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Metanoia: Die Kraft von Metanoia


Hohe Luft kompakt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 13.02.2020

Warum wir in der Wirtschaft eine radikale Veränderung des Denkens brauchen.


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Bildquelle: Hohe Luft kompakt, Ausgabe 1/2020

ALS SIEMENS-CHEF Joe Kaeser der »Fridays for Future«-Aktivistin Luisa Neubauer einen Aufsichtsratsposten anbot, sahen die einen darin einen klugen Schachzug, die anderen ein zynisches PR-Manöver. Was auch immer hinter Kaesers Vorstoß zu Jahresbeginn steckte: Das Beispiel zeigt, wie dramatisch sich die Wirtschaftswelt derzeit verändert. Kein Unternehmen kann es sich heute mehr leisten, die Klimafrage zu ignorieren. Zugleich revolutioniert die Digitalisierung nicht nur Prozessketten, Geschäftsmodelle und ganze Industrien, sondern auch unser Verständnis von Wirtschaft überhaupt.

Alles ist im Umbruch: unsere Vorstellung von Arbeit, von Führung und Organisation, von Kooperation und Kommunikation. Vorbei sind die Zeiten, in denen Vorstände selbstherrlich Entscheidungen treffen konnten. Unternehmen haben es heute nicht nur mit hochdynamischen Veränderungen, mit zunehmender Komplexität und Ungewissheit zu tun. Sie stehen auch in einem gesellschaftlich-politischen Spannungsfeld, in dem sie sich für ihr Tun öffentlich rechtfertigen müssen. Ein unbedachter Tweet kann die Karriere eines Managers beenden, ein Shitstorm in den sozialen Medien die stärkste Marke ruinieren.

Das Gemeinsame all dieser Veränderungen ist, dass sie ungeheuren Druck erzeugen. Wer zu lange am Etablierten und Bewährten festhält, der kann schnell untergehen, siehe die Krise der Automobilindustrie. In dieser Situation wird radikales Umdenken zur Überlebensfrage. Doch noch fehlen uns die Begriffe, um die Wucht der Veränderungen adäquat zu beschreiben. Wir sprechen zu Recht von »Transformation «, von »Disruption« oder gar »Revolution«. Doch all diese Begriffe verfehlen die innere, geistige Dimension der Veränderung. Es geht nicht nur um innovative Technologien und Geschäftsmodelle, sondern um etwas viel Fundamentaleres - um eine Metanoia.

Im Altgriechischen bedeutet Metanoia (meta für nach, jenseits; noein für denken) eine grundlegende Veränderung und Neuorientierung des Denkens. Die Griechen personifizierten Metanoia als verhüllte, geheimnisvolle Göttin, die im Bunde war mit »kairos«, dem Gott der günstigen Gelegenheit. Im frühen Christentum meinte Metanoia auch Buße und Umkehr; bis heute schwingt darin die Reue über frühere Fehler und Versäumnisse mit. Das Entscheidende ist ihre verwandelnde Kraft. In einer Metanoia verändern wir unser Denken und Handeln, unsere Lebensweise, unsere Sicht auf die Welt.

SOLCHE FUNDAMENTALEN Transformationen ereignen sich nicht oft im Leben. Meist gehen sie einher mit einscheidenden existenziellen Erfahrungen. Das kann eine gesundheitliche Krise ebenso sein wie eine schmerzhafte Trennung, ein Jobwechsel oder der Umzug in ein anderes Land. Eine Metanoia geschieht, wenn wir danach andere sind als davor, schreiben Anke Hennig und Armen Avanessian in ihrem Buch »Metanoia« (Merve, 2014). Es geht dabei nicht einfach nur um Veränderung. Jede echte Metanoia ist ein reflexiver Prozess, der schließlich zur Einsicht führt, dass es nicht so weitergehen kann oder darf wie bisher. Darin liegt nicht nur die Idee von Selbstkorrektur und Selbsttherapie, sondern auch von Selbstermächtigung. Wir müssen nicht nur immer wieder andere werden, sondern wir können es auch.

Die Kraft von Metanoia kann deshalb auch die Wirtschaft aus ihren eingefahrenen Denkmustern und Eigenlogiken befreien. Solche grundlegenden Transformationen gab es immer wieder, von der tayloristischen Idee, Unternehmen wie Maschinen zu steuern, bis zur modernen Vorstellung von Partizipation und Teamarbeit. Jede dieser Transformationen ging einher mit der Einsicht in die Unhaltbarkeit des Bisherigen. Metanoia kann mit Krisenerfahrungen ebenso beginnen wie mit technologischen Innovationen oder neuen Wettbewerbern. Das spektakulär Neue heute ist die Notwendigkeit zur Veränderung, nicht nur wegen des Klimawandels, der uns alle bedroht. In einer komplexen, kontingenten Welt kann nur der überleben, der die Bereitschaft zur Umkehr und Neuorientierung selbst auf Dauer stellt.

WAS FÜHRUNG HEUTE braucht, das ist eine Art Hypersensitivität für das Notwendige, die Chancen und Warnsignale erkennt - und jederzeit offen für die Einsicht bleibt, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Reflexiv gewendet heißt das: Die Führung selbst muss eine andere werden, bis hin zur Notwendigkeit, die eigene »Notwendigkeit« infrage zu stellen. Die Zeiten »heroischer« Führung sind vorbei. Heute können Manager weder wissen, was ihre Kunden morgen wollen, noch ob ihre langfristigen Strategien aufgehen. »Postheroische Führung«, wie es der Organisationssoziologe Dirk Baecker nennt, muss mit Komplexität und Kontingenz rechnen, also damit, dass ständig alles anders sein kann. Manager können nicht wissen, was das »Richtige« ist. Aber sie können die Bedingung der Möglichkeit dafür schaffen, dass Mitarbeiter das »Richtige« tun, indem sie ihnen etwa die nötigen Ressourcen und Kompetenzen geben. Metanoia, das ist das Ergreifen von Möglichkeiten, wie Wirtschaft anders funktionieren kann. Die Notwendigkeit liegt darin, diese Möglichkeiten überhaupt offen zu halten.

Ein »metanoetisches« Unternehmen ist ein anderes, als es einmal war. Man erkennt es gleichsam daran, dass man es nicht wiedererkennt. Die Kultur ist eine andere, die Atmosphäre, das Selbstverständnis von Mitarbeitern und Führungskräften, die Kommunikation nach innen und außen. Ein metanoetisches Unternehmen ist womöglich gar eins, in dem eine junge Frau wie Luisa Neubauer statt eines älteren Mannes wie Joe Kaeser im Chefsessel sitzt.

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