewesen sein. Weil dieses Auto einem das Gefühl gibt. Jetzt gleiten wir aber nicht hoch oben auf der Küsten straße Richtung Monaco dahin wie einst Cary Grant und Grace Kelly, sondern im grauen England auf dem rauen Asphalt der F1- Strecke von Silverstone, wo Mercedes 125 Jahre Motorsport feiert.

Ein kurzes Ruckeln. Hamilton hat Probleme, den ersten Gang einzulegen.„Die Kupplung ist sehr soft”, lächelt er entschuldigend. Lässig grüßt er beim Fahren aus der Box Toto Wolff (47). Der Mercedes-Teamchef freut sich wie ein kleiner Bub und winkt. „Toto liebt solche Fahrtermine”, sagt der Superstar. Die Boxenausfahrt naht. Hamilton gibt Gas. Der Motor röhrt wie ein Kraftpaket, das nie ausgelastet ist und immer nach mehr schreit.

Lewis, sind Sie schon mal mit diesem Auto gefahren? „Nein, niemals. Aber ich wollte es
immer. Es hat nur vier Gänge. Toll.”
Hamilton schaltet mit viel Gefühl, fast zärtlich. Man merkt: Er will dem Auto nicht wehtun. Er schaut sogar seiner Schalthand hinterher, damit sie bloß keinen Fehler macht.
Wie ist das Fahrgefühl?
„Einfach wunderschön. Der Motor ist sehr laut. Ich kann ihn hören.” Was er vermutlich sagen will: Von den meisten modernen Autos ist er nicht mehr gewohnt, derartige Rückmeldungen zu bekommen. Nächste Erkenntnis: „Das Auto lenkt sich schwer auf der Vorderachse.”
Mögen Sie Oldtimer?
„Ja, ich liebe Classic Cars.” Hamilton wird nachdenklich. Das Auto bringt ihn dazu, den Film seines Lebens zurückzuspulen.
„Auch früher konnten sich nur sehr vermögende Leute solch ein Auto leisten. Meine Familie jedenfalls nicht. Sie konnte nur davon träumen.Das Gleiche gilt für Rennautos wie den Mercedes W 196, Mercedes’ erstes Weltmeisterauto. Damals hätten es Leute meiner Herkunft nie geschafft, jemals so ein Auto zu fahren.”
Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Auto?
„Ja, es war das Auto meines Vaters. Er hatte einen Vauxhall Cavalier. Vom Rücksitz habe ich ihm immer zugeschaut, wie er lenkte, wie er Gängeschaltete. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Ich beobachte etwas und kann es dann. Manchmal ließ er mich von seinem Schoß aus lenken.”

ZUR PERSON: Lewis Hamilton

Fährt seit 2007 Formel 1, erst für McLaren-Mercedes, seit 2013 für Mercedes. Fünf WM-Titel, 75 Siege, 84 Polepositions (Rekord!). Derzeit schon wieder WM-Führender.

Ihr erstes eigenes Auto?
„Ein Mini. Eigentlich wollte ich für 2000 Pfund einen zehn Jahre alten Corsa kaufen. Aber dann überraschte mich mein Vater mit einem neuen Mini. Der war ihm sicherer.”
Und Ihr erster Mercedes?
„Ein C-Coupé. Mit 19 Jahren von Mercedes schon ein so tolles Auto zu bekommen, war natürlich fantastisch.”
Was ist heute Ihr Lieblings-Mercedes?
„Der W-120-Ponton 180 von 1958. Der ist einfach cool. Und natürlich dieses Auto hier, das wir gerade fahren. Aber nicht in Blau. Blau ist nicht meine Farbe. Dieses Auto hätte ich gerne in einem wunderschönen Rot. Mit einem cremefarbenen Innenraum und einem Dach zum Abnehmen. So wie sie damals in Kalifornien damit gefahren sind.”

Themenwechsel. Hamilton ist mit fünf WM-Titeln und 75 Siegen der derzeit beste aktive Formel-1-Pilot.
Sind Sie am Steuer perfekt?
„Nein. In Wahrheit ist es die Unvollkommenheit, die einen stark macht und uns voneinander unterscheidet.” Lewis wird es zu warm. Deshalb sucht er nach dem elektrischen Fensterheber.Dann merkt er, dass der alte Mercedes keinen hat. Also drückt er das kleine Seitenfenster etwas auf, um frischen Fahrtwind hereinzulassen.„Jeder macht Fehler. Ich habe schon 1000 Starts gemacht, und trotzdem habe ich den in Australien verhauen.Aber ich habe diesen starken Glauben in mir, niemals aufzugeben.Selbst wenn – wie in Bahrain – der Ferrari davonfährt, glaube ich weiter dran. ,Kämpfe weiter! Kämpfe weiter! Es könnte sich alles ändern.’


„Jeder macht Fehler, aber ich habe diesen starken Glauben in mir, niemals aufzugeben”
Lewis Hamilton, Mercedes-F1-Pilot


Ha milton düst mit unserer Reporterin im 300 SL über die Piste


Mercedes 300 SL

Modell „Gullwing” W 198, der schnellste Serienwagen seiner Zeit und Tourenwagen-Europameister 1955 •Einsatz 1955-1957 •Motor Sechszylinder in Reihe •Hubraum 2996 cm3 •Leistung 158 kW (215 PS-Leistung 158 kW (215 PS)L/B/H 4520–4570 mm/1790 mm/ 1300 mm •Leergewicht 1295 kgRadstand 2400 mm •Spitze 250 km/h •Stückzahl 1400Preis 1954 29000 Mark

Zum 125. Geburtstag von Mercedes im Motorsport brachten die Stuttgarter ihre Rennlegenden nach Silverstone


Diese Einstellung prügele ich dann regelrecht in mich rein. Ich kann nur sagen, ich liebe diese engen Rad-an-Rad-Duelle. Es kommt nicht so oft vor, dass ich mit den Ferrari so in den Nahkampf gehen kann. Ich liebe es.” Vor allem: Hamilton ging zuletzt stets als Sieger aus dem Duell gegen Sebastian Vettel hervor, der sich mehr als einmal im Nahkampf drehte. Hamiltons letzter großer Fehler ist dagegen schon eine Weile her.
Wie kriegen Sie es hin, sich im Duell nicht zu drehen. So wie Vettel immer wieder…?
Lewis wirkt peinlich berührt. „Ich weiß nicht, es ist nicht einfach. Ich kann es nicht erklären. Denn es kann immer schnell passieren.”
Und wie können Sie im Qualifying diese entscheidende Runde immer auf den Punkt bringen?
„Eine Qualifyingrunde ist einzigartig. Da bist du in einer anderen Welt. Du spielst mit den Grenzen. Es ist schwierig zu beschreiben. Es ist, als ob du in einem prall gefüllten Heißluftballon sitzt, der immer höher fliegt. Du pumpst noch mehr Luft rein, aber er darf nicht platzen. An die Grenze zu gehen, kann den Unterschied machen. Manchmal platzt er aber doch.”
Und wie fährt ein fünfmaliger Weltmeister im Straßenverkehr?
„Ich fahre nicht sehr viel. Aber wenn, dann fahre ich ganz entspannt, so wie wir das gerade jetzt auch machen. Ich bin halt ein Rennfahrer der alten Schule. Alle, die ich kenne, lieben Testfahrten, lieben es, im Simulator zu sitzen. Ich nicht. Ich finde meine Erfüllung im Wettkampf. Im Qualifying. Im Rennen. Deshalb fahre ich wahrscheinlich auch nicht so gerne auf normalen Straßen. Ich vermeide es, wenn es geht.”
Dann müssen Sie aber ein guter Beifahrer sein.
„Ja, ich schlafe gern im Auto. Ich kann mich nur an eine Situation erinnern, wo ich wirklich Angst hatte. Ich muss so 15 gewesen sein, saß in einem Taxi und war auf dem Weg zu einem Kartrennen in Italien. Der Taxifahrer war aber völlig übermüdet, er hatte wohl die ganze Nacht zuvor gearbeitet. Plötzlich nickte er am Steuer ein, und das Auto zog dramatisch nach links. Er wachte wieder auf, nur um kurz danach wieder einzunicken. Ich schrie ihn an: ,Lass mich fahren. Ich will nämlich am Leben bleiben.’ Er sagte nur: ,Nein, es geht schon.’ Horror.”
Sind Sie ein Fan von E-Autos?
„Ja. Ich habe mir jetzt den neuen E-Mercedes bestellt. Ich liebe diese Autos. Sie hauen mich richtig um. Sogar die Formel E macht mir Spaß. Die Autos werden jedes Jahr cooler. Ich schaue mir die Rennen an. Es ist faszinierend, die Zukunft von Autorennen zu sehen.”
…und die Zukunft und die Zukunft von Pkw.
„Genau, obwohl ich diesen speziellen Geruch der alten Autos wie dem hier liebe. Ich liebe auch den speziellen Geruch von Gokarts. Diesen Geruch gibt es nicht mehr in den modernen Formel-1-Autos. Wann immer du vom Kartrennen kamst, rochst du noch lange nach Öl. Das vermisse ich. Heute ist alles so sauber.”
Fehlt da der Spaß?
„Ich denke, man kann schon noch Spaß haben. Ich bin aber sicher, dass – wenn wir in diese Richtung gehen – die Grundessenz des Motorsports verloren geht. Ich bin ein Kind der 80er. Doch für die neue Generation von Kids ist es okay. Denn sie kennen ja nicht den guten alten Geruch von früher. Und auch nicht den irren Sound zum Beispiel der Zehnzylindermotoren. Ich war 1996 in Spa und hörte das infernalische Brüllen von Michael Schumachers Zehnzylinder. Das war so cool. Das war einer der prägenden Momente in meinem Leben. Darum bin ich F1-Fahrer geworden. Klar, so was hörst du nicht in der Formel E. Menschen brauchen immer Emotionen. Berührungen, Gerüche, Sound. Die hat man da natürlich nicht mehr.”

Der Gullwing kam u. a. bei der Mille Miglia und der Tourenwagen-EM zum Einsatz


OTOS: HERSTELLER (2), PICTURE ALLIANCE/DPA

FOTOS: HERSTELLER (2)