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Merino – garantiert nachhaltig


segeln - epaper ⋅ Ausgabe 120/2021 vom 08.11.2021

AUSRÜSTUNG

Merino

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Die Merino kommt hauptsächlich aus Australien und Neuseeland

Bekleidungstechnisch brachten die vergangenen Jahrzehnte einiges an Komfort für den Segler hervor. Der gelbe Friesennerz wich Ölzeug mit atmungsaktiven, wasserdichten Membranen. Die Zeiten, in denen Crew und Skipper unter dem Ölzeug nasser wurden als die Außenseite, sind vorbei. Seitdem sich zudem rumgesprochen hat, dass Kleidung aus Baumwolle unter dem Ölzeug das schöne System der Atmungsaktivität aushebelt, bleibt es unter dem Anzug auch über Stunden hinweg nahezu gemütlich. Denn Baumwolle saugt den Schweiß auf und benötigt viel Zeit zum Trocknen, währenddessen die Kleidung am Körper klebt. In der Folge kühlt der Körper schneller aus.

Verschiedene Schichten aus schnelltrocknender Kunstfaser hingegen transportieren den Schweiß vom Körper weg, sodass die Feuchtigkeit die Haut gar nicht erst abkühlen kann. Leider haben die Fasern aus Polyester Nachteile: Zum einen beginnen sie ...

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... bereits nach kurzer Zeit, einen Duft zu verströmen, der irgendwo zwischen Schulsportumkleide und getragenen Socken liegt. Gerade auf längeren Strecken, ohne Möglichkeit, die Kleidung zu waschen, eine lästige Tatsache. Wer möchte zu Beginn seiner Wache gerne in muffige Kleidung steigen? Außerdem gerät Kleidung aus synthetischen Fasern immer mehr in die Kritik, denn beim Waschen lösen sich kleine Bestandteile aus der Kleidung und gelangen in den Wasserkreislauf. Mikroplastik findet sich bereits in jedem Ozean der Erde – selbst im Marianengraben in fast 11.000 Metern Tiefe.

Seit einigen Jahren wandelt sich Merino zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für Kunstfaser

Doch es gibt eine Lösung, denn die Natur fand bereits eine Lösung für das Dilemma: die Wolle. Genauer, die Wolle des Merinoschafes.

Energiebilanz

Merinowolle ist ein Naturprodukt und besteht aus Keratin. Als reines Naturprodukt ist die Wolle zu 100 Prozent biologisch abbaubar – und landet eben nicht als Mikroplastik im Meer. Noch dazu wächst es nach und benötigt in der Herstellung laut der Woolmark-Company beispielsweise 70 Prozent weniger Wasser als Baumwolle – und 18 Prozent weniger Energie als Polyester.

Natürlich geruchshemmend

Mithilfe von Schweiß reguliert der Körper seine Temperatur. Wird es ihm zu warm, schwitzt er, um durch Verdunstung die Temperatur zu senken. Der Grund für den typischen Schweißgeruch sind allerdings Bakterien, die die Flüssigkeit zersetzen. Das Abfallprodukt riecht anschließend unangenehm.

Die Industrie geht verschiedene Wege um zu verhindern, dass die Kleidung ebenfalls zu riechen beginnt. Meist werden dem Stoff Chemikalien oder Silber beigefügt, die geruchshemmend wirken. Allerdings lässt die Wirkung schnell nach. Merinowolle besitzt von Natur aus die Eigenschaft, dem üblen Geruch entgegenzuwirken. Noch kennt die Wissenschaft keine abschließende Erklärung für diese Eigenheit der Naturfaser. Manche nennen das

Als reines Naturprodukt ist die Wolle zu 100 Prozent biologisch abbaubar und landet nicht als Mikroplastik im Meer

Keratin (Horn), aus dem die Faser besteht, als Grund, da es die geruchsbildenden Bakterien abbaut. So soll die eigene Chemie der Faser Geruch verhindern. Andere Studien kamen zu dem Schluss, dass der Geruch innerhalb der Faser entsteht, dort gebunden wird und daher nicht von der menschlichen Nase wahrgenommen werden kann. Während der Wäsche soll er dann wieder ausgewaschen werden. Fakt ist jedoch, dass Bekleidung aus Merinowolle wesentlich länger frisch bleibt als ihre Pendants aus Kunstfaser.

Vorurteile gegenüber Wolle

Wer Wolle hört, denkt in erster Linie an selbstgestrickte Pullover, die im Nacken und an den Armen kratzen. Der Gedanke, ein Hemd aus Wolle als Baselayer, also direkt auf der Haut, zu tragen, weckt daher eher unangenehme Erinnerungen und Vorurteile. Bei Merinowolle sind sie aber unbegründet. Die Wolle ist so dünn, dass sie auf der Haut nicht kratzt.

Wollqualität wird in Mikron gemessen. Ein Mikron entspricht einem Millionstel Meter. Die Stärke beziehungsweise Wollqualität von Merinowolle liegt in der Regel zwischen 17 und 25 Mikron. Zum Vergleich: Das Haar eines Menschen misst circa drei- bis viermal so viel.

Das Zwiebelprinzip

Das Zwiebelprinzip beschreibt das Tragen von mehreren dünnen Bekleidungsschichten übereinander, die den Träger wärmen, aber auch den Feuchtigkeitstransport regeln sollen. Daher ist es wichtig, keine Barriere aus Baumwolle zu tragen. Baumwolle saugt sich schnell voll und wirkt wie eine Sperre. In der Folge kühlt der Körper schneller aus. Das Zwiebelprinzip besteht aus drei Schichten. Es können allerdings beliebig viele Schichten getragen werden.

• Baselayer Die erste Schicht soll vorrangig den Schweiß schnellstmöglich vom Körper wegtransportieren, damit dieser nicht auskühlt. Baumwolle ist als erste Schicht nicht geeignet und saugt sich voll. Besser sind dünne Schichten aus Kunstfaser, die schnell trocknen und die Feuchtigkeit so schnell an die nächste Schicht geben. Merinowolle ist ebenfalls als Baselayer geeignet und hat den Vorteil, dass sie geruchshemmend und biologisch abbaubar ist. Die erste Schicht sollte eng am Körper getragen werden, damit die Fasern wie ein Docht wirken können. Daher wird der Baselayer auch als ‚Nextto-Skin‘-Schicht beschrieben.

• Midlayer Die mittleren Schichten sollen den Körper vor dem Auskühlen bewahren. Also gut isolierende und dickere Lagen als der Baselayer. Auch hier gilt wieder, dass auf Pullover aus Baumwolle verzichtet werden sollte.

• Third Layer Die letzte Schicht, das Ölzeug, schützt vor dem Wetter. Das Material ist wasser- und winddicht sowie atmungsaktiv. Zudem widersteht das Außenmaterial mechanischen Belastungen. Die besonderen Eigenschaften des Stoffes werden durch eine Membran erreicht. Dieser mikroporöse Stoff lässt Wasserdampf hindurch diffundieren, versperrt Wassertropfen allerdings den Weg. Das Ölzeug hat nicht die Funktion, den Träger zu wärmen, sondern soll nur vor den Elementen schützen. Daher ist es möglich, das Ölzeug dünner und leichter zu fertigen. Schwere Stoffe sind widerstandsfähiger, isolieren aber nicht zwangsweise besser.

Auch das Vorurteil, Wolle sei besonders pflegebedürftig, gilt nur bedingt für Merino. In der Regel lassen sich die Textilien problemlos bei 40 Grad in der Maschine waschen. Nur den Trockner verträgt die Faser nicht gut.

Herkunft

Das Merinoschaf stammt ursprünglich wahrscheinlich aus Nordafrika und gelangte über Spanien nach Europa und durch europäische Siedler nach Amerika, Australien und Neuseeland. Da der Export von Fleisch aus Australien durch fehlende Kühlmöglichkeiten nicht möglich war, setzten die Züchter auf die feine Wolle der Schafe. Beinahe die gesamte Merinowolle stammt heutzutage aus Übersee. In den anspruchsvollen klimatischen Bedingungen der Südhalbkugel entstehen sehr feine Qualitäten.

Als Faser für Bekleidung im Outdoorsport hatte es die Merinowolle allerdings schwer. Gegen die neuartigen Kunstfasern wirkte Schafwolle wie ein Relikt aus dem Mittelalter. Ausgerechnet ein Segler war es, der die Vorteile der Merinowolle in den 1990ern in Neuseeland publik machte. Sir Peter Blake, Sieger des America’s Cups und des Whitbread Round the World (heute: The Ocean Race), war einer der ersten Sportler, der die Vorteile von Merinowäsche erkannte. Er verhalf der Faser in Neuseeland zum Durchbruch.

Seit einigen Jahren wandelt sich Merino von einem Geheimtipp zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für Kunstfaser im Outdoorsport. War die Anzahl an Bekleidungsherstellern mit Merino vor einigen Jahren noch recht überschaubar, schießen heute immer mehr Firmen aus dem Boden, die sich auf Merino spezialisieren. Mittlerweile bieten nahezu alle Outdoorfirmen eine Kollektion mit Wollanteil an. Und auch im Segelsport wird die Naturfaser immer präsenter. Zuletzt sorgte der Einstieg der Woolmark-Company in den America’s Cup für Aufsehen. Das Luna Rossa Prada Pirelli Team entschied sich, einen Großteil der Teamkleidung aus der Naturfaser herzustellen. Die Teamjacke bestand zu 54 Prozent aus Merinowolle, die verbunden mit einer Membran die Jacke wasserdicht machte. Auch in der restlichen Kleidung setzte das Team viel auf die Wollfaser.

Anspruchsvolle Anforderungen an Bord

Abseits der Regattabahn auf Fahrtenbooten sind die Anforderungen an die Bekleidung ebenfalls anspruchsvoll. Ein Großteil der Zeit sitzt der Segler im Cockpit und ist den Elementen ausgeliefert, ohne sich viel zu bewegen. In der Wende, Halse oder beim Segelsetzen und -bergen dreht der Körper hingegen für ein paar Minuten auf. Während der Ruhephasen müssen die einzel- nen Schichten gut isolieren, damit es unter dem Ölzeug warm bleibt. In der aktiven Phase produziert der Körper Schweiß, der von der Haut wegtransportiert werden muss. Da Merino bis zu 30 Prozent seines Gewichtes an Wasser aufnehmen kann, ohne sich nass anzufühlen, eignet es sich sehr gut, um als erste Schicht direkt auf der Haut getragen zu werden. Zudem wärmt sie selbst im feuchten Zustand noch.

Die Vorteile von Merinowolle auf einen Blick

• Geruchsneutral Im Gegensatz zu Textilien aus Kunstfaser riecht Merino nach dem Tragen kaum. Auf längeren Törns kann das gleiche Kleidungsstück mehrmals genutzt werden, ohne unangenehm zu müffeln. Merino muss daher auch weniger häufig gewaschen werden.

• Temperaturregulierung Die Merinofaser ist stark gekräuselt und schließt reichlich Luft ein, die als Isolierschicht wirkt. Bei kühlen Außentemperaturen hält sie warm und kühlt bei warmen Temperaturen. Merino kann bis zu 30 Prozent seines Gewichtes an Wasser aufnehmen und fühlt sich dennoch nicht nass an.

• Kratzt nicht Merinowolle ist sehr fein und kratzt nicht. Daher kann die Wolle direkt auf dem Körper getragen werden, ohne zu jucken oder zu kratzen.

• Pflegeleicht Die natürliche Schutzschicht aus Lanolin (Wollfett) schützt die Außenseite der Faser vor Verschmutzungen und wirkt wasserabweisend. Noch dazu knittert sie nicht und kann in der Waschmaschine gewaschen werden.

• UV-Schutz Merinowolle verfügt über einen natürlichen UV-Schutz.

• Nachhaltig Als natürlicher Rohstoff wächst Merinowolle nach und belastet die Umwelt nicht, da sie biologisch abbaubar ist und kein Mikroplastik entsteht.

Die Stärke des Materials wird in Gramm pro Quadratmeter angegeben. Je schwerer, desto besser isoliert das Bekleidungsstück. Für Segler eignen sich aufgrund des Anforderungsprofils stärkere Gewebe ab 200 Gramm pro Quadratmeter aufwärts. Mittlerweile werden auch Midlayer aus Merino angeboten, die über dem Baselayer getragen werden und die den Fleece- Pullover ersetzen sollten, um Mikroplastik einzudämmen.

Text: Kai Köckeritz