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Merci zum Abschied


Der Treasurer - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 13.06.2019

Mit Werner Brinkkötter geht ein Treasury-Urgestein in den Ruhestand. Fast 40 Jahre hat er die Finanzabteilung von Storck geprägt – und den Süßwarenhersteller auf Digitalisierung getrimmt.


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Bildquelle: Der Treasurer, Ausgabe 2/2019

Beliebte Süßigkeiten aus dem Hause Storck1.


Nicht einmal eine Woche ist Werner Brinkkötter raus aus dem operativen Geschäft, da hat er sein neues Büro in den eigenen vier Wänden bereits eingerichtet: Ein Office-Paket ist auf dem PC installiert, die private Mailadresse mit Outlook verknüpft, Adressbuch und Kalender sind synchronisiert. „Bei der Arbeit lief das alles einfach so, jetzt musste ich selber ran“, lacht der ...

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... 65-Jährige.

Brinkkötter ist seit Anfang Mai im Ruhestand. Doch ans Ausspannen denkt der langjährige Head of Accounting des Süßwarenherstellers Storck nicht. Stattdessen will er die neu gewonnene Zeit nutzen, um bei Veranstaltungen für sein Lieblingsthema die Werbetrommel zu rühren: die Digitalisierung der Treasury-Abteilung – oder wie Brinkkötter selbst es gern augenzwinkernd ausdrückt: „Ich lasse lieber die Maschine arbeiten, denn Nichtarbeiten kann ich am besten.“

Um einen lockeren Spruch ist der umtriebige Finanzer nie verlegen. Seiner Hartnäckigkeit tut das jedoch keinen Abbruch. Davon können Vertreter von Softwareanbietern und Banken, die Brinkkötter über die Jahre mit seinen Ideen vor sich her getrieben hat, ein Lied singen: Ob es um die standardisierte Bankgebührenabrechnung, die elektronische Kontenverwaltung, den Umgang mit KYC-Anforderungen oder zuletzt um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Liquiditätsplanung ging – der ehemalige Storck-Finanzleiter war bei diesen Projekten stets in vorderster Reihe mit dabei.

So kommt es, dass das Treasury des Familienunternehmens aus Halle in Ostwestfalen heute für sich in Anspruch nimmt, nahezu vollständig automatisiert zu sein: Vom Zahlungsverkehr über das Cash Management bis hin zur Währungsabsicherung und zum Reporting erfolgen alle Prozesse systembasiert und integriert. „Der Mensch kontrolliert und greift nur noch ein, wenn es notwendig ist“, sagt Brinkkötter. Entsprechend beschäftigt der Süßwarenhersteller, der zuletzt etwa 2,5 Milliarden Euro Umsatz erzielte und seine Waren in über 100 Länder verkauft, seit Jahren nur noch einen „echten“ Treasurer: Klaus Hukriede, der jetzt an Brinkkötters Nachfolger Markus Wiethäuper berichtet.

Lkws mit Bargeld

Als Brinkkötter Anfang der 1980er Jahre bei Storck anheuerte, war die Welt noch eine andere: Die Mauer trennte Deutschland, bezahlt wurde in D-Mark, Internet gab es nicht. „Ich habe damals zunächst im Controlling begonnen“, erinnert sich Brinkkötter, der zu Beginn seiner Karriere zehn Jahre im Vertrieb des Konsumgüterherstellers Unilever arbeitete. Über die Debitorenbuchhaltung kam er zum Zahlungsverkehr, der damals abenteuerlich sein konnte: Nach dem Ende des Kalten Krieges erweiterte Storck sein Geschäft nach Osten, Russland wurde ein wichtiges Abnehmerland für den Hersteller von Süßwaren wie Merci und Toffifee. „Wir hatten regelmäßig Lkws auf dem Hof stehen, die mit Bargeld ankamen und zurück die Ware mitnahmen“, erzählt Brinkkötter. Was heute aus Compliance-Gründen undenkbar wäre, sei damals durchaus üblich gewesen.

Werner Brinkkötter wollte ursprünglich Rennfahrer werden, landete dann aber im Finanzbereich.


Doch mit den neuen Kunden kamen auch neue Probleme. Einmal, so erinnert sich Brinkkötter, habe er einen bereits vollbeladenen Lkw nicht freigeben können. Der Grund: Der Fahrer hatte angegeben, bereits im Vorfeld bezahlt zu haben, doch seine Papiere waren gefälscht. „Bei uns war kein Geldeingang auf den Kontoauszügen, deshalb habe ich geraten, die Ware nicht freizugeben“, so Brinkkötter. Diesem Rat folgte der Generalbevollmächtigte dann auch. Zum Glück: Denn das Geld des vermeintlichen Geschäftspartners kam nie an.

In den Folgejahren wuchs Storck weiter, es kamen immer mehr Vertriebsgesellschaften im Ausland hinzu. „Um die Jahrtausendwende herum haben wir daher begonnen, die lokalen Systeme abzuschalten und auf das zentrale ERP zu migrieren“, berichtet Brinkkötter. Parallel dazu zentralisierten die Ostwestfalen auch ihren Zahlungsverkehr. „Die große Herausforderung bestand darin, alle Bankkonten aus Halle zu steuern.“

Besonders die USA bereiteten dem Finanzer Kopfschmerzen. Er fand schlicht keine Bank, die in den USA die Erteilung eines Zahlungsauftrags per Swift-Nachricht (MT101) ermöglichte. Das änderte sich eher durch Zufall, als er beim lokalen Feuerwehrball ausgerechnet mit einem Vertreter der Sparkasse Osnabrück sprach: „Die boten das an – zwar über eine Korrespondenzbank, aber immerhin.“ Nach zahlreichen Reisen rund um den Globus und Gesprächen mit Banken war es 2003/2004 so weit: Der weltweite Zahlungsverkehr für die inzwischen 20 Landesgesellschaften wurde zentralisiert, per Ebics-Anbindung lief nun alles über Halle. Heute würde man dieses Konstrukt, das Storck einige Jahre später die Umstellung auf Sepa deutlich erleichtern sollte, Payment Factory nennen. Auf dieser Basis rollte das Familienunternehmen anschließend eine Cash-Pool-Struktur aus und ordnete die Bankenlandschaft neu. Für die Sparkasse Osnabrück war es bei Storck damit vorbei. Denn: „Wir wollten nicht mehr auf Korrespondenzbanken angewiesen sein, sondern direkten Durchgriff haben“, erzählt Brinkkötter.

Let‘s Twist Again

Diesen Durchgriff brauchte Brinkkötter, um die Banken von seinen neuesten Ideen zu überzeugen. So mischte der Süßwarenhersteller neben Dax-Schwergewichten wie der Lufthansa und der Deutschen Post als einer der wenigen Mittelständler bei der Twist-Initiative mit. Die in den USA gegründete Vereinigung fordert von den Banken standardisierte, elektronische Gebührenabrechnungen. Seit 2011 hat die Initiative einiges erreicht: So gibt es inzwischen mit der camt.086-Nachricht ein standardisiertes Format für die Gebührenreports, zahlreiche Systemanbieter und auch immer mehr Banken bieten heute entsprechende Lösungen an.

Dennoch ist es ruhig geworden um Twist. Das liegt einerseits daran, dass sich führende Köpfe der Initiative zurückgezogen haben. Andererseits sei das Thema Gebührentranspa renz aber auch nie in der Breite der Unternehmenswelt angekommen, räumt Brinkkötter ein: „Für viele Mittelständler hat Bankgebührenreporting zur Zeit keine Priorität.“ Er glaubt aber, dass sich dies ändern könnte: Erstens dürften diese Gebühren in den Fokus rücken, wenn es mit der Wirtschaft bergab gehe und die Unternehmen wieder stärker auf die Kosten schauen müssten. Zweitens müssten viele kleinere Firmen erst ihre Hausaufgaben bei der Automatisierung des Treasury machen, könnten sich dann aber dem Thema widmen. „Bei Storck belaufen sich die Einsparungen dank der Zentralisierung und der daraus gewonnenen Transparenz auf sechsstellige Beträge“, berichtet Brinkkötter.

Werner Brinkkötter

Seit Anfang Mai ist der 65-Jährige im Ruhestand. Zuvor war Brinkkötter knapp vierzig Jahre in der Finanzabteilung von Storck tätig. Dabei ist Brinkkötter eigentlich gelernter Vertriebler.

Gehen jetzt getrennte Wege: Brinkkötter und Treasurer Klaus Hukriede.


Nun befasst sich der Süßwarenhersteller mit dem elektronischen Management von Bankbeziehungen (eBam). Seit über einem Jahr hat Storck eine Datenbank im Einsatz, in der die für die Mandatsänderung, Kontoeröffnung sowie die dazugehörigen KYC-Checks notwendigen Daten gespeichert sind. Dazu zählen Stammdaten, Personalausweiskopien und Verträge. „Dank des zentralen Dokumentenmanagements können wir schnell reagieren, wenn Banken die Informationen anfragen“, erklärt Brinkkötter. „Der Prozess ist nun deutlich effizienter und transparenter.“

Doch Storck will mehr: Das Tool, das das Unternehmen als Pilotkunde mit dem Kölner Systemhaus Omikron entwickelt hat, kann die Informationen automatisch aus der Datenbank befüllen und via Ebics oder Swift an die Bank übermitteln. Heute müssen die Ostwestfalen die Dokumente aber noch per Post oder E-Mail an die Banken verschicken. „Die Banken müssen ihre eBam-Fähigkeiten endlich ausbauen“, fordert Brinkkötter. Die Formatstandards dafür gebe es bereits, die Banken müssten sie nur umsetzen. Auch bei dieser Forderung hat Storck illustre Mitstreiter: Dazu zählen der Energiekonzern E.on, der Spezialglashersteller Schott (siehe Seite 10) sowie der Verband deutscher Treasurer. „Hier herrscht eine andere Dynamik als bei Twist“, glaubt Brinkkötter, denn eBam sei eng mit dem Aufregerthema KYC verbunden. „Jedes Unternehmen ist von KYC betroffen und sucht deshalb nach Lösungen“, fügt Brinkkötter hinzu.

Experimente mit KI

Sein neuestes „Baby“ ist der Einsatz von Datenanalysen in der Liquiditätsplanung. Die Idee klingt simpel: Die im ERP-System hinterlegten Kontoauszüge dienen als Basis, um den aktuellen Finanzstatus zu ermitteln. Die dort erfassten Cashflows werden 75 verschiedenen Kategorien zugeordnet. Dafür hat Storck mit den Treasury-Beratern von PwC einen operativen Workflow im SAP-Standard definiert, erklärt Brinkkötter. „Die Kategorien reichen von Lohnsteuer- und Unternehmenssteuerzahlungen über Ausgaben für Materialien und Rohstoffe bis zu Einzahlungen von Lieferanten. Sie sind gesplittet nach den unterschiedlichen Währungen.“


»Bei KYC herrscht eine andere Dynamik als bei Twist. Jeder ist betroffen.«


Der Süßwarenhersteller führte diese Übung für die vergangenen drei Jahre durch, um ausreichend Datenpunkte zu haben, anhand derer die Software lernen kann. „Dann haben wir die Künstliche Intelligenz die Daten fünf Jahre nach vorne schreiben lassen“, berichtet der frühere Controller. Inzwischen ist das neue Tool für den Liquiditätsforecast seit einem Jahr im Einsatz – und liefert Brinkkötter zufolge sehr gute Ergebnisse: „Die Treffergenauigkeit liegt bei 90 Prozent.“ Das zeige der Soll-Ist-Vergleich, den Storck täglich durchführe. „Vorher kam die Planung eher einem Blick in die Glaskugel gleich.“

Aber handelt es sich wirklich um Künstliche Intelligenz, wie der Ex-Storck-Finanzer sagt? Die Software greift zwar auch auf externe Quellen wie Feiertagskalender zu. Aber: „Für große Einmalaufträge, Zukäufe oder die Tilgung von Krediten müssen wir manuell eingreifen“, räumt Brinkkötter ein. Trotzdem biete das Tool erhebliche Vorteile. So müsse Storck heute weniger FX-Swaps abschließen und spare sich daher Sicherungskosten: „Dank der besseren Planungen können wir Geldeingänge und -ausgänge in Fremdwährung nun aufeinander abstimmen und vermeiden dank dieser Synergien einige Sicherungsgeschäfte.“ Ähnliches gilt bei Geldanlagen: Hier trauen sich die Ostwestfalen inzwischen an längere Laufzeiten heran und können so das Zinsergebnis verbessern.

Aktiv trotz Rente

Brinkkötter hat viel bewegt, er ist mit Leidenschaft bei der Sache. Seinem Nachfolger Wiethäuper hinterlässt der 65-Jährige ein gut bestelltes Feld. Ob das Familienunternehmen, das mit Blick auf sein operatives Geschäft sehr verschwiegen ist, auch künftig so prominent für Treasury-Themen eintritt, ist fraglich. Brinkkötter jedenfalls will sich weiterhin engagieren und seine Erfahrungen an die Community weitergeben. Das bereitet ihm mehr Spaß als die gesamte Zeit im Urlaub zu verbringen.


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© Edgar Schoepal

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